Landtagswahl in Schleswig-Holstein - Jost de Jager – der Ersatzkandidat

Jost de Jager, amtierender Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein, will Regierungschef in Kiel werden – obwohl er zweite Wahl war. Doch das ficht den 47-jährigen Pastorensohn nicht an, er fühlt sich von der Mehrheit der Partei getragen

Jost de Jager, Wirtschaftsminister, Kiel, Schleswig-Holstein
(picture alliance) Eher ein Kopftyp: Jost de Jager

Ein Schal macht Karriere. Dabei war das gute Stück ursprünglich gar nicht zu Höherem berufen. Aber dann kam der Tag, als Jost de Jager sich ins Ostseestädtchen Kappeln begab, um dort schöne Fotos von sich für seine Wahlkampagne schießen zu lassen. Winter war es, und der Wind pfiff eisig vom Meer her, da wurde dem Kandidaten plötzlich recht kalt um den nackten Hals. Doch siehe da, ein aufmerksamer Bürger hatte Mitleid mit dem schutzbedürftigen Politiker und reichte ihm ein Stück Stoff, auf dass er nicht mehr frieren müsse. Ganz grau war dieser Schal – so grau beinahe wie der politische Alltag im Kieler Wirtschaftsministerium. Würde sich Jost de Jager seinem Volk auf den Wahlplakaten tatsächlich mit einem derart öden Kleidungsstück auf den Schultern präsentieren wollen? Nein, natürlich nicht.

Deswegen ist der Schal jetzt grün; digitale Bildbearbeitung machte das Wunder möglich. Allerdings können sich nicht alle so gut über diese erstaunliche Farbmutation amüsieren wie die örtliche Presse. Denn noch regiert Jost de Jagers CDU in Schleswig-Holstein mit der FDP – und der wäre ein gelber Schal deutlich lieber gewesen: „Die Wahlkampfstrategie der CDU verwirrt die eigenen Wähler. Dass die CDU ihre Wahlkampagne grün eingefärbt hat, und Jost de Jager die grüne Anaconda bereits um den Hals trägt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Grünen in voller Fahrt auf die Sozialdemokraten zusteuern“, ereifert sich der Spitzenkandidat der Nord- FDP, Wolfgang Kubicki.

Tatsächlich soll der grüne Schal ein Symbol sein – wenn auch nicht im Sinne einer Koalitionsaussage. Jost de Jager, amtierender Wirtschaftsminister in Schleswig- Holstein, sieht darin vielmehr ein „Modernisierungsversprechen“. Man könne ja nicht immer nur auf „dieses staatsmännische Blau“ setzen. Außerdem sei Grün die Farbe der Energiewende. Und dieses Projekt will de Jager mit orkanartigem Eifer befördern, wenn er denn erst einmal Ministerpräsident des zwar schuldengeplagten, aber immerhin windverwöhnten Bundeslandes ist. Ja, wenn. Und wenn ja: Mit wem soll er dann regieren?

Am 6. Mai wird in Schleswig-Holstein ein neuer Landtag gewählt – zwei Jahre früher als geplant, weil die Mandatsverteilung nach der zurückliegenden Landtagswahl für verfassungswidrig erklärt worden war. Als überraschende Volte kam hinzu, dass sich die CDU ursprünglich einen ganz anderen Spitzenmann auserkoren hatte: Christian von Boetticher, der nach einer bizarren Affäre mit einer 16-jährigen Schülerin die Segel streichen musste. Jetzt geht Jost de Jager mit der Hypothek ins Rennen, zweite Wahl für die Nachfolge des rustikal-bodenständigen Landesvaters Peter Harry Carstensen zu sein. Angeblich ficht das den 47 Jahre alten Pastorensohn nicht an, er fühlt sich „von einer breiten Mehrheit in meiner Partei getragen“. Mangelnder Rückhalt in der CDU ist denn auch nicht sein Problem. Sondern vielmehr der mangelnde Rückhalt in der Bevölkerung für die FDP. In Umfragen liegt sie zwischen 2 und 4 Prozent.

An dieser Stelle kommt wieder der grüne Schal ins Spiel. Natürlich würde er am liebsten mit der FDP regieren, sagt de Jager – und schickt ein etwas desillusioniert Der Ersatz Kan Didat Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister will Regierungschef in Kiel werden – obwohl er zweite Wahl war von alexander margu ier klingendes „ja, ja“ hinterher. Aber um das zu erreichen, müssten die Liberalen schon ein zweistelliges Ergebnis holen. In solch einer Situation leistet man lieber keinen voreiligen Treueeid, was für den (verheirateten) Familienvater bedeutet: Er führt seine Partei ohne Koalitionsaussage in den Wahlkampf. „Bürgerliche Wähler wollen wissen, dass es eine Machtoption geben kann; deswegen müssen wir uns für weitere Koalitionen öffnen“, lautet de Jagers lapidare Begründung, die demnächst auch in anderen CDU-Landesverbänden Schule machen dürfte. Zu Robert Habeck, dem grünen Spitzenmann in Schleswig- Holstein, pflege er jedenfalls ein gutes Verhältnis, der „gegenseitige Respekt vor der Arbeit des anderen“ sei „getragen von der Ernsthaftigkeit unserer Ansichten“. Das klingt zumindest schon mal ziemlich staatstragend.

Aber darum geht es letztlich nicht. Denn auch de Jager weiß nur allzu gut, was Kubicki ihm jetzt unter die Nase reibt: Die Basis in Habecks Partei will lieber Rot- Grün. Nur wenn es für solch ein Bündnis nicht reichen sollte, käme der umgefärbte Schal womöglich zu seinem Recht. Und die CDU in die Verlegenheit, über heiß umstrittene Verkehrsprojekte wie die Elbquerung der Autobahn A 20 verhandeln zu müssen, die die Grünen unbedingt verhindern wollen. Da hilft dann zur Not kein warmer Schal mehr, sondern nur kühler Verstand. Diesen allerdings hält Jost de Jager sich durchaus zugute. Auf die Frage, was ihn vom scheidenden Ministerpräsidenten Carstensen unterscheide, lautet seine Antwort: „Er kommt stärker über den Bauch, ich eher vom Kopf.

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