„Refugees Welcome“-Aufkleber in Berlin-Hellersdorf nahe einer Unterkunft für Geflüchtete
„Refugees Welcome“-Aufkleber in Berlin-Hellersdorf nahe einer Unterkunft für Geflüchtete / picture alliance / IPON | Stefan Boness

Zeitgeist und Generation Z - Rebellion beginnt heute rechts der Mitte

Mit 24 und als Studentin in Tübingen erlebt unsere Autorin, wie progressiver Konsens an Universitäten zur Norm wird. Ihre eigenen Erfahrungen mit Ausgrenzung und Debattenkultur führen sie zu einer unbequemen Erkenntnis: Konservativ zu sein ist heute der eigentliche Akt der Rebellion.

Autoreninfo

Meltem Seker studiert Politikwissenschaft an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

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Manchmal frage ich mich, wann genau die politische Welt angefangen hat, sich umzudrehen. Früher galt es als rebellisch, links zu sein, Autoritäten infrage zu stellen und sich grundsätzlich gegen das Establishment zu positionieren. Heute erlebe ich etwas völlig anderes. In meiner Generation, besonders im akademischen Umfeld, ist links-progressiv längst der Mainstream. Kaum jemand traut sich, von dieser Linie abzuweichen. Und plötzlich sind es ausgerechnet die jungen Konservativen, die anecken, provozieren und die Selbstverständlichkeit des politischen Diskurses herausfordern.

Das zeigte sich besonders im Streit um die Rentenpolitik. Junge Konservative, die offen aussprechen, dass das festgeschriebene Rentenniveau von 48 Prozent langfristig nicht finanzierbar ist, stellen sich damit direkt gegen die Linie der Bundesregierung. Während andere Jugendorganisationen schweigen, sagen junge Konservative klar, dass ein System, aus dem bis 2035 Millionen mehr Menschen in Rente gehen als nachrücken, ohne Reformen kollabieren wird. Rebellion bedeutet heute nicht, nach neuen Wohltaten zu rufen. Rebellion bedeutet, zu sagen: Wir müssen endlich ehrlich rechnen, sonst fällt uns dieses System in zehn Jahren auf den Kopf.

An der Universität begegnete mir dasselbe Muster. Auch dort ist realitätsnahes Argumentieren kaum noch erwünscht. An meinem Institut wurden 2022 getrennte Toiletten durch genderneutrale Kabinentoiletten ersetzt, versehen mit Regenbogenstickern, während am selben Gebäude vor Exhibitionisten gewarnt wurde. Der Hinweis, dass sich Frauen in solchen Räumen unwohl fühlen, reichte, um als „queerfeindlich“ zu gelten. Obwohl laut Bundesfamilienministerium zwei von drei Frauen sexuelle Belästigung erlebt haben, wurden meine Sorgen ignoriert. 

Was mich damals am meisten irritiert hat, war weniger die Ablehnung selbst als die Dynamik danach: Plötzlich wurde hinter meinem Rücken getuschelt, Seminargruppen distanzierten sich, und man spürte deutlich, dass man „problematisch“ geworden war. Genau in diesem Moment verstand ich, dass Sicherheit für Frauen nur zählt, wenn sie sich widerspruchslos in die Ideologie einfügt. Wer reale Risiken benennt, gilt nicht als Teil der Inklusion, sondern als Störung. Und genau dort wurde mir klar, dass es unsere Rolle als junge Konservative ist, das auszusprechen, was alle sehen, aber niemand sagen darf.

Von links wurde ich zur Verräterin erklärt

Auch auf Social Media zeigt sich, wie unerwünscht realitätsnahe Positionen geworden sind. Als ich 2019 mit TikTok begann, war ich selbst noch klar links, erklärte sozialistische Ideen, kritisierte den Kapitalismus und wurde dafür gefeiert, bis hin zu Einladungen von Funk. Viele, die damals an meiner Seite standen, moderieren heute im öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder schreiben Kolumnen für große Medien. Doch je mehr ich begann, Fragen zu stellen, die in meiner eigenen Bubble unbequem waren, desto stärker verschob sich meine Haltung und desto härter wurde der Gegenwind.

Besonders bezeichnend war ein Kommentar der Deutschrapperin Nura, die sich feministisch inszeniert und mich dennoch schlicht als „Fotze“ beschimpfte. Von links wurde ich zur Verräterin erklärt, für Rechte war ich trotzdem zu liberal. Zwischen beiden Lagern blieb kein Raum für komplexe Gedanken. Genau das zeigte mir, wie rebellisch es inzwischen ist, eine eigenständige Haltung zu vertreten, die sich keiner der beiden Blasen unterordnet. Problematisch ist das vor allem, weil sich die Mehrheit der jungen Menschen heute über soziale Medien informiert und rund 60 Prozent sogenannten Politfluencern folgen, in einer Umgebung, in der linker Content sichtbar gefördert wird, während demokratische konservative Positionen kaum stattfinden.

Dasselbe zeigt sich im Umgang mit Sprache. Zwar lehnen laut einer Umfrage des Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (infas) ca. 80 Prozent der Deutschen das Gendern ab, dennoch fällt man an der Universität schon dadurch auf, dass man nicht gendert. In Seminaren wird inzwischen so selbstverständlich in Sternchen und Doppelpunkten gesprochen, als handelte es sich um eine naturwissenschaftliche Notwendigkeit und nicht um eine politische Entscheidung. 

Wer normal spricht, sticht sofort heraus, gilt als auffällig oder unzeitgemäß. Besonders im politischen Bildungsbereich werden auf Veranstaltungen Pronomen hinter die Namensschilder geschrieben, in Grußworten und E-Mails gehört es inzwischen zum guten Ton, sie gleich mitzuschicken. Wer es nicht tut, gilt als unhöflich oder – noch absurder – als politisch verdächtig. Es reicht schon, einfach nur die Standardsprache zu verwenden, um als Rebellin wahrgenommen zu werden. Genau darin zeigt sich der neue Zeitgeist: Nicht die Anpassung ist mutig, sondern der Verzicht darauf. Konservativ zu sprechen, konservativ zu schreiben und die Sprache nicht ideologisch zu überformen, ist heute bereits ein Akt des Widerstands.

Rebellisch ist heute nicht, Zeitgeist-Parolen zu wiederholen

Natürlich kann man einwenden, konservativ sei längst wieder im Aufwind. Doch Zustimmung auf dem Papier ist etwas anderes als Zustimmung in den Räumen, in denen der Ton der jungen Generation gesetzt wird: an Universitäten, in Medien und online. Dort wird jede Abweichung vom progressiven Konsens sofort moralisch eingeordnet, nicht argumentativ beantwortet.

Deshalb ist „Konservativ ist das neue Rebellisch“ keine Provokation, sondern eine nüchterne Beschreibung der Lage. Rebellisch ist heute nicht, Zeitgeist-Parolen zu wiederholen. Rebellisch ist, das Offensichtliche auszusprechen: dass ein Rentensystem ohne Reformen zusammenbricht; dass Frauen Sicherheit brauchen dürfen; dass Sprache keine Ideologie braucht; dass Realität wichtiger ist als Inszenierung.

Die wahre Rebellion findet daher nicht dort statt, wo Applaus garantiert ist, sondern dort, wo man mit Widerspruch rechnen muss und ihn dennoch in Kauf nimmt. Sie entsteht nicht in öffentlich-rechtlichen Studios oder in wohltemperierten Kolumnenräumen, sondern dort, wo junge Menschen den Mut haben, sich gegen den ideologischen Strom ihrer eigenen Generation zu stellen. Sie entsteht in der Entscheidung, sachlich zu bleiben, während andere moralisieren. Und sie entsteht in der Weigerung, die Realität dem Zeitgeist unterzuordnen.

Vielleicht ist es genau diese Spannung, die viele junge Konservative heute antreibt. Wir haben keine Lust, Teil eines politischen Selbstbetrugs zu sein. Wir wollen ehrlich über Probleme sprechen, ohne jedes Mal Angst vor moralischer Stigmatisierung zu haben. Und wir sind bereit, die Konsequenzen zu tragen. Wenn Rebellion bedeutet, gegen den Mainstream zu schwimmen, dann sind wir diejenigen, die heute wirklich rebellieren. Denn wir sagen die Dinge, die viele sehen, aber nur wenige offen aussprechen.

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Andreas Peters | Mo., 9. Februar 2026 - 15:51

sieht man besonders schön in den Nachwuchsorganisationen von LINKEN, SPD und Grünen. Aber ich sehe es auch bei mir auf Arbeit. Die Karrierebewußten gendern, jedenfalls öffentlich. Und ei Attacke ist noch nicht zu Ende. Unter den vereinten Linken heißt sie jetzt "UNSERE DEMOKRATIE"

IngoFrank | Mo., 9. Februar 2026 - 16:47

Überlegt, das der demographische Faktor nur die eine Seite der verfehlten Rentenpolitik ist.
Die andere ist der Griff in die Rentenkasse des Staates für die, die nie oder nur begrenzt in das beitragsfinanzierte Rentensystem eingezahlt haben wie Livstyle Angestellte mit 30 Std. /Arbeitswoche und weniger oder die Bürgergeld- Empfänger die in der Mehrheit Asylanten od. Ukrainer sind ?
Das kann nicht funktionieren.
Mit freundlichen Gruß aus der Erfurter Republik

Ernst-Günther Konrad | Mo., 9. Februar 2026 - 17:01

Sie betreten dünnes Eis. Schnell wird man mit einer solchen Haltung zum rechtsextremen Spektrum gezählt. Auch wenn in der Jungen UNION einige etwas aufgemuckt haben. Am Ende sind sie umgefallen und man hört von ihnen was? Genau. Nichts mehr. Und wo verschaffen sich konservative Studenten Gehör in den UNIS? Wo gehen sie auf die Straße, wo protestieren sie lautstark gegen die links-grüne-woke Minderheit, die sich als *Mehrheit* tarnt? Also wenn das konservative Denken von Ihnen als *rebellisch* angesehen wird, erwarte ich aber mehr als nur mal ein kurzes Aufbegehren gegen eine linke UNION. Als Synonyme für rebellisch lese ich in Wiki: * Synonyme sind aufmüpfig, renitent, trotzig oder aufrührerisch.* Davon sehe und höre ich aber nichts bei den neuen Konservativen. Einige Schwalben machen noch keinen Sommer. Auch wenn es hier und da einige wagen, lauter zu sein als der Rest. Passen Sie gut auf sich auf. Ihre Gegner machen auch vor Ihnen trotz türkischer Wurzeln nicht halt.

Jens Böhme | Mo., 9. Februar 2026 - 17:46

Früher gingen Jugendliche auf die Straße und protestierten gegen die Regierungspolitik. Heute geht die Jugend auf die Straße, um Regierungspolitik zu verteidigen (Klimahysterie, Kampf gegen Oppositionspartei) oder bleibt, wie zu Corona, ganz weg. Anscheinend leisteten die Corona-Videos der Bundesregierung ganze Arbeit ("Wir taten - nichts. Wir waren faul, wie die Waschbären.").

Markus Michaelis | Mo., 9. Februar 2026 - 17:48

Ja, das ist ein Punkt. Noch wichtiger scheint mir aber, die dominante Grundüberzeugung vielleicht besonders im linken Lager, aber sicher nicht nur, dass sich alle gesellschaftlichen Fragen am Ende dadurch klären würden, wer objektiv recht hat, wer näher an "der" Realität liegt.

Ich denke, Realität und Wissenschaft werden uns viele Fragen nicht beantworten. Menschen sind verschieden, treffen verschiedene Entscheidungen, leben verschiedene Leben in verschiedenen Gemeinschaften.

Wir reden heute von Vielfalt, Diversität. Mein Eindruck ist eher, dass damit zumindest sehr oft ein sehr eingeschränktes, normatives Menschenbild gemeint ist, und die feste Vorstellung herrscht, dass dieses in einem höheren Sinne richtig für alle Menschen sei, am Ende alle dabei mitmachen, oder eben Menschenfeinde seien. Ich glaube nicht, dass das ein guter Ansatz ist und ich denke, unsere Gesellschaft ist eher blank, was den Umgang mit echten Gegensätzen angeht.

Wolfgang Z. Keller | Mo., 9. Februar 2026 - 18:34

... Sie schreiben mir sowas von aus der Seele! Neulich hat mir ein netter Nachbar ein Buch auf die Treppe gelegt mit dem Titel "Bin ich jetzt reaktionär?" Und weil ich mich das als Alt- und Ex-Linker auch schon manchmal gefragt habe, fing ich auch darin zu lesen an und dachte Seite um Seite, der Autor (ebenfalls Alt- und Ex-Linker :-) beschreibt ja genau, wie´s mir mittlerweile spätestens seit "Mitte der Ampel" geht.
Umso erstaunter war ich, als ich nach dem Erscheinungsdatum des Buches suchte: es stammt von 2013!!! Was müsste der Autor da heute erst schreiben!!!
Mein inniger Wunsch wäre seit der letzten Wahl eine VERNÜNFTIGE konservative Politik, aber wie´s leider so richtig heißt: "Das Leben ist kein Wunschkonzert" - und ein Ponyhof erst recht nicht!

Wolfgang Borchardt | Di., 10. Februar 2026 - 09:26

tun, ist bequem. Es spart das Nachdenken und Hinterfragen von Narrativen und schützt vor Ausgrenzung und Verfolgung. Die Angst vor dem "nicht Dazugehören" ist so groß, dass j e d e r Blödsinn mitgemacht wird, wie die Geschichte bis heute belegt. Eigenartigerweise scheint es immer nur wenige Menschen zu geben, die versuchen, selbständig zu denken. Immerhin meinte schon Martin Luther: "Selber denken macht klug". Das offensiv zu tun, kann indes das eigene Leben bedrohen. Karriereristen haben gelernt, dass es in bestimmten Kreisen schädlich sein kann, *, :, _ oder Ähnliches n i c h t zu verwenden. Nach einem (nicht vorhandenen) Beleg dafür, dass diese Sonderzeichen auch nur einer einzigen Frau etwas genutzt haben (das war das eigentliche Anliegen), fragt niemand mehr. Glücklicherweise hat die deutsche Sprache genügend Potenzial, Genderriffe unangreifbar zu umschiffen. Ideologie bis zu religiösem Fanatismus dominiert Sachverstand. Niedergang und Erosion der Demokratie sind damit verbunden.

Theodor Lanck | Di., 10. Februar 2026 - 15:42

In dieser zunehmend politisierten - oder sollte ich besser sagen: ideologisierten - Gesellschaft gibt es kaum noch Graubereiche und echte Toleranz, im Sinne von: die Meinung des anderen, die mir widerstrebt, aushalten. Es herrscht der Bekenntniszwang. Unschuldige Begriffe wie Gerechtigkeit, Frieden, Zusammenhalt werden vereinnahmt und als politische Waffe gebraucht, andere wie Freiheit oder Eigenverantwortung als spalterisch etikettiert.

Da braucht es Standfestigkeit, wenn nicht gar Mut, um Empörung wie Opfergehabe auszuhalten, besser noch zu ignorieren, und seinen Standpunkt ruhig, aber bestimmt und mit Argumenten versehen schlicht kundzutun.

Die Hoffnung darauf, dass Vernunft, Gelassenheit und echte Offenheit sich evolutionär durchsetzen, ist dennoch begründet, denn die (vornehmlich linke) Gesinnungshaltung ist innen hohl und ineffektiv.