Antisemitismus - Der Skandal, der keiner ist

Kisslers Konter: Modeschöpfer Karl Lagerfeld kritisiert die deutsche Politik und warnt vor Antisemitismus unter Migranten. Das ist unbequem, doch keine Hetze. Die künstliche Aufregung zeigt, wie einseitig und angstbesetzt die Debatte geführt wird

Modeschöpfer Karl Lagerfeld: ein Selbstdenker und kein Nachplapperer / picture alliance

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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Mode ist Macht. Nicht zuletzt die Achtundsechziger reaktivierten diese alte Erkenntnis. Wer bestimmen darf, wie sich ein anderer zu kleiden hat, der ist Herr über diesen, über seinen Knecht. Darum ist Selbstbestimmung auch eine Frage der selbst gewählten Kleidung. Mode ist immer ein Statement. Deshalb war es folgerichtig, dass nach den modischen und also weltanschaulichen Meldungen über eine muslimische Barbiepuppe mit Hijab und über ein muslimisches Einlaufmädchen mit Hijab beim Fußballländerspiel England gegen Deutschland Modeschöpfer Karl Lagerfeld ein weithin dröhnendes Statement zur Flüchtlingslage abgab. Aber war es ein Skandal?

Warum der Wirbel?

Große Teile der Presse sind sich einig: Lagerfeld habe „unfassbare Aussagen“ getätigt und „gegen Flüchtlinge gehetzt“. Er solle sich schämen und künftig bei seinen teuren Leisten bleiben. Eine Rüge gegen den französischen Fernsehsender, der Lagerfeld eingeladen hatte, steht im Raum. Warum der Wirbel? Lagerfeld in Lagerfelds Worten: „Wir können nicht, selbst wenn Jahrzehnte zwischen den beiden Ereignissen liegen, Millionen Juden töten und Millionen ihrer schlimmsten Feinde ins Land holen.“ Zur Illustration verwies er auf einen jungen Syrer, der zur deutschen Gastgeberin gesagt habe, die „beste Erfindung Deutschlands“ sei der Holocaust gewesen.

Lagerfeld gibt ein Zitat wieder, das wir bis zum Beweis des Gegenteils für authentisch halten müssen. Und er behauptet eine ideologische Gemeinsamkeit von nationalsozialistischen Deutschen und heutigen Muslimen: den Judenhass. Sind diese Aussagen von der Meinungsfreiheit gedeckt? Aber natürlich. Wer hier nach Sanktion, Entschuldigung, Rüge ruft und Volksverhetzung am Werk sieht, der beweist seine eigene Diskursunfähigkeit und Denkunwilligkeit. Der will anderen den Mund verbieten, damit er selbst nicht hören muss.

Muslimischer Judenhass wandert mit ein

Es ist eine Binsenweisheit, dass der Koran judenfeindliche Stellen enthält, dass Mohammed kein Judenfreund war und dass viele Muslime in ihrer Heimat den Antisemitismus mit der Muttermilch aufgesogen haben. Wenn Menschen mit einer solchen Sozialisation in großer Zahl von Deutschland aufgenommen werden, wandert der Antisemitismus mit ein – nicht immer, nicht bei allen, aber in einer Menge, die groß genug ist, um das friedliche Miteinander von Muslimen, Juden, Christen, Atheisten in Deutschland zu gefährden. Wird dieses Faktum von den Befürwortern des „Familiennachzugs“ hinreichend bedacht? Eine multikulturelle Gesellschaft braucht ein gutes Binnenklima.

Das Zitat des jungen Syrers klingt wenig überraschend. In Syrien wird „ein großer Teil des Judenhasses im obligatorischen Islamunterricht vermittelt“. In einer Reportage der Berliner Zeitung wird der Kommentar muslimischer Flüchtlinge aus Syrien zum Berliner Holocaust-Denkmal wie folgt wiedergegeben: Einmal klingt es „fast bewundernd“, als ein junger Araber von den sechs Millionen ermordeten Juden erfährt und nachfragt, „so viele? Wirklich? Wie haben die Deutschen das gemacht?“ Ein anderer sagt anerkennend „gut“, ehe die Gruppe durcheinander redet, „die Juden seien an allem schuld, auch an dem Leid der Araber heute“.

Bitter, aber wahr

Die Reporterin fährt fort, „man würde den Männern gerne erklären, (…) dass die Hilfsbereitschaft der Deutschen gegenüber den Flüchtlingen auch mit ihrer Schuld (…) zusammenhängt. Aber wo soll man anfangen? Was wissen diese Männer von dem Land, in das sie geflohen sind?“ Einen moralischen Tauschhandel sieht auch Lagerfeld am Werk, wenn er Merkels Flüchtlingspolitik mit dem Wunsch erläutert, an die Stelle der „eisernen Kanzlerin“ die „heilige Mutti“ zu setzen. Solche Fernpsychologie mag stimmen, mag falsch sein: Aussprechen muss man es dürfen – ohne Sanktionsfurcht. Wie man auch Sätze zitieren dürfen muss, die traurig, aber verbürgt; bitter, aber authentisch; dumm, aber verbreitet sind. Muslimischer hält wie jeder Antisemitismus ein großes Ensemble solch törichter Sätze bereit.

Juden diffamieren: geduldet – Muslime kritisieren: böse

Die Frage nach der Macht ist abermals zentral. Leicht ist es, Ohnmächtige herauszufordern. Dieser Vorwurf lässt sich Lagerfeld nicht machen. Er ist ein couragierter Kopf, der Respekt und keine Rüge verdient. Ein Selberdenker und kein Nachplapperer. Ein eigensinniger Liberaler. Risikolos können heute Juden diffamiert werden, Kritik an Muslimen wird zum Vabanquespiel. Ein kaum vernehmbares Lüftchen ist, verglichen mit der Lagerfeld-Erregung, die Kritik am antisemitischen al-Quds-Tag in Berlin oder an antisemitisch verseuchter deutsch-arabischer Rap-Musik.

Die Machtfrage ist im Fall der Hijabträgerinnen übrigens zugunsten derer beantwortet, die sie durch ein solches Symbol entkleiden und verhüllen zugleich, sexuell auf- und gesellschaftlich wegschließen. Das Zeichen auf dem Kopf der Minderjährigen ließe sich mit einem Keuschheitsgürtel vergleichen vor dem Leib eines nackten Mädchens: Erotisch verfügbar, doch nur für den, der den richtigen weltanschaulichen Schlüssel sein eigen nennt.