Dschungelcamp - Akademiker entdecken das Trash-TV

Weg vom Trash-TV, hin zur gehobenen Unterhaltung: „Das Dschungelcamp“ ist längst nicht mehr nur etwas für die Unterschicht. Nach der 5. Staffel ist das peinliche Casting-Format in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Zwei Witzfiguren, die sich als Moderatoren getarnt haben: Dirk Bach und Sonja Zi
(RTL) Zwei Witzfiguren, die sich als Moderatoren getarnt haben: Dirk Bach und Sonja Zietlow

Schon gehört? Micaela Schäfer hat sich Botox in die Achselhöhlen spritzen lassen. Es ist nur ein kleiner Pieks für das Playmate, aber ein großer Eingriff für die Menschheit.

Schließlich wird uns Frau Schäfer in den nächsten vierzehn Tagen auf Schritt und Tritt verfolgen, egal, ob wir das wollen oder nicht. Wir werden erfahren, wie sie in Extrem-Situationen reagiert, wenn ihr Magen rebelliert, wenn das Klopapier nur zweilagig oder gar alle ist. Das Fernsehen wird uns ein  gestochen scharfes Psychogramm von ihr liefern.  

Die 28-Jährige ist eine von elf Kandidaten, die sich ins „Dschungelcamp“  begeben. Und wer die ersten fünf Staffeln dieser Show verfolgt hat, der weiß, was das bedeutet: ein mediales Trommelfeuer, das sogar die erwischt, die den Privatsender konsequent meiden.

Der Boulevard breitet aus, was Micaela Schäfer schon alles unternommen hat, um ins Fernsehen zu kommen. Als Kind hatte sie Ballettunterricht. Vielleicht wäre aus ihr eine passable Ballerina geworden, doch wen interessiert in unserer Casting-Gesellschaft, was eine(r) kann?

Ein Maximum an Aufmerksamkeit erreicht man mit minimalem Aufwand, das ist die Regel Nummer eins. Schwitzen für den Sieg ist out, auch darum hat sich die Arzttochter die Schweißdrüsen unter den Armen veröden lassen.

Es war nicht ihre erste Schönheitsoperation. Zuvor hatte sich Frau Schäfer schon die  Brüste auf Körbchengröße 80 D  aufpumpen lassen, um sich für Männermagazine zu entblättern. Es reichte sogar, um sich für den Einzug in die Big-Brother-WG bei RTL II zu qualifizieren. Bis zum Dschungelcamp war es nur noch ein kleiner Schritt.

Mit diesem Format ist es wie mit Herpes: Man kann ihm nicht entkommen. Einst als „Ekel-TV“ gegeißelt, wurde die Sendung im vergangenen Jahr als beste Show für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Der ging am Ende zwar an „Let‘s Dance“ (RTL), eine Art Tanztee für Dreiviertelprominente, die sich beim Sturz auf dem rutschigeren Parkett des Boulevard noch nicht schwer genug verletzt hatten, um sich fürs Dschungelcamp zu qualifizieren.

Doch alleine die Nominierung sollte das Format schon rehabilitieren. Seither müssen sich seine Kritiker fragen, ob sie der Sendung noch gerecht werden, wenn sie es auf seine – zugegeben – brechreiz-erregenden Mutproben reduzieren.

Erstaunlicherweise sind es die Massenmedien selber, die das Bild des Ekel-TV erst geprägt haben. Nirgendwo manifestierte sich der bigotte Umgang mit schönheitsoperierten  Busenwundern oder frühverrenteten Sportlern so deutlich wie in diesem Survival-Camp für Stars, die in Wirklichkeit niemals Stars  waren und es auch in Zukunft nicht mehr werden.

Seite 2: Postmoderne Variante der römischen Gladiatorenkämpfe

Die Medien hypen sie, indem sie ihnen einen Skandal nach dem anderen andichten. Und sie sehen darin nicht mal einen Widerspruch. Hauptsache, die Quote stimmt.  

Das ist die offizielle Seite des Dschungelcamps. An der Oberfläche kann man diese Show als postmoderne Variante der Gladiatorenkämpfe im römischen Circus Maximus betrachten. In der Antike mussten Sklaven gegen Nashörner oder Elefanten kämpfen. Ein archaisches „Event“, das die niedersten Instinkte seiner Zuschauer  bediente. Schadenfreude. Voyeurismus. Sensationslust.

Es ging um das Leben der Sklaven, um Alles oder Nichts. Dagegen ziehen die Sklaven der Casting-Gesellschaft freiwillig ins Dschungelcamp. PR in eigener Sache. Sie werden dafür sogar noch entlohnt. In dieser Staffel soll ihnen RTL bis zu 150.000 Euro zahlen.

Sie versuchen verzweifelt, fernab der Zivilisation an jenen Stoff zu gelangen, den sie beinahe noch dringender benötigen als die Luft zum Atmen: Aufmerksamkeit.

Sie kämpfen einen Kampf an zwei Fronten – gegen den inneren Schweinehund und gegen die Konkurrenz. Dass dieser Kampf heute in erster Linie verbal und non-verbal ausgetragen wird, liefert auch Intellektuellen einen willkommenen Vorwand, die Lektüre ihres „Ulysses“  zur Seite zu legen und RTL einzuschalten.

Von den über acht Millionen Zuschauern, die die Sendung 2011 verfolgten, hatte jeder dritte Abitur und jeder fünfte einen akademischen Abschluss.

Das spricht für das Niveau der Show. Es ist höher, als gemeinhin unterstellt wird.  Das Dschungelcamp ist ein selbstreferenzieller Kosmos, gespickt mit Gags und  untermalt mit Songs, die das Geschehen ironisch brechen. Wer jede Pointe verstehen will, muss sein Hirn anschalten, um die Codes und Anspielungen zu entschlüsseln.

Seite 3: Woher kommt der Slogan „Ich bin ein Star - holt mich hier raus“?

Nicht immer erschließt sich die Situationskomik so vordergründig wie am Ende der 4. Staffel, 2009. Da zogen die Kandidaten im Schlepptau der  frischgekürten Dschungelkönigin Ingrid van Bergen aus dem Camp, und die Macher   unterlegten das Szenario  mit einem Song der Indierocker Madsen: „Vielleicht ist das der Anfang, vielleicht ist das das Ende ... “

Ironie als Puffer zur Realität. So distanziert sich das Fernsehen von sich selber als Medium. Die Gags gehen nicht nur auf Kosten der Kandidaten. Auch RTL und seine Aushängeschilder bleiben nicht verschont. Das entschädigt Zuschauer für  geschmackliche Entgleisungen wie den pürierten Emu-Penis.

 „Wenn jemand im Camp auf einer Bambusflöte spielt, werden wir mit Sicherheit behaupten, dass da gerade ein Riesen-Supertalent entsteht“, sagt Co-Autor Micky Beisenherz, 34, der seit der vierten Staffel mit dabei ist.

Weder die Zuschauer noch die Kandidaten haben ihn im Camp je zu Gesicht bekommen. Dabei ist er einer der wichtigsten Kollegen in der RTL-Truppe. Zusammen mit seinem Kollegen Jens-Oliver Haas schreibt er die Texte für Dirk Bach und Sonja Zietlow – zwei  Witzfiguren, die sich als Moderatoren getarnt haben.

Ihre Kommentare sind das I-Tüpfelchen. Mal zotig, mal schlüpfrig, mal hinterhältig, mal pointiert schlagen sie Schneisen in das undurchdringliche Dickicht von belanglosem Geschwafel und menschlichen Abgründen.

„Harry Wijnvoord ist Mitglied der Initiative ,Schlafen muss olympisch werden‘“, ätzte Dirk Bach etwa in der zweiten Staffel über den ehemaligen Moderator der RTL-Quizshow „Der Preis ist heiß“.

Der hatte seinen Comeback-Versuch in der Horizontalen gestartet, bevor es ihm auch in dieser Position zu anstrengend wurde. Er verließ das Camp schon nach wenigen Tagen mit dem berühmten Schrei, der der Show ihren Titel verleiht: „Ich bin ein Star - holt mich hier raus.“  

Es sind solche vor Bosheit funkelnden Bonmots, die noch im Gedächtnis der Zuschauer bleiben, wenn die Namen der Kandidaten schon längst wieder verblasst sind. Beisenherz sagt: „Es gibt sogar Zuschauer, die sagen: Lasst die Mutproben weg. Macht lieber noch ein paar mehr Sprüche.“

Seite 4: Das Dschungelcamp entlarvt Ikonen als Schwätzer

Auf einer Metaebene funktioniert die Sendung als Satire auf eine Gesellschaft, die den berühmten Satz des Philosophen Descartes auf die Bedürfnisse der gecasteten Ex-und-Hopp-Stars umgemünzt hat: Cogito, ergo sum?

Das war gestern. Wenn in dieser Staffel der Ex-Profifußballer Ailton im Leoparden-Tanga und mit dem Wortschatz einer durchschnittlichen SMS und die generalsanierte Ex-Gattin von Sylvester Stallone, Brigitte Nielsen, in den Dschungel ziehen, dann geht es ihnen weniger um Selbsterkenntnis als um die  bloße Medienpräsenz – also darum, ihren Marktwert wenigstens kurzfristig zu steigern: „Ich werde gesendet, also bin ich.“

Man kann das unerträglich finden. Man kann diese Rollenspiele aber auch nutzen, um anhand der  Charaktere die Mechanismen der Casting-Gesellschaft zu studieren. Die Show zeigt, was von  Selbstdarstellern übrig bleibt, wenn sie auf sich selber zurückgeworfen werden.

In der letzten Staffel etwa entlarvte RTL die Ikone der 68er-Bewegung, Rainer Langhans, als das, was er in den Augen seiner Kritiker schon immer war: ein Faulpelz, ein Tagträumer, ein Schwätzer.

RTL zeigte ihn, wie er nach der Überschwemmung des Camps lieber in der Hängematte liegen blieb und über seinen Traum von einem neuen Wir-Gefühl schwadronierte, statt seinen Genossen bei der Räumung zur Hand zu gehen.

Es war einer jener magischen Momente, wie man sie im so genannten Reality TV sonst nur selten erlebt. Das Fernsehen riss dem Möchtegern-Revolutionär die Maske ab.

Zugleich zeigte dieser Moment aber auch die Grenzen des Genres auf. Zwar können die Macher das Image der Kandidaten durch die Auswahl der Bilder prägen. Doch ihr Spielraum ist beschränkt. „Wenn einer nur bekloppt ist, dann müssen wir ihn auch als bekloppt kennzeichnen. Und wenn jemand sympathisch ist, dann werden wir ihm auch keinen Strick daraus drehen“, sagt Micky Beisenherz. „Der Zuschauer würde das merken und uns dann nicht mehr folgen wollen.“

Es klingt beinahe zu schön, um wahr zu sein: Authentizität heißt das Erfolgsrezept. Dass ausgerechnet das Playmate Micaela Schäfer den Dschungel als Königin verlässt, ist also fraglich. In jedem ihrer Busen sollen 165 Gramm schwere Silikonkissen schlummern. Es werden schon Wetten abgeschlossen, ob sie reißfest sind.

RTL, „Ich bin ein Star - holt mich hier raus“, 13. Januar, 21.15 Uhr, danach täglich um 22.15 Uhr.
 

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