20er Jahre - Zurück oder Zukunft?

Charleston, Jazzclubs und Absinth: Die 20er-Jahre werden immer wieder zu einer einzigen Swing-Party verklärt. Dabei gab diese Dekade auch einen Vorgeschmack auf das dunkelste Jahrzehnt deutscher Geschichte. Mit der Realität des modernen Deutschlands hat diese Zeit nichts zu tun

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Grenzenlose Freiheit: Szene aus dem Film „Comedian Harmonists“ / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Zuletzt erschien von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Alexander Grau

Zahlenmagie ist, wie jede Magie, ziemlicher Unsinn. Die Zahl 13 bringt kein Unglück, die Zahl 7 ist weder heilig noch dämonisch, und Jahrzehnte haben keine Eigenschaften, die sich zyklisch wiederholen. Dass wir in wenigen Tagen in neue 20er Jahre schlittern, ist im Grunde also recht belanglos. Es könnten auch 10er oder 50er Jahre sein. Dass dennoch seit einigen Wochen viele gebannt auf die magische Zahl „20“ blicken, hat durchschaubare Gründe. Denn die 1920er sind nicht nur irgendein Jahrzehnt, sie sind ein Sinnbild.

Denn kaum ein Jahrzehnt löst bei progressiv fühlenden Menschen so positive Gefühle aus wie die 20er. Sie stehen für all die Werte, die den Apologeten des Zeitgeistes so wertvoll sind: für Aufbruch, Grenzenlosigkeit und Experimentierfreude. Nicht zuletzt durch die Popkultur hat sich ein Bild der 20er festgesetzt, wonach diese alles symbolisieren, was heutzutage unter progressiven Menschen als erstrebenswert und Fortschrittlich gilt: Emanzipation, sexuelle Freizügigkeit, Überwindung geschlechtlicher Schranken, grenzenlose Kreativität, Party und Tabufreiheit. Wir assoziieren schlanke Frauen im Flapper-Look mit tiefdekolletierten Charlestonkleidern, smarte Männer im Dinner Suit und Pomade im Haar, verrauchte Jazzclubs, Absinth und Opium, Foxtrott und Shimmy. Das trostlose Riesendorf Berlin lebt noch heute von dieser Fata Morgana.

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Christa Wallau | Sa, 28. Dezember 2019 - 15:22

Klar, Zukunft ist prinzpiell offen. Was sonst?
Aber die Zeichen stehen nicht auf "erfreulich" im Sinne einer für die Bürger g u t e n zukünftigen
Entwicklung.
Ist es wirklich so, daß der Vergleich der heutigen
Lage in DE mit der vor 100 Jahren n i c h t s mit der Realität zu tun hat, wie Sie schreiben, lieber Herr Grau?
Gibt es heute etwa keine "politische Gefahrenlage"?
Ich meine: Doch! Sie ist zwar eine andere als in den
20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, aber sie ist
ebenso real. Und sie wird wieder nicht erkannt!

Während damals zwei diktatorische Systeme sich anschickten, den Kampf um die Herrschaft aufzunehmen (wobei das Nazitum über den Kommunismus siegte), ist es heute der rabiate
Wirtschafts-Globalismus, der mit einem ebenso
gnadenlosen Klima-Fanatismus um die Eroberung der Hirne u. Herzen der Deutschen kämpft - und das mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.

Wer auch immer sich da durchsetzt,: Für Deutschland kann u. wird dieser Kampf n i c h t gut ausgehen.

Liebe Frau Wallau,

ganz richtig von Ihnen: "Und sie wird wieder n i c h t erkannt"
Vielleicht d a r f oder s o l l sie n i c h t erkannt werden?
Aufgrund merkelscher Politik wurden wir sensibler und salopp
formuliert: "Wir riechen den Braten vielleicht früher als gewollt.

Gisela Fimiani | Sa, 28. Dezember 2019 - 16:17

Die Beliebigkeit der Geschichtswahrnehmung ist, neben der „Naivität“, die Verweigerung der Wahrnehmung von Realität, ehemaliger, sowie derzeitiger. Eine Flucht vor den Mühen, die ein klares und kritisches Durch- und zu Ende Denken erforderte.

helmut armbruster | Sa, 28. Dezember 2019 - 17:19

und die Siegermächte haben D einen Friedensvertrag diktiert (verhandelt wurde nicht, es war wirklich ein Diktat), der D über viele Jahrzehnte zu Zahlungen und Reparationsleistungen verpflichtete, welche die deutsche Wirtschaftskraft bei weitem überstiegen. D konnte gar nicht so viel zahlen, selbst nicht bei Anspannung aller Kräfte.
Die Folgen dieser Überforderung waren die Hyperinflation 1923 (Millionen verloren ihre Ersparnisse) und die politische Radikalisierung.
Da gibt es nichts zu beschönigen.
Erst als die Siegermächte etwas einsichtiger wurden und die Zahlungen streckten, besserte sich die Lage. Aber nur bis zur Weltwirtschaftskrise Ende der 1920-iger.
Ich verstehe wirklich nicht, was es da zu bewundern und zu idealisieren gibt.

Dominik Roth | Sa, 28. Dezember 2019 - 19:53

Sie sagen es, Herr Grau. Die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts folgten auf den bis dahin tödlichsten Krieg in Europa, die jetzt kommenden 20er folgen auf die, meines Wissens, längste Friedensperiode die Europa je gesehen hat. Wer da Parallelen herstellt kann mit jedem anderen Jahrzehnt genauso Parallelen herstellen.

Ingo Kampf | Sa, 28. Dezember 2019 - 22:53

Das ist wohl heute , wie früher so. Berlin war verrückt und entgrenzt. Die Provinz war das nicht. Und zur Provinz gehörte damals alles, was nicht Berlin war. Die Hauptstadt hatte damals Siemens, AEG, Borsig und mehr. Insofern hatte die Hauptstadt ein höheres Sozialprodukt, als der Rest. Berlin hatte auch das Kaiser-Wilhelm-Institut, wo dann in den 30ern die erste Atomspaltung gelang. Nobelpreise in den harten Fächern holte Deutschland damals vielfach. Ein Abitur war eben noch ein Abitur und nicht einklagbarer Abschluss der neuen Hauptschule, die sich noch Gymnasium nennt. Das Land der Dichter und Denker war durch eine Welt-Übermacht geschlagen und durch eine Finanzkrise 1. Ordnung erschüttert. Spekulanten und Neureiche bestimmten vielfach die Szene. Bürgerliche Familien ohne Grundbesitz und „Realien“ wurden an den Rand gedrängt. Das Sprichwort damals war: Der Zug von Köln nach Berlin fährt ohne Lokomotive, weil genug Schieber drinnen sitzen!
Nicht zu vergleichen mit heute.

Günter Johannsen | So, 29. Dezember 2019 - 16:31

Stehen wir einer weiteren Zwangsvereinigung von Sozialdemokraten mit den Kommunisten? Da hat die SPD, die nun SED werden will, etwas nicht verinnerlicht. Wenn sich die Sozialdemokraten von ihren Berliner Genossen mit den Kommunisten vereinigen lassen, müssen sie schon sehr verzweifelt sein, denn die SED-Nachfolgepartei DIE LINKE will den Systemwechsel: „Wir stellen die Systemfrage! Für alle von den geheimen Diensten noch einmal zum Mitschreiben: Die, die aus der PDS kommen, aus der EX-SED, und auch die neue Partei DIE LINKE – wir stellen die Systemfrage.“ L. Bisky (SED/ LINKE) 1989 zeigte die unterdrückte DDR-Bevölkerung klar und deutlich, was sie von einem kommunistisch-vormundschaftlichen System hält! Was die SED/LINKE heute will, zeigt die wieder ganz offen, in dem sie den Willen des Souveräns ignoriert: Kommunismus, zweiter Versuch! Kurt Schumacher (SPD): "Kommunisten sind rotlackierte Nazis. Ihnen ist gemeinsam der Hass auf die Demokratie und der Hang zur Gewalt!"

Günter Johannsen | So, 29. Dezember 2019 - 16:56

Greta, die "Prophetin" der grün-linken Panik-PR im großen Stil leidet am "Asperger Syndrom" (eine seltene Art von Autismus). Die weiß wahrscheinlich gar nicht, wovon sie spricht bzw. was sie da vorliest. Man benutzt sie nur, um Kinder und Jugendliche hinters grün-rote Licht zu führen. So versuchte man im DDR-Kommunismus die Menschen zu verblöden. Auf diesem Niveau ist unser linksdominiertes System in Gesamtdeutschland schon angelangt! Grauen Eminenzen stehen links-außen. Die Methoden sind altbekannt: man instrumentalisiert Unmündige, um ein ganzes Volk zu beherrschen. Die Grün-Linken irrten in den 68ern schon einmal! Die Urheber der Greta-Histerie haben sich schon einmal in den 68ern für viele Kinder sehr folgenschwer geirrt, in dem man im Zuge der "sexuellen Befreiung" Sex mit Kindern salonfähig machte. Viele der "Befreiungsopfer" leiden heute noch daran! Ist jetzt mit "meine Oma ist ne alte Umweltsau" eine neue "Qualität"
(Stufe 2!) erreicht? Eltern: achtet auf eure Kinder!!!

Rob Schuberth | So, 29. Dezember 2019 - 18:56

Mit Geschichte ist es so eine Sache.

Historische Berichte. wie Z. B. Überlieferungen, Berichte v. Zeitzeugen uvm., sind meist gar nicht so objektiv wie sie im Nachgang (also einige Jahrzehnte oder gar ~hunderte später, dargestellt werden.

Für mich zeigt sich s. ein paar Jahren zum Einen einfach eine Art Wiederholung (die Eliten, Superreichen u. ä. neigen mehr u. mehr erneut zur Dekadenz).

Das hat schon das Römische Imperium einstürzen lassen u. war in den "goldenen 20ern" auch nicht anders.
Dekadenz steht oft am Anfang gravierender Veränderungen, meist geht etwas zu Ende.

Ich kann nur hoffen, dass die sich nun wieder zeigende Dekadenz der verantwortlichen Gruppen nicht wieder so ein VORzeichen ist.

In jedem Ende wohnt auch ein neuer Anfang inne.
Hoffen wir, dass es nicht zu schlimm werden wird.
Aber die Zeichen stehen auf Sturm.
denn die Verantwortlichen (inkl. vieler Medien) haben viel zu lange weggesehen u. Dinge verdrängt. DAS aber wird sich bald rächen.

Günter Johannsen | So, 29. Dezember 2019 - 19:46

Auf so manchen Aufbruch folgt ein Einbruch im Sinne von Zusammenbruch. Experimentierfreude auf wessen Kosten: Emanzipation, sexuelle Freizügigkeit, Überwindung geschlechtlicher Schranken, grenzenlose Kreativität, Party und Tabufreiheit? Dabei geht es immer nur um "Freiheit von … ! Frage jemand nach Freiheit wofür … ? Z.B. Freiheit von Ideologie, Selbstsucht, Machtgier … für ein humanes und wirklich tolerantes und menschliches Miteinander? Die Ideologie hat darauf nur eine Antwort: ICH bin die Richtige! Wer nicht an mich glaubt, ist auf dem falschen Weg … schlimmstenfalls Nazi!
Ergo: Vorwärts, wir schreiten zurück, oder ??!