- Fliegend die Welt verstehen
Antoine de Saint-Exupéry wurde berühmt als der Autor des „Kleinen Prinzen“ und viel gelesener Fliegerbücher. Sein Leben und Tod sind ein Spiegel der Geschichte Frankreichs. Seine ewige Suche nach dem wahren Leben machte den Einzelgänger und Individualisten zu einem Sinnbild der Moderne.
Es ist der 31. Juli 1944. Obergefreiter Horst Rippert befindet sich mit seiner Me 109 auf einem Aufklärungsflug rund um Toulon. Südöstlich Marseille sichtet der junge deutsche Pilot eine Lockheed P-38 Lightning mit französischen Hoheitsabzeichen. Lehrbuchmäßig nähert sich Rippert der Maschine auf zweihundert Meter und drückt auf die Waffenknöpfe. Metallteile fliegen von dem Gegner weg. Dann stürzt er ins Meer. Ob es dem Piloten gelingt, rechtzeitig auszusteigen, nimmt er nicht mehr wahr.
Horst Rippert beendet den Krieg als Feldwebel mit 28 Luftsiegen. 1962 geht er zum neu gegründeten ZDF und wird ein bekannter Sportjournalist, berichtet von Fußballweltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Sein Bruder macht unter dem Pseudonym Iwan Rebroff Karriere.
Was Rippert nicht wissen kann: Der Pilot, den er damals über dem Mittelmeer abschoss, war kein anderer als der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry. Den deutschen Piloten war zwar bekannt, dass der Autor so erfolgreicher Fliegerbücher wie „Nachtflug“ und „Wind, Sand und Sterne“ (in Deutschland fünf Tage nach Kriegsbeginn erschienen) im Süden Frankreichs patrouillierte. Doch erst Jahre nach dem Krieg dämmert Rippert, wessen Leben er damals möglicherweise beendet hat.
Im Jahr 2000 schließlich finden Taucher das Wrack von Saint-Exupérys Lockheed. Vier Jahre später kann die Maschine identifiziert werden. Der Unterwasserarchäologe Lino von Gartzen nimmt die Fährte auf, arbeitete sich durch die Unterlagen der in Südfrankreich stationierten Jagdeinheiten. In den Papieren der 3. Staffel der Jagdgruppe 200 stößt er auf den gesuchten Eintrag. Aus einer Vermutung wird Gewissheit.
Schon als Zwölfjähriger begeistert er sich für das Fliegen
Damit endet in Frankreich zugleich eine lange geführte Diskussion über den Tod Saint-Exupérys. Wurde er wirklich abgeschossen? Oder einfach Opfer eines Unfalls? Hatte er, deprimiert und perspektivlos, vielleicht sogar Selbstmord begangen? Tatsächlich hatte Saint-Exupéry keine Starterlaubnis. Die Altersgrenze für Militärpiloten hatte er längst überschritten. Er war zu dick geworden für das enge Cockpit der Lightning. Mit der modernen Maschine kam der Flugromantiker aus der Doppeldecker-Ära nicht gut zurecht. Bei früheren Abstürzen hatte er sich einen Wirbel gebrochen. Trotzdem genehmigte man ihm aufgrund seiner Penetranz und Prominenz Anfang 1944 die Rückkehr zur Staffel. Offiziell erhielt er die Erlaubnis für fünf Flüge. Er machte zehn daraus. Der zehnte Flug wurde sein letzter.
Saint-Exupéry kommt am 29. Juni 1900 in Lyon zur Welt. Er wächst auf den Gütern der Familie auf und besucht verschiedene Internate. Schon als Zwölfjähriger begeistert er sich für das Fliegen. Es wird die Leidenschaft seines Lebens. Nach dem Baccalauréat studiert er kurz Architektur. Während seines Wehrdienstes wird er Flugzeugmechaniker. Für die Ausbildung zum Piloten fehlt ihm ein Vorbereitungsschein. Also nimmt Saint-Exupéry private Flugstunden.
Nach einem Flugzeugabsturz gibt er die Fliegerei mit Rücksicht auf seine damalige Verlobte – die Schriftstellerin Louise de Vilmorin – auf. Die Beziehung zerbricht jedoch vor der Hochzeit. Die Liebe zur Fliegerei bleibt. 1926 lässt sich Saint-Exupéry bei einem Luftfrachtunternehmen einstellen. Es beginnt die für ihn wohl schönste und intensivste Phase seines Lebens: seine Jahre als Postpilot in Marokko.
Er geht zurück nach Nordafrika, um alte Zeiten zu beschwören
Saint-Exupéry liebt die weite der Wüste, die leere, karge Landschaft, die Einsamkeit über dem Sandmeer. Nur er, seine Maschine, der Himmel und das endlose Nichts unter ihm.
Immer wieder müssen die Piloten notlanden, weil sie Maschinen einen Defekt haben oder die Orientierung verlieren. Insgesamt 14 Kameraden kann Saint-Ex, wie ihn seine Freunde nennen, retten. Allerdings verlieren zahlreiche Kollegen bei Abstürzen ihr Leben oder werden von Berbern entführt. Nicht alle kann man freikaufen. Auch Exupéry entkommt mehrfach dem Tod nur knapp. Anders als anderen Franzosen gelingt es ihm jedoch, zu den Berbern eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen.
1930 geht Exupéry nach Argentinien, um dort eine Flugpostlinie einzurichten. Seine Erfahrungen verarbeitet er in dem Buch „Nachtflug“. Überwältigt vom eigenen Pathos plädiert der Autor dafür, Einzelne gegebenenfalls einer großen Idee zu opfern. Denn schließlich gibt es etwas, das das Menschenleben übertrifft.
Das Buch huldigt dem Zeitgeist und wird ein Erfolg, bringt seinem Autor aber kein Glück. Pilotenfreunde wenden sich von ihm ab. Die Aéropostale muss liquidiert werden. Er geht zurück nach Nordafrika, um alte Zeiten zu beschwören. Aber das funktioniert nicht. Sowohl als Testpilot für Wasserflugzeuge als auch bei einem Langenstreckenflugrekord kommt er anschließend fast ums Leben. Bei einem weiteren Rekordversuch von New York nach Feuerland verunglückt er erneut.
1943 veröffentlicht er das Buch, das ihn unsterblich machen sollte: „Le petit prince“
Seine Genesungsphase nutzt er, verschiedene alte und neue Text zu einem Buch zu vereinen. Es entsteht „Wind, Sand und Sterne“. Die Einleitung beginnt mit dem Satz: „Die Erde schenkt uns mehr Selbsterkenntnis als alle Bücher, weil sie uns Widerstand leistet. Nur im Kampf findet der Mensch zu sich selber. Aber er braucht dazu ein Werkzeug, einen Hobel, einen Pflug.“ Dieses Werkzeug ist Exupéry das Flugzeug. Mit seiner Hilfe kann man die Geheimnisse der Welt verstehen und das finden, was dem Menschen der Moderne abhandengekommen ist: Selbsterkenntnis.
Bei Kriegsbeginn dient Exupéry zunächst als Flugaufklärer. Nach der Kapitulation Frankreichs kehrt er zurück in die USA. Dort veröffentlicht er 1943 das Buch, das ihn unsterblich machen sollte: „Le petit prince“.
Im Grunde ist dieser Text eine Art Psychotherapie. Wie der gestrandete Pilot in der Erzählung soll der Leser mit Hilfe des kleinen Prinzen jenes Urvertrauen in die Welt wiedergewinnen, das ihm verloren gegangen ist. Denn nicht Technik und Fortschritt werden uns erlösen, sondern das Gefühl jener tiefen Verbundenheit mit der Welt, die Exupéry einst über der Sahara empfand. Ihren höchsten Ausdruck findet diese Weltverbundenheit in der Liebe, für die exemplarisch die Rose des kleinen Prinzen steht, ein Symbol für Exupérys Ehefrau Consuelo.
Ohne Flugzeuge kann Saint-Exupéry nicht leben. Also geht er zurück nach Europa, um wieder als Aufklärer zu fliegen. Doch nach einer Bruchlandung mustert man ihn aus. Er ist zu alt, zu krank. Mit Beziehungen schafft er es, noch einmal ein paar Flüge absolvieren zu dürfen. Gegen 8.30 Uhr am 31. Juli 1944 besteigt er ein letztes Mal ein Cockpit.
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Pioniere der Fliegerzeit – und Saint-Ex war einer davon – das aus meiner Sicht einmalige Glück hatte, in dieser Zeit am Steuer eines Flugzeuges zu sitzen, konnte nichts anderes gewesen sein als ein Mensch voller Leidenschaft. Das gilt in gewisser Hinsicht auch heute noch, aber die Fliegerei heute ist im Vergleich zu damals dann doch eine andere...
Pionier sein bedeutet: als erster etwas machen, als erster zu testen, ob und wie etwas funktioniert, als erster die Gefahren erleben und damit umgehen. Das macht niemand ohne Leidenschaft.
Zu erkennen, dass es zu Ende geht mit der persönlichen Fliegerei, der Körper einfach nicht mehr mitmacht, ist sicherlich mit das Schlimmste, was einen leidenschaftlichen Fliegersmann ereilen wird.
Saint Ex soll kurz vor seinem letzten Flug gesagt haben: „Ich kann es kaum erwarten, wieder in die Luft zu kommen. Dort bin ich zu Hause. Und wenn ich nicht zurück komme – auch gut.“
Die P38 war sehr schnell, schneller als die meisten Modelle der Me109.
Danke Herr Grau für diese kleine Biografie über den leidenschaftlichen Flieger und Schriftsteller Saint-Exupéry.
Als Buch schätze ich vor allem der kleine Prinz und daraus wiederum:
„Wenn Menschen gottlos werden, dann sind Regierungen ratlos, Lügen grenzenlos, Schulden zahllos, Besprechungen ergebnislos, dann ist Aufklärung hirnlos, Mode schamlos, sind Politiker charakterlos, Christen gebetslos, Kirchen kraftlos, Völker friedlos, Sitten zügellos, Verbrechen maßlos, Konferenzen endlos und ..."
