Kurz und Bündig - Alain de Botton: StatusAngst

Eigentlich meint es Alain de Botton gut mit uns. Er will helfen, Rat geben und Orientierung verschaffen. Viele seiner Bücher sind Brückenschläge von der Vernunft zur Liebe. Keine leichte Aufgabe. Oder doch? Bei de Botton scheint es fast so. Bekannt wurde er unter anderem mit «Trost der Philosophie». Dort fragte er nach dem lebenspraktischen Wert von Sokrates, Montaigne oder Nietzsche.

Eigentlich meint es Alain de Botton gut mit uns. Er will helfen, Rat geben und Orientierung verschaffen. Viele seiner Bücher sind Brückenschläge von der Vernunft zur Liebe. Keine leichte Aufgabe. Oder doch? Bei de Botton scheint es fast so. Bekannt wurde er unter anderem mit «Trost der Philosophie». Dort fragte er nach dem lebenspraktischen Wert von Sokrates, Montaigne oder Nietzsche. Leichtfüßig wie ein Flaneur hüpfte er durch ihre Schriften, pickte sich hier und da einen einfachen Gedanken – die schweren überlässt er den Universitäts-Philosophen –, und wie von Zauberhand wurden die Denker zu Helfern bei Unbeliebtheit oder Erektionsproblemen. Sehr unangestrengt las sich das. Der Preis: kaum geistige Reibungsfläche und ein eher mäßiger Erkenntnisgewinn. De Bottons jüngste Hilfe zur Selbsthilfe heißt «StatusAngst». Das Buch ist ein argumentativ fragwürdiger Essay aus Binsenweisheiten und privatem Geplauder. Eine philosophisch garnierte Vorspeisenplatte, gespickt mit Zitaten und Abbildungen, damit es besser rutscht. Zunächst untersucht der Autor die Ursachen der Status-Angst, dann begibt er sich in den Kampf gegen sie. Status-Angst definiert er so: «Wir fürchten, die von der Gesellschaft vorgegebenen Kriterien des Erfolgs zu verfehlen und folglich Ansehen und Respekt einzubüßen.» Etwas weniger gespreizt hätte das ein Laie ähnlich ausdrücken können. Nur ist de Botton eigentlich ein Experte – und sein Thema ein genuin soziologisches, weshalb nicht zu verstehen ist, dass er seine Nase weder in die Klassiker der Soziologie noch in die aktuelle Ungleichheitsforschung gesteckt hat. Sonst wäre ihm wohl aufgefallen, dass es nicht reicht, Status nur als «Wert und Bedeutung einer Person in den Augen der Öffentlichkeit» zu verstehen. Vielleicht hätte er auch nicht Status mit Prestige verwechselt. Oder wäre nicht daran vorbeigekommen, Statusordnungen als Geflechte asymmetrischer sozialer Beziehungen zu untersuchen. Freilich hätte dann ein so schlichter Gedanke wie: Status sei vor allem ein Mittel, um geliebt zu werden, keinen rechten Platz mehr gefunden. Kunst, Christentum, Politik, Boheme und natürlich Philosophie führt De Botton gegen die grassierende Status-Angst ins Feld. Er rät uns, «das Bewusstsein des eigenen Wertes zu stützen», statt uns von anderen verrückt machen zu lassen. De Botton, als eindeutiger Statusgewinner, hat da gut reden. Und dass er kurz zuvor festgestellt hat, wie sehr unsere Konstitution als Subjekt gerade im Kapitalismus vom Statusdenken fundiert wird, ist ihm da anscheinend bereits wieder entfallen.

 

Alain de Botton
StatusAngst
S. Fischer, Frankfurt a. M. 2004. 332 S., 19,90 €

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