„Das ist Selbsthass“

Halten Götz Alys Thesen einer kritischen Betrachtung stand?

WG mit Langhans und Obermaier: Wie tickten die 68er wirklich?
() WG mit Langhans und Obermaier: Wie tickten die 68er wirklich?
Gab es in den Führungskreisen der 68er Machtfantasien, die man als faschistoid bezeichnen könnte? Es gab auf jeden Fall Machtträume und irgendwann auch die groteske Idee, dass man in Berlin konkret die Macht übernehmen könnte. Diese Überlegungen aber gleich als faschistisch zu bezeichnen, halte ich für albern. Ich habe großen Respekt vor dem Historiker Götz Aly, aber diese und andere Aly-Thesen über 68 scheinen eher von einem Eiferer zu stammen. Rudi Dutschke sprach nach Darstellung von Götz Aly einmal expressis verbis von „Machtergreifung“. Rudi Dutschke hat die Wendung „Machtergreifungsplan ausgepackt“ in Anführungszeichen gesetzt und sich später davon distanziert. Warum nimmt Aly das für bare Münze? Es steckt ein erstaunlicher Hass auf die Deutschen und wohl auch ein Selbsthass in Alys Umgang mit den 68ern. Etwa nach dem Motto: Auch wenn die deutschen „Täterkinder“ noch so strampeln und gegen die Generation ihrer Väter aufstehen – es kommt prompt ein neuer Faschismus dabei heraus. Und auch wenn einige einem Machtwahn verfallen waren: Man darf die Idiotien einiger Führer nicht gleich für die Idiotie einer ganzen Bewegung nehmen. Ich weiß, dass Aly das Wort „Bewegung“ hasst. Aber dann muss man auch die Kampagne gegen das Rauchen der Hitlerei verdächtigen. Bekanntlich hat Hitler die erste und größte Kampagne der Geschichte gegen das Rauchen gestartet. Und wie wär’s mit dem Wort „Fahrerlaubnis“ (DDR) statt „Führerschein“? War die Begeisterung für den Straßenkampf und die Schwärmerei für südamerikanische Guerilleros nur eine Neuauflage der Landserromantik des Dritten Reichs? Mich wundert, dass Götz Aly so tut, als hätte die deutsche Studentenbewegung im luftleeren Raum agiert. Was hatten die jungen Dänen und Schweden, die sich ebenfalls für Che Guevara begeisterten, mit der deutschen Landser-Romantik zu tun? Die gesamte westliche Welt, die Europäer wie die US-Amerikaner, war fasziniert von Figuren wie Che Guevara – eine Begeisterung, die inzwischen zu Recht kritisiert wird, weil Guevara bei näherem Hinsehen als ein ziemlich finsterer, todessüchtiger Geselle kenntlich wird, der persönlich über viele Todesurteile gegen Homosexuelle und andere gesellschaftliche „Schädlinge“ gewacht hat. Haben Sie eine Vermutung, welche Motive Aly haben könnte? Götz Aly versucht sich an einer retroaktiven Geschichtsschreibung, an einer Ex-post-Theorie, die so nicht funktionieren kann. Fast habe ich den Eindruck, er wirft uns vor, dass wir damals nicht alle Holocaust-Forscher geworden sind, statt gegen den Viet­namkrieg auf die Straße zu gehen. Die wissenschaftliche Erforschung des Dritten Reichs war aber nicht das Projekt der 68er, auch nicht das von Götz Aly in jenen Jahren. Das muss man sich und den ehemaligen Mitstreitern ohne Hass und Selbsthass zugestehen können. Aly war ja selber ein Aktivist, und zwar, wenn ich mich recht erinnere, ein besonders radikaler und zeitweise auch verrannter Aktivist in der Roten Hilfe, die zur RAF kaum Abstand hielt. Verdrängt Götz Aly seine eigene Geschichte? Ich kenne nur die Thesen von Götz Aly, soweit sie in den Zeitungen kursieren, nicht sein Buch. Ich hoffe, dass er sich dort auch mit dem Götz Aly vor vierzig Jahren auseinandergesetzt hat. Von mir selber weiß ich jedenfalls, dass immer die Gefahr besteht, eigene Verstiegenheiten, denen man sich nicht gestellt hat, der ganzen Generation oder „Bewegung“ unterzuschieben. Ich bin überzeugt, dass solche unerledigten Selbstbefragungen dann das Denken und die Analyse konditionieren. Ein Beispiel dieser Art ist Günter Grass: Statt mit sich selbst und seinem langen Schweigen über seine SS-Vergangenheit ins Gericht zu gehen, hat er allzu oft in falschem Zorn auf die Helmut Kohls und andere vermeintliche Delinquenten eingeschlagen. Was halten Sie von der Generalthese, die 68er seien als Kinder faschistisch geprägter Eltern „Spätausläufer des totalitären 20. Jahrhunderts“? Ich halte diese Sichtweise für viel zu pauschal, eines Historikers nicht würdig. Mein eigener Vater gehört zur Tätergeneration, war aber kein Täter. Was Götz Aly hier argumentativ auffährt, erinnert mich an die Kollektivschuldidee, die spätestens seit Hannah Arendt aus guten Gründen verworfen wurde. Der Aufbruch der 68er war in den Jahren 66 und 67 in der Tat eine antiautoritäre Rebellion, die sich dann mit den ML-Parteien in einen totalitären Wahn verstrickt hat. Die Parallele zum Faschismus lässt sich allenfalls – aber auch nicht stringent – an der RAF exemplifizieren. Ich hoffe, dass ich Götz Aly und seinem Buch, das ich nicht kenne, mit meinen Antworten auf die mir gestellten Fragen unrecht tue. Denn es will mir nicht in den Kopf, dass ein kluger Mann, der es besser wissen müsste, all denen recht geben sollte, die die größte und unverzeihlichste Dummheit der 68er-Bewegung für ihr eigentliches Wesen halten. Die Fragen stellte Christine Eichel (Foto: Picture Alliance)

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