Geheime Autobiographie - 100 Jahre Warten auf Mark Twain

100 Jahre – so lange, das hatte Mark Twain vor seinem Tod verfügt, mussten verstreichen, bis seine „Geheime Autobiographie“ an die Öffentlichkeit gelangen durfte. Nun ist die Zeit verstrichen. Zu lesen bekommen wir ein Buch voller Erinnerungen: persönlich, authentisch und manchmal beleidigend für die Betroffenen

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(Herbert Tomlinson) Hannibal, Missouri, im Jahr 1902: Der 67-jährige Twain posiert vor dem Haus seiner Kindheit

Hundert Jahre! So lange hat die Welt auf die „Geheime Autobiographie“ von Mark Twain warten müssen. Denn erst hundert Jahre nach seinem Tod – so hatte es der Autor von „Tom Sawyer“ und „Huckleberry Finn“, von „Bummel durch Deutschland“ und „Knallkopf Wilson“ verfügt – durften seine Aufzeichnungen und Erinnerungen an die Öffentlichkeit gelangen; zu intim und persönlich, zu authentisch und manchmal beleidigend für die Betroffenen sei, was er der Nachwelt über sein Leben zu berichten habe.

Mark Twain, der als Samuel Langhorne Clemens am 30. November 1835 in Florida, Missouri, geboren wurde, starb am 21. April 1910 in Redding, Connecticut. Pünktlich im Jahr 2010 legten amerikanische Forscher den ersten Teil seiner „Geheimen Autobiographie“ vor, der jetzt auch auf deutsch erscheint; zwei weitere Teile sollen folgen. Nicht alles, was man darin zu lesen bekommt, ist freilich bisher unbekannt gewesen. Gegen den Willen des Dichters sind in den hundert Jahren nach seinem Tod bereits zahlreiche Fragmente ediert und in Buchform herausgegeben worden. Nun aber sind Twains autobiografische Schriften erstmals in vollem Umfang zu lesen – und zwar in der Gestalt, die ihm zu Lebzeiten vorschwebte: so assoziativ und unchronologisch, so ab- und ausschweifend wie möglich.

„Beginne an einem beliebigen Zeitpunkt deines Lebens“, formuliert Twain in der Vorbemerkung sein Credo, „durchwandre dein Leben, wie du lustig bist; rede nur über das, was dich im Augenblick interessiert, lass das Thema fallen, sobald dein Interesse zu erlahmen droht; und bring das Gespräch auf die neuere und interessantere Sache, die sich dir inzwischen aufgedrängt hat.“ So wird hier wild zwischen Jugenderinnerungen und Alterseinsichten gesprungen, zwischen Anekdoten und assoziativ dahingeplauderten Erinnerungen, die Twain in Florenz von 1904 an einem Stenografen diktierte. In einer Passage erzählt er vom New Yorker Gesellschaftsleben der 1890er-Jahre, in der nächsten von seiner ersten Reportage-Reise, die ihn in den 1860er-Jahren nach Hawaii führte, und landet schließlich bei seiner Jugendzeit im geliebten Missouri. Twains Heimatdorf Hannibal, das hier als nostalgische Idylle, aber auch als hinterwäldlerisches Kaff mit archaischer Sozialstruktur erscheint, taucht im „Tom Sawyer“ als „St. Petersburg“ wieder auf. Auch lernen wir das reale Vorbild des Huckleberry Finn kennen: Es ist ein gesetzloser Gesell namens Tom Blankenship, den der junge Samuel Clemens widerstrebend bewundert, und mit dem es später ein böses Ende nimmt.

So geht es hin und her und vor und zurück. Doch der Schein der Spontaneität und der Strukturlosigkeit trügt; gerade im fragmentarisch improvisierten Text findet Twain die wahrhaftigste Weise, um den bruchstückhaften, oft trügerischen Charakter der eigenen Erinnerung abzubilden. In das abschweifungsreiche Erzählen fügt er reihenweise Reflexionen über das autobiografische Genre und das Wesen des Gedächtnisses selbst. Gegenwart und Vergangenheit verschränken sich hier in erhellender und oft auch rührender Art; die farbige Rekapitulation von Jugendereignissen und die melancholische Erinnerung an längst verstorbene Freunde verbindet sich mit der immer wieder erhobenen Klage über Mühsal und Tücken des Erinnerns.

So gedenkt Twain etwa seines jüngeren Bruders Henry, der bei einem Unfall auf einem Mississippi- Dampfer ums Leben kam. Das Ereignis will Twain seinerzeit in mehreren Albträumen vorgeahnt haben. Um diese Traum-Erinnerungen strickt er seine Geschichte – und berichtet zugleich, wie er beides vor Jahren schon einmal beim Herrenabend in seinem Club erzählte. Von einem psychologisch gebildeten Freund wurde er daraufhin darüber belehrt, dass man beim Erinnern und Wiederholen derartiger Traumata irgendwann zu der – falschen – Überzeugung gelangt, dass man das Geschehen vorausgeahnt habe. Was wahr und was falsch ist, was erlebt und was geträumt, bleibt letztlich im Ungewissen. Und so ist es immer bei Twain: So wie er Zeit-, Erzähl- und Erinnerungsebenen miteinander verschränkt, verschafft er dem Erinnerten größte Präsenz, dementiert zugleich die Objektivität seiner Geschichte – und vermittelt dem Leser doch ein Gefühl von der Wahrhaftigkeit seines Berichts.

Foto: James Wallace Black/Kevin Mac Donnell

Seite 2: Die ergreifendsten Passagen hat Twain in einer Art Zwiegespräch mit seiner Tochter Susy verfasst

Die ergreifendsten Passagen der „Geheimen Autobiographie“ hat Twain in einer Art Zwiegespräch mit seiner Tochter Susy verfasst. 1872 geboren, begann sie mit dreizehn Jahren, ein Porträt ihres Vaters zu schreiben. In kurzen, orthografisch naiven, doch in der Betrachtung berührend reifen Sätzen schildert sie seine Erscheinung, seinen Charakter, seine Art des Umgangs mit den Schicksalsschlägen, die die Familie zu erleiden hatte, vom frühen Tod des geliebten Großvaters bis zur immer wieder aufflackernden Krankheit ihrer Mutter, Olivia Clemens. Vater Clemens kommentiert die Beobachtungen seiner Tochter mal zustimmend, mal liebevoll korrigierend, doch stets voller Stolz auf ihr Talent und ihre Klugheit und entwickelt so ein Bild auf sich aus der Perspektive des Kindes. Umso berührender, ja: herzzerreißend ist der Nachruf auf Susy, den man ein paar hundert Seiten später zu lesen bekommt: Im Jahr 1896 stirbt die geliebte Tochter mit nur 24 Jahren an einer Hirnhautentzündung.

Wie kaum ein anderer Schriftsteller vor ihm hat Twain seinen literarischen Stil aus der Aneignung nicht-literarischer Gattungen entwickelt; die größten Rollen haben dabei die journalistische Reportage und der Abendvortrag gespielt. Seinen Ruhm nährte und mehrte er mit ausgiebigen Lesereisen. Ein ganzes, in seinem sarkastischen Ton umwerfend komisches Kapitel schildert die Gepflogenheiten und Schwierigkeiten der in den 1870er-Jahren erblühenden Kultur der Vortrags- und Leseabende. Ebenso boshaft wie witzig beschreibt Twain die Eitelkeit und den Dilettantismus seiner Schriftsteller- Kollegen, die sich bei gemeinsamen Auftritten insbesondere in der Länge der Lesungen zu überbieten versuchen – und nicht begreifen, dass man die Aufmerksamkeit des Publikums eher mit kurzen und zugespitzten Texten erregt als mit uferlosem Geschwafel; eine Erkenntnis, die sich – wie jeder weiß, der einmal ein Treffen von Kulturwissenschaftlern besuchte – bis heute nicht hinreichend durchgesetzt hat.

Dem Twain-Freund wird mit diesem Kompendium das allergrößte Vergnügen bereitet! Gerade auch, weil der Originaltext von einem knapp 400 Seiten starken Anmerkungsband begleitet wird, in dem jede erdenkliche Referenz historisch und philologisch entschlüsselt und jede erdenkliche Gedächtnisschwäche genauestens überprüft wird; selbst die frühsten Kindheitserinnerungen von Twain werden anhand von Aussagen seiner damaligen Spielgefährten gegebenenfalls korrigiert. So erhält man hier – bei aller ausführlich dargelegten Abneigung des Autors gegen chronologische Lebensschilderungen „von der Geburt direkt ins Grab“ – eben doch eine lückenlose Biografie Mark Twains samt einem farbigen Panorama der amerikanischen Kulturgeschichte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dies ist eine editorische Großtat, für die den Wissenschaftlern des „Mark Twain Project“ ebenso zu danken ist wie dem Aufbau Verlag: Ach, würden wir in einer solchen, nicht nur akribischen, sondern gerade auch in der Übertragung der schweifenden, nah am Gesprochenen bleibenden Sprache durchweg gelungenen und originellen Übersetzung eines Tages auch Twains literarisches Werk auf Deutsch neu zu lesen bekommen.

Nach der Lektüre dieser beiden Bände begreift man jedenfalls noch besser und reflektierter, worin die Größe dieses Autors besteht und worin er seinen Zeitgenossen so weit voraus gewesen ist: in der sonderbaren Verbindung von Tradition und Moderne, von literarischem Avantgardismus und volkstümlichem, ja: populistischem Witz. Am besten liest man dazu parallel auch noch einmal den „Huckleberry Finn“, im amerikanischen Original oder in der sprachlich einzig kongenialen Übersetzung von Friedhelm Rathjen. Denn wie Twain dort aus dem scheinbar ungefilterten Slang der Mississippi-Anwohner eine köstliche literarische Kunstsprache entwickelt – so entsteht in der „Geheimen Autobiographie“ aus dem scheinbar ungefilterten Gang der Erinnerung ein Bild des Gedächtnisses und der Selbsterkenntnis, das so avantgardistisch und populär, so authentisch und dekonstruktiv ist, dass es kaum ein anderer moderner Autor hätte ausmalen können. Und so witzig und boshaft wie Mark Twain ist ohnehin keiner gewesen.

Foto: Aufbau Verlag

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