August Diehl - „Vielleicht müssen wir bald gegen uns selber auf die Straße gehen“

August Diehl drehte bereits Filme mit Angelina Jolie und Quentin Tarantino. Im neuen Film „Wer wenn nicht wir“ spielt er den Lebensgefährten der einstigen RAF-Terroristin Gudrun Ensslin. Mit Cicero Online spricht er über den Dreh, über die RAF-Zeit und darüber, warum er in diesen Tagen gerne ein Ägypter wäre.

August Diehl
() August Diehl

Herr Diehl, hatten sie jemals ein „Wer-wenn-nicht-wir-Gefühl“?
Ich hatte sehr oft ein Gefühl des „Wann-wenn-nicht-jetzt“ und auch ein „Wo-wenn-nicht-hier“ ist mir nicht fremd.

Der Film, der die Beziehung zwischen der späteren RAF-Terroristin Gudrun Ensslin und dem Autoren Bernward Vesper zeigt, ihre Konflikte skizziert und ihr Scheitern an den politischen Verhältnissen darstellt, ist sehr nah an den Figuren. Wussten Sie gleich, worauf Sie sich da einlassen?
Nein, ich kannte Bernward Vesper nicht. Ich wusste, dass Gudrun Ensslin mit einem Schriftsteller zusammen war, aber der Name war mir entfallen. Ich wusste auch, dass es den Roman „Die Reise“ gibt. Als ich das Buch bekommen habe, wusste ich offengestanden überhaupt nicht, worum es geht. Der Titel des Drehbuchs „Wer wenn nicht wir“ hat mir dann sofort gefallen. Als ich es dann zu lesen begann, war ich fasziniert von dem Konflikt zwischen Bernward und Gudrun. Ich merkte erst nach und nach, dass es sich um die Vorgeschichte des deutschen Herbstes handelte. Für mich war es zunächst eine sehr private Geschichte, die dann zu einer historischen wurde.

Sie haben „Die Reise“ erwähnt, das Buch das Vesper geschrieben hat. Er arbeitet sich darin an seinem Vater ab. Der Film handelt auch von diesem Konflikt zwischen Vater und Sohn, von der Auseinandersetzung mit der Elterngeneration. Bernward Vesper ist hin- und hergerissen zwischen der Loyalität zum Vater auf der einen und der kritischen Haltung zum Nazivater auf der anderen Seite. War das auch einer der zentralen Konflikte, der sie persönlich interessiert hat?
Ja, aber ich würde es gar nicht Loyalität, sondern viel eher Liebe zum Vater nennen. Deswegen ist es für mich auch ein Liebesfilm. Nicht nur wegen der Beziehung zwischen Gudrun und Bernward. Beide, Gudrun und Bernward, haben wie viele ihrer Generation mit ihren Eltern gebrochen. Was sehr schwer sein muss, da man trotz allem seine Eltern liebt. Was macht man, wenn seine Eltern Nazis sind? Ich habe Bernward Vesper immer als jemanden gesehen, der erst durch die Liebe zu seinem Vater – die bis zum Schluss existierte – und später durch die Liebe zu Gudrun, zu Fall gekommen ist. Vielleicht ist das sogar der große Konflikt der damaligen Zeit, zu glauben, die Familie existiere nicht, wir seien nicht aneinander gebunden. Der damalige Ausspruch: ‚Wir sind alle eine große Familie‘ scheiterte irgendwann an der Einsicht, dass wir alle Menschen brauchen, die zu uns halten.

Wie ist es für einen Schauspieler, der normalerweise fiktiven Gestalten ein Gesicht verleiht, eine historische Figur zu spielen?
Ich habe in Andres Veiel einen Regisseur getroffen, der eine unglaubliche Recherche im Vorfeld des Filmes geleistet hatte. Als ich zu diesem Projekt stieß, steckte er bereits sehr tief im Thema und hat mir sehr geholfen. Es gab dann irgendwann diesen Moment, wo man sagt, so jetzt lassen wir mal den echten Bernward Vesper den echten Bernward Vesper sein und finden eine eigene Figur für den Spielfilm. Alles andere ist ja letztlich auch Spekulation. Es gibt so viele verschiedene Berichte über Bernward, auch über Baader oder Gudrun. Und ich finde nicht, dass ein Spielfilm der vermeintlichen Geschichte, auf die wir uns geeinigt haben, gerecht werden muss, sondern eigentlich die Pflicht hat, eine eigene Geschichte zu erfinden. Das ist auch der große Unterschied zum Dokumentarfilm.

Haben wir uns denn schon auf eine Geschichte geeinigt?
Naja, es gibt schon die berühmten Eckdaten, die vermeintlich zum deutschen Herbst geführt haben. Benno Ohnesorg, die Befreiung von Baader usw. Es gibt schon diesen historischen Sockel. Auch haben wir bereits gewisse Bilder von Baader und Ensslin. Daran hat Andres Veiel gekratzt, er hat versucht ein ganz anderes Bild, ganz andere Facetten der Figuren zu zeichnen.

Worin, glauben Sie, besteht die Aktualität des Filmes? Worin besteht seine Relevanz für die heutige Zeit?
Für mich persönlich haben zwei Menschen, die einen Konflikt haben, den ich auch aus meinen Leben kenne, immer eine Relevanz. Um Liebe zu kämpfen, gemeinsam eine Vision vom Leben zu haben und plötzlich zu merken, dass man doch zwei unterschiedliche Versionen dieser Vision verfolgt, das sind Geschichten, die ich auch im Film sehen möchte.
Gleichzeitig werde ich auch ein bisschen wehmütig, wenn ich an diese Zeit denke, in der natürlich auch viel Schlimmes passierte. Trotzdem halte ich diese Gedanken, dieses „wer, wenn nicht wir“ und „wann, wenn nicht jetzt“ und „wo, wenn nicht hier“, für denkenswert. Wir scheinen das ein wenig vergessen zu haben und das finde ich schade.

Das ist doch auch das Besondere an dem Film, dass er nicht wie viele andere RAF-Filme versucht, diese Zeit zu verklären, und die Figuren zu heroisieren. Stattdessen werden sie ganz zerbrechlich und differenziert dargestellt. Es wird der Versuch unternommen, über die Psychologie des Menschen kommend eine Erklärung zu finden.
Man kann eine Geschichte aus hundert verschiedenen Blickwinkeln erzählen. Der Regisseur hat hier eine Sichtweise gewählt, die ich bis jetzt noch nicht gesehen habe. Eine sehr private Seite. Das Ziel war nicht, dass man die dargestellten Figuren von ihrem Sockel stößt, sondern wir wollten zeigen, dass sie noch nie einen Sockel hatten. Dass es Menschen waren wie du und ich, mit ganz ähnlichen Problemen. Die Figuren führen Kämpfe aus, die ich auch aus meinem Leben kenne. Hinzu kam ein unglaublich politischer Druck von außen. Die Gesellschaft war völlig gespalten. Damals gab es nur zwei Seiten. Heute gibt es Hunderte.

Natürlich gab es die Spaltung in links und rechts. Aber es gab ja nicht zwangsläufig die Entscheidung zwischen bewaffnetem und nichtbewaffnetem Widerstand. Sich dann aber zu bewaffnen, hatte dann doch eine deutlich andere Qualität.
Klar, das war ja auch die große und heftige Diskussion innerhalb der RAF. Das ist ja alles überliefert.
Letztlich hat Bernward Vesper mit seinem Roman „Die Reise“ seine ganz private Bombe gelegt. Das war seine Form des Aufstandes, sein Untergrund. Sein privater Kampf in diesem Buch. Bei der Lektüre von „Die Reise“ merkt man, dass Vesper ein unglaublich schwer zugänglicher Mensch gewesen sein muss. Ein Mensch, der Schwierigkeiten mit sich selber hatte, der sich nicht mochte. Seine Vergangenheit hat ihn immer wieder eingeholt. Darin sehe ich auch diese sehr deutsche Geschichte. Eine Geschichte, die ich aber auch persönlich nachvollziehen kann.

Aber hat ihn nicht auch diese Überpräsenz des Politischen umgebracht. Die Forderung alles zu politisieren. Das Private nicht mehr zuzulassen, sondern alles in Politik zu gießen? Gerade seine Beziehung zu Gudrun hatte doch gar keine privaten Momente mehr. War es vielleicht diese totale Politisierung aller Lebensbereiche, die totale Politisierung dieser Generation, an der er zerbrochen ist?
Das ist der große Konflikt für mich in diesem Film: die Politisierung des Privaten. Und letztlich wird dir bewusst, dass das Private auch geschützt werden muss. Trotzdem liebe ich den Gedanken, dass jede Beziehung und jeder Satz den wir zueinander sagen, auf einer Bühne stattfindet und öffentlich ist. Das ist ein reizvoller Gedanke, der aber auch unglaublich hart und radikal ist. Irgendwie bewundere ich die Generation auch für ihre Wachheit, für ihr zwanghaftes „wann, wenn nicht jetzt“. Daran ist diese Generation aber auch zerbrochen. Ich rede jetzt über die ganze Generation, aber an Bernward macht sich das ein bisschen fest.

Sie haben in ihren Rollen des Öfteren den Verstand verloren. War der Wahnsinn dem Vesper verfällt ein besonderer Reiz, sozusagen bei vollem Verstand den Verstand zu verlieren?
Von außen gesehen kann man sagen: Ja, der Diehl verliert wieder den Verstand. Das ist aber trotzdem jedes Mal ein komplett anderer Vorgang. Bei Bernward Vesper spielen Drogen eine wichtige Rolle gepaart mit einer absoluten Einsamkeit in die er verfällt. Letztlich ist es ein Kampf um eine Liebe, die ganze Zeit über. Jeder andere würde in seiner Situation versuchen, zu verdrängen und zu vergessen. Bernward Vesper hat das nie gemacht und dafür bewundere ich ihn irgendwie auch. Eigentlich hat er sich selbst nie verraten, stattdessen ist er draufgegangen.

Schaut man sich die heutige Generation an: Die Demonstrationen in Stuttgart, die vielen Bürgerbewegungen. Stellen Sie da eine Re-Politisierung fest oder ist das schwer zu vergleichen?
Nicht in Deutschland. In Ägypten ja, und in der dortigen Region. In den letzten Wochen gibt es bei mir so eine seltsame Sehnsucht, Ägypter zu sein, mit auf diesem Platz zu stehen und das Gefühl zu haben, dass man die Welt aus den Angeln hebt. Dennoch haben heutige Demonstrationen irgendwie etwas Altmodisches. Ich denke, dass das, was als nächstes kommen wird, viel komplizierter werden wird. Erstens, weil dieses Wir-Gefühl nicht mehr so stark ist und es zweitens auch kein klares Feindbild mehr gibt. Vielleicht müssen wir bald gegen uns selber auf die Straße gehen.

Gegen uns selbst?
Ja. Natürlich leben wir nach wie vor in einer politischen Welt und auch der Drang nach Rebellion hat nicht nachgelassen. Mich hat beispielsweise dieser Vorgang mit Wikileaks wahnsinnig beschäftigt. Eine Internet-Plattform, die einfach ganze Staaten bloß stellt. Das eigentlich faszinierende an dieser Sache ist aber, dass es uns etwas aufzeigt, was mit uns als Privatmensch bereits Jahre lang betrieben wird. Sobald wir beispielsweise bei „amazon“ einkaufen, bekommen wir angezeigt, was uns noch alles zu interessieren hat. Wie eine Art Profiler. Der Schutz des Privaten wird künftig im Mittelpunkt stehen. In der Diskussion um Wikileaks wurde plötzlich die Frage diskutiert: Darf Politik oder muss Politik auch hinter geschlossenen Türen stattfinden? Das ist quasi die völlige Kehrtwendung des Themas, mit dem sich unser Film beschäftigt. Vielleicht ist das nächste, wofür wir auf die Straße gehen, gar nichts Politisches, sondern etwas Privates. Das ist vermutlich auch der große Unterschied zwischen damals und heute.

Sie sprechen die Gefahren an, die von neuen Netzwerken ausgehen hinsichtlich einer Privatisierung des öffentlichen Raumes. Interessanterweise haben sich über diese Netzwerke ja auch die Bewegungen in Ägypten und Tunesien mobilisiert.
Ja. Vielleicht finden zukünftige Demonstrationen nicht mehr auf den Straßen statt. Man geht sozusagen gar nicht mehr auf die Straße, sondern einfach ins Internet.

…I like

Herr Diehl, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Timo Stein

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.

Liebe Leserinnen und Leser,
wir freuen uns über jeden Kommentar und wünschen uns eine konstruktive Debatte. Beleidigende, unsachliche oder obszöne Beiträge werden deshalb gelöscht. Auch anonyme Kommentare werden bei uns nicht veröffentlicht. Wir bitten deshalb um Angabe des vollen Namens. Darüber hinaus behalten wir uns eine Auswahl der Kommentare auf unserer Seite vor. Um die Freischaltung kümmert sich die kleine Onlineredaktion von Montag bis Freitag von 9 bis 18 Uhr. Am Wochenende werden Forumsbeiträge nur eingeschränkt veröffentlicht. Nach zwei Tagen wird die Debatte geschlossen. Wir danken für Ihr Verständnis.