Worauf kommt es im Leben an?

Zwei Herzen schlagen in seiner Brust. Als Pascal Mercier begeistert er mit seinem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ ein Millionenpublikum, als Philosophieprofessor Peter Bieri lehrt er junge Menschen das Handwerk des freien Denkens

Herr Bieri, seit Jahrzehnten sind Sie einer der führenden deutschsprachigen Philosophen – ein Mann der Logik und scharfer Argumente. Unter dem Pseudonym „Pascal Mercier“ sind Sie nun auch einer der erfolgreichsten Romanciers deutscher Sprache. Was hat Sie zu den Romanen bewogen, steht das in Zusammenhang mit der Philosophie?
Nein. Das literarische Schreiben ist ein ganz anderes Leben. Da ist der jugendliche Kinogänger in mir wieder zum Leben erwacht, der das französische Kino der sechziger Jahre für die eigentliche Wirklichkeit hielt. Ich war damals der Überzeugung, dass die Bilder, die ich dort auf der Leinwand sah, die eigentliche Wirklichkeit waren, und nicht das, was ich danach auf der Straße erlebte. So geht es mir heute wieder. Das Leben, das ich schreibend erlebe, ist das eigentliche.

Sie leben das wahre Leben in der Fiktion?
So ist es. Es ist das Leben, in dem ich am meisten bei mir selbst bin und in dem ich die intensivste Art von Gegenwart erlebe. Wenn sich eine Figur zu entwickeln beginnt, wenn ich die nötige Offenheit nach innen entstehen lasse – vergleichbar einer Zensurlockerung im psychoanalytischen Prozess – und wenn ich die Menschen und Situationen dann präzise vor mir sehe: Das ist die intensivste und glücklichste Erfahrung, die ich überhaupt kenne.

Und diese Erfahrung höchster geistiger Intensität und Wirklichkeitsnähe finden Sie in der Philosophie nicht?
In der Philosophie habe ich etwas anderes gefunden: gedankliche Übersicht. Die eigene Gedankenwelt transparent zu machen – das ist das Thema der Philosophie. Sie ist ja eine Disziplin zweiter Ordnung: nicht Denken über die Welt, sondern Denken über das Denken über die Welt. Wenn man diesen Schritt verstanden hat, ist man auch davon begeistert, weil sich daraus eine Art Selbsttransparenz gedanklicher Art ergibt, die man sonst nirgendwo antrifft.

Philosophie ist also das Projekt einer Klärung der eigenen Gedankenwelt?
Ja, so kann man sie beschreiben. Durch die Philosophie lernt man immer besser verstehen, welche Rolle zentrale Begriffe wie „Wahrheit“ und „Falschheit“, „Wissen“ und „Gewissheit“, „Geist“ und „Bewusstsein“, „Freiheit“ und „Verantwortung“ sowie die Begriffe des moralisch Richtigen und Falschen in unserem Denken spielen und was passieren würde, wenn wir diese Ideen von heute auf morgen vergessen würden. Es geht um die begrifflichen Voraussetzungen einer jeden Idee von Welt. Dafür braucht man kein wichtigtuerisches Gerede von „Forschungsprojekten“, und man braucht keine Drittmittel. Man braucht einfach nur Stille, Konzentration und freie Zeit.

Dieses Klärungsprojekt klingt unspektakulär, bescheiden, fast ein bisschen mager.
Es ist das Projekt, das übrig bleibt, wenn man nicht mehr glaubt – wie es als Letzte die deutschen Idealisten geglaubt haben –, dass es eine a priori entwickelte, umfassende Theorie der Wirklichkeit geben könnte. Ich finde das Streben nach Klärung überhaupt nicht bescheiden, weil es so schwierig ist, diese Klarheit zu erreichen. Denken Sie an die neuere Debatte um die Willensfreiheit, wie sie in der Presse geführt wurde. Das war ein Lehrstück: Man konnte sehen, was passiert, wenn man über das Thema der Freiheit redet, ohne den für die Philosophie typischen Schritt zu machen und zu fragen: Wovon reden wir eigentlich?

Sie meinen die Vorstöße von Hirnforschern wie Wolf Singer oder Gerhard Roth, die aufgrund neuester Forschungsergebnisse die Willensfreiheit zur Illusion erklärten?
Die Argumentation der Kollegen ist alt und einfach: Nichts geschieht im Geist, ohne dass etwas im Gehirn geschieht. Die Abläufe im Gehirn sind kausal festgelegte Prozesse, und nun kann es so aussehen, als sei die menschliche Freiheit verloren. Man kann aber nicht behaupten, die Freiheit widerlegt zu haben, ohne zu sagen, was man unter „Freiheit“ versteht. Und es zeigt sich, dass hier unter der Hand ein Verständnis von Freiheit als Unbedingtheit zugrunde gelegt wurde. Der Gedanke einer solchen unbedingten Freiheit aber ist keine in sich stimmige Idee – so etwas kann man in einer Disziplin zweiter Ordnung zeigen. Nicht jeder grammatisch korrekte Satz drückt einen stimmigen Gedanken aus. Mit dieser Beobachtung beginnt bei Platon die Philosophie.

Bereits bei Platon gibt es eine deutlich spürbare Spannung zwischen dem Argument und der Erzählung. Und wenn ich richtig verstehe, verlassen Sie nun das Argument zugunsten der Erzählung.
So würde ich es nicht beschreiben. Ich weiß einfach, dass das eine das eine und das andere das andere ist. Es kommt für ein gelingendes Leben darauf an zu begreifen, wann es um analytische Klarheit und wann um poetische Dichte geht, wann Poesie und Musik wichtig sind und wann gedankliche Übersicht. Beide Anstrengungen sind grundverschieden. Man darf sie nicht miteinander verwechseln – und auch nicht gegeneinander ausspielen. Die Poesie ist die Vergegenwärtigung von Erfahrung. Die Philosophie ist die Vergegenwärtigung von Gedanken.

Das Feld der Religion, und auch die damit verbundenen Zumutungen, hat in den vergangenen Jahren ungeheuer an gesellschaftlicher Bedeutung und Einfluss gewonnen. Wäre die Klärungskraft der Philosophie auch hier gefordert?
Sie ist gefordert, und sie ist nicht genügend sichtbar. Welche Rolle spielt Religion in einem menschlichen Leben? Sind Religionen Überzeugungssysteme, ähnlich wie wissenschaftliche Theorien, die Tatsachen behaupten und Erklärungen anbieten? Dann könnten wir sie mit dem Hinweis kritisieren, dass sie nicht gut belegt und also nicht rational sind. Doch es kann gut sein, dass wir damit die Bedeutung von Religion verfehlen, unsere Kritik von vorneherein ins Leere geht.

Wie wäre Religion dann zu verstehen?
Vielleicht als etwas, das gar nicht auf Erklärungen angelegt ist und nicht auf Tatsachenbehauptungen fußt, sondern eher eine Lebensform zum Ausdruck bringt, eine Art, mit sich, den anderen und der Natur umzugehen. Wenn es so wäre, dann müsste man religiösen Menschen auf andere Weise begegnen, und die Kritik wäre von anderer Art.

Ist Religion ein Thema, über das wir in Zukunft von Ihnen lesen werden?
Möglich. Ich hatte ein Buch über Bildung angefangen, doch daraus wird jetzt ein umfangreicheres Projekt: ein Plädoyer für die Utopie einer nachdenklichen Kultur. Und ich merke immer mehr, dass in dieses Buch auch ein Nachdenken darüber gehört, was Religion ist. Ich habe ja als Religionswissenschaftler begonnen, war Indologe, ein Experte für Buddhismus und seine Mystik.

Viele großen Philosophen berichten von einem religiösen Erlebnis, das sie wandelte, einer Form der Erweckung. Hatten Sie selbst auch so eine Erfahrung?
Wenn damit eine Erfahrung gemeint wäre, in der sich die Anwesenheit Gottes erschließt, dann nicht. Religion beschäftigt mich deshalb, weil sie das Leben als Ganzes betrachtet und einen Standpunkt einnimmt, von dem aus es um die wichtigen Dinge geht – die Endlichkeit der Existenz, die Gewissheit des Todes, Einsamkeit, Liebe, Loyalität, Schuld. All diese Dinge kommen auch in meinem Roman „Nachtzug nach Lissabon“ zur Sprache. Wenn das mit „religiöser Erfahrung“ gemeint sein sollte, so ist sie mir sehr vertraut.

Das klingt ja, biografisch gesehen, nach einem ganz klassischen Aufklärungsweg – von der Religion zur Philosophie.
Bei uns zu Hause gab es immer um Punkt halb eins Mittagessen. Die Leute kamen dann aus dem Büro, gingen wieder ins Büro. Und ich wusste eines ganz sicher: Dass das nicht das Leben war, das ich führen wollte, weil es ein Leben war, in dem es nicht um die wichtigen Dinge ging. Ich bin so in die Philosophie gegangen, wie jemand ins Kloster geht, nämlich um sein Leben mit den wichtigen Dingen zu verbringen. Ich habe gemeint, so sei es in der Universität. Bis mir klar wurde, dass auch hier einfach ein soziales Spiel gespielt wird, das akademische Spiel, in dem es viel Wichtigtuerei gibt. Das war eine gewaltige Enttäuschung. Doch als ich es begriffen hatte, war es zu spät, noch etwas Anständiges zu lernen.

Und wegen der Regeln dieses sozialen Spiels haben Sie Ihre Romane unter dem Pseudonym „Pascal Mercier“ veröffentlicht.
Ja, das war zunächst der Grund.

Hat diese akademische Tümelei auch etwas mit dem Relevanzverlust der Philosophie in der Öffentlichkeit zu tun?
Die Philosophen halten sich, und das muss man ihnen zum Vorwurf machen, hinter einer Fassade akademischen Jargons versteckt. Leute, die an einem philosophischen Institut vorbeigehen, haben keine Ahnung, was dort getrieben wird. Das ist ein unmöglicher Zustand, der sehr viel mit der Fachsprache der Philosophie zu tun hat, die wiederum ein Ergebnis der Professionalisierung ist. Deshalb habe ich mein Buch „Das Handwerk der Freiheit“ auch dem Gebot unterworfen, nicht ein einziges Wort zu gebrauchen, das nicht jeder kennt.

Wie beurteilen Sie, einmal abgesehen von dieser Grundsatzkritik, den Zustand der akademischen Philosophie in Deutschland. Erleben wir einen schwachen Moment?
Ich würde das nicht so beschreiben. Nach dem Krieg, bis in die sechziger und siebziger Jahre hinein, gab es in Deutschland eine ideologische Zweiteilung, ein Lagerdenken. Es gab diejenigen, die an Kant, die idealistische Philosophie oder an Heidegger anknüpften und nichts anderes gelten ließen. Auf der anderen Seite gab es in diesen Jahren die erste Wittgenstein-Rezeption, und damit verknüpft gewann auch die sogenannte analytische, von der Logik und Wissenschaftstheorie geprägte Philosophie über Amerika und England an Einfluss. In dieser Situation, das habe ich selbst erlebt, sah es so aus, als müsse man sich zwischen beiden Lagern entscheiden: entweder die analytische Philosophie oder die kontinentale Tradition. Das war eine unselige, unfruchtbare Konstellation.

Heute ist das anders?
Heute sehe ich die Entwicklung positiv, denn die Tabuisierungen des Lagerdenkens verschwanden nach und nach. Die neue Generation hat sozusagen das Beste beider Welten: Die Kollegen englischer Zunge haben sich die kontinentale Tradition angeeignet, und diejenigen, die aus der traditionellen Philosophie kamen, haben von der analytischen Philosophie gelernt. Es ist alles da, und es sind daraus viele glänzende Bücher entstanden.

Dennoch bleibt die Frage: Gibt es heute noch ein global einflussreiches Philosophieren in deutscher Sprache?
Festzustellen ist, dass zur politischen Servilität gegenüber Amerika nun auch noch die sprachliche Servilität dazugekommen ist. In der Universität ganz allgemein wird heute zur Hälfte Deutsch gesprochen und zur Hälfte Pidgin-Englisch. Das gilt auch für die Philosophie. Wenn man nicht auf Englisch publiziert, gefährdet man die eigene Karriere.

Sie klingen ein wenig bitter, wenn Sie von der Universität als Institution sprechen.
Wie gesagt: Es gab Enttäuschungen, und die Universität als Ort der Wichtigtuerei habe ich nie gemocht. Deshalb verlasse ich sie nun auch.

Ihr literarischer Erfolg – allein Ihr Roman „Nachtzug nach Lissabon“ verkaufte sich über 700000-mal – macht Ihnen diese Entscheidung gewiss ein wenig leichter.
Man kann auch mit einer reduzierten Professorenpension ganz gut leben, und ich brauche nicht viel Geld. Ich würde es also auch tun, wenn die Bücher nicht so viel Geld einspielten. Ich will einfach mehr Zeit haben zu schreiben, und ich will noch Sprachen lernen. Ich finde es unerträglich, die Sprache desjenigen Teils der Welt, der in so vieler Hinsicht wichtig geworden ist, nicht zu können. Ich werde also Arabisch lernen.

Erwarten Sie positive oder negative Überraschungen?
Ich möchte die Sprache einfach können. Den Rest wird man sehen.

Das Gespräch führte Wolfram Eilenberger

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