Shortlist für den Deutschen Buchpreis - Im Archiv der Gegenwart

Die nominierten Titel für den Deutschen Buchpreis 2020 stehen fest. Die Jury überzeugten sie durch „sprachliche Ausdruckskraft und formale Innovation". Unser Kritiker Björn Hayer sieht in den sechs Titeln ein Archiv der Gegenwart.

kultur-literatur-auszeichnung-deutscher-buchpreis-shortlist
Fünf Bücher gehen ins Rennen um den Deutschen Buchpreis 2020

Autoreninfo

Björn Hayer: Der 1987 in Mannheim geborene Autor ist promovierter Germanist und arbeitet heute als Literatur- und Theaterkritiker sowie Essayist für verschiedene deutschsprachige Zeitungen und Magazine. Er schätzt mutige Utopien und steile Thesen.

So erreichen Sie Björn Hayer:

Bjoern Hayer Portraet

Wie viel Mainstream und wie viel Komplexität soll und muss eine Auszeichnung wie der „Deutsche Buchpreis“ zulassen? Fast jedes Jahr klagen Kommentatoren über fehlende Bücher und Themen unter den Nominierten. Doch bestätigt sich dieser Eindruck in der aktuellen Shortlist abermals?

Natürlich mag man auch in diesem Jahr Defizite entdecken. Warum fielen beispielsweise der brillante Roman „Die Infantin trägt den Scheitel links“ von Helena Adler über eine Kindheit in einem archaischen Alpengebiet oder Leif Randts „Allegro Pastell“, ein Szenenbild einer egozentrischen Gesellschaft, raus? Auch vernimmt man wieder einmal die Klage, dass von Anfang an kein einziger Lyrikband berücksichtigt wurde. All das kann man einwenden, durchaus. 

Ein Votum für Qualität und Anspruch

Trotzdem ist die heute veröffentlichte Shortlist zu begrüßen. Sie ist ein Votum für Qualität und Anspruch. Würde man die Auszeichnung allein für die innovative Form vergeben, so dürfte Dorothee Elmiger mit ihrem Romanessay „Aus der Zuckerfabrik“ gute Chancen auf die Prämierung haben. Indem uns die Schweizer Autorin in ihr Dickicht aus Notizen, Tagträumen und verspielten Referenzen auf Autoren wie Heinrich von Kleist oder Max Frisch entführt, entwickelt sie eine kulturgeschichtliche Spurensuche. Sie fragt nach den Ursprüngen von Kolonialismus und Kapitalismus sowie nach den Gründen für unser Begehren und unsere Sehnsucht nach Erlösung. Mit jeder Seite verdichtet sich ein weltumspannendes Netz der Erkenntnisse über unsere Herkunft und die menschliche Existenz.

Mindestens ebenso preiswürdig aber fällt Thomas Hettches „Herzfaden“ aus, ein Werk über die Geschichte der Augsburger Puppenkiste. Belebt Hettche in seinem Roman Marionetten wie das Urmel oder den kleinen Prinzen, so erweisen sie sich nicht nur als Platzhalter für eine kindliche Wiederverzauberung der Welt, sie sind gleichsam Projektionsflächen für die deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Es ist ein Werk voller genialer Metaphern und Symbole und – auch farblich abgesetzter – Zeitebenen. Man möchte es ebenso wie Elmigers als Favoriten wissen.

Die großen Diskurse der Zeit

Aber auch die anderen Bücher haben Potenzial, da sie die großen Diskurse unserer Zeit durch neue Perspektiven erweitern. Deniz Ohde etwa gibt mit ihrem Debüt „Streulicht“ den bislang vergessenen Teilen der multikulturellen Unterschicht eine Stimme. Erst in den letzten Jahren ist diese vermehrt in den Fokus der Gegenwartsliteratur gerückt. „Die Dame mit der bemalten Hand“ von Christine Wunnicke wiederum erzählt von einem ganz anderen Standpunkt aus über Einwanderung: Es geht um einen deutschen Reisenden des 18. Jahrhunderts, der als Gestrandeter auf die Gastfreundschaft der Einheimischen trifft. 

Was indes alle Kandidaten auf der Liste verbindet, das ist die Beschäftigung mit Fremdheitserfahrung – in anderen Ländern und Kulturen, innerhalb vermeintlich gefestigter Gesellschaften oder auch nur gegenüber sich selbst; exemplarisch geschieht dies etwa in Bov Bjergs „Serpentinen“, worin sich ein Vater während einer langen Autofahrt in tiefe Zweifel über sein bisheriges Leben verstrickt. Es geht in den nominierten Büchern stets um Bewährung auf unbekanntem Terrain. Keines verbleibt in der bloßen Gegenwart. Die Shortlist versammelt vielschichtige Reflexionen der Vergangenheit, die immerzu ein Licht auf das Hier und Jetzt werfen.

Ein Kanon für die Gegenwart

Die Auswahl der Texte macht sich somit für einen Ort stark, der nicht als ein rein geografischer zu verstehen ist. Vielmehr steht er für eine Art Archiv unterschiedlichster Zeitschichten. In diesem tragen die Schriftsteller Wissenbestände zurückliegender Epochen zusammen. Je mehr wir als Leser in die nominierten Texte eintauchen, desto mehr begreifen wir auch, worauf die Entwicklungen unserer gemeinsamen Gegenwart fußen. Insofern haben wir es bei den nominierten Büchern schon jetzt mit einem beeindruckenden Kanon für unsere Zeit zu tun. Es wird, so viel kann man schon prognostizieren, bei der Verleihung keinen Verlierer geben.
 

Michael Andreas | Mi, 16. September 2020 - 22:04

Inhaltlich kann ich auf Anheb nichts beitragen, mache aber doch einen Kommentar dazu auf.

Nicht, dass der 237. Artikel über Zuwanderung seine stets gleichen 50 Kommentare erhält, und der 20. Artikel über Kultur in Folge weniger als 1.