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„Als wir träumten“ - Sex, Drugs & Beats

Andreas Dresen hat Clemens Meyers Bucherfolg „Als wir träumten“ auf die Leinwand gebracht. Es ist ein deutscher Jugendklassiker

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Constantin Magnis war bis 2017 Chefreporter bei Cicero.

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Da gibt es eine rührende Szene gegen Ende des Filmes: Im Leipzig der Nachwendemonate zeigt der Teenager Mark (Joel Basman) seinem Kumpel Dani (Merlin Rose) stolz die jüngste Errungenschaft seiner Eltern: „Wir haben jetzt ne Mikrowelle. Die funktioniert mit Strahlen!“ Dann legen sie ein rohes Ei in die Maschine. Das klappt natürlich nicht, das Ei zerplatzt.

Im Grunde ist das Elektrogerät eine Parabel für die Illusion der endlosen Möglichkeiten nach der Wende. Für die Protagonisten in Andreas Dresens Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Als wir träumten“ sind sie am Ende nicht viel besser als die von rohen Eiern in der Mikrowelle.

[[{"fid":"64774","view_mode":"copyright","type":"media","attributes":{"height":194,"width":345,"style":"margin: 3px 5px; float: left;","class":"media-element file-copyright"}}]]Darum wird der Mikrowellen-Mark auch gleich zu Anfang des Films als kaputtes Ei eingeführt: Als Junkie, der in einem verlassenen, abgedunkelten Kinosaal seinem Ende entgegendämmert. Dani findet ihn dort, und verabreicht ihm noch einmal eine Portion Erinnerungen an die gute alte Zeit, als wäre das Treibstoff für einen stehengebliebenen Trabi.

Euphorie noch unwiderlegter Jugendträume


Damit ist klar, die Fahrt geht bergab, die Abfahrt ist steil, die Startlinie ganz weit oben: im Strobo-Gewitter einer Techno-Party, in der Euphorie noch unwiderlegter Jugendträume.

Andreas Dresen hat bisher Filme gedreht, deren Klappentext einem eher nicht so viel Lust gemacht hat, sie zu schauen: Da ging es um Hirntumore oder Ehetristesse in Frankfurt an der Oder, um Liebe im Seniorenalter, oder Gebrauchtwagenhändler in Magdeburg.

Die Verfilmung von Clemens Meyers 500-Seiten-Nachwende-Epos dagegen verspricht Tempo, Beats, Sex, Drugs and Rock’n Roll, und enttäuscht diesbezüglich nicht.

Es ist die Geschichte von fünf Jungs, die in der DDR zur Schule gingen, und in der BRD pubertieren, einer neuen Ära, die sie nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Ordnung und jeglicher Autorität in eine anarchische Jugend entlässt, und ihnen wenig Ziele bietet, außer „Fotzen“ und „Kohle“.

Eine Truppe mit Karottenhosen, Jeansjacken, Olibart und Pickelnasen: Dani und Mark, Rico (Julius Nitschkoff), Paul (Frederic Haselon) und Pitbull (Marcel Heuperman) machen sich das nachkriegsartige, offenbar von allen guten Geistern verlassene Leipzig zu eigen. Wir erleben, wie sie Autos knacken und diese zu voll aufgedrehtem Trance im Kassettendeck wieder zu Schrott fahren. Wie sie den Alkohol für ihre Nachtausflüge in Läden und bei alten Damen zusammenklauen.

Irgendwann kommen die Neonazis


Im trostlosen Kellerloch eines verlassenen Kulturzentrums machen sie schließlich mit dem „Eastside“ ihre eigene Disco auf. „Ich träume noch davon. Obwohl es nur ein Jahr war. Das Jahr des Eastside“, sagt Dani im Rückblick. Aufgelegt wird Techno, zu trinken gibt es Cola, Schnaps und Schaumwein mit Zitronenscheibe: „Für die Weiber.“

[[{"fid":"64775","view_mode":"copyright","type":"media","attributes":{"height":194,"width":345,"style":"margin: 3px 5px; float: left;","class":"media-element file-copyright"}}]]Aber irgendwann kommen die Neonazis um den Oberbösewicht Kehlmann – die klassischen Dumpfbacken-Ost-Skinheads mit Glatze, Bomberjacken und in den Pobacken klemmenden Hochwasserjeans – und räumen die Träume der Freunde Stück für Stück wieder ab.

Eben noch hatten sie in der Schule das Lied vom Halstuch der Pioniere gesungen: „Mein Schmuck, ist mein Halstuch, das rote, schaut her, ich halte es sauber, es kleidet mich sehr. So schmückt sich mit Blüten der Haselnussstrauch, mit Veilchen die Wiese, so schmück ich mich auch.“ Jetzt liegen die Freunde mit blaugeprügelten Augen und blutigen Mündern auf dem Asphalt, die Nazis nehmen ihnen den Stolz, sie bespucken sie, lassen sie betteln, kriechen und wimmern. Sie nehmen ihnen die Mädchen, und am Ende nehmen sie den Freunden sogar den Club, mit Stahlstangen und Baseballschlägern.

„Irgendwann machen wir das Eastside wieder auf. Und Kehlmanns Leute machen wir nieder,“ schwören sie sich, aber das passiert natürlich nie, und besser wird es danach für keinen von ihnen.

Die Jungs nennen sich „Brüder“, aber ihre Gemeinschaft ist so stabil wie die Leipziger Gesellschaftsordnung nach der Wende. Rico fängt hinter Danis Rücken etwas mit dessen Flamme Sternchen (Ruby O. Fee) an, die als Stripperin arbeitet, und sich einredet, sich damit selbst zu verwirklichen („Ist so ein Kunst-Ding bei mir, nicht wie bei den anderen“). Pitbull verkauft Mark das Heroin, an dem dieser untergehen wird. Und Dani verrät aus Angst vor den Nazis seine Freunde.

Andreas Dresen hat den richtigen Abstand


„Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht von all dem träume“, sagt Dani – und man ist sich gar nicht mehr sicher, ob er mit den Träumen jetzt eigentlich Erinnerungen, Wünsche oder doch eher Traumata meint.

Es tut dem Film gut, dass weder der 1963 geborene Dresen, und erst recht nicht sein 85-jähriger Drehbuchschreiber Wolfgang Kohlhaase in die Versuchung gekommen sein dürften, hier die eigene Jugend zu verklären, und die eigene Backfisch-Nostalgie auf der Leinwand zu reproduzieren.

Ein Filmemacher, der näher dran gewesen wäre, wäre vielleicht der Versuchung erlegen, abzufahren auf der Euphorie der Protagonisten, den Beat voll auf- und mit den rasenden Teenagern durchzudrehen.

Dresen aber hat offensichtlich den richtigen Abstand. Er blickt mit der ihm eigenen Menschenfreundlichkeit liebevoll auf diesen Haufen Idioten. Immer wieder bremst er vorsichtig ab, statt sich in den zwischenzeitlichen Feier- und Zerstörungsekstasen der Freunde zu überschlagen. Wahrscheinlich gelingt es ihm nur darum, am Ende auch die Traurigkeit der geplatzten Träume einzufangen, ohne dabei Sozialkitsch zu produzieren. Was herauskommt, ist ein wilder, schöner Blues, und es ist zwar viel passiert seit der „Feuerzangenbowle“, aber „Als wir träumten“ ist trotzdem ein deutscher Jugendklassiker.

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