Margaret Bourke-White - Als Stalin lächelte

Margaret Bourke-White war eine Chronistin des Terrors. Eine Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau zeigt jetzt bedeutende Arbeiten der amerikanischen Fotografin. Im Zentrum stehen die Momente einer dramatischen Zeit, die Bourke-White als Bilder festgehalten hat

Margaret Bourke-White in Air Force Uniform mit Offizieren des 8. Air Force Bomber Kommandos vor einem B-17-Bomber, Südengland
© Time & Life / Getty Images

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Lilith Frey war Moderedakteurin bei Annabelle und Cash und wurde mit dem Ringier-Journalistenpreis ausgezeichnet. Heute arbeitet sie als freie Journalistin in Berlin.

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Grau ist die Welt und schwarz-weiß sind die Fotografien. Keine heitere Zeit. Bilder der Überlebenden des KZ Buchenwald haben ihre grauenerregende Kraft nicht verloren. Geschossen hat sie die amerikanische Fotografin Margaret Bourke-White im Jahr 1945. Sie reiste damals mit der US-Luftwaffe durch Deutschland und erlebte die Befreiung von Buchenwald mit.

[gallery:Margaret Bourke-White. Fotografien 1930-1945]

„Die lebendigen Toten von Buchenwald“ heißt eines ihrer berühmtesten Bilder. Es ist Teil der kleinen und feinen Ausstellung „Margaret Bourke-White, Fotografien 1930 – 1945“ im Berliner Martin-Gropius-Bau. Doch die Düsternis konzentriert sich nicht auf die vier ausgestellten Buchenwald-Fotos. Im Zentrum stehen die Augenblicke einer dramatischen Zeit, die Bourke-White als Bilder festgehalten hat. Gespannt folgt man ihren Stationen Amerika, Sowjetunion, Tschechoslowakei, Deutschland, Italien und Frankreich.

Da ist viel Schwerindustrie zu besichtigen in den USA, der Sowjetunion und in Deutschland. Bourke-White war fasziniert von der Materialkraft, den Brücken, den Generatoren, Stahlwerken und rauchenden Fabriken. Die dampfenden, bedrohlichen Monster lassen die Arbeiter wie herumkrabbelnde Ameisen erscheinen.

Da ist das Porträt von Stalins Mutter, ein verhärmtes, hartes Mütterchengesicht mit schwarzem Kopftuch, aufgenommen in Tiflis. Neun Jahre später, 1941, porträtierte Bourke-White Stalin. Sie wollte unbedingt, dass Stalin lächelte, doch er blieb steinharte Maske. Da ging sie vor ihm auf die Knie, etwas war ihr heruntergefallen, sie wollte es aufheben. Und schon lächelte er. Was blieb, war das Bild des lächelnden Stalins, aber nicht sein wahres Gesicht.

Da liegen angezogene Leichen herum, wie für einen Hitchcock-Film drapiert in teuren Ledersesseln und auf dicken Teppichen. Über zwei tote Kinder wird ein weißes Tuch gebreitet. So sah der Selbstmord betuchter Nazifamilien aus.

In der Tschechoslowakei sitzt eine elegante Familie gepolstert auf weichem Samt beim Tee. Nur im schräg aufgehängten Wandspiegel dämpft ein dunkler Schein die Heiterkeit. Selbst eine harmlose Nassrasur auf dem Dach eines New Yorker Wolkenkratzers erscheint verdächtig. Wird hier ein Bart abgenommen oder die Kehle durchgeschnitten? Die Bildunterschrift lautet: Sergei Eisenstein wird rasiert, NY 1932.

Margaret Bourke-White muss eine mutige Person gewesen sein, von robuster Natur. Erfolgreich kämpfte sie sich durch die damals männlich dominierte Fotoreporterwelt. Sie arbeitete für die US-Armee und für die US-Luftwaffe. Als Mitherausgeberin von Fortune illustrierte sie 1931 die Titelgeschichte der Erstausgabe mit ihren Fotos der Brücken und Stahlfabriken.1936 begründete sie das Magazin „Life“ mit, für das sie fortan publizierte.

Nach dem Krieg reiste sie nach Indien und fotografierte Mahatma Gandhi am Spinnrad, das Bild ging um die Welt. Sie dokumentierte den Koreakrieg und in Südafrika die Apartheit. Mitte der 50er Jahre erkrankte sie an Parkinson. 1971 starb sie an den Folgen, 67 Jahre alt, geschieden und kinderlos. Zwei Filme setzten ihr ein Denkmal: „Gandhi“ (1982) mit Candice Bergen und „The Story of Margret Bourke-White“ (1989) mit Farrah Fawcett.

Martin-Gropius-Bau „Margaret Bourke-White. Fotografien 1930-1945“ bis 14. April, Katalog 28 Euro.

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