Israelkritik - Wo fängt Antisemitismus an?

Kaum ein Thema ist in Deutschland so präsent wie Israel und der Nahostkonflikt. Der Grat zwischen legitimer Israelkritik und Antisemitismus ist schmal. Auch in der Forschung ist dies ein viel diskutiertes Thema, die Kardinalfrage lautet: Wann wird Israelkritik antisemitisch? In der vergangenen Woche hat der Publizit Alfred Grosser in einem Interview mit Cicero Online Israel scharf kritisiert. Ihm antwortet der Antisemitismus-Experte Martin Kloke.

Israel-Solidaritätskundgebung in Berlin
() Israel-Solidaritätskundgebung in Berlin

Er hat sich sehr verdient gemacht – der Brückenbauer zwischen Deutschen und Franzosen. 1933 gerade mal acht Jahre alt, musste Alfred Grosser mit seinen Eltern aus „rassischen“ Gründen nach Frankreich emigrieren. Umso erstaunlicher ist, dass der deutsch-französische Politologe und Publizist nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zum intellektuellen Wegbereiter der deutsch-französischen Verständigung avancierte. „Das Leid der anderen verstehen“ – dieses sympathische universalistische Motto wurde zur Lebensmelodie des überzeugten Europäers. So weit, so gut.

Vor einigen Jahren hat Grosser ein neues Thema entdeckt: die „Israelkritik“. – Na und? Warum soll der überzeugte Europäer und „Moralpädagoge“ jüdisch-deutsch-französischer Provenienz die Politik Israels nicht kritisch begleiten dürfen? Doch in Sachen Israel verliert sich der angesehene „Aufklärer“ immer mehr in einer obsessiven Gedankenwelt.

Bei jüngsten Auftritten in der Frankfurter Paulskirche zum 9. November und in Berlin über „Antisemitismus und Menschenrechte“ hat sich Grosser zwar einer gewissen Zurückhaltung befleißigt. Schließlich hatten Kritiker schon im Vorfeld geargwöhnt, der Hauptredner werde das eigentliche Thema aus den Augen verlieren und am Ende nur noch antiisraelischen Ressentiments freien Lauf lassen. Doch der Israelphobiker sollte am Ende Karl Valentins Diktum beherzigen: „Mögen hätt‘ ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut.“

Im Interview mit Cicero Online am 14. Dezember hat Alfred Grosser sich nun getraut: Nicht die Judenfeinde provozieren den Antisemitismus – „Schuld an der Verstärkung des Antisemitismus“ sind Israel und die Juden. Wenn der Zentralrat das hierzulande beliebte Israel-Bashing kritisiert, so sind er „und die von ihm vertretenen deutschen Juden“ letztlich mitverantwortlich, dass „junge Leute arabischen Ursprungs […] Antisemiten werden.“ Dort, wo Norbert Blüm in Anspielung auf die Verbrechen der deutschen Wehrmacht vom „hemmungslosen Vernichtungskrieg“ der Israelis spricht, da ist dies in Grossers Wahrnehmung nichts anderes als „leise Kritik“. „Natürlich trägt Israel die Schuld“, dass der Nahostkonflikt bis heute andauert. Obwohl es im jüdischen Staat ein allgemeines, freies und gleiches Wahlrecht für alle Bürger gibt, mit arabischen Parteien und arabischen Parlamentariern, behauptet Grosser, Israel sei „eine Demokratie, die nur für die jüdischen Israelis gilt.“

Wie kommt es, dass ein historisch ebenso gebildeter wie erfahrener Aufklärer Schwarzweiß-Malerei betreibt, sobald es um die Existenz und Politik Israels geht? Warum lässt Grossers antiisraelisches Feindbild nicht ein einziges Gegenargument zu – in einer Region, in der Akteure wie Hamas, Hisbollah und der Iran von der Zerstörung des „zionistischen Gebildes“ träumen und diese Schreckensvision ins Zentrum ihrer Aufrüstungspolitik stellen?

„Aus dem Antisemitismus könnte schon was werden, wenn sich nur die Juden seiner annehmen würden“, feixte einst der österreichische Schriftsteller Alexander Roda Roda. Es gibt rechte, linke, liberale, christliche, islamistische und wer weiß was für Antisemiten – aber jüdische Antisemiten?

Warum sollte es keinen jüdischen Antisemitismus geben? Schließlich wissen wir auch um frauenfeindliche Frauen und schwulenfeindliche Homosexuelle. Ob es auch unter Juden Antisemitismus gibt, ist keine begriffliche, sondern eine empirische Frage – das Phänomen zieht sich wie ein roter Faden durch die jüdische Geschichte bis heute. Nicht nur der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik wundert sich über die „Kooperation“ jüdischer Antizionisten mit eliminatorischen Antisemiten, die sich „damit brüsten, in Gaza von Hamas-Funktionären begrüßt und verabschiedet worden zu sein.“

Der Philosoph Theodor Lessing hat vor 80 Jahren in seiner Schrift „Der jüdische Selbsthass“ die Psychopathologie der Ich-Entwertung herausgearbeitet. Menschen, die ihre eigene jüdische (wahlweise israelische) Identität als Makel begreifen, sind unglücklich. Ein Ausweg verheißt die aus der Psychoanalyse bekannte „Identifikation mit dem Aggressor“ – das Bestreben, sich mit dem nichtjüdischen Widersacher zu identifizieren oder wenigstens zu arrangieren. Die deutsche Leitkultur war früher deutschnational geprägt, heute ist sie außerhalb offizieller Gedenkreden antizionistisch grundiert. Distanz oder gar Abneigung gegen Israel, den Pariastaat unter den Nationen, verheißt Anerkennung. Jüdische Antizionisten ziehen in der nichtjüdischen Gesellschaft besondere Aufmerksamkeit auf sich – sie werden, ob sie wollen oder nicht, als nützliche Idioten eines antisemitisch aufgeladenen Diskurses gebraucht und benutzt.

Die Sache ist allerdings komplexer als sie scheint: Nicht jeder radikale jüdische oder nichtjüdische Kritiker Israels muss automatisch ein (selbst)hassender Antisemit sein: Alfred Grosser weist denn auch den Vorwurf des jüdischen Selbsthasses brüsk zurück. Damit sollten Israelkritiker „diskriminiert“ werden: „Was man mir höchstens vorwerfen kann, ist Selbstüberschätzung“ – womöglich eine Anspielung auf seine israelpolitische Mission, „die Deutschen auch hier zu befreien, eine Normalität herzustellen, dass jeder die Möglichkeit besitzt zu sagen, was er will.“

Nur, was treibt den antizionistischen Antisemitismus an – und warum?
Mit Bezug auf den Holocaust wird den Juden gerne vorgeworfen, sie seien „wie Schafe zur Schlachtbank“ gegangen. Heute dagegen praktizieren die Israelis den alten APO-Spruch „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“ – und prompt heißt es, sie reagierten „unverhältnismäßig“. Wer Israel mit anderen und strengeren Maßstäben misst als es sonst international üblich ist, muss sich fragen lassen, ob er nicht von einem Antisemitismus in moralischer Tarnung geprägt ist.

Die Schlüsselfrage ist nicht, ob „Israelkritik“ „erlaubt“ ist – sondern, ob Kritiker ein faires, kritisch-differenzierendes oder aber ein maßlos verzerrtes und einseitiges Israelbild zeichnen. Der Antisemitismus-Verdacht wird zur Gewissheit, wenn „Israelkritiker“ das Existenzrecht Israels als jüdischer und demokratischer Staat in Frage stellen (Delegitimierung), wenn sie immer nur „Israel“, der „zionistischen Lobby“ oder gar „den Juden“ die Schuld an der palästinensischen Malaise geben (Dämonisierung) und wenn sie umstrittene israelische Militäreinsätze mit den Verbrechen der Nazis gleichsetzen (Aufrechnung und „Entsorgung“ der NS-Verbrechen).

Offenbar hat sich der jahrhundertelange Antisemitismus 1945 nicht verflüchtigt, sondern wirkt bis heute fort. Die Weltgemeinschaft hat ein schlechtes Gewissen: Sie verzeiht den Juden Auschwitz nicht – und giert nach moralischer Kompensation wegen ihres Versagens in der Nazi-Zeit: „Je ‚böser’ die Israelis gezeichnet werden, desto ‚besser’ können ‚wir’ uns fühlen – dann war der Holocaust, wenn wir ihn schon nicht leugnen können, wenigstens nicht einzigartig.“ In diesem Gedankenkonstrukt mutieren die ehemaligen Opfer zu Tätern eines neuen Holocausts – und Deutsche, Europäer etc. sind die Guten. Es handelt sich hierbei um die „israelkritisch“ camouflierte Ausprägung jenes Antisemitismus, der seine Ressentiments in scheinbar ehrbarer Gestalt transportiert – wahlweise im Namen der Vergangenheitsbewältigung, der Menschenrechte oder des Antirassismus. Diesem Vorwurf muss sich auch Alfred Grosser stellen.

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