Der Papst tritt ab - Abgang eines Rebellen

Benedikt XVI. wird heute Abend nicht mehr Papst sein. Sein selbstbestimmter Abgang in die Stille zeigt einmal mehr: Hier war das Rebellentum Programm, hier saß ein Nonkonformist auf dem Papststuhl. Ein Kommentar von Cicero-Salonchef Alexander Kissler

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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Alexander Kissler

Gemeinhin sprechen wir den Ehrentitel des Rebellen Menschen zu, die einigermaßen erwartbare Meinungen vertreten. Um ein Querkopf zu sein, kann es genügen, sich für den Mindestlohn einzusetzen, für mehr Umweltschutz oder für weniger Auslandseinsätze der Bundeswehr. Seit Heiner Geißler punktgenau den Mainstream bedient, gilt er als Querkopf.

Benedikt XVI. war im Vollsinn römisch-katholisch und damit innerhalb seiner Kirche, erst recht aber in der säkularen Welt ein Störenfried, ein Outsider, ein Querulant. Längst nämlich hat sich fast unumschränkt das schiefe Bild etabliert, alle Religionen wollten irgendwie dasselbe und jede Kirche sei eine Moralanstalt. Dass das Christentum aber keine neue Moral in die Welt brachte, sondern Gnade und eben diesen Gottmenschen Jesus, taugt fast nur noch für Hinterzimmergespräche. In der Öffentlichkeit vermitteln auch Kirchenbestallte gerne den Eindruck, sie meinten es ja gar nicht so ernst mit diesem Glauben, Hauptsache, man hat sich lieb. Benedikt hingegen stellte die ersten und die letzten Dinge vom säkularen Kopf auf die eschatologischen Füße: „Die Kirche besteht, damit wir in ihr Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes, begegnen.“ Und: „Das und nichts anderes ist das Ziel der Kirche: die Rettung der Seelen, jeder einzelnen Seele.“

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Schon als Erzbischof von München und Freising kollidierte Joseph Ratzinger mit deutschen Gepflogenheiten. „Wissen Sie“, sagte er einmal zu dem Philosophen Robert Spaemann, „was das größte Problem der Kirche in Deutschland ist? Sie hat zu viel Geld.“ Zwei sanfte Standpauken erklangen darum viele Jahre später in Freiburg. Am 25. September 2011 ermahnte er dort die kirchlichen Routiniers: Ihnen, den oft gut dotierten Verwaltern, stellte er die Agnostiker entgegen: „Agnostiker, die von der Frage nach Gott umgetrieben werden; Menschen, die unter unserer Sünde leiden und Sehnsucht nach dem reinen Herzen haben, sind näher am Reich Gottes als kirchliche Routiniers, die in ihr nur noch den Apparat sehen, ohne dass ihr Herz vom Glauben berührt wäre.“ Benedikt nahm es sich heraus, einen „erneuerten Glauben“ bei denen einzufordern, die diesen professionell verwalten, bei den „religiösen Experten“. Er streute Salz in Wunden, die man bereits verheilt wähnte.

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Tags darauf bekanntlich lautete sein Vermächtnis: Kirche von Deutschland, entweltliche dich! Wenn du, Kirche, nicht schleunigst auf Macht verzichtest, werden deine Feinde dich machtlos machen – vielleicht die organisierten Laizisten und Atheisten, vielleicht konkurrierende Religionen. „Das missionarische Zeugnis der entweltlichten Kirche“, so Benedikt, „tritt klarer zutage. Die von ihrer materiellen und politischen Last befreite Kirche kann sich besser und auf wahrhaft christliche Weise der ganzen Welt zuwenden, wirklich weltoffen sein.“ Wenn die Kirche aber selbst Welt ist, wenn sie nach weltlichen Maßstäben organisiert wird und weltliche Dinge tut, ist sie kein unbescholtener Tröster mehr für jene, die an der und in der Welt leiden. Wer eigene Interessen hat in der Welt, kann der Welt nicht unvoreingenommen gegenübertreten. Wer mitmischen will auf dem Weltmarkt, wird als dessen Schiedsrichter nicht akzeptiert werden. Muss die Kirche, ließe sich mit Benedikt fragen, so viele Grundstücke besitzen und so viele Geschäfte betreiben? Eine entweltlichte Kirche darf nicht selber global player auf den Finanzmärkten sein, und sie darf nicht vom Ehrgeiz getrieben sein, in den Medien bella figura zu machen. Verweltlichung also, wie sie vorherrscht, ist Weltflucht; Entweltlichung, wie sie laut Benedikt sein sollte, wäre Weltoffenheit.

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Erster Kritiker seine Kirche konnte, ja musste Benedikt werden, weil für ihn klar war: Christen sind Nonkonformisten. Sie marschieren nicht mit, wenn die Massen paradieren. Eine letzte Reserve haben sie gegenüber all dem, was in der Welt wichtig ist und Freunde bringt und Ansehen schafft. Am Nonkonformismus soll man die Christen erkennen. Im römischen Priesterseminar, sagte er 2012: „Wir wollen nicht immer konform, angepasst sein, gelobt werden, wir wollen nicht den Schein, sondern die Wahrheit, und das gibt uns Freiheit, und zwar die wahre christliche Freiheit: das Freisein von dieser Notwendigkeit, gefallen zu wollen, so zu reden, wie die Masse denkt, dass es sein müsste.“ Ergo nahm er sich die Freiheit, im gleichen Atemzug die Abholzung der Wälder und die Abtreibung von Menschen zu kritisieren, hielt er die klassische Familie hoch und warnte im Rahmen derselben „Humanökologie“ vor Experimenten am Menschen.

Dass nun der Papst der Worte sich in die Stille zurückzieht, ist nicht nur ein Akt mystischer Selbstverpuppung. Es ist auch der Praxistest auf seine eigene Theologie des Schweigens. Am Ende, sagt dieser Akt noch einmal, kommt es nicht auf die Worte an, nicht einmal auf die Person dessen, der sie gesagt hat. Am Ende zählt nur, sich selbst treu zu bleiben und dem Gewissen zu folgen.

In der nächsten Woche erscheint von Alexander Kissler: „Papst im Widerspruch. Benedikt XVI. und seine Kirche 2005-2013“ (Pattloch).

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