Siegfried Lenz
In der Verfilmung seines Romans „Das Feuerschiff“ hatte Siegfried Lenz 2007 einen Gastauftritt als Angler / picture-alliance/ dpa | DB Martinus Ekkenga

100. Geburtstag von Siegfried Lenz - Der Verkannte

Siegfried Lenz war einer der großen Autoren Nachkriegsdeutschlands. Seine manchmal ins Pädagogische abgleitenden Romane und seine Rezeption als politisches Gewissen haben verdeckt, was für ein wunderbar poetischer Erzähler er war.

Alexander Grau

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Zuletzt erschien von ihm „Die Zukunft des Protestantismus“ bei Claudius.

So erreichen Sie Alexander Grau:

Es gehört zur Tragik von Siegfried Lenz, dass sein berühmtester Roman zugleich sein schlechtester ist: „Die Deutschstunde“. Die Geschichte von Siggi Jepsen, der in einer Jugendbesserungsanstalt einen Aufsatz zu dem Thema „Die Freuden der Pflicht“ schreiben muss und sich dabei an seinen Vater erinnert, der als diensteifriger Polizist in der Endphase des Dritten Reiches einen Kunstmaler drangsaliert und dessen Gehorsam über das Kriegsende hinaus reicht, ist ein dermaßen plattes Gleichnis und von so penetranter Pädagogik, dass man sich fragt, wie ein solch eindimensionales Lehrstück zu einem der angeblich bedeutendsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur avancieren konnte.

Die simpel gestrickte Botschaft des Romans machte ihn allerdings zur idealen Schullektüre, was dazu führte, dass die „Deutschstunde“ Tausenden deutscher Schüler eben jene verdarb. Dass Lenz ganz nebenbei Emil Nolde, den nordfriesischen Expressionisten, in der Gestalt des Malers Max Ludwig Nansen zum Widerstandskünstler umschrieb, gab dem Ganzen immerhin eine komische Note.

Megahits können zum Fluch werden. Das gilt für Popmusiker ebenso wie für Schriftsteller. Zeit seines Lebens blieb Siegfried Lenz der Autor der „Deutschstunde“ und wurde so zum Aushängeschild eines liberalen Bürgertums, das sich im Zeichen der Vergangenheitsbewältigung den Ritualen des kritischen Denkens hingab – und dabei einmal mehr in die Falle des gedanklichen Konformismus tappte. Dabei hatte Lenz sehr viel mehr und Wichtigeres zu sagen und zu erzählen.

Staatsdichter und großartiger Erzähler

So wurde der 1926 in Lyck in Ostpreußen Geborene zu einem Seismografen der Stimmungslage der Bundesrepublik. Seine Romane, zumindest dort, wo sie die Themen der „Deutschstunde“ variierend fortschreiben, sind eine grandiose Quelle für all jene, die sich mit dem feuilletonistischen Zeitgeist der 60er- bis 80er-Jahre auseinandersetzen wollen. Jede Neuerscheinung von Lenz – mit der markanten Umschlaggestaltung von Werner Rebhuhn – geriet zu einer Weihestunde des deutschen Literaturbetriebs. War der vor wenigen Tagen verstorbene Jürgen Habermas so etwas wie der Staatsdenker der Bundesrepublik, so war Lenz ihr Staatsdichter.

Dazu trug selbstverständlich bei, dass Lenz tatsächlich ein großartiger Erzähler war. Anders als der immer etwas sperrige Günter Grass und der betuliche Heinrich Böll vermochte Lenz in seinen stärksten Momenten eine ganz wunderbare, traumwandlerische Melancholie zu entfalten, deren poetischem Sog sich der Leser kaum entziehen konnte. Insbesondere dann, wenn Lenz seine ostpreußische Heimat thematisierte – die Landschaft der Masuren, das Licht, die Farben, die Gerüche Ostpreußens –, zeigte sich seine erzählerische Kraft. Lenz hatte die hohe Fähigkeit, mit Worten zu malen. Dass er dabei nie ins Pathetische abglitt, sondern eine moderne, eher nüchterne Semantik und Syntax pflegte, zeigte sein feines Sprachgefühl.

Lenz ist der große Heimatschriftsteller der literarischen Moderne in Deutschland

Deutlich wird das bezeichnenderweise vor allem in seinen Novellen. Die sprachlich sehr bildhafte und mitunter märchenhafte Sammlung „So zärtlich war Suleyken“ gehört zu dem Besten und Schönsten, was die deutsche Literatur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Grandios, eindringlich und von warmer Nüchternheit ist sein Überraschungserfolg „Die Schweigeminute“, in dem sich ein Schüler in eine junge Lehrerin verliebt, die dann bei einem Unfall ums Leben kommt. Wunderbar auch die zwischen Realismus und Poesie mäandernde „Landesbühne“ oder die Erzählung „Die Maske“ aus dem gleichnamigen Erzählband. All diese Werke stammen bezeichnenderweise aus den Jahren nach der Jahrtausendwende, in denen Lenz sich von dem manchmal aufdringlich Parabelhaften seiner Erfolgsromane abwendet und seine Meisterschaft der feinen, stillen Zwischentöne demonstriert.

Lenz ist der große Heimatschriftsteller der literarischen Moderne in Deutschland. Die Schilderungen seiner alten (Masuren) und neuen (Norddeutschland) Heimat sind von feinfühliger wie unaufdringlicher Poesie. Obwohl sowohl mit Willy Brandt als auch mit Helmut Schmidt befreundet, hat Lenz die Bühne der Politik stets gemieden. Vielleicht hat er selbst gespürt, dass sein eigentliches Talent nicht im politischen Lehrstück lag, sondern in der sensiblen, genauen und stimmungsvollen Schilderung von Menschen, Seen, Wäldern und Küsten. Heute wäre dieser bedeutendste Poet unter den deutschen Nachkriegsautoren einhundert Jahre alt geworden.

Bei älteren Beiträgen wie diesem wird die Kommentarfunktion automatisch geschlossen. Wir bedanken uns für Ihr Verständnis.

Dorothee Sehrt-Irrek | Di., 17. März 2026 - 14:42

an ihn erinnern, Herr Grau.
Ich habe nicht soviel von ihm gelesen.
Das war mehr der Bereich meines Vaters.
Im Zentrum seines Schaffens steht für mich "So zärtlich war Suleyken".
Ein "moderner Heimatdichter", der aber doch ganz weit zurückreicht und vielleicht auch einer Heimat, die für uns versunken ist?
Norddeutschland und Zärtlichkeit bekomme ich doch nicht so ganz zusammen...
RIP