Einsamkeit in Zeiten des Internet - Alleine im Schwarm

Einsamkeit ist in Zeiten des elektronischen Zeitalter eine verblassende Erinnerung. Aber verstehen wir uns dabei noch selbst – oder nur noch unsere Facebook-Profile?

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(picture alliance) In der Einsamkeit zeigt sich die Trostlosigkeit, seine Ohnmacht, Abhängigkeit, Unzulänglichkeit.

Wahre Einsamkeit im elektronischen Zeitalter ist eine verblassende Erfahrung. Still bei sich zu sein, existenzielle Ruhe zu genießen – es ist eine altmodische, offenbar anstrengende Übung geworden. Es gibt aber eine neue: Einsamkeit – allein in der Masse. Der durchschnittliche Deutsche verbringt täglich über drei Stunden vor einem TV-Bildschirm (in Nordamerika sind es über acht). Zählen wir die PC-Monitore an Arbeitsplätzen, Schulen und Universitäten hinzu, könnten es doppelt so viele Stunden sein. Augenärzte wissen mehr. Eine Nation, in der an jeder Straßenecke ein Brillenladen für klare Sicht sorgt, muss an den Rand der Erblindung geraten sein. Und doch glauben wir, alles, wirklich alles sehen zu können.[gallery:Die Piratenpartei. Ein Landgang auf Bewährung]

Aber verstehen wir uns noch selbst – oder nur noch unsere Facebook-Profile? Stimmt hier das dunkle Wort des Heraklit über eine spezifische Gruppe von Bürgern: „Zwar sind sie da und sind doch nicht da. Es fehlt ihnen das Gemeinsame“? Keineswegs, antworten die Vernetzten. Kann das „Gemeinsame“ nicht das wahre soziale Geschenk der miteinander telefonierenden, simsenden und twitternden Millionen sein? Ist die arabische Facebook-Revolution nicht ein Signal für eine bessere Zukunft? Offensichtlich nicht.

Für die Nutzung sozialer Netze sind in Deutschland – statistisch gesehen – wöchentlich drei Stunden pro „User“ in Anschlag zu bringen. 22 Millionen deutsche „Facebooker“ machen sich tagein, tagaus auf die Suche nach „Freunden“. Und sechs geschlagene Stunden pro Monat am Handy und Festnetz-Telefon sind inzwischen die Regel. Fast scheint es, als könnten wir es mit uns allein nicht mehr aushalten. Die Außenwelt hat die Innenwelt des Einzelnen unter dem trügerischen Banner „Information“ erobert. Meditative Atempausen werden nicht gewährt – es sei denn, man befreit sich mit einem der neuen „Freiheits“-Programme zumindest stundenweise von der permanenten informationellen Internetinvasion: Es ersetzt, gegen Gebühr, den kleinen „Aus“-Knopf, den die Entwickler der Computer einst nicht vorgesehen hatten.

Chaos und Geschwindigkeit der Text- und Bildnachrichten auf den Websites seriöser Zeitungen gleichen flüchtigen Traumsequenzen, deren Deutung sich bis auf den Tag verzögert, an dem alle Server dieser Welt unter der Datenflut den Geist aufgeben. Also niemals. Facebook plant, eine seiner Serverbanken für die 800 Millionen Mitgliederdateien an den Polarkreis zu verlegen, um Kühlungsstrom zu sparen.

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Das algorithmisch geniale Genius-Programm von iTunes versorgt den iPod-Besitzer nach wenigen Wochen der Nutzung mit dem „ganz persönlichen“ Musikgeschmack: Dessen Richtung gehört inzwischen ebenfalls Apple. Die sanfte Enteignung des eigenen ästhetischen Willens zugunsten der mathematisch eruierten Vorlieben des Musikliebhabers macht täglich neue Fortschritte im Internet. „Streamlining“ der kulturellen Souveränität der Kopfhörerkunden ist ein kalifornisches Geschäftsgeheimnis. Wer einmal Karajan-Aufnahmen bei Amazon gekauft hat, entkommt dem Angebot weiterer Karajan-CDs bis an sein Lebensende nicht mehr. Andererseits dürfte „das Netz“ vom Ableben eines Nutzers im gleichen Moment erfahren wie die Verwandten und „Freunde“ bei Facebook – die man seit Jahren nicht wirklich gesehen hat.[gallery:Die Piratenpartei. Ein Landgang auf Bewährung]

Was steckt dahinter? Mag sein, dass die erste, wenn auch nicht die letzte Erklärung der kulturellen Selbstentmündigung von Millionen Menschen, die im Internet nach Gesellschaft suchen, 350 Jahre alt ist. Blaise Pascal, einer der Begründer der Wahrscheinlichkeitsrechnung (ohne die es weder Facebook noch Google gäbe), meinte, dass Einsamkeit deshalb ängstige, „weil in ihr die Menschen unverdeckt sich selber gegenübergestellt werden. In der Einsamkeit zeigt sich die Trostlosigkeit, seine Ohnmacht, Abhängigkeit, Unzulänglichkeit. Langeweile, Düsterkeit, Verdruss, Traurigkeit befällt den Menschen, die Angst vorm Alleinsein.“ Er selbst suchte Trost im christlichen Glauben. „Möge Gott mich niemals verlassen“, sollen Pascals letzte Worte gewesen sein.

Das Internet bietet stattdessen säkularen Trost für Millionen an. Sie werden auch nach ihrem Tod nicht allein gelassen – jedenfalls nicht als digitaler Schattenriss im sozialen Netz. Wer will, kann sein ganzes Leben als biografische Website post mortem unsterblich machen. Das Einzige, was fehlt, sind wirkliche Tränen auf dem elektronischen Friedhof.

Genug des kulturpessimistischen Gejammers. Es gibt eine altmodische Lösung aller Einsamkeitsprobleme. Vor uns liegt ein literarisches Jahrhundertwerk, Péter Nádas’ 1600 Seiten langer Roman „Parallelgeschichten“. Wer ihn liest, bleibt bei sich und ist doch nicht allein; denn das Wunder der Dichtung trifft auf das noch größere des menschlichen Gehirns: Die schwarzen Buchstaben verwandeln sich während der Lektüre in die bilderreiche, grausame, schöne, liebevolle, laute und zugleich wahnsinnige Geschichte unseres kleinen Kontinents. Die fantastische, demiurgische Kraft des Schriftstellers bevölkert die Welt des Lesers mit erstaunlichen Menschen, so er sich denn die Zeit nimmt, die sein Laptop ihm stehlen will. Wird der Roman auch als E-Book zu lesen sein? Gott behüte.

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