Inaugurationsgedicht von Amanda Gorman - Pathos und Poesie

Seit gestern liegt Amanda Gormans viel diskutiertes Gedicht „The Hill We Climb“ auf Deutsch vor. Die Verse, mit denen die Tochter einer alleinerziehenden Lehrerin im Januar ein Millionenpublikum begeisterte, wollen auf Papier nicht recht klingen. Sie offenbaren einen tiefen Graben zwischen Wort und Wirklichkeit.

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Amanda Gorman bei der Amtseinführung von Joe Biden / dpa

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Ralf Hanselle ist stellvertretender Chefredakteur von Cicero.

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Man lasse sich nicht täuschen: Eine Pathosformel ist keine Weltformel. Wenn dem so wäre, die Vereinigten Staaten von Amerika müssten längst jener gottgefälligen „City upon a Hill“ gleichen, von der es in der Bergpredigt heißt, ihr strahlendes Licht könne der Welt nicht verborgen bleiben. Doch Worte, auch wenn sie noch so weihevoll klingen, schaffen noch keine Realität.

Auf die Stadt auf dem Hügel jedenfalls müssen alle nach Gerechtigkeit Dürstenden auch weiterhin warten, und das nicht nur drüben in der Neuen Welt. Erstmals erträumt von den englischen Puritanern, die sich Anfang des 17. Jahrhunderts daran machten, eben jene biblische Idealstadt jenseits des Atlantiks in den fast unberührten Weiten Neuenglands zu errichten, ist sie seither zu einem amerikanischen Arkadien geworden. 

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Thorwald Franke | Mi, 31. März 2021 - 16:01

Bereits der Titel ist schlicht falsch. Auch mit minderen theologischen Kenntnissen weiß man, dass die entsprechende Bibelstelle (Mt 5:14) im Deutschen mit "Stadt auf dem Berg" und nicht "auf dem Hügel" wiedergegeben wird. "Den Berg, den wir erklimmen" wäre ein verständlichere, wörtlichere und korrektere Übersetzung gewesen.

Marc Schulze-Niestroy | Mi, 31. März 2021 - 16:19

Ich fand das Original jetzt auch nicht gerade bewegend, sondern eher so pathetisch und flach, dass ich mit den Augen gerollt habe. Ich kann da auch keine Parallelen zu Whitman sehen. Ich sehe nur recht mittelmäßigen globalistischen Inaugurationspathos, aber das ist sicher Geschmackssache. Ansonsten bin ich der Meinung, dass Gedichte ohnehin nur mit großem Verlust übersetzt werden können. Insofern ist die Kritik etwas ungerecht, wie ich finde.

Enka Hein | Mi, 31. März 2021 - 18:08

In reply to by Marc Schulze-N…

...nicht das gelbe vom Ei. In der Schulzeit würden wir mit besseren Gedichten malträtiert. Aber soviel ist von damals hängengeblieben, das es eher als mittelmäßig bis mäßig zu werten ist.
Bruce Springsteen oder Bob Dylan (mit 2 Akkorden) hätte vermutlich mehr überzeugt. Man sollte es einfach vor dem Hintergrund sehen, das die linke amerikanische Presse alles nach Abgang von Trump hochjubelt, was im Umfeld von Biden so passiert. Es hätte sich vermutlich einer hinstellen können und auf der Bühne heiße Luft ablassen oder eine Sandale in die Luft halten können (Leben des Brian), die Presse hätte sich in die Besinnungslosigkeit gejubelt.
Und die im Fahrwasser dieses „Gedichts“ entstandenen Diskussionen um die Übersetzung zeigt den vollendeten Irrsinn dieser Inszenierung.

Rainer Mrochen | Mi, 31. März 2021 - 17:00

um Nichts! Ist halt dem momentanen politischen Mainstream geschuldet. Black lives matter oder so ähnlich schallt es doch aus allen Ecken. 22 Jahre and so Blue. Forget it.

Roland Völkel | Do, 1. April 2021 - 14:01

In reply to by Rainer Mrochen

haben sie es Herr Mrochen. Kurz, knapp und treffend.
Ist wohl dem Zeitgeist geschuldet?

Katharine Schön | Mi, 31. März 2021 - 17:10

Der Pathos erinnert mich irgendwie an meine Jugend wenn ich als Gymnasiastin ein Gedicht über unseren strahlenden Vater Lenin vortragen musste...

Ernst Busch - Stalin, Freund, Genosse.

Aber das Gedicht von Amanda handelt ja nicht direkt von Sleepy Joe.Hat eher etwas Nordkoreanisches.

'Unsere Fahne flattert uns voran!'
Ab und zu wird die Fahne gewaschen und manchmal auch neu eingefärbt ... .
Schliesslich will jede 'Bewegung' ihre Chance haben.
Das muß man verstehen.

Aber die 'Aktivistin' Gormans ist noch jung.
Sie ist nicht - allein - dafür verantwortlich, was die Kultur-Krieger der globalen Medien und der 'kritischen Weiss-Seins-Forschung' aus ihrer Lyrik machen.
Führer kommen - und die meisten gehen auch wieder; ohne Spur.
Wenn man allerdings dem Tagesspiegel-Autor BRAUN (kein Scherz !; 29.03.2021) glauben möchte, formuliert die junge Autorin in ihrer Lyrik 'eine zivilreligiöse Utopie'. Da wäre sie ja nicht die erste!
Präsidentschafts-Kandidatin will/soll sie auch irgendwann werden.
Alle Goreman-Fans grüße ich hiermit mit dem Ruf der Jungen Pioniere der DDR:
'Seid bereit!'

Die Emotion ist immer nur auf dem Resonanzboden der Poetin zu " verstehen ", was eigentlich " mitzufühlen " heißen muss. Der Resonanzboden ist ihre ethnische Herkunft und ihre Lebenserfahrung in ihrem Amerika. Wenn Sie das mit einem Ihnen aufgezwungenen pathetischen Gedicht auf Lenin vergleichen, dann liegt Ihnen der Resonanzboden der Amanda Gorman sehr fern. Ich bin kein Experte für amerikanische Poesie, finde aber die Sprache des Gedichts nicht so brilliant - aus mehr als 50-jähriger Erfahrung mit der US-Lebenswelt kann ich aber die Emotion mitfühlen.

Markus Michaelis | Mi, 31. März 2021 - 17:53

Bei Obamas Inauguration hatte ich auch Tränen in den Augen. "WE, the people". Es wurde dann aber bald klar, dass nicht die ganze Welt auf dieselbe Weise träumt wie Obama (oder ich, oder sonstwer). Seine Rede in Kairo wurde artig aufgenommen - aber vom Pathos eines gemeinsamen Traums war man wohl weit weg. Auch sonst sah es in der Welt recht bunt aus, was man so vom amerikanischen Traum hielt - auch Obamas Traum. Innerhalb der amerikanischen Gesellschaft wurde die Gräben größer.

Pathos ist gut - aber er schwingt für die eigene Gruppe. Jeder sollte im Kopf haben, dass es viele andere Gruppen mit ganz anderen Vorstellungen gibt. Insofern ist Pathos immer nur ein Teil, es fehlt ihm gerade das demokratische Ringen.

Als Demokrat sollte man genau nicht den Anspruch haben, dass eine Demokratie nur dann gut ist, wenn es allen Menschen gut geht - das ist der Anspruch (guter?) politischer Richtungen, die voll ok sind, aber demokratische wäre das überspannt, weil es alle in EIN Korsett zwängte.

Walter Bühler | Mi, 31. März 2021 - 18:19

... in ihrem Selbstverständnis natürlich immer leichter als wir Sünder in unseren normal-menschlichen Staaten, auch wenn diese bisweilen Schurkenstaaten gewesen sind, oder sich manchmal selbst eine Zeit lang als Gottesstaaten gesehen haben.

Jedenfalls kann ein Deutscher wie ich ein solches Gedicht nicht sachgerecht beurteilen.

Hans Meiser | Mi, 31. März 2021 - 19:08

"[...] dass Gedichte ohnehin nur mit großem Verlust übersetzt werden können."
Das muss nicht sein. Jedoch, wenn die Übersetzung eine politisch korrekte sein soll und keine gelungene, dann ist es zu 100% unvermeidlich.

Heiner Sendelbach | Mi, 31. März 2021 - 20:52

In reply to by Hans Meiser

Volle Zustimmung. Das kommt dabei raus, wenn man Gleichstellung (jeder darf mal) mit Gleichberechtigung (der Beste, ungeachtet seiner Religion, Geschlecht ...) verwechselt, wie mittlerweile sogar weite Teile der CDU.

Bernd Muhlack | Mi, 31. März 2021 - 19:59

Muss ich Sie kennen, wissen wer Sie ist, was Sie so macht?
NEIN!
Na klar, ich toleriere das, muss es jedoch nicht akzeptieren!
Die Inauguration des Bidens Joe?

"Die Stadt auf dem Hügel"
Aha, soso.
Ich kenne den Film "Der Mann welcher auf einen Hügel stieg u von einem Berg zurück kehrte"
Ein walisischer Großvater erzählt seinem wissbegierigen Enkel die folgende Geschichte:

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Engl%C3%A4nder,_der_auf_einen_H%C3%BC…

Ja, die Opas unne Enkels!👍

Das erinnert mich an den Landvermesser K.
"Das Schloß" von Franz Kafka.

"Black lives matter" - "PoC" - na klar: "LGBTQXX"

Alles schön & gut.
Gleichwohl ist "queer" mMn kein must have.
Jeder wie m/w/d will - kann.

In Australien wurde eine Aborigene Ministerin!
Nein keine Quoten"tussi" - sie ist fachlich geeignet!

Könnte nicht alles so simpel sein?
homo homini lupus!

In diesem Sinne:
Frohe Ostern!

Karfreitag? Ostern?
"irgendwas foll krass mit Jesus, oder?
ey keine Ahnung!"

Wolfgang Tröbner | Do, 1. April 2021 - 09:25

zeichnen sich häufig dadurch aus, dass zunächst ein Übersetzer bzw. eine Übersetzerin eine Linearübersetzung erstellt. Danach nimmt sich jemand, der selbst dichtet, dieser Linearübersetzung an und formt ein Gedicht daraus. Es braucht also oft zwei Personen mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten. Hautfarbe und Haltung zählen aber nicht dazu. Ich habe mir eine Rohübersetzung des Gedichts von Gorman angeschaut und empfand dieses als sehr belanglos und banal. Nichts gegen Gorman, aber lyrische Qualitäten sehen für mich etwas anders aus.

Dorothee Sehrt-Irrek | Do, 1. April 2021 - 11:09

Es lohnt vielleicht doch, das Gedicht im Zusammenhang mit ihren anderen und zukünftigen! poetischen Arbeiten zu sehen.
"gelitten", auf was bezieht sich das Wort, auf ihre Krankheit (APD) oder auf die Geschichte der "Schwarzen" in den USA?
Hat sie evtl. gerade wegen ihrer Krankheit den genau richtigen Zugang zu dem, was man Leiden nennt?
Das will ich ihr bestimmt nicht absprechen, gehe sogar davon aus, dass es also ihre eigene Sprache ist, zu der sie ihren Zugang evtl. "erkämpfen" mußte.
Ich war anfangs sehr beeindruckt von Greta Thunberg, bis ich die Aggressivität sehen konnte, evtl. eine Unfähigkeit zur Größe.
Frau Gorman steht noch am Anfang ihres Sprechens, deshalb einen Abstecher zu Joe Biden, der ja auch im Wahlkampf mit Überwindung von Schwäche und Krankheit in Gestalt eines Jugendlichen, der Präsident werden möchte, agierte.
Ich halte nichts von einer Gründung eines Staates im Überwindungspathos einer Krankheit und evtl. war Obama nicht ganz frei davon, nicht frei für die USA.

Bernd Muhlack | Do, 1. April 2021 - 19:33

In reply to by Dorothee Sehrt-Irrek

"Ich war anfangs sehr beeindruckt von Greta Thunberg, bis ich die Aggressivität sehen konnte, evtl. eine Unfähigkeit zur Größe."

Liebe Frau Sehrt-Irrek,
Sie schreiben wunderschöne Kommentare - obwohl ich sie manchmal nicht verstehe.
Was will mir der Dichter damit sagen?

Jetzt lassen wir Gedichte mal Gedichte sein und Greta is eben Greta.
... und SPD is SPD ...
Ein Schwager ist "Ortsgruppenleiter!"
OHA!

Gründonnerstag - also Spinat und Rührei?
Warum auch nicht?
(mit Kräuter-Baguette!)

Eine Terrasse, Balkon ... nein, kein Garten Gethsemane.
30 Silbertaler werde ich zeitnah auch nicht vor Ort finden!

Mir fällt als bibelfester, bekennender Atheist jetzt sehr viel ein.
... "und der Himmel verdunkelte sich und im Tempel zerriss der Vorhang" ...

FROHE OSTERN Frau Sehrt-Irrek!

... ja, mir fällt jetzt sehr viel ein.....