- Tragischer Kritiker unserer Moderne
Martin Heidegger, dessen Todestag sich zum 50. Mal jährt, bleibt eine Provokation – auch für den politisch korrekten Zeitgeist. Doch zu spät erkannte er den Nationalsozialismus als Produkt der verachteten Moderne. Hier liegt sein eigentliches Versagen.
Die moralische Inquisition kann gnadenlos sein. In der Borniertheit ihrer Urteile. In ihrer Härte. Vor allem aber auch in ihrer brutalen Einfalt. Es langen ein paar Reizworte: Antidemokrat, Antimodernist und der definitive Nackenschlag: Nazi. Jedes Nachdenken scheint sich dann zu erübrigen. Moral als Denkersatz.
-
Monatsabo (im 1. Monat) 2,00 €
Das Abo kann jederzeit mit einer Frist von 7 Tagen zum Ende des Bezugzeitraums gekündigt werden.
Der erste Monat kostet 2,00 €, danach 9,80 €/Monat.
Ohne Abo Lesen
Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.
"Sein und Zeit" war vor fast exakt 100 Jahren bahnbrechend, und im Zeitalter von KI ist seine Technikskepsis aktueller denn je. Gerade deshalb sollte sein tiefsitzender Antisemitismus und seine Nazi-Anbiederung nicht ausgeblendet werden. "Tragischer Kritiker" erscheint mir deshalb nicht zutreffend. Rätselhaft ist auch die jahrzehntelange Bewunderung Hannah Arendts für ihn.
Demnach schützte Frau Arendt Herrn Heidegger et vice versa? ...und da war sicher Liebe.
Bahnbrechend war Heidegger wohl doch?
Nietzsche verstand er ausreichend, wie sein Satz bezeugt "Nun kann uns nur noch ein Gott retten".
Mitt aller mir möglichen Vorsicht und Vorbehalt habe ich diesen Gott Nietzsches, aber auch Kants, Mozarts, Goethes etc. eventuell herausgestellt, "Die Ewigkeit" oder "Die Königin der Nacht" oder "Der gestirnte Himmel über uns".
Ich denke mal, bin aber nicht der Debatten kundig, dies blieb nicht unbeantwortet seitens unserer Philosophinnen und Theologinnen.
Läuft das nicht unter "Gender Studies"?
Da schreibe ich auch "unserer" und meine sogar die Welt...
Von Heidegger kenne ich nur genau "Identität und Differenz", bei Ihnen weiss ich jetzt nicht, ob ich Sie richtig lese.
Ich würde es genau andersherum sehen?
Nietzsche steht für Moderne und da lag sicher auch seine Faszination für Nationalsozialisten.
Heideggers Kritik an der Moderne wäre demnach ein Missverständnis der Schriften Nietzsches?
Die Faszination der NSDAP für das aufstrebende Bürgertum und vor allem die technische Intelligenz lag m.E. an der Moderne der NSDAP, eben nicht an "Blut und Boden" oder "Antisemitismus/Rassegesetzen"
Heidegger war aber evtl. für Letzteres anfällig, weil er Nietzsche nicht ausreichend verstand?
Nietzsches Schwester und Schwager waren bekennende Antisemiten.
Nietzsche wehrte das nicht ausreichend ab.
Jetzt bin ich verunsichert
Das ist unser Vermögen, wenn auch nicht so sehr meines; aber deswegen gebe ich mir ja Mühe, mich immer ein bisschen einzuarbeiten.
Technik ist kein "Teufelszeug", aber zuletzt sicher auch kein
"Spielzeug".
Wir dürfen an das Gute in uns glauben.
in einem lichten Moment kurz nach Kriegsende (meine Übersetzung):
"Eine weitere Frage, die es zu erörtern gilt, ist, ob Heideggers Philosophie nicht generell zu ernst genommen wurde, einfach weil sie sich mit den ernstesten Dingen befasst. Auf jeden Fall hat Heidegger alles getan, um uns davor zu warnen, ihn ernst zu nehmen. Bekanntlich trat er 1933 auf sehr sensationelle Weise der NSDAP bei – ein Akt, durch den er unter seinen Kollegen gleichen Kalibers ziemlich allein dastand.
Zudem verbot er in seiner Eigenschaft als Rektor der Universität Freiburg Husserl, seinem Lehrer und Freund, dessen Lehrstuhl er übernommen hatte, den Zutritt zur Fakultät, weil Husserl Jude war.
Schließlich wurde gemunkelt, er habe sich den französischen Besatzungsbehörden für die Umerziehung des deutschen Volkes zur Verfügung gestellt.
Angesichts der regelrechten Komödie dieser Entwicklung [..] neigt man neigt man natürlich dazu, sich nicht weiter mit der ganzen Geschichte zu beschäftigen."
Ich stimme Ihnen zu, lieber Herr Grau, gegen Heidegger kann man aus guten Gründen vieles einwenden, aber es sollte auf soliden Kenntnissen beruhen und die Komplexität seines Denkens nicht auf seine gröbsten Irrtümer reduzieren. Mit dieser Haltung, die für philosophisch ausgerichtete Menschen selbstverständlich sein sollte, hat man es aber in den Zeiten von Cancel Culture, Postkolonialismus, Gender etc. nicht leicht. Autoritär-moralische Hitzköpfe (m(w/d) wollen die gesamte Geschichte des philosophischen Denkens auf einige Gebote IHRER Gegenwart verpflichten und sie gründlich "säubern". Davon ist bekanntlich nicht nur Heidegger betroffen.
