Habermas
Jürgen Habermas im August 1981 in seinem Haus in Starnberg / picture-alliance/ dpa | Roland Witschel

40 Jahre Historikerstreit - Aus den Hohlwegen deutscher Erinnerungskultur

Der Historikerstreit vor vierzig Jahren wirkt auch heute noch nach. Die damals scheinbar geklärte Frage nach dem Selbstverständnis der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen ist mit ganz erstaunlichen neuen Fronten wieder offen.

Gerrit Dworok

Autoreninfo

Gerrit Dworok ist Dozent für Geschichtsdidaktik an der TU Braunschweig sowie Geschichtslehrer in Hannover. Er veröffentlichte 2015 die Monographie „Historikerstreit und Nationswerdung“.

So erreichen Sie Gerrit Dworok:

Der australische Historiker Dirk Moses sorgte 2021 für einiges Aufsehen, als er die deutsche Erinnerungskultur als religiöse Praxis im Sinne eines Katechismus bezeichnete – die „Bewältigung“ der mörderischen NS-Politik habe sich in einer moralisch aufgeladenen, priesterlich überwachten Reglementierung manifestiert, welche fünf Leitsätze umfasse:

Cicero Plus

Ohne Abo Lesen

Mit tiun erhalten Sie uneingeschränkten Zugriff auf alle Cicero Plus Inhalte. Dabei zahlen Sie nur so lange Sie lesen – ganz ohne Abo.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa., 11. April 2026 - 16:52

Entwicklung sprechen und da wäre zwar vieles, das mir die menschliche Entgleisung, den Zivilisationsbruch, den der Holocaust darstellt, besser erklärt, gleichzeitig steigt jedoch mein Entsetzen darüber, zu was eine christliche und Kulturnation 1. GÜTE in der Lage war.
Verzweiflung, Aussichtslosigkeit, Aufbegehren ff kann alles sein, aber im Nationalsozialismus wurde evtl. die Auslöschung nicht nur des jüdischen Volkes zum Weg einer "kulturellen Hegemonie" gemacht?
Da kann ich mich nur schuldig fühlen als Deutsche.
Mache das jede Nation, jeder Staat mit sich selbst ab, als Deutsche muss ich mich für unsere Missetaten "rechtfertigen", besser, ich muss lernen, damit zu leben, mit Schuld.
Was auch immer wir Deutschen uns als neue Ziele setzen und wir wurden ja nicht von der Erde getilgt, das Schuldbekenntnis steht FÜR MICH an erster Stelle.
Da mögen andere befreiter voranschreiten,
Man überlege nur bitte verantwortungsbewußt, was BEZUGSPUNKT unserer Nation, unseres Staates etc. sein kann.

Jens Böhme | Sa., 11. April 2026 - 17:24

Ein Volk ohne nationaler Identität ist kein Volk. Man kann den kosmopolitischen Sozialismus der Deutschen - der fleissig in Medien und Öffentlichkeit getrommelt wird - mit Flatterstrom, Radwegen und Bio-Kleinfelderwirtschaft herbeiphantasieren. Den anderen Völkern mit nationaler Identität ist der moderne Kosmopolitismus Deutschlands einerlei bzw. kommt monetär und wirtschaftlich dort gut an. Die Gefahr, dass Deutschland wieder eine Wirtschaftsnation wird, minimiert sich täglich.

Thorwald Franke | Sa., 11. April 2026 - 18:30

Der tiefere Kern der Debatte wird vom Artikel noch gar nicht ausgesprochen: Im Tiefsten geht es um die Frage, ob der Holocaust der logische Zielpunkt der deutschen Kultur und Geschichte war, und Hitler der deutscheste der Deutschen. Denn wenn das so sein sollte, dann gilt "Deutschland verrecke".

Dieser hohle Satz, der heute an manchen Buchhandlungen angeschrieben steht, die doch Orte des Geistes sein sollten, fasst eine ganz starke Tradition im Umgang mit dem Holocaust zusammen: Den Selbsthass.

Natürlich ist das Unfug. Das lernen wir z.B. aus den Worten von Oskar Maria Graf 1933: "Und die Vertreter dieses barbarischen Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch rein gar nichts zu tun hat, unterstehen sich, mich als einen ihrer ‚Geistigen‘ zu beanspruchen, ... Diese Unehre habe ich nicht verdient! ... Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach!"

Markus Michaelis | So., 12. April 2026 - 00:39

Diese Frage hat eine gewisse Relevanz. "Kosmopolitisch" scheint mir zu selbsterklärt: will den die ganze Welt dieselben Ziele verfolgen, wie deutsche Kosmopoliten? Mir scheint nicht. Verfassungspatriotismus: Verfassungen sind dafür da, dass sich "gegnerische" Gruppen geordnet auseinandersetzen können. Verfassungspatriotismus scheint sagen zu wollen, dass es keine Gegner zu geben hat, weil alle die gesetzten Regeln einzuhalten haben. Gegen Rassismus, für Menschlichkeit und Gerechtigkeit: dieser Ansatz scheint mir davon auszugehen, dass es keine wirklichen, offenen gesellschaftlichen Fragen gibt, sondern schlimme Gruppen richtig böser Menschen oder wenigstens richtig böser Motive. Auch da gibt es nichts zu verhandeln, das muss einfach gestoppt werden.

Das ist alles ok und gut gemeint, aber als Basis für eine Gesellschaft finde ich es nicht überzeugend. Viele Ansätze finde ich auch zu religiös. Die Frage scheint berechtigt: was ist denn nun diese Gesellschaft, was nicht?

Dorothee Sehrt-Irrek | So., 12. April 2026 - 08:36

Antwort auf von Markus Michaelis

ich halte Herrn Hitler für jemanden, der sich in den Deutschen irrte und sie in ihm und zwar besonders darin, dass er sie wortwörtlich nahm, ohne auch nur einen blassen Schimmer von der Tragweite ihrer Traditionen und Visionen zu haben, sie ihn wiederum ideell.
Wenn so eine Person der Geschichte und die Tragweite schien er zu haben, wenn er z.B. Friedrich Nietzsche las, dann las er darin evtl. die "Lizenz zu vernichten"?
Viele seiner Zeitgenossen verstanden Nietzsche nicht, darunter m.E. auch Wagner.
Nietzsche würde ich auch eher als "Ideell-Deutschen" lesen, wie z.B. auch Heinrich Heine, egal wo sie nun geboren wurden.
Damit sind wir m.E. bei dem Begriff der Kulturnation, dem Anbauen, dem Bewirtschaften, dem Aufbauen, kurz, dem Deutschen Idealismus.
Der Zivilisationsbruch ist meiner Meinung nach nicht geeignet, die Deutschen zu erfassen, höchstens "negativ".
Sie sind also, wie Celan richtig betrauert - negativ gesehen - "ein Meister des Todes"?
Auch für sich selbst...bis zum Untergang

Achim de Jong | So., 12. April 2026 - 23:37

Wer kennt es nicht: ein Blitz schlägt ein, der trockene Wald fängt Feuer, ein ganzes Areal fackelt ab, und mit ihm die Pflanzen, die Tiere, die dort beheimateten Lebensgemeinschaften. So ist es auch mit Revolutionen, und die Machtergreifung der Nationalsozialisten war nicht weniger Revolution, als der Putsch der Bolschewiki. Und zurück bleibt erst mal verbranntes Land. Aber das Leben erholt sich, und neues Grün wächst aus der Asche. Und so ist es mit der Shoah. Sie lehrt nichts, sie beweist nichts, sie ändert nichts. Ein Totenkult führt nicht zum Besseren.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mo., 13. April 2026 - 08:28

Antwort auf von Achim de Jong

Sie würden die Shoa als "Revolution" bezeichnen?
Der Nationalsozialismus war eine Machtergreifung, vermutlich unter anderem auch als Reaktion auf die russische Oktoberrevolution.
Deshalb würde ich den Nationalsozialismus historisch nicht isoliert betrachten.
Wenn man sie gelassen hätte, wären vielleicht auch viele der später Verfolgten daran beteiligt gewesen?
Die Shoa war m.E. ein Verbrechen, wie es die Welt bis dahin nicht gesehen hat.
Es gab keinen Grund dafür, wenn man das Christentum als Weiterentwicklung des jüdischen Glaubens verstand oder sich selbst gar als Überwindung auch des Christentums.
Ich befürchte, dass sich Hitler als Führer der Welt in diesem Sinne verstand.
Selbst durch Hitler war also die Shoa ein "mörderischer Wahn"!
Was sagt uns also die Shoa über ihre Tragweite?
Sie ist absolut erschreckend und ich frage mich nicht, "what comes next", obwohl sich evtl. teils "Entwicklungen" abzeichnen in Richtung "Gutmenschentum", "gerechter Krieg ff?
Ich versuche Zivilisation..

das mir persönlich Sorge bereitet, neben vielem anderen?
Eine Entwicklung, die man vielleicht titeln könnte "Der Mensch wird Gott".
Obwohl doch damit gemeint sein könnte, dass sich der Mensch seiner Verantwortung stellen muss!
Gar nichts tun, ist auch keine Lösung.
Ich lasse jedenfalls nicht von dem Beweis, dass Gott Liebe ist, der Beweis in seinem Sohn Jesus Christus.