Elke Heidenreich - „Geh nicht gelassen in die Nacht“

Sich still und leise davonmachen will Elke Heidenreich auf keinen Fall. Ihr Nachbar wird sich wundern. Auf ganzseitigen Zeitungsanzeigen wird sie mit allen abrechnen, die sie enttäuscht haben, und ihnen tüchtig die Meinung sagen. Ihre verlogenen Briefe bekommen sie vorher zurück.

Elke Heidenreich
(picture alliance) Wie verbringt die bekannte Autorin ihren letzten Tag

Als meine Mutter starb, sprachlos, hatte sie im Blick ihrer blauen Augen eine ungeheure Wut. Ich sah, wie enttäuscht sie war, wie zornig auf das, was Krieg, Ehemann, Tochter ihr angetan hatten. Sie war fassungslos über das Scheitern ihrer Träume und sah mich an, als wollte sie sagen: Das soll es gewesen sein? Was für ein gigantischer Betrug! Und ich habe sie total verstanden. Ich habe ein Buch über den walisischen Dichter Dylan Thomas geschrieben, der am Sterbebett seines sonst so starken Vaters fassungslos darüber war, wie sanft und still der Vater hinüberging, und er schrieb sein berühmtestes Gedicht:

„Do not go gentle into that good night,

Old age should burn and rave at close of day;

Rage, rage against the dying of the light!“

In Curt Meyer-Clasons Übersetzung: Geh nicht gelassen in die gute Nacht, brenn, Alter, rase, wenn die Dämmerung lauert; im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht.

Ich habe dieses Gedicht in die Todesanzeige meiner Mutter geschrieben, es hätte ihr gefallen. Und ich bin genauso. Ich wäre zornentfacht. Noch ein letztes Glas Rotwein, Abschied von den Lieben, in den Garten gucken, das grottenblöde Luther’sche Apfelbäumchen pflanzen? Zeitverschwendung. Ich hatte genug Rotwein, Liebe, Garten. Ich hatte ein unglaublich glückliches Leben mit Liebe und Erfolg und ohne Sorgen in einem reichen Land ohne Krieg, das ist doch was! Aber: Ich würde all mein Geld investieren in ganzseitige, ach was, mehrseitige Anzeigen in sämtlichen deutschen Zeitungen. Ha, in die Titelseiten! (Was kostet eine Titelseite? Egal! Ich wär ja tot! Weg mit dem Geld!) Was für ein ängstlicher, kulturloser Haufen seid ihr alle miteinander, würde ich schreiben. Ihr schreibt, druckt und lest überflüssige Bücher, ihr lasst euch ein Fernsehen vorsetzen, das unzumutbar ist, ihr fresst in Massen Tiere, ohne zu sehen, wie die leiden, ihr lasst die Oper eingehen, dieses wunderbare Kunstwerk, das euch zu kompliziert geworden ist. Ihr begreift gar nichts. Eure Ansprüche sind im Materiellen riesig und im Intellektuellen, im Kulturellen mikroskopisch, ihr habt mich alle miteinander enttäuscht und entsetzt und angewidert, fahrt zur Hölle, ich geh schon mal vor und heize da für euch ein. Ich würde einigen Menschen, die mich besonders enttäuscht haben, noch mal tüchtig die Meinung sagen, ihnen ihre verlogenen Briefe zurückschicken, die in meinem Koffer mit den größten Wunden liegen, ich würde meine Tränen und meine Wut zeigen und mich nicht mehr schämen und zusammennehmen müssen. Von denen, die mich lieben und die ich liebe, muss ich mich nicht verabschieden. Wir sind miteinander im Reinen.

Und in der allerletzten Stunde nach all diesen aus Schmerz geborenen wilden Abrechnungen würde ich nur mit meiner allerliebsten vertrauten Freundin Leonie zusammensitzen, ihr meine Tagebücher ans Herz legen, weg damit, und dann würde ich mich noch mal aufrappeln und mit ihr zusammen bei dem grauenvollen Menschen, der gerade in meine Nähe gezogen ist und in seinem verhunzten Garten eine Fahne mit dem Reichsadler aufgezogen hat, diese Fahne anzünden, weil es unbegreiflicherweise in diesem Land sonst keiner tut, und ich würde seinen unzumutbaren Garten verwüsten, obwohl, wie will man Wüste verwüsten? Und dann wäre ich endlich ruhig. Dann würde meine Freundin meine Hand nehmen, ich würde ihr für alles danken und sie fragen: „Weißt du noch?“, ich würde ihr Grüße und Entschuldigungen auftragen, ihr meinen einzigen kostbaren Gegenstand in die Hand drücken, und dann würde ich lächelnd und zufrieden einschlafen, wenn irgend möglich, mit einer Katze in der Nähe.

Edda Leesch | Mi, 3. Mai 2017 - 09:06

"Was für ein ängstlicher, kulturloser Haufen seid ihr alle miteinander, würde ich schreiben. Ihr schreibt, druckt und lest überflüssige Bücher, ihr lasst euch ein Fernsehen vorsetzen, das unzumutbar ist, ihr fresst in Massen Tiere, ohne zu sehen, wie die leiden..."
Ihr Aufschrei ist mein Aufschrei

Gabriele Kühnel | Do, 25. Januar 2018 - 14:45

Auf der Suche nach dem Gedicht von Dylan Thomas bin ich auf diesen Artikel von Elke Heidenreich gestoßen. Großartig,weil ab einem bestimmten Alter wohl jeder darüber nachdenkt, was er noch tun will oder anders gemacht hätte.Ich schließe mich an: seid nicht angepasst, setzt Euch für Eure Überzeugungen ein. Der Artikel macht mich aber auch nachdenklich. Ehrlicher sein ist wichtig, aber höflich dabei miteinander umgehen genauso, nicht verletztend, sondern die Würde der Anderen respektieren. Die Gewalttätigkeit und Beschimpfungen Andersdenkender bei Demonstrationen oder im Netz treiben mir die Schamesröte ins Gesicht. Wo ist unser Anstand gebleiben? Das macht mich wütend!