Archäologie der Geschlechter - Wir waren nie Prinzessinnen

Kolumne: Stadt, Land, Flucht. Die Frau als elfengleiche Prinzessin, der Mann als rettender Krieger. Ständig scheitern wir dabei, diesen Stereotypen zu entsprechen. Dabei könnte ein Blick in die Steinzeit helfen

Ein erschöpfter Debütant auf dem Wiener Opernball
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Sie wird wohl nie zurückkehren in ihren Garten und ihr Haus zehn Kilometer vor den Toren Mossuls. „Alles Isis“ sagt sie, als sie mir die Fotos zeigt. Das sagt sie oft, wenn sie erzählt. Wir sprechen über das Kochen in ihrem Heimatland, über das Schlachten von Schafen. Ob sie das selber machte? „Nein!“ Sie lacht. „Frau? Nein!“ Wie es denn hier sei? Ob Frauen schlachten würden? Ja, manchmal, theoretisch, ich kenne allerdings keine, druckse ich herum. Dann aber regt sich in mir die Integrationsbeauftragte. Es sei aber so hier in Deutschland: Frauen dürften alles, was Männer auch dürfen. Und umgekehrt. Da würden auch Männer im Haushalt helfen und die Windeln der Kinder wechseln. Theoretisch.

Sie lacht wieder. Das sei bei ihr genauso. Ihr Mann helfe ihr häufig, ob damals im Irak oder nun hier. Er kümmere sich auch um die Kinder, um den Abwasch, die Küche, wenn es ihr nicht gut ginge. Und ich kam mir ein bisschen blöd vor. Was wollte ich der Frau eigentlich beibringen? Dass wir besonders fortschrittlich sind in Fragen der Gleichstellung?

Die deutsche Gleichheitsillusion
 

Dass wir in Deutschland lediglich eine – wie sie es nennen – „Gleichheitsillusion“ leben, haben zuletzt die Soziologinnen Cornelia Koppetsch und Sarah Speck glaubhaft nachgewiesen. Unsere Verhaltensregeln sind bekannt, dass sich nicht jeder daran hält, hat die Initiative #aufschrei an eine breite Öffentlichkeit gebracht. Wir lesen diese Woche im Jetzt-Magazin ein Interview mit dem 23-jährigen Syrer Adnan, in dessen Heimat Frauen als „Prinzessinnen“ angesehen würden, wie er sagt. Was in Köln passiert sei, gehöre zu keiner Kultur: „Das waren einfach schlechte Menschen.“ Gleichzeitig vermeldet der US-Amerikaner Daryush Valizadeh, Initiator einer Pro-Vergewaltigungs-Bewegung, auf seinem Blog, die auch in Deutschland geplanten Treffen seiner Anhänger für dieses Wochenende müssten leider abgesagt werden. Man könne nicht für die Sicherheit der Männer garantieren.

Ob Valizadeh nun ein Verrückter ist oder ein gewiefter Satiriker mit dem Auftrag, der sogenannten zivilisierten Welt den Spiegel vorzuhalten – in jedem Fall werden seine kruden Ansichten offenbar geteilt. Von Männern in unserer Mitte.

Steinzeit-Frauen waren sehr wohl emanzipiert
 

Wir täten gut daran, uns in der Frage der Geschlechtergerechtigkeit nicht zu überschätzen. Das aber tun wir seit jeher auch mit Blick auf die Steinzeit, die immer wieder als Referenz unseres Fortschritts herhalten muss. Dabei sind wir auch hier auf dem Holzweg, wie die Prähistorikerin Barbara Röder in dem Buch „Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?“ kritisiert. Dort erfahren wir denn auch, dass die Steinzeit mitnichten für Frauen lediglich das feige Wachen am Feuer, Beeren sammeln, Kinder hüten und Felle zusammennähen bot. Archäologen fänden immer wieder Hinweise darauf, dass es häufig Frauen waren, die Werkzeuge konstruiert und hergestellt haben. Schon seit Jahren berichten Forscher über einen erstaunlichen Facettenreichtum der steinzeitlichen Geschlechterrollen. Prähistorische Tierzeichnungen lassen vermuten, dass Frauen sehr wohl mit auf die Jagd gingen.

Nicht jeder Mann ist ein großer starker Bär mit breiten Schultern – und nicht jede Frau die zarte Prinzessin mit feingliedrigen Fingerchen. Stereotype wie diese halten wir aber auch im Jahr 2016 noch immer aufrecht. Unser Schubladendenken ist ausgeprägter denn je. Unvoreingenommen und respektvoll miteinander umzugehen, ist jedoch keine Frage einer bestimmten Kultur. Es wird Zeit, dass wir das alle lernen. Die Neuankömmlinge – und die Alteingesessenen.

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