Trumps Architekturverständnis - American Beauty

Kurz vor Schluss hat US-Präsident Donald Trump noch einmal eine „Executive Order“ für den eigenen Nachruhm erlassen: Die künftige Staatsarchitektur in den USA habe demnach vor allem eines zu sein: schön. Was das genau bedeutet, erklärt Architekturkritiker Nikolaus Bernau.

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Oberster Gerichtshof in Washington / dpa

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Nikolaus Bernau ist ein deutscher Kunstwissenschaftler, Architekturkritiker, Journalist und Sachbuchautor.

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Nikolaus Bernau

In Amerika ist man, je nach politischer Einstellung, angesichts der realen Herausforderungen durch Covid-19, China, Russland, die Wirtschaftskrise und den um sich greifenden Hunger bei den Ärmsten entweder genervt oder entsetzt darüber, dass Donald Trump seit Wochen das reale Regieren weitgehend eingestellt zu haben scheint. Tatsächlich kümmert er sich vornehmlich darum, die üble Dolchstoßlegende von angeblich durch die Demokraten gestohlenen Wahlen zu verbreiten. Aber halt! Er regiert auch. Am Montag etwa erließ er die Executive Order, dass künftig die Staatsarchitektur der USA, besser, diejenige der Bundesregierung, nur noch „beautiful“ sein solle, also „schön“. 

Was aber ist nun schön? Gerade der Bau-Investor Trump hat Projekte errichten lassen oder solche mit seinem Namen geschmückt, die selbst ihm geneigten Augen oft geradezu peinlich sind. Der Trump-Tower in New York City ist ein Musterbeispiel der Reagan-Ära mit überreichem Bronzeglas, Edelstahlglitzer und wucherndem Bürogrün. Der pompöse Umbau des nobel-neuromanischen einstigen Zentralpostamts der USA in Washington DC gilt als höchstpolierter Denkmalpflege-Skandal. Als Trump im Weißen Haus sofort nach Einzug goldene Vorhänge anbringen ließ, schien das alle Vorurteile über den geschmacklosen Aufsteiger zu bestätigen. Und seine Villa in Mar a Lago ist mit seinen Türmen, Balkonen, den Riesenhallen und schimmernden Materialien ein geschmacklicher Alptraum für alle diejenigen, die die klassisch-luftige Architektur der Karibik lieben. 

Klassische Inszenierung

Doch im Allgemeinen hält Trump sich durchaus an die alte Regel der Konservativen: Im Privatbereich hat man sich nur danach zu richten, was den Standesgenossen als ziemlich und akzeptabel gilt, mit gewissen Auswuchsmöglichkeiten hin zu noch mehr Marmor und Velour. Der Staat dagegen hat sich würdig zu inszenierten, in den geschichtsträchtigen, im Dekret als „klassisch“ bezeichneten Stilen des 18. und 19. Jahrhunderts, die bis hin in die Art Deco-Architektur des New Deal als verpflichtend galten für die amerikanische Republik. Thomas Jefferson war es, der forderte, dass sie sich an der Architektur Athens und der römischen Republik orientieren solle, nicht aus geschmacklichen Gründen des Zeitstils, sondern weil die antiken Bürger selbst über ihr Schicksal bestimmt hätten, deswegen auch ästhetisch die Vorbilder für Amerika sein sollten. 

Diese Regel überstand sogar die Herausforderung der Chicagoer Columbian Exhibition von 1892, als neubarocke, reich geschmückte und bis dahin als monarchistisch verdächtigte Architekturformen aus Europa zum ersten Mal gesellschaftlich akzeptabel gemacht wurden. Sie hielt als genereller Common Sense bis 1962, als John F. Kennedy erstmals einen Erlass herausgab, dass die Architektur der Bundesbauten sich an dem orientieren solle, was den Architekten und den Fachleuten, den Bürgern und den Verwaltungen in den jeweiligen Regionen und Kommunen als angemessen gelte. 

Angriff auf die Säulen

Statt der relativen ästhetischen Einheitlichkeit, die bis heute fast jedes Art-Deco-Vorkriegsgebäude, das einst als Postamt diente, sofort als solches erkennbar macht, setzte sich nun Pluralität und Vielfarbigkeit durch. Das entsprach dem neuen Bild der USA als einem Staat vieler miteinander lebender Gemeinschaften, die unterschiedliche Interessen aushandeln. Eine Vorstellung, die Konservative in den USA nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern auch ästhetisch fern liegt. Das National Museum for African-American History and Culture etwa, das nach den Plänen von David Adjaye vor sechs Jahren eingeweiht wurde, gilt mit seinen metallernen, durchscheinenden Fassaden als brutaler Angriff auf die säulenschwelgende Schönheit Washingtons. 

Schon Ronald Reagan und die Bushs versuchten deswegen, die traditionellen Formen der Staatsarchitektur wiederzubeleben, etwa in den Weltkriegsmonumenten auf der Washingtoner Mall. Doch einen generellen Bruch mit Kennedys Vielfalt wagten sie nicht. Dass Trump ihn unternimmt, ist Teil seines politischen Populismus: Er beschuldigt seit jeher „die Eliten“, fern der Bürger zu entscheiden, und stilisiert sich als Kämpfer für die Interessen des „einfachen“ Mannes auf der Straße. Angesichts so manchen in Beton gegossenen Gerichts- oder Bundesverwaltungsgebäudes erscheint das vor einigen Wochen eingeweihte neue Tennishaus des Weißen Hauses mit seinen strikt neopalladianischen Fassaden ja auch wirklich als zu reizend. Dass sich also nun die Architekten- und Künstlerverbände über sein Dekret aufregen, ist mit eingebucht, gehört zur von Trump gewünschten Reaktion. Er steht als Kämpfer für das Schöne da, alle anderen als elitär und überheblich.

Schöne neue Staatsarchitektur

Eine Executive Order des Präsidenten gilt so lange, bis ein nächster Präsident, das Parlament oder ein Bundesgericht sie aufheben – einer der vielen Reste monarchischer Rechte des Staatsoberhaupts, die die amerikanische Verfassung von 1792 in die Moderne mitschleppt. Ein noch zu berufender Beraterstab, so Trumps Dekret, solle künftig dem Präsidenten berichten, wie es denn mit der neuen schönen Staatsarchitektur stehe. Man darf gespannt sein, wie Joe Biden, sein nominierter Nachfolger, auf diese geschmackliche Herausforderung von Amtsträger Nr. 45 reagieren wird. Unsere Vorhersage: Er wird sie in Kraft lassen, bis man sie vergessen hat. Erstens, weil Biden in seinem privaten und, wie sich in den Ausstattungen seiner Vizepräsientenzeit zeigte, auch in seinem staatsrepräsentativen Geschmack durchaus konservativ geprägt ist – viel konservativer und weniger modebewusster als Trump. Zweitens: Es gibt wichtigeres für ihn zu tun, als sich mit Architekten herumzuärgern. Etwa den Klimaschutz. Um dessen Regeln für das Bauen anzuwenden, kann man durchaus auch Säulen vor den Fassaden stehen lassen. 

Tobias Schmitt | Mi, 23. Dezember 2020 - 13:25

Wie gut, das sich über Geschmack nicht streiten lässt. Aber netter Versuch

Ich habe mir das Gebäude am Tennisplatz angesehen: Natürlich mit Säulen am Eingang. Das ist doch lachhaft. Ich bin kein Fan von einem zwangshaften Architekturstil für alles. Gebäude sollten durchaus modern sein und damit gehört Scheitern mit dazu. Übrigens, Replikation bauen, finde ich auch nicht gut.