- Elizabeth II.: Die Illusions-Maschine
Vor einhundert Jahren wurde Elizabeth Alexandra Mary Windsor geboren. Als Elizabeth II. regierte sie siebzig Jahre. In dieser Zeit gelang ihr das Unmögliche: glaubhaft Unveränderlichkeit zu zelebrieren in einer Zeit, in der sich alles verändert. Mit ihrem Tod starb im Grunde auch die Monarchie.
Alles ist vergänglich. Nichts ist von Dauer. Menschliches erst recht nicht. Gerade deshalb jedoch suchen wir permanent Halt im vermeintlich Ewigen und umgeben uns mit Ritualen und Insignien des angeblich Zeitlosen. Es gehörte zu der Größe Elizabeths II., dass sie immer den Eindruck erweckte, sich der Flüchtigkeit aller Dinge nur zu bewusst zu sein – und gerade deshalb die Illusion des Dauerhaften zu zelebrieren. Diese permanente Zuschaustellung des Kontrafaktischen war ihre größte Lebensleistung. Ohne Zweifel war sie neben Queen Victoria die größte Monarchie-Darstellerin der Moderne.
Die Bilder der britischen Monarchie haben sich so sehr ins kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt, dass es schwerfällt, innere Distanz zu ihnen aufzubauen. Ringt man sich dennoch zu etwas nüchternem Abstand durch, fällt sofort auf, wie unendlich lächerlich die gesamte Veranstaltung ist. Es bedarf für einen denkenden Menschen ohne Zweifel einer erheblichen Selbstdisziplin, um in einer goldenen Kutsche durch eine moderne Metropole mit verglasten Hochhausfassaden zu fahren, ohne zum Clown zu werden.
Nicht zuletzt durch ihre Beharrlichkeit hat es Elizabeth II. geschafft, eine durch und durch anachronistische bis alberne Ästhetik, die schon im späten 19. Jahrhundert etwas von Mummenschanz hatte, ins 21. Jahrhundert zu retten. Die nonchalante Würde, die sie immer dabei ausstrahlte, verhinderte, dass den im Grunde lachhaften Zeremonien, deren subtile Zeichensprache ohnehin kaum noch jemand versteht, den vulgären Anstrich von Disneyland bekamen. Im Zeitalter von Smartphones mit Krone auf dem Kopf das Parlament zu eröffnen und dabei ernsthafte Würde auszustrahlen – das ist eine große Leistung.
Kluft zwischen aristokratischer Zurschaustellung und plebejischer Sehnsucht nach Emotionen
Allerdings hatte diese Inszenierungsleistung einen hohen Preis. Sie funktionierte nur, indem sich die Monarchin als Mensch vollkommen zurücknahm. Damit die Fassade hielt, musste sie sich ein Leben lang in eine Fassade verwandeln. Das ging so lange gut, wie die Menschen Halt und Orientierung im Ablauf der ewigen Rituale fanden, im dauernden Wechsel von Trooping the Colour und State Opening of Parliament, von Hochzeiten und Beerdigungen.
Risse bekam die Inszenierung, als das Publikum plötzlich mehr wollte als feierliche Gesten. In einer Gesellschaft, in der nicht mehr Disziplin zählt, sondern Empathie, nicht mehr Selbstbeherrschung, sondern Gefühligkeit, in einer solchen Gesellschaft reicht es nicht mehr aus, aristokratische Haltung zu wahren. Die postindustrielle Mittelschichtsgesellschaft will Rührseligkeit sehen.
Das erste Mal deutlich wurde diese Kluft zwischen aristokratischer Zurschaustellung und der plebejischen Sehnsucht nach Emotionen nach dem Tod von Lady Diana Spencer. Die adlige „stiff upper lip“, das Symbol dafür, keine Gefühlsregung zu zeigen, wirkte im Zeitalter massenmedialer Erregung und kollektiven Emotionstaumels für die meisten Menschen deplatziert. Selbst die einfache Regel, dass die königliche Standarte auf dem Buckingham-Palast nicht auf Halbmast gesetzt werden kann, wenn die Monarchin selbst gar nicht anwesend ist, überstieg den Horizont einer Gesellschaft, der Rituale wenig, Mitgefühl aber alles bedeutet. Als die Queen schließlich doch einlenkte und ihre Trauer medial kundtat, wirkte das wie eine Niederlage.
„Never explain, never complain“
Besonders verhängnisvoll erwies sich das königliche „Never explain, never complain“ in der Affäre rund um Prinz Andrew. In einem medialen Umfeld, in dem in Endlosschleife erklärt und gejammert wird, ist die Regel, niemals zu erklären und niemals zu klagen, bestenfalls ein rührender Anachronismus – schlimmstenfalls katastrophales Krisenmanagement. Hinzu kam, dass ausgerechnet die nach außen hin so unbeeindruckbare Monarchin im ungünstigsten Augenblick Gefühle zeigte – den Beschützerinstinkt einer Mutter gegenüber ihrem Sohn.
So bekam das Bild der großen Illusionistin nach über sechzig Jahren auf dem Thron doch noch Risse. Statt umgehend und schonungslos alle Verfehlungen Prinz Andrews offenzulegen und entsprechend zu ahnden, versuchte man sich jahrelang darin, die Affäre herunterzuspielen. King Charles hat nun eigentlich nur noch die Möglichkeit, den kaum noch beschränkbaren Schaden irgendwie doch noch zu beschränken.
In Zeiten, in denen aristokratische Tugenden als geradezu unmenschlich gelten, muss sich der Monarch volkstümlich geben – was ein Widerspruch in sich ist. Nur außergewöhnliche Charismatiker können diesen Brückenschlag bewerkstelligen. Damit aber hängt die Monarchie am Können eines Einzelnen – was wiederum der Logik der Monarchie widerspricht. Die Monarchie der Zukunft wird – wenn überhaupt – eine Institution bürgerlich-republikanischer Adelsdarsteller sein. Gut, dass das die Queen nicht mehr erleben muss. Heute wäre sie 100 Jahre alt geworden.
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Aristokratische Tugenden ? Eine arrangierte Hochzeit mit einer Braut aus dem "Hochadel“ (was immer das heißt), die dann ausrangiert wurde. Und der Trennungsgrund trägt heute mit allgemeiner UK-Zustimmung die Königinkrone. Man muss wohl Engländer sein oder ganz viel schwarzen Humor schätzen, um das zu verstehen.
Lieber Herr Grau, Ihre Fähigkeit zu glänzenden Analysen bewundere ich sehr.
Aber in diesem Artikel haben Sie nicht reflektiert, dass auch unsere realen Demokratien "gelebte Illusionsmaschinen" sind.
Der Ruf "No Kings!" ertönt schließlich - durchaus zu Recht! - am lautesten in den USA und nicht im UK.
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Überhaupt: Die staatlichen Rituale in Paris, Peking, Washington, Ankara, Kiew und Moskau zeigen mindestens eben so viel anachronistische bis alberne Ästhetik wie die Rituale in London.
Die Moral der Herrschenden ist ja auch in den Staaten ziemlich miserabel, die sich als "demokratisch" bezeichnen. Das ist in den USA wieder besonders deutlich zu sehen.
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Was die Ästhetik angeht: Rom, Versailles, Hampton Court, Windsor, Sanssouci, Wien werden auch heute noch von sehr vielen "einfachen" Menschen unserer Zeit als schön empfunden.
Also bitte etwas liebevoller mit den historischen Überbleibseln in der modernen Gesellschaft umgehen!
nicht nur in Monarchien, wie Herr Bühler in seinem Kommentar zu Recht schreibt. In Demokratien, die von einem Präsidenten repräsentiert werden, zeigt sich in vielen Fällen auch, wie sehr Anspruch u. Wirklichkeit bei ihnen auseinanderklaffen.
Menschen in hohen Positionen sollten doch eigentlich alle dem "einfachen" Volk Beispiele für gutes Benehmen, Stil, Moral und würdevolles Auftreten liefern, tun dies aber sehr oft keineswegs. Dennoch lassen sich viele Menschen von den schönen Bildern, welche ihnen die Medien (besonders die Boulevard-Presse) von diesen "Eliten" vorgaukeln, immer neu berauschen.
"DIE QUEEN" hat m. E. ihre Rolle, die äußerste Disziplin verlangt (!), hervorragend gespielt - mehr als 60 Jahre lang!
Deshalb gehört Königin Elizabeth II. meine volle Bewunderung.
Wenn es wieder eine ähnlich opferbereite Person gibt, welche die Rolle des Königs so wahrnimmt wie sie, hat die Monarchie in GB m. E. noch eine Chance.
Eine Queen wie Du u. ich kann u. wird es nie geben!
Königin Elisabeth II war eine außergewöhnliche Frau. Sie verkörperte Intelligenz, Disziplin, Leistungsbereitschaft, Fleiß und Hingabe, Würde und auch Distanz. Bis ins hohe Alter absolvierte sie anstrengende Programme, war in der Öffentlichkeit präsent , getreu ihrem Motto:“ I have to be seen to be believed“. Täglich bearbeitete sie die Post aus der Regierung.
Sie war eine Identifikationsfigur in einem mittlerweile tief gespaltenen, zerrütteten Land. Die von ihr verkörperten Eigenschaften, wie sie für ihre Generation noch selbstverständlich waren, sind heute selten geworden, vor allem beim politischen Führungspersonal. Das ist übrigens eines der Hauptprobleme unserer Gesellschaften, nicht nur der britischen.
Zwei Tage nach dem Antrittsbesuch von Liz Truss, den sie mit gewohnter Professionalität und Freundlichkeit absolviert hatte, hat sie der Lebenswille verlassen. Das war nicht mehr ihre Welt. Mit Elisabeth II ist eine Epoche zu Ende gegangen. Sie wusste das.
