Amrita Sher-Gil - Die indische Frida Kahlo

Mit nur 28 Jahren erlag sie einer kurzen, mysteriösen Krankheit und wurde zur Legende. Amrita Sher-Gil war die Vorreiterin der indischen Moderne

Wie eine Blüte entfaltet sich der Körper der Schlafenden auf der Bildfläche. Das weiße Laken rahmt die zarten Brauntöne ihrer Haut, den hellen Busen, die noch hellere Innenseite des hochgereckten Oberarms, ihre rosigen Wangen und den roten Mund. Die Bewegungen ihrer üppigen schwarzen Locken setzen sich in dem chinesischen Drachen auf dem rosaroten Seidentuch neben ihr fort. Er schmiegt sich an ihre Seite wie ein zutrauliches Schoßhündchen.

Amrita Sher-Gil wird in ihrer ­Heimat wie eine „indische Frida Kahlo“ verehrt, jedoch ist ihr Name hierzulande weitgehend unbekannt. Sie war erst 20 Jahre alt, als sie das Bild „Schlaf“ 1933 für den alljährlichen Wettbewerb der Pariser École des Beaux Arts einreichte. Prompt gewann sie damit den ersten Preis und ließ auf eine interessante Karriere hoffen. Doch es blieb ihr nicht viel Zeit.

Dargestellt ist ihre nur ein Jahr jüngere Schwester Indira, eine angehende Pianistin. Die zwei fotogenen jungen Frauen, die sich zu dieser Zeit in Paris vor Verehrern und Verehrerinnen kaum retten konnten, entstammten einer ungewöhnlichen Familie mit kosmopolitisch-intellektuellem Hintergrund. Als Töchter eines indischen Philosophen und einer ungarischen Opernsängerin verlebten sie die frühen Jahre ihrer Kindheit, die mit dem Ersten Weltkrieg zusammenfielen, in Budapest. Später zog die Familie nach Simla am Fuße des Himalaya, wo die Regierung der britischen Kronkolonie Indien ihren Sommersitz hatte. Ein mehrmonatiges Intermezzo in Florenz diente dazu, das Verständnis der Töchter für die italienische Renaissance auszubilden. Als sich nicht viel später Amritas große zeichnerische Begabung offenbarte, zog die vierköpfige Familie nach Paris, um der erst 16-Jährigen das Studium in der damals fortschrittlichsten Stadt der Künste zu ermöglichen. Der Stil, den Amrita Sher-Gil in Paris entwickelte, war keineswegs radikal. Vielmehr finden sich darin Einflüsse vieler Strömungen jener Zeit, als Realisten und Abstrakte verfeindete Lager bildeten, wieder.

Gegen den Wunsch ihres Vaters, der um den Ruf der Familie fürchtete, zog die emanzipierte Bohemienne nach dem Studium schließlich wieder nach Indien.„Europa gehört Picasso, Matisse, Braque und vielen anderen. Indien gehört nur mir“, sagte sie und weist sich mit großem Selbstbewusstsein einen Rang als Vorreiterin der indischen Moderne zu. Ihre Rückkehr diente sicher auch ihrer Suche nach den eigenen, nichteuropäischen Wurzeln. Zunächst ließ sie sich vom romantisch verklärten Blick einer europäisch geschulten Außenseiterin leiten. Doch immer mehr wandte sie sich im Laufe der dreißiger Jahre den realen Menschen Indiens zu, vor allem den ländlichen Armen. Auch hier konnte sie in Farben schwelgen und schwärmte vom einzigartigen Karminrot, von Ocker, gebranntem Siena, Giftgrün, Rotorange, Elfenbein und Pfauenblau.

Erst jetzt bildete sie einen wirklich eigenständigen Stil heraus: Ihre Malerei wurde flächiger, vielleicht auch folkloristischer. Kurz vor einer geplanten Ausstellung in Lahore starb Amrita Sher-Gil im Alter von nur 28 Jahren an einer kurzen und mysteriösen Krankheit. Die Unabhängigkeit Indiens konnte sie nicht mehr miterleben. Die Familie schenkte einen Großteil ihres Nachlasses dem indischen Staat und bildete damit den Grundstock für die Gründung der National Gallery of Modern Art in Neu-Delhi. Es ist das einzige staatliche Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in Indien und besitzt die umfangreichste Sammlung von Werken dieser famosen Künstlerin.
 

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