- Ohnmacht gegenüber dem Endgültigen
Der Freitod der Kessler-Zwillinge hat das Thema assistierter Suizid wieder in den Fokus medialer Aufmerksamkeit gerückt und heftige Debatten ausgelöst. Doch es gibt Fragen, die auf so existentielle Weise individuell sind, dass sie sich jedem moralischen Urteil entziehen.
Der Tod ist die ultimative Zumutung. Dass eines Tages das Leben zu Ende ist, dass man nie wieder die Sonne auf der Haut spüren wird, nie wieder das Rauschen des Waldes hören, nie wieder den Geruch von Morgenkaffee riechen, dass man nicht weiter teilhaben kann am Leben seiner Kinder, dass man geliebte Menschen nie wieder erleben wird, dass auch die persönlichen Erinnerungen an die vielen schönen Tage und Stunden des Lebens ausgelöscht sind, weg, für immer verloren – dieser Gedanke ist unerträglich. Die denkbar größte Beleidigung unserer Existenz.
-
Monatsabo (im 1. Monat) 2,00 €
Das Abo kann jederzeit mit einer Frist von 7 Tagen zum Ende des Bezugzeitraums gekündigt werden.
Der erste Monat kostet 2,00 €, danach 9,80 €/Monat.
Ohne Abo Lesen
Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.
Wenn ich mich in einer unendlich langen Generationenkette vor mir und einer (hoffentlich) genauso langen nach mir sehe, ist von "Endgültigkeit" wenig zu spüren. Die Selbstüberhöhung ist das Problem. Davon war bei den Verstorbenen wenig zu spüren, und so bleiben sie in guter Erinnerung. Dieses "in guter Erinnerung bleiben" ist ein erstrebenswertes Ziel, unabhängig davon, ob man in eigenen Kindern weiterlebt.
"Gute Erinnerungen", ein schöner Gedanke, lieber Herr Weiß. Da ich meinen Sarkasmus hier mal wieder nicht ganz unterdrücken kann, frage ich mich aber angesichts des aktuellen Zeitgeschehens, ob da nach dem Ableben der meisten der aktuell Agierenden später nicht eher Erleichterung bei den Menschen bleiben wird, statt guter Erinnerungen......
@Sabine Lehmann, wie stets von Ihnen sind das "gute Gedanken". Für mich ist ein großes Rätsel, warum es viele Menschen mit ihrem Gebaren partout darauf anlegen, nicht in guter Erinnerung zu bleiben.
Gestern wurde ich gefagt, ob ich an eine Seele glaube. Ich Gegenzug sagte ich, dass dann auch mein kluger, liebenswerter Hund, dem ich noch immer hinterher trauere, eine besäße.
Glücklicherweise kann man auf Gott vertrauen, ohne damit zwangsläufig auf die buchstäbliche Auferstehung des Fleisches setzen oder von der herausragenden Ausnahmeerscheinung des eigenen Selbst überzeugt sein zu müssen. Es gibt Erinnerung, an die, die wir lieben. Im Laufe unseres Lebens werden immer davon zu Gespenstern, bis schließlich auch wir begreifen, dass wir bloß Gespenster auf Abruf sind.
Nur, wenn man vorher hat leben dürfen, muss man das nicht unbedingt schllimm finden.
Dass die Seele Ihres Vierbeiners in Ihrer Erinnerung und Trauer weiterlebt, ist an sich schon genug der Worte über die Existenzfrage einer Seele........lieber Herr Ernst:-)
Freilich kann man herrlich darüber philosophieren......So lange bis man selbst direkt neben ihm steht.
Da stehst du dann als Angehöriger hautnah dabei und möchtest mit aller Macht, mit jedem Instinkt, mit jeder Faser deines Körpers, mit jedem Gefühl deines irdischen Daseins diesen geliebten Menschen "behalten" und ihn nicht loslassen. In diesen Momenten hast du keinen Zugriff mehr zu all den eloquenten Gedankengängen zum Thema Tod. Dieser "Tod", er bleibt so lange abstrakt bis er dir in Deinem eigenen Spiegelbild entgegenblickt oder du ihn in den Augen eines schwer kranken Menschen erkennst. Dann wird es kalt, sehr kalt. Dein Herz gefriert zu Eis, der Atem geht schwer und die Demut vor all dieser erschlagenden Vergänglichkeit lässt dich schrumpfen, schrumpfen in diesem Kosmos zu einem Staubkorn im Universum........
Für mich gilt, auch und gerade, im Angesicht des todsicheren Ablebens auf meiner rationalen Ebene zu bleiben. ""...diesen geliebten Menschen "behalten" ..." in Deinem eigenen Spiegelbild entgegenblickt...."" Ich kann ihre, auch gefühlsmässige, Argumentation nachvollziehen. Dennoch folge ich der Argumentation in meinem Beitrag. Wir leben im hier und jetzt und mit dem Wissen unserer Endlichkeit; die ja nicht nur unsere Eigene ist sondern auch die unseres Planeten. Was gibt es also fruchtbareres zu tun, als dem Tod etwas positives abzugewinnen? Ich nehme ihn als das finale Erlebnis des Lebens, an. Die, die ich liebe, binde ich in dieses Selbstverständnis ein. Ein aktives Auseinandersetzen mit dem Tod, in der Lebensphase, erspart viel Trauerarbeit. Gewiss: jeder Mensch hat seinen Umgang mit diesem Thema.
Ein anderes Thema ist der gewaltsame Tod. Hier haben sie uneingeschränkt recht, Frau Lehmann. An diesem Punkt ist jegliches philosophieren am Ende.
Hier liegt wohl ein Missverständnis vor, werter Herr Mrochen. Ganz ausnahmsweise und völlig gegen meine sonstige Natur, ging es mir angesichts meiner Einlassungen weder um "Argumentation" noch um das "Recht haben". Das war schlichtweg ein ganz kurzer Exkurs in meine innere(auch durchaus ganz aktuelle) Gefühlswelt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das Erleben ist für jedes Menschenkind im Angesicht des Todes anders, mithin nichts was man zur Diskussion stellt, stellen kann. Nichts für ungut.
Genauso ist es wie Sie sagen. Der Tod ist so lange fern und theoretisch bis er uns ganz konkret und persönlich Aug in Auge selber trifft. Wenn er vor uns steht, weil er uns selber betrifft oder einen nahen Angehörigen, dann erst begreifen wir, dass es eine Endlichkeit gibt. Und die Ironie ist, es trifft ausnahmslos einen jeden von uns. Alle, auch alle Politiker und Parteibonzen. Keiner kann sich davor drücken. Auch Herr Merz wird ihn kennenlernen, den Tod. Oder ein Herr Selensky. Und oft ist es so, je größer und gottähnlicher sich der Einzelne auf Erden gefühlt hat, desto jämmerlicher wird er von uns gehen. Ein Haufen Protoplasma mit viel oder weniger Wasser. Und dies ist es, was mich freut: Vor dem Tod werden wir alle gleich gemacht. Das göttliche Prinzip. Vor Gott sind alle Menschen gleich, vor Gott und vor dem Tode. Was einer auch gewesen ist, es ist im Angesicht des Todes bedeutungslos. Auch ein Kanzler oder ein Bundespräsident werden sterben. Der eine früher, der andere später.
"Also beginnen wir, den Tod aus unserem Alltag zu verbannen." Genau in diesem Verhalten liegt für mich der existentielle Fehler. Warum nicht ab dem ersten Moment der eigenen Bewusstwerdung den Tod als finales Erlebnis des Lebens anzunehmen und sich in diesem Sinne darauf vorzubereiten? Vielleicht ist die Erkenntnis in diese Finalität ja sogar Erleichterung für die auferlegte Mühsal im wirklichen Leben.
Zugegeben, nicht jeder Mensch trägt ein schweres Päckchen. Im Gegenteil, die Lasten sind übelst, ungleich verteilt und das noch im vollen Bewusstsein der sich selbst Entlastenden. Die gegenwärtige Selbstorganisation der Menschheit ist die Bürde des Daseins nicht die Eigenorganisation des Individuums. Es ist gewiss ein schwerer Akt das notwendige Mass an Transzendenz zu erreichen, die eigene Individualität zu erkennen um Handlungsebenen zu ermöglichen, die über das Mass allgemein anerkannter, gesellschaftlicher Normen die Möglichkeit bieten eben jenen Normen zu entfliehen >>ist Freiheit.
... überleben auch das Gehirn, in dem sie entstanden sind.
Feuerbach und Engels sind schon lange tot, aber der von ihnen geformte Materialismus ist mehr als lebendig, wie Sie ja in Ihrem Artikel selbst sagen.
Die Helden des Diamat wurden - wie einst die Pharaonen - in großen Mausoleen bestattet, Wahlfahrtsorte für einen dezidiert materialistischen Totenkult mit Ewigkeitsanspruch.
Ob der heute dominierende Hedonimus mit
seiner abstrakten Heroisierung des autarken Egos immer die Deutungshoheit behalten wird?
Mir kommt es so vor, als ob gesellschaftliche Gruppen, die sich der Religion nicht verschließen und sich nicht auf einen nackten Materialismus reduzieren lassen wollen, offenbar etwas resilienter durchs Leben gehen können.
Wer weiß, was wir nicht wissen können?
Nix für ungut.
assistiert. ….
Ist nichts anderes wie das Friedhofs und Bestattungswesen Reich zu machen, oder als alter Mensch als Versuchskarnickel herzuhalten.
Mein Wunsch wäre, dass mir mein Arzt des Vertrauens mir schlicht und einfach das Medikament auf Verlangen verschreibt und aus die Maus ….. im wahrsten Sinn des Wortes…..
Warum soll ich mich erklären? Mich vor anderen Menschen seelisch nackig machen vor allem vor denen denen ich nichts bedeute, und die mir nichts bedeuten ? Ich sehe im „Beraten“ keinen Sinn außer wieder Geldverschläuderung ! Wenn ich es satt habe, und nicht mehr leben will, was bitte soll da ein Seelenklemprner ausrichten ? So lange mein Leben ausgefüllt und noch einen Sinn ergibt, ist doch alles bestens …..und wenn nicht mehr dann ist es so.
Das i.ü. die Diskussion um den Freitod wieder aufflammt, ist doch nur der Prominenz des Zwillingspaars geschuldet.
Mit freundlichen Gruß aus der Erfurter Republik
Nicht der Freitod im hohen Alter ist das Problem. Es sind die Lebenden, die Hinterbliebenen, die den Tod des geliebten Menschen nicht ertragen. Hinzu kommen all diejenigen, die den Tod noch nicht begreifen können, weil zu jung oder nicht lebensreifer werden. Als ich ein junger Hirsch war, fand ich die Vorstellung vom Tod schrecklich und verdrängte diesen. Eine diffuse Vorstellung gab es, wie man glücklich, zufrieden und gesund (!) im hohen Alter stirbt. Meine Mutter ersehnte den Tod, nicht weil sie krank war, sondern weil sie ihr Leben gelebt hatte und nun Luft zu knapp, kaum Hunger- oder Durstgefühl und einsetzende Demenz. Sie wusste, es ist die Zeit gekommen. Allerdings hoffte sie auf den Tod im Schlaf. Nach einem Schlaganfall vegetierte sie noch drei Monate im Pflegeheim, hatte aber weit vorher bereits alles veranlasst, keine Zwangsnahrung. So schlummerte sie mit Morphium dahin, wo alle hergekommen sind. Die Kesslers haben ihr langes Leben gelebt. Ruhet in Frieden!
Warum nicht ?
Ich habe die goldene Hochzeit in wenigen Jahren vor mir. Ich kann mir ein Leben allein schlecht vorstellen. Wenn es nicht geht, der Verlust eines geliebten Menschen einen so tief trifft, warum soll man nicht freiwillig aus dem Leben gehen können ? Aus religiösen Gründen ? Wenn dem so ist, auch gut, aber zu Verallgemeinerung passt es mir zumindest nicht ! Dazu ist mir der liebe Gott zu ungerecht und deren irdische Vertreter zu links grün angehaucht …… zumindest im Buntland Germany
Mit freundlichen Gruß a d Erfurter Republik
Die Lebenden und Liebenden müssen einen irgendwann los lassen.
...und es ist nicht das Ende.
Herr Grau schreibt vom Gevatter Tod, Mozart musiziert von der Königin der Nacht, der Mutter, die weiss...
Ich hatte einmal aus gegebenem Anlass "gedichtet"
Wollte nur das Grüne nippen,
samtenniedes Gras.
Leuchten taumelliebes Lächeln
auf mein Grab.
Wenn ich deine Halme
niederschreibe meine Haut,
Lebe ich und atme ich
auch deine Seligkeit.
Unschwer zu erkennen, dass ich es mit Geselligkeit<->Seligkeit habe:)
Allen einen furchtlosen Totensonntag
Anders ist der selbstinszenierte Tod der beiden ältlichen Showgirls nicht zu verstehen: Wir sind Zwillinge, wir waren es alle Zeit auf den Bühnen dieser Welt, wir sind es auch im Tode geblieben. Dennoch wirken die beiden wie zwei Gestalten aus einer fernen, fremden Welt, in eine Welt des Thomas Gottschalk, des Otto Waalkes u.a. Eine Welt, die längst untergegangen ist. Einer Welt von gestern. Freilich, der Tod ist niemals etwas Schönes, aber wenn man ihn gestalten kann, ihn inszeniert, dann ist er doch für etwas gut, und wenn es nur dem Konto des Bestattungsunternehmens zugute kommt. Und natürlich den Medien, die haben auch noch was davon. Pervers, wie sie nun einmal sind. The Dead is a perfekt deal.
Vom Arzt Robert Mayer kennen wir den „Energieerhaltungssatz“, den er 1842 formulierte. Er besagt, dass Energie weder erzeugt noch vernichtet werden kann, sondern sich lediglich in andere Formen umwandeln kann, in Materie, Licht, Strahlung, Wärme usw.
Wenn dieses Naturgesetz überall seine Gültigkeit haben soll, gibt es für alles in unserem Universum keinen Anfang und kein Ende. Als „ewig“ könnte damit Existenz verstanden werden, die somit unsere menschliche nicht ausschließt. Auch von uns ginge dann nichts verloren. Doch wie sähe eine Umwandlung für uns Menschen wohl aus, auch für unseren Geist und unsere Persönlichkeit? Wir wissen es nicht.
Und so leg ich bescheiden meinen „Hobel“ hin und sag der Welt ade, nicht ohne ein wenig Hoffnung auf ein Leben in einer uns noch unbekannten Form. Der römische Schriftsteller und Philosoph Seneca drückt sich einmal so aus: „Wenn du klug bist, so mische eines mit dem anderen: hoffe nicht ohne Zweifel und zweifle nicht ohne Hoffnung“.
Wer bin ich, dass ich diesen Weg aus dem Leben zu scheiden beurteile? Die beiden Frau haben selbstbestimmt entschieden gemeinsam zu gehen, eine soll ja angeblich gesundheitlich stark angeschlagen gewesen sein, aber egal. Sie haben für sich entschieden zu gehen, niemandem zur Last zu fallen und einem möglichweise unwürdigen medizinisch künstlich verlängerten Leben ein Ende zu setzen. Ich respektiere das zu tiefst. Mögen sie in der feinstofflichen Welt ihre Antworten finden, wenn sie nicht erneut inkarnieren, um sich weiterzuentwickeln.
@ Karl-Heinz Weiß und Sabine Lehmann- stimme Ihren Kommentaren vollends zu.
