Wolfgang Schmidt, Volker Wissing und Moderatorin Corinna Budras
Wolfgang Schmidt, Volker Wissing und Moderatorin Corinna Budras (FAZ) / Mia Kilian

Wissing und Schmidt über das Scheitern der Ampel - Schuld sind die anderen

In der Berliner Urania sprechen Volker Wissing und Wolfgang Schmidt über Verantwortung. Was bleibt, ist ein Abend voller Schuldzuweisungen, Rechtfertigungsversuche und Selbstbeweihräucherung – während die eigentlichen Fragen unbeantwortet bleiben.

Autoreninfo

Mia Kilian hat Umweltsystem- wissenschaften und Volkswirtschaftslehre studiert. Derzeit absolviert sie ein Praktikum bei Cicero.

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Suchen Sie einen Politiker mit Rückgrat, einen Staatsmann, der zu seinen Werten steht und im Einklang mit seinem Gewissen regiert? Am Donnerstagabend versprachen gleich zwei dieser Exemplare im Veranstaltungssaal der Urania, eben dies zu sein: Volker Wissing und Wolfgang Schmidt. Wissing, einst FDP-Politiker und Verkehrsminister, verließ nach dem Rauswurf Christian Lindners nicht die Ampel, sondern die eigene Partei, um fortan als Justizminister den Sterbensweg der gescheiterten Koalition mitzutragen. Und Schmidt, zur selben Zeit Chef des Kanzleramts und enger Vertrauter von Olaf Scholz, ist seit seiner Nähe zur Cum-Ex-Affäre von einem mulmigen Schleier des Ungewissen umgeben.

Aber bleiben wir ganz unvoreingenommen. „Verantwortung“ – das ist das Leitmotiv des Abends und zugleich der Titel von Wissings Buch. Verantwortung, diese mussten seine Schultern, so scheint es, in der Vergangenheit besonders oft tragen, nicht nur für sich, nein, auch und besonders für seine einstigen Parteikollegen.

Als Teil des abendlichen Publikums, in dem erstaunlich viele vornehm gekleidete, betagte Damen mit fröhlich farbigen, runden Brillen zu sehen sind, die Exemplare von Wissings Buch schon fleißig für die spätere Signierstunde gezückt, darf man Wissing und Schmidt noch einmal durch die brisanten Geschehnisse des Ampel-Bruchs begleiten. Die Sessel, in denen das Publikum Platz nimmt, sind wohlig warm und weich gepolstert. Doch eigentlich, so scheint es, hätten sie eher den beiden Herren auf der Bühne zugestanden – erinnert der Abend doch weniger an eine nüchterne politische Diskussion als an eine selbsttherapeutische Aufarbeitungssitzung.

Fehlende Verantwortung in der FDP

Wie erlebte Wissing damals das Ausscheiden Lindners und den darauffolgenden Bruch der Ampel, fragt Corinna Budras, Wirtschaftskorrespondentin der FAZ und Moderatorin des Abends, den Autor des zu verhandelnden Buches. Und was hat seine damalige Entscheidung mit Verantwortung zu tun? Wissing startet mit dem allgemein Bekannten, nennen wir es „Demokratie-Bingo“: Verantwortung sei wichtig, vor allem heutzutage, um unsere Demokratie zu beschützen und zu stärken, und Politikerinnen und Politiker wie Bürgerinnen und Bürger seien dazu aufgerufen, diese zu tragen … So weit, so einfältig.

Als sich die Diskussion den letzten Tagen der Ampel-Koalition widmet, wird Wissing plötzlich konkret – und das vor allem in der Schuldzuweisung an andere. Denen habe es nämlich an Verantwortung gefehlt, so seine Schlussfolgerung: an der Verantwortung eines Amtsträgers, eines Koalitionsmitglieds, eines politischen Dienstleisters gegenüber der Bevölkerung.

Besonders verantwortungslos: die FDP und seine ehemaligen Kollegen. Man habe die eigene Reputation, die eigene Beliebtheit und die eigene Ideologie über den Erfolg der Koalition gestellt – wobei unklar bleibt, wie er diesen „Erfolg“ denn genau definiert. Wissing diagnostiziert der damaligen FDP ein modernes Phänomen: sogenannte „Commitment Issues“. Man habe von vornherein nicht so wirklich gewollt, der Koalition und seinen Partnern nicht wirklich vertraut, und das Scheitern der Koalition sei somit bereits zu Beginn vorprogrammiert gewesen.

Der protestantische Pfälzer untermauert dies durch eine fast militant-calvinistische Liebe zur Prinzipientreue: Bekleidet ein Politiker ein Staatsamt, verpflichtet er sich zu dessen Vollendung; begibt sich eine FDP in eine Koalition, so hat sie diese bis zum bitteren Ende mitzutragen – es geht nicht mehr um Werte, Meinungen und Überzeugungen, sondern um die Beständigkeit des geformten Bündnisses. Unausgesprochen bleiben dabei entscheidende Fragen: Sind Prinzipien tatsächlich wichtiger als die Sache selbst, die Regeln des Zusammenseins wichtiger als sein Ergebnis? Oder bleibt Wissing damit zwar seinen Prinzipien treu, nicht aber dem Richtigen?

Schuld sind alle – außer uns

Die beiden Männer auf der Bühne verbindet eine eigentümliche Allianz – getragen vor allem von der gemeinsamen Abgrenzung gegenüber den anderen. Laut Schmidts Ausführungen habe nicht die Ampel ihr eigenes Scheitern verursacht, sondern der Umgang mit ihr: Er benennt vor allem einzelne Politiker, Journalisten, Bürger. Politiker, da sie sich durch die Angst vor dem Wähler vom Traum des kulturell-medialen Stars hätten treiben lassen und den „Erfolg“ (auch hier wieder die Frage, was das eigentlich sei) der Koalition dabei vernachlässigt hätten. Journalisten, da sie sich – getrieben vom Drang zur zugespitzten Schlagzeile – lieber auf kleine Streitigkeiten stürzten als auf inhaltliche Kritik. Und die Bürger, die sich nicht mit dem zufriedengaben, was sie selbst gewählt hatten: eine lagerübergreifende, pluralistische Koalition. Budras kommentiert mit einem kleinen, aber berechtigten Seitenhieb: In Schmidts Ausführungen verstecke sich eine Tendenz zum Autoritären – Politiker hätten stramm nach Linie zu handeln, Journalisten nicht zu kritisieren, Bürger nicht zu meckern.

Wissing und Schmidt personifizieren die derzeitig voranschreitende Politikverdrossenheit perfekt. Hier verklärt sich alles Politische plötzlich in eine langwierige, bürokratische Verwaltungsaufgabe: Politik als Zwang zum Kompromiss, als Liebe zur gemeinsamen Lösung, zur stabilen Mitte, zum Zentrismus. Dabei wird verkannt, dass nicht die Bildung einer Mitte an sich, sondern der ständige Ausgleich von Links und Rechts diese erzeugt. 

In verächtlich-überheblichem Ton spotten Wissing und Schmidt über jene Politiker, die mit großen Überzeugungen und einem idealistischen Willen zur Veränderung in Regierungsverantwortung treten. So erteilt Wissing uns und seinen unerfahrenen Kollegen gewissermaßen Nachhilfe in Sachen Staatsführung: Käme eine neue Regierung ins Amt, sei diese zunächst in nichts von der alten zu unterscheiden. Denn alte Regeln, Verträge und Gesetze bestimmten dieses Kabinett stärker als ihre Politiker. Die neue Regierung sei, so Wissing, demnach gleich der alten, nur mit neuen Gesichtern. Ein Hoch auf unsere repräsentative Demokratie!

Das tieferliegende Problem bleibt ungeachtet 

So dramatisch es auch klingen mag: Man muss ihnen in Teilen Recht geben. Unser politischer Apparat ist nicht gemacht für schnelle, unbürokratische Umbrüche. Es ist kein System, das Politiker hervorbringt, die Überzeugungen haben und nach ihnen Politik und Gesellschaft gestalten wollen. Es ist ein Ort für Opportunismus, für ausgeklügelte Strategen, die Politik nicht als Realisation ihrer Ideale, sondern als unaufgeregten Kompromiss- und Verwaltungsakt sehen. Wissings Vortrag zeigt jedoch: Hier wird das gar nicht als Problem artikuliert. Schlimmer noch: Wissing und Schmidt wollen das gar nicht ändern – sie akzeptieren, unterstützen und verkörpern es. 

Die Diskussion umkreist ihr eigentliches Thema wie ein Raumschiff die Sonne: nah genug, um ihre Hitze zu spüren, doch zu weit entfernt, um ihren Kern zu erreichen. So bleibt das Entscheidende unberührt: Funktioniert unsere repräsentative Demokratie in der heutigen pluralistischen Gesellschaft noch? Ist unser verwaltungsbürokratischer Staatsapparat überhaupt dazu fähig, die Krisen unserer Zeit, die auf ihn einprasseln, zu bewältigen? 

Oder gleicht das Ganze nicht längst der trägen, schweren Titanic, die, zwar solide gebaut, doch aufgrund ihrer schieren Größe nicht mehr fähig ist, dem Eisberg auszuweichen? Wissing und Schmidt scheinen sich ungeachtet dessen weiterhin am Bug dieses Schiffes wohlzufühlen – ihr Vortrag dreht sich darum, wie es sich am besten manövrieren lässt, nicht jedoch darum, ob dieses Manöver ausreichen wird, um der Kollision mit dem Eisberg zu entgehen.

Verantwortung – ein großes Wort, bei dem vieles mitschwingt: Freiheit, Vertrauen, Mut. All diese Worte sind irgendwann im Laufe des Abends zumindest einmal gefallen. Doch Wissing hat einen entscheidenden Punkt, ohne den ein verantwortungsbewusster Charakter zwingend unvollständig bleibt, vergessen. Was fehlt, ist der Wille zur Selbstkritik.

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Klaus Funke | Fr., 27. März 2026 - 15:07

Und dies mit vollem Recht. Es werden weitere Parteien der alten Bundesrepublik folgen und ebenfalls untergehen. Denn das System der Bonner BRD ist nicht mehr lebensfähig. Viele Funktionäre der Etablierten haben das noch nicht begriffen. Die CDU/CSU wird als nächstes untergehen, übrigens wie die meisten christdemokratischen Parteien in Europa. Das Schlimme, sie wissen es nicht und wollen es nicht wissen. Merz ist so ein typischer Vertreter der alten Bonner Republik. Er hat noch immer nichts begriffen, rein gar nichts. Nun reden sie und orakeln am Thema vorbei. Aber das Rad der Geschichte wird über sie hinweggehen. Bei manchem geräuschlos, weil sie ohne Rückgrat sind. Auch die Medien und da nehme ich CICERO nicht aus, haben noch nicht geschnallt, dass die Zeiten der alten Bonner Republik endgültig und für immer vorbei sind. Man labert und diskutiert wie seinerzeit im Bonner Wasserwerk. Der Spiegel, so schick und modern er sich auch gibt, ist auch so ein Uraltrelikt. Er liegt am Boden.

Stefan | Fr., 27. März 2026 - 15:11

Was haben sie erwartet ???
Wissing lässt seine Leute im Stich und die Strafe dafür folgte kurz danach. Die Ampel zerbrach an der eigenen Unfähigkeit adäquate Politik für Deutschland zu machen.
Wissing, damals Bundesminister für Digitales und Verkehr (und kurzzeitig auch Justiz), entschied sich dagegen, sein Amt niederzulegen. Er blieb als parteiloser Minister bis zum Ende der Legislaturperiode im Kabinett von Olaf Scholz.
Und natürlich sind in der Nachlese alle anderen Schuld, man selbst jedoch nicht.
Mitgegangen, mitgehangen sage ich da nur.

Heidemarie Heim | Fr., 27. März 2026 - 16:36

Volltreffer u. versenkt geehrte Frau Kilian! Erinnert mich an "Beamten-Mikado", ein früher gängiger Ausdruck, um sich über den trägen Amtsschimmel u. genau solche Beamte o. "Staatsdiener" wie Herr Wissing aufzuregen, die sich streng an ihre Pausenregelung hielten u. ansonsten nach "Vorschrift ist Vorschrift!" prinzipientreu ihren Dienst verrichteten. Der einen Antrag stellen wollende Bürger, der es noch dazu wagte während der Frühstückspause vorm Schreibtisch mit den sorgfältig gestapelten, und Überarbeitung vermittelnden Aktenordnern aufzuschlagen, war daher sofort mit einem gekonnt strengen o. genervten Blick
zur Räson zu bringen u. auf seine Funktion als Bittsteller hinzuweisen!🤣So oder ähnlich kann es heute dem kritischen aber noch nicht bademantelpflichtigen Wähler ergehen, der die Impertinenz besitzt einem Politiker auf die Pelle zu rücken, ihn auf seine Verantwortung anzusprechen o. bei Höchststrafe nicht so wählt wie dieser es aufgrund seiner Leistung für angemessen hält! MfG

Angelika Sehnert | Fr., 27. März 2026 - 18:14

Der letzte Satz trifft! Aber es ist nicht nur ein Problem Wissings. Er scheint in der Hinsicht nur besonders indolent zu sein. Das Phänomen ist in Politik, aber auch in Wirtschaftskreisen weit verbreitet. Das Prinzip Verantwortung wird besonders pervertiert, wenn man, nachdem man ein Sache richtig verbockt hat, genau dann „aus Verantwortung“ im Amt bleibt.

Andreas Peters | Fr., 27. März 2026 - 18:18

auf der Leute, die nichts zuwege gebracht haben, sich als verständige "Politiker" gerieren und gleichzeitig anderen jegliche Kompetenz absprechen. Im zweiten Punkt haben sie wafrscheinlich sogar recht, aber das gilt eben auch für sie. Unser politisches System zeigt hier seine ganze Dysfunktionalität.

Gisela Hachenberg | Fr., 27. März 2026 - 22:30

Sehr guter Kommentar, Frau Kilian! Zwei Politiker der heutigen Zeit, die sich total überschätzen, und nicht merken oder einsehen wollen, wie unwichtig sie sind. Aber ein Buch muss her. Gibt es wirklich Leute, die so etwas lesen wollen, außer vielleicht den vornehm gekleideten, betagten Damen, wie Sie so lustig schreiben, Frau Kilian. Vielleicht erklimmt das Buch ja den 1. Platz in der Spiegel Bestseller Liste, wer weiß? 😉

Das finde ich excelent. Auf gut deutsch "wunderbar".
Während meiner Studienzeit jobbte ich im Rathaus.
Ohne Blesuren. Ich wurde von den Staatsdienern
vorgewarnt

"Das kann sein, muß aber nicht". Genau. Muß
aber nicht. Excelent!