Berliner Kunstherbst - Malerei als Markenkern

Bereits vor Corona befand sich die Berliner Kunstszene in einer ernsthaften Krise. Viele hatten die Berlin Art Week daher schon vor der Eröffnung abgeschrieben. Doch es kam anders. Berlin hat seinen schönsten Markenkern wiederentdeckt.

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Die Berliner Kunstszene ist mit all ihren Logos und Zeichen zurück / dpa

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Die Berlinerin ist Kuratorin und Kunstkritikerin. Aktuell kuratiert sie die Ausstellung „Tenderness/Zärtlichkeit“ im Rahmen der Ausstellungsreihe Rohkunstbau.

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Aus dem Lockdown erwacht feierte Berlin unter Corona-Auflagen in den letzten Tagen das Sehen und Gesehnwerden. Die Berlin Art Week, aber auch die Berlin Biennale und andere Kunst-Events – etwa der Tag des offenen Denkmals – trieben die Berliner und ihre Gäste zu Tausenden in die Warteschlangen und die Ausstellungsräume hinein.


Selbstverständlich war das nicht. Die Stadt und ihre Kunstszene haben in den zurückliegenden Monaten zahlreiche niederschmetternde Ereignisse überstehen müssen - die Schließung von Galerien, Clubs und Bars, der Abwanderung von Kunstsammlern wie Friedrich Christian Flick, Thomas Olbricht und Julia Stoschek. Und dennoch: Am vergangenen Wochenende war die Stimmung auf einmal so optimistisch wie lange nicht mehr.

Der Markt kommt in Schwung

Erklären lässt sich das nicht. Das Geschäft kommt schließlich erst langsam wieder in Schwung. Und dennoch war auf der diesjährigen Art Week von Zerknirschung und Pandemie-Verlassenheit nichts zu spüren. So zelebrierten besonders die großen Galerien den spektakulären Auftritt: Esther Schipper etwa mit den riesigen, poppigen Bronze-Skulpturen von Ugo Rondinone, Max Hetzler gleich an drei Standorten mit der brillanten, britischen Künstlerin Bridget Riley, Konrad Fischer mit Thomas Schütte und Sprüth Magers mit den neuesten Arbeiten des Fotokünstlers Andreas Gursky.
 
Es wurde also nicht gespart - einige Galerien eröffneten sogar unbeirrt neue repräsentative Räume, darunter etwa die Galerie Société, seit Juni in Berlin Charlottenburg. Mit dem neuen Standort, erklärt der Inhaber Daniel von Wichelhaus, erweitere man auch das Programm der Galerie durch Zusammenschauen junger Künstlerinnen wie Tina Breagger und Bunny Rogers sowie mit der verschollenen amerikanischen Künstlerin und Kultfigur Holt Quentel oder Elaine Sturtevant.

China an der Spree

Auch die Galerie HUA International gab ein eindeutiges Statement für die Stadt ab. Unter dem neuen Namen– vormals XC·HuA – startete die Galerie mit zwei großen Neuigkeiten: die Wiedereröffnung der Beijinger Galerie im Herzen des Pekinger Kunstbezirks District 798 und einer Einzelausstellung in den Berliner Räumen in zwei Kapiteln mit dem chinesischen shooting star Tong Kunniao. Die Ausstellung Just Stay in the Cold" war die erste Ausstellung des in Peking lebenden und überaus erfolgreichen Künstlers überhaupt in Berlin. 
 
Und sogar verkauft wurde wieder. Wie man im großen Gemurmel der Sammler vernehmen konnte, sind die Arbeiten von Jan-Ole Schiemann in der Galerie Wentrup bereits ausverkauft, und auch Nicola Samori’s virtuose Bardiglio-Marmor Arbeiten in der Galerie Eigen + Art fanden angeblich schnell ihre Käufer.

Die Grenzen öffnen sich wieder 

Die Messe Positions fuhr mit viel Platz in den Hangarhallen 3 und 4, dem ehemaligen Gelände des Flughafens Tempelhof auf. Wegen der Ausfälle und Verschiebungen im internationalen Messe-Kreislauf waren nun gleich vier Messen in der einen Messe vereint. Neben der „Positions Berlin Art Fair" war auch die „paper positions“ zu sehen. Special Guest war in diesem Jahr die Messe „photo basel“ mit überraschenden 21 Galerien aus Paris über Taipei bis Ljubljana. 

Wie aber war das angesichts der weltweit anhaltenden Pandemiespielregeln mit abgesagten Flügen und geschlossenen Flughäfen möglich? Der Direktor Heinrich Carstens war dafür selber im Einsatz indem er, wie er erzählte, einen Transporter mit der Kunst von Paris nach Berlin gefahren hat. 

Schnittstellen zwischen Mode und Kunst

Ein besonderes Highlight war die „Fashion Position“ mit zwanzig in Berlin ansässigen Designern. Unterstützt wurde das neue Format von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, das den von einer Jury ausgewählten Designern eine Plattform bot, an der Schnittstelle zwischen Kunst und Mode die ästhetische Handschrift ihrer Labels im Austausch mit Kunst zu inszenieren. Kuratorische Aufgabenstellung der Label für die Messe war es, ihre Inspirationsquellen aus der bildenden Kunst neben ihren neuesten Modellen zu zeigen. Das Modelabel CRUBA beispielsweise arbeitete mit dem New Yorker Maler Mark Milroy zusammen, dessen Bildmotive als Prints für Kleider und T-Shirts genutzt wurden. 

Und das Austesten der verschiedensten Kunst- und Marktlaunen in der Corona-Krise geht in Berlin noch um Wochen weiter: So hat sich die Boros Foundation mit dem sagenumwobenen Technotempel Berghain zusammengetan. Die riesigen Hallen des Clubs in Friedrichshain sind auch nach der Art Week als temporäres Museum zu besichtigen. Mit finanzieller Unterstützung des Senats haben das Kunstsammler-Ehepaar Karen und Christian Boros in Zusammenarbeit mit dem Berghain über 150 Künstlerinnen und Künstler wie Wolfgang Tillmans, Bettina Pousttchi, Marc Brandenburg, Isa Genzken, Armin Boehm oder Mariechen Danz eingeladen, Kunstwerke ihrer jüngsten Studioproduktionen in den riesigen Hallen zu zeigen. 

Frühling im Herbst 

Die Berliner Szene scheint also allmählich wieder zu erwachen. Das zeigt nicht zuletzt auch die Berlin Biennale 11 (noch bis 1. November).  Neben den KW Institute for Contemporary Art gibt es hier mit der daad galerie, dem Gropius Bau und ExRotaprint noch drei weitere Plattformen der mittlerweile recht traditionsreichen Schau. Es besteht also Hoffnung. Ausgerechnet die Kunstszene der Hauptstadt, die bereits vor Corona in eine ernsthafte  Krise geschlittert war, ist mit großem Elan wieder zurück.
 

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