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Hugo Müller-Vogg wünscht sich keine gewöhnlichen Geschenke / dpa

Was in Zukunft besser werden sollte - Ein politischer Wunschzettel zu Weihnachten

Nach diesem ungewöhnlichen und schwierigen Jahr wünschen wir uns alle wahrscheinlich vor allem Normalität. Hugo Müller-Vogg sieht das auch so, hat aber noch einige andere Dinge auf seinem politischen Wunschzettel.

Autoreninfo

Dr. Hugo Müller-Vogg arbeitet als Publizist in Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher zu politischen und wirtschaftlichen Fragen, darunter einen Interviewband mit Angela Merkel. Der gebürtige Mannheimer war von 1988 bis 2001 Mitherausgeber der F.A.Z.

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Hugo Müller-Vogg

Liebes Christkind,

in diesem Jahr ist fast alles anders. Das hinterhältige Coronavirus hat Weihnachtsmärkte ebenso verhindert wie Weihnachtsfeiern oder Weihnachtskonzerte. Selbst Heiligabend können wir nicht mit allen verbringen, die wir gerne um uns hätten. Und „Stille Nacht“ darf man in zwangsweise nur spärlich besetzen Kirchen höchstens mitsummen – hinter der Maske und auf Abstand zu den anderen Gottesdienstbesuchern. 

Eines aber ist auch in diesem Jahr möglich: seine Wünsche aufzuschreiben. Es geht mir dabei nicht um Geschenke im engeren Sinn. Ich habe Wünsche für dieses Land. Für das Land, in dem ich gerne lebe und weiter gerne leben möchte.

Hier meine politischen Wünsche im Zusammenhang mit Corona:

  • dass wir im Laufe des nächsten Jahres das Covid-19-Virus so im Griff haben, dass wir wieder ein halbwegs normales Leben führen können;
  • dass wir aus der Pandemie lernen und Vorsorge für künftige Fälle treffen – vor allem im Gesundheitswesen und bei der Produktion von Medikamenten im Inland;
  • dass der Staat und wir als Gesellschaft denen solidarisch helfen, die unter der Pandemie wirtschaftlich besonders leiden;
  • dass wir die Frauen und Männer im Gesundheitswesen, in den Pflegeberufen, bei Polizei und Feuerwehr und anderen „systemrelevanten“ Bereichen endlich angemessen bezahlen.

Im Verhältnis zum Ausland wünsche ich mir:

  • dass Deutschland seine eigenen Interessen klar definiert – selbstbewusst, aber nicht überheblich;
  • dass die Europäische Union die Tür für Großbritannien nicht endgültig zuschlägt;
  • dass Europa die Chance ergreift, mit dem neuen Präsidenten Joe Biden die transatlantische Partnerschaft auf eine neue Basis zu stellen;
  • dass die Bundesrepublik innerhalb der Nato ihren fairen Beitrag zur Sicherung des Friedens leistet – auch finanziell.

Für unsere Wirtschaft wünsche ich mir:

  • dass wir bei der Digitalisierung endlich im 21. Jahrhundert ankommen: in der Wirtschaft wie in der öffentlichen Verwaltung, insbesondere in den Schulen;
  • dass wir uns „nach Corona“ bewusst werden, dass kein Staat auf Dauer fehlende Umsätze und Gewinne aus der Staatskasse ausgleichen und unrentable Arbeitsplätze erhalten kann;
  • dass wir dem Leistungsprinzip Vorrang einräumen vor staatlicher Gleichmacherei – in Bildung und Ausbildung wie im Arbeitsleben;
  • dass die Aktionäre der großen Unternehmen bei der Vergütung der Top-Manager wieder das Leistungsprinzip einführen, also Versagen nicht länger mit Boni belohnen;
  • dass wir den Sozialstaat so verstehen, dass die Allgemeinheit denen hilft, die wirklich Hilfe brauchen, nicht denen, denen aus wahltaktischen Gründen mehr gegeben werden soll;
  • dass diese Erkenntnis um sich greift: Selbst bei Enteignung aller „Reichen“ reichte das Geld nicht, um allen angeblich Armen ein Leben im Wohlstand zu finanzieren; 
  • dass wir Ökologie und Ökonomie als Einheit betrachten und nicht meinen, Deutschland allein könne das Weltklima grundlegend verändern.

Für den politischen Diskurs wünsche ich mir:

  • dass viel mehr Bürger sich politisch engagieren, statt von der Couch aus „die Politiker“ pauschal als unfähig, faul und gierig zu beschimpfen;
  • dass die Parteien vor den Landtagswahlen wie im Bundestagswahlkampf klar Position beziehen, aber Härte nicht mit Hass verwechseln; 
  • dass das Grundprinzip der Demokratie – nach kontroversen Diskussionen gefundene Kompromisse werden von allen akzeptiert – wieder stärker beachtet wird;
  • dass die Macher beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk sich gerade im Wahljahr 2021 als berichtende und kommentierende Journalisten verstehen und nicht als politische Aktivisten;
  • dass Demokraten gegen jede Form des Radikalismus und Extremismus Front machen, ob von rechts oder von links;
  • dass gewaltbereite, linksradikale „Antifaschisten“ im Kampf gegen Rechtsradikalismus, Rassismus und Antisemitismus nicht als Partner von Demokraten akzeptiert werden;
  • dass wir wieder Konsens darüber herstellen, dass Gewalt kein Mittel der Politik sein kann – auch nicht für vermeintlich hehre Ziele.

Für unsere politische Agenda wünsche ich mir:

  • dass die Politik ungeachtet der überragenden Bedeutung der Corona-Pandemie eine andere Großbaustelle nicht übersieht: ungeregelte Zuwanderung, mangelnde Integrationsbereitschaft vieler Zuwanderer, Parallelgesellschaften, Clan-Kriminalität.
  • dass wir uns nicht länger darüber hinwegtäuschen, dass die Renten schon auf mittlere Sicht keineswegs sicher sind, jedenfalls nicht auf einem ausreichenden Niveau;
  • dass sich die Erkenntnis auf breiter Front durchsetzen möge, dass durch die Deckelung von Mieten keine einzige neue Wohnung entsteht, sondern nur durch staatliche wie private Neubauten. 

Und ganz allgemein:

  • dass wir uns klar werden, dass die Welt „nach Corona“ eine andere sein wird, aber keine völlig neue;
  • dass wir lieber optimistisch in die Zukunft schauen, als uns mit Weltuntergangsszenarien selbst zu lähmen.

Liebes Christkind,

zugegeben, das ist ein bisschen viel, was ich mir so wünsche. Aber wann, wenn nicht an Weihnachten, darf man noch träumen, hoffen und wünschen.

In diesem Sinne: Frohes Fest!

Johannes Renz | Mi, 23. Dezember 2020 - 16:37

Am besten, Sie gründen eine politische Bewegung und lassen sich zum Kanzlerkandidaten aufstellen. Dann haben Sie gestalterische Möglichkeiten, diese Wünsche wahr werden zu lassen. Vermutlich haben Sie mehr über Ihr potenzielles politisches Programm gesagt als es andere Kanzlerkandidat*innen in der Vergangenheit getan haben. Bei Ihnen weiß man, wo man dran ist! Auch wenn ich selbst manches im Detail vielleicht ein wenig anders sehe.

Lisa Werle | Mi, 23. Dezember 2020 - 16:43

Ihrem Wunschzettel kann ich mich in allen Punkten anschließen, Herr Müller-Vogg. Aber ob 'unser' Christkind genug Kraft hat, gegen das neue grüne Parteiprogramm anzuarbeiten? Da müssen wir wohl auch selbst Hand anlegen. Schöne Weihnachten...

Markus Michaelis | Mi, 23. Dezember 2020 - 16:45

Ich hätte noch drei Wünsche:

- dass wir nicht krampfhaft alles dekonstruieren - das kann man selbstverständlich machen, aber man muss es nicht. Auch Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, Mitgefühl, Religion, Gerechtigkeit etc. sind Konstrukte.

- dass wir weniger einseitig die Begriffe dekonstruieren, die uns nicht passen, und die Begriffe absolut, wissenschaftlich und einfach menschlich in den Himmel heben, die uns passen.

- dass wir von anderen Menschen weniger aggressiv Ergebenheitsadressen einfordern, um sicherzustellen, dass sie auch dieselben Dinge wie wir dekonstruieren und dieselben anderen Dinge in den Himmel heben.

Manfred Sonntag | Mi, 23. Dezember 2020 - 18:38

In reply to by Markus Michaelis

Herr Michaelis, ich möchte mich Ihren Wünschen anschließen.
Ich wünsche Ihnen, den Mitarbeitern der Cicero Redaktion und auch allen Foristen ein wunderschönes geruhsames und vor allem friedliches Weihnachtsfest.
Mit weihnachtlichen Grüßen
Manfred Sonntag

Jost Bender | Mi, 23. Dezember 2020 - 17:01

hat offensichtlich Konjunktur - nicht nur wegen Weihnachten.
Einer so überlangen Wunschliste möchte man doch gerne das knappe Kennedy-Zitat entgegenhalten: "Frag nicht, was dein Land (und alle anderen) für dich tun kann (/können), frag, was du für dein Land tun kannst"
Ok, der Wunsch nach mehr zivilgesellschaftlichem Engagement war bei M-V ja immerhin auch schon inkludiert. Wollen wir mal hoffen, dass er sich da mit einbezieht.
Was die NATO-Beiträge angeht, zahlen wir übrigens inzwischen ohnehin schon genauso viel wie die USA und extrem viel mehr als Frankreich (z.B.) und alle anderen Nato-Mitgliedsstaaten - und was unseren Wehretat angeht, sind fixe BSP-Prozentsätze ohne konkrete, sicherheitspolitische Konzepte für solche Investitionen nicht nur 'kein frommer Wunsch', sondern einfach irrational. Frohes - und v.a. friedliches Fest wünsche ich!

Fritz Elvers | Mi, 23. Dezember 2020 - 17:07

dass Annalena Bundeskanzlerin einer GRR Regierung wird.
Schon wegen Dr. Hugo Müller-Vogg.

Bernd Muhlack | Mi, 23. Dezember 2020 - 17:10

Herr MV, ich schließe mich vielen Ihrer Wünsche an, insbesondere hinsichtlich des politischen Diskurses, welcher UNS abhanden gekommen ist.

Leider dürften Sie mit Ihrem Wunschzettel zu spät sein - man erinnere Michail Gorbatschow!

"Schreib einen Brief an den Weihnachtsmann
in Himmelpfort!
Der Weihnachtsmann wird am 12. November 2020 wieder vom Nordpol in den Weihnachtsort Himmelpfort reisen. Dort beantwortet er mit 20 Helferinnen bis Heiligabend Kinderbriefe aus aller Welt. Die Wunschzettel sollten bis zum dritten Advent in Himmelpfort eingehen, damit die Antwort rechtzeitig vor Heiligabend eintrifft. Ganz wichtig ist, dass auf jedem Brief der Absender steht, damit der Weihnachtsmann den Kindern antworten kann."
Mit freundlicher Genehmigung der site vonner Deutschen Post

20 Helferinnen?
Das erinnert an die 72 (?) Jungfrauen (Huris, ja man nennt sie so!) im Paradies der Märtyrer.

Unsere Tochter hat damals immer eine Antwort aus Himmelpfort erhalten!

Allen CICERONEN Frohe Weihnacht!

Hans Jürgen Wienroth | Mi, 23. Dezember 2020 - 17:17

Ich kann mich in allen Punkten Ihren Wünschen anschließen, möchte aber noch drei Wünsche hinzufügen:
• Dass der politische Diskurs wieder Meinungen aus dem konservativen Spektrum zulässt. Konservativ ist auf die Bewahrung von Werten begründet, nicht auf „rückständig“, wie oft dargestellt wird.
• Dass die Energiepolitik wieder auf physikalische Grundlagen und weniger auf Ideologie aufbaut. Es wird abgerissen was das Zeug hält, ohne zu wissen, ob das Neue zur Versorgung ausreicht.
• Dass die Parteien sich nach den Wahlen noch an ihr Programm halten und nicht das umsetzen, was die Wähler nicht gewählt haben. Wenn sich Politiker dann noch dafür rühmen, gegen den Volkswillen gehandelt zu haben, sollte man sich über „Populismus“ nicht wundern.
Frohes Fest allen Autoren und Kommentatoren.

Kurt Walther | Mi, 23. Dezember 2020 - 17:42

Ich schließe mich als °alter weißer Mann" und Ostler dem politischen Wunschzettel des Mannheimer Dr. Hugo Müller-Vogg gerne an. Seine Wünsche dürften in der breiten bürgerlichen Mitte Widerhall finden. Mein größter Wunsch aber wäre es, wenn sich die aufgezählten Wünsche auch im Programm einer starken bürgerlichen Partei wiederfinden würden. Früher könnte das einmal die CDU/CSU gewesen sein. Sie wählen durfte ich dann erst mit der Wiedervereinigung 1989/90.
Die Merkel-CDU ist aber schon lange nicht mehr die alte CDU, für mich spätestens seit 2015 nicht mehr wählbar.
Viele der obigen Wünsche kann man in ausformulierter Form im AfD-Parteiprogramm finden. Als 10%-Partei hat die AfD aber keine Chance, nicht die Kraft, die Wünsche in Realität umzusetzen. Allein es liegt am Wähler. Er bestimmt. Und so soll es denn auch bleiben.

dieter schimanek | Mi, 23. Dezember 2020 - 18:15

Verstand bleibt oft im Staube liegen,
die Träume aber können fliegen.
Träumen sie weiter Herr Müller Vogg!

Ernst-Günther Konrad | Do, 24. Dezember 2020 - 07:56

ja, zu Weihnachten ist die Zeit, da darf man Wünsche äußern. Ob sie in Erfüllung gehen? Liegt manchmal auch an einem selber. Was Ihren Wunschzettel anbetrifft, wäre der noch sicher ausbaufähig. Aber gut, wie lang soll ein solcher Wunschzettel dann werden?
Mir würde es reichen, wenn die Partei, der Sie auch angehören, nach Merkel endlich wieder das Ruder in die Mitte dreht und sich dem links-grünen Mainstream widersetzt und Politik an der Volkes Stimme und dem gesunden Menschenverstand orientiert macht. Sehen Sie. Da fängt mein Problem an. Wer soll das hinbekommen. Keiner der derzeitigen Aspiranten im Rennen um das Kanzleramt und den CDU-Vorsitz überzeugt mich wirklich.
Weder Politik noch Medien lassen auch nur ansatzweise erkennen, den Menschen ihr normales Leben wieder zurück zu geben. Wer weiß? Vielleicht fallen die nächsten BT-Wahlen wegen Corona aus? Genügend neue Virenmutationen sind ja gerade im Kommen.
So werden unser aller Wünsche zunächst ungehört bleiben bis es ......?

helmut armbruster | Do, 24. Dezember 2020 - 08:23

wer in D noch vernünftig geblieben ist und guten Willens ist, wird Sie wählen

Walter Bühler | Do, 24. Dezember 2020 - 10:11

... ich selbst habe zwei weitere Wünsche:

- dass Journalisten sich mehr als sorgfältige Berichterstatter für die Bevölkerung verstehen und weniger als Missionare für politische Haltungen, die sie für richtig halten. Ohne saubere, um Objektivität bemühte Berichterstattung kann weder die Politik noch die Bevölkerung sachgemäße Entscheidungen treffen.

- dass Politiker aufhören, die in den Medien präsentierte und vom Staat ausgehaltene "Zivilgesellschaft" mit der Bevölkerung zu verwechseln. Politik ohne Lebenserfahrung, ohne gesunden Menschenverstand und ohne selbstkritische Bescheidenheit landet im Wolkenkuckucksheim.

In diesem Sinne wünsche auch ich frohe Weihnachten.