Demo in den USA
Demokratie lebt von Reibung, so wie bei diesen Protesten in den USA / picture alliance / ZUMAPRESS.com | Aashish Kiphayet

Mitte-Studie - Wir sind die 24 Prozent!

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat die neue Mitte-Studie zu demokratiegefährdenden Einstellungen in Deutschland vorgelegt. Fazit: Die Beurteilung der Lage hängt stark vom Demokratieverständnis des Betrachters ab.

Ralf Hanselle / Antje Berghäuser

Autoreninfo

Ralf Hanselle ist stellvertretender Chefredakteur von Cicero. Im Verlag zu Klampen erschien von ihm zuletzt das Buch „Homo digitalis. Obdachlose im Cyberspace“.

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Wir sind die 24 Prozent! Gewiss, man will als Glossist niemanden für sich oder für seine Sache vereinnahmen. Schon gar nicht über dessen Kopf hinweg. Das wäre geistiger Hausfriedensbruch. Aber vermutlich gehören Sie auch zu uns: in die Gruppe jener, die sich ab und an schon mal gefragt haben, ob nicht das eine oder andere Gerichtsurteil hierzulande irgendwie unangenehm nach Politik schmeckt. Oder zu jenen, die vorsichtshalber noch einmal selbst im Grundgesetzkommentar nachgeblättert haben, nachdem sie vom rechtmäßigen Ausschluss eines AfD-Kandidaten von der Oberbürgermeisterwahl in Ludwigshafen hörten. Man hätte den Herrn vermutlich ja gar nicht auf dem Zettel gehabt – zumal die wenigsten von uns Ludwigshafener sind. 

Aber nicht jeder demokratiethoretische Zweifel muss ja gleich unmittelbarem Eigeninteresse entspringen. Manchmal ist man eben einfach etwas vergrübelt. Und dann spürt man, dass man der einen oder anderen staatlichen Institution vor geraumer Zeit schon einmal mehr vertraut hat. Denken Sie nur mal an die hiesigen Bundesoberbehörden: Hätten Sie es vor drei, vier Jahren für möglich gehalten, dass etwa das Robert-Koch-Institut gar nicht unabhängige Politikberatung betreibt, sondern dass die beratungsbedürftigen Politiker den wissenschaftlichen Output auf halber Strecke gleich selbst festlegen?

Wenn Sie sich jetzt ertappt fühlen, dann gehören Sie zum Wir dazu: Wir sind die 24 Prozent! Man kann mit uns vielleicht keine Regierung bilden, aber wir sind mindestens das Gemüse in der Suppe einer durch und durch lebhaften Demokratie. Vielleicht gilt für uns nicht immer #wirsindmehr. Aber zum Glück sind wir auch nicht weniger. Eine Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung hat uns jetzt ans Licht gebracht – wenn auch vorerst nur in den Scheinwerferkegel öffentlicher Despektion. 

Dabei werden wir in dem gestern in Berlin vorgestellten Papier gar nicht einmal explizit erwähnt. Man schweigt uns tot, man sitzt uns aus. Doch wer die Zahlen der diesjährigen Studie mit dem Titel „Die angespannte Mitte“ nur richtig zusammenaddiert, der wird uns irgendwann ganz sicher finden: irgendwo zwischen den Prozentangaben für die unrettbar Verlorenen und für die hoffnungslos Saturierten.

Demokratiefestigkeit im Test

In der alle zwei Jahre durchgeführten sogenannten „Mitte-Studie“, für die der politische Charakter von gut 2000 Deutschen in einem Zeitraum von zwei Monaten auf seine demokratische Festigkeit hin abgeklopft wird, sind wir die, die in der Grauskala verschwinden. Es sei an dieser Stelle nur kurz mal vorgerechnet: Laut der aktuellen Studie unter Federführung des Bielefelder Sozialpsychologen Andreas Zick sind derzeit 52 Prozent der Bürger der Meinung, dass die deutsche Demokratie „im Großen und Ganzen ganz gut funktioniert“. Gut 24 Prozent halten sie indes für nicht funktionsfähig. 

Bleiben nach Adam Riese und Schürmanns Rechenbuch also noch einmal weitere 24 Prozent, die in der gelebten Demokratie noch reichlich Luft nach oben sehen. Und während da viele Kommentatoren schon den Hastag #aufschrei neu mit Leben füllen wollen – vom „wachsenden Argwohn gegenüber der Demokratie“ spricht etwa die Frankfurter Rundschau, Studienleiter Andreas Zick selbst warnt vor der „Demokratie am Kipppunkt“ – könnten zumindest die hier angeführten Zahlen auch mal andersherum gelesen werden: Sie sind Ausdruck von Hoffnung in einer Zeit umsichgreifender Lethargie und eingeschlafener Füße.

Doch Pustekuchen! Die meisten Menschen, so sagt es schon ein altes Sprichwort, wollen lieber durch Lob ruiniert als durch Kritik gerettet werden. Wer hierzulande etwa meint, dass es um sein Vertrauen in Behörden, Gerichte oder gar Wahlen nicht immer nur zum Besten steht (aktuell sind das laut Studie immerhin 26 Prozent), der wird schnell zu einer Art Verdachtsfall abgemeiert. Nicht die Sachverwalter der hier und da durchbrechenden Dysfunktionalitäten müssen sich rechtfertigen; in Deutschland sind immer noch und in erster Linie die Verdächtiger verdächtig.

Den Finger in die Wunde

Dabei gibt es dafür streng genommen gar keinen Grund: Aktuell nämlich, auch das sagt die jetzt vorgelegte „Mitte-Studie“, verstehen sich 79 Prozent der Befragten als überzeugte Demokraten. Das sind sage und schreibe sechs Prozentpunkte mehr als noch im Jahr 2021! Und noch weitere Zahlen stimmen zuversichtlich: Nur drei Prozent der Deutschen zeigen ein rechtsextremes Weltbild – fünf Prozentpunkte weniger als noch bei der letzten Studie aus dem Jahr 2023. Und auch die Zustimmung zu politischer Gewalt ist um vier Prozentpunkte nach unten gegangen. Zweifel, Kritik sowie das selbstverständliche Anprangern von offensichtlichen Funktionsdefiziten sind also nicht notgedrungen demokratiegefährdend. Im Gegenteil: Demokratie ist nicht Blinde Kuh, sie ist der Finger in der Wunde. Es ist auch den 24 Prozent zu verdanken, dass sich Demokratie in Deutschland endlich nicht mehr nur auf Müdigkeit reimt.

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Markus Michaelis | Fr., 7. November 2025 - 17:03

Demokratisch gesehen scheint mir die ganze Gesellschaft zunehmend in einer Sackgasse, weil es immer mehr Menschen und Gruppen gibt, die jeweils andere Menschen und Gruppen definitiv von der Macht ausschließen wollen. Damit meine ich nicht nur die AfD - aus meiner Sicht gibt es nicht nur den einen Kampf der "Demokraten" gegen die "rechten Populisten". Ich nehme die Gegensätze viel grundlegender wahr: man kann sich auf immer weniger einigen, weswegen immer mehr Gruppen aus immer mehr Gründen über andere Gruppen so erschüttert sind, dass sie deren Beteiligung an der Macht nicht tolerieren wollen.

Jeder geht davon aus, dass er "wahre, demokratische Mehrheiten" vertritt, aber wirklich vorweisen kann diese Mehrheiten, die mit ihm zusammen für Regierungsverantwortung stehen, zunehmend keiner.

Nach meiner Auffassung ist das ein Problem, dass die Demokratie gerade hat. Die Menschen sind an Werten orientiert, aber an so verschiedenen, dass man schwer zusammengeht.

Rainer Mrochen | Fr., 7. November 2025 - 19:00

Muss ich dem Glauben schenken? Ich denke nein. In Deutschland hat sich, mindestens seit Corona, Wissenschaft in einem Masse selbst diskreditiert, daß ich jedweder "wissenschaftlichen" Studie, egal wie honorig die Studienbetreiber daher kommen mögen, bezweifele; jedenfalls vorerst. Warum ist das so? Es gilt die alte Weisheit >>Traue nicht nur keiner Statistik die du nicht selbst manipuliert hast; traue auch keiner Studie (um welche Studienart handelt es sich eigentlich?)die in ihrer Methodik nicht absolut zweifelsfrei ist.<<
"Demokratiegefährdende Einstellungen." Vielleicht reflektiert der Autor einmal die bekannten Vorgehensweisen der "Offiziellen" und deren demokratisches Selbstverständnis. Eine Studie darüber wäre sicherlich so interessant, wie unnötig, denn es ist ja für jeden Beobachter offensichtlich, daß Demokratie benutzt wird um undemokratisch zu agieren. Fallbeispiele sind im Cicero genug beschrieben. Das "Wir" ist absolut grenzwertig, nahezu ohne Inhalt; eben Blockdenken.

Walter Buehler | Fr., 7. November 2025 - 20:20

(1) Das „WIR“ der Autoren (das in der Einleitung süßlich beweihräuchert wird).

(2) Dieses „WIR“ sieht sich mit der FES/SPD als MITTE der Gesellschaft, als Nabel der Welt.

(3) Diese „MITTE“ liegt aber NICHT in der Mitte zwischen „Links“ und „Rechts“.

In der Studie taucht die Buchstabenfolge „echtsextr“ 812 mal auf, „inksextr“ dagegen nur 5 mal, und das NUR in moralisierenden Ablehnungen der Meinung „Ohne den Linksextremismus würde es den Rechtsextremismus gar nicht geben.“

Das bedeutet: Für die Autoren gibt es keinen Linksextremismus.

(4) Mit „Mitte“ und „Wir“ ist also NUR der linksextreme Standpunkt des „Projekts gegen Rechtsextremismus“ der FES gemeint, zu dem diese Studie gehört.

Mit Wissenschaft und auch mit Moral hat das nichts zu tun. Die Autoren lassen sich zudem die Pflege ihrer Vorurteile mit Steuermitteln bezahlen, also großenteils von jenen, die sie diffamieren. Informationen darüber, welche Steuermittel an Autoren und Herausgeber geflossen sind, sucht man vergebens.

Walter Buehler | Fr., 7. November 2025 - 23:31

Die Amadeu Antonio Stiftung ist eine wohlbekannte, große und finanzkräftige Organisation der "Zivilgesellschaft", welche sich zwar als "NGO" bezeichnet (um sich so der formalen parlamentarischen Kontrolle zu entziehen), aber dennoch davon lebt, im Auftrag der Regierungsparteien in Bund und Ländern mit Hilfe von Steuermitteln politische "Missionsarbeit" zu leisten, parallel zur Arbeit des Verfassungschutzes.

Prof. Dr. Andreas Zick., der für die Wissenschaftlichkeit der Mitte-Studie er FES/SPD verantwortlich ist, war lange Jahre Mitglied und Vorsitzender des Stiftungsrats dieser Stiftung. Dieses Engagement hat seiner Karriere nicht geschadet. Man darf wohl vermuten, dass sein persönliches Verständnis von wissenschaftlicher Objektivität dadurch geprägt worden ist.

... hat es immer wieder gegeben: selten im Kaiserreich, massiv im Nationalsozialismus, aber auch im sog. "wissenschaftlichen" Marxismus-Leninismus".

Es ist traurig, dass sich heute schon wieder Wissenschaftler zu eilfertigen Dienstboten einer Ideologie erniedrigen, und zwar wieder - wie schon früher - um der Förderung der eigenen beruflichen Karriere willen.

Selbstreferentielle Zitierkartelle und geschlossene Karriere-Netzwerke, wie sie in der Mitte-Studie überall zu finden sind, zerstören am Ende die Wissenschaft und geben sie der allgemeinen Verachtung preis.

Für die FES und vor allem für die SPD selbst hatte die Zunahme derartig geschulter "Berufspolitiker" und karrierebewusster Funktionäre fatale Folgen. Ideologische Schwätzer haben die Normalbürger aus der SPD vertrieben und so den jetzigen blinden Sinkflug bei den Wählern eingeleitet.

Der Text der Studie zeigt nicht die geringste Spur von Reflexion über die eigene Rolle beim Niedergang der SPD.

Stefan | Sa., 8. November 2025 - 03:40

Oftmals abholt die Realität die Satire scheint mir.
Absurditäten bestimmen den Kurs offensichtlich.
Mit meinem Verständnis von Demokratie und "wie wir leben wollen" hat das jedenfalls nichts zu tun.

Elisa Laubeth | Sa., 8. November 2025 - 08:55

Die Kommentarfunktion wird ja geradezu geflutet(Stand 8.11.9 Uhr)! Müdigkeit der 24%?
Spaß beiseite. Die Reaktion auf diese Studie, die mit 2000 Probanden sogar recht belastbar sein dürfte, folgt in den meisten Medien dem üblichen Muster: Erregung, Empörung, Alarmismus. Die genannten Kommentatoren übersehen eines: Demokratie verpflichtet nicht zu blindem Gehorsam! Wir müssen die Gesetze befolgen, ja. Aber die Kritik an den Gesetzen, an deren oft seltsamem Zustandekommen, die ist erlaubt und sollte in einer lebendigen Demokratie sogar erwünscht sein. Zur Zeit erleben wir eine Politik des etwas plumpen Versuchs von Oben durchzuregieren, wider die Interessen der Bevölkerung, der Wirtschaft, gegen den gesunden Menschenverstand und sogar physikalische Gesetze. Fundierte Kritik und Skepsis bedeuten nicht Abwendung von der Demokratie, schon gar nicht Delegitimation des Staates. Traurig, dass man darauf hinweisen muss.
Danke, Herr Hanselle, dass Sie das einmal gerade gerückt haben.

Urban Will | Sa., 8. November 2025 - 09:56

und nicht nur der Linksgrünwoken – Demokratie schon länger für gespielt. Schreibe ich immer wieder hier in diesem Forum.
Ob ich damit zu den ersten oder zweiten 24% gehöre, sei dahingestellt.
Dass es immer sehr demokratisch aussieht – frei nach Ulbricht – stimmt schon. Wahlen, mit allem, was dazu gehört, (ok, manchmal auch fehlenden Wahlzetteln und so, aber Berlin is nu mal Berlin), ein Parlament, alles schön demokratisch. Aber wehe, man wählt das, was der Obrigkeit nicht gefällt. Momentan ja auch so um 24, sogar, laut Umfragen, schon deutlich mehr, dann, ja dann.
Wie gesagt, es kann ja nicht sein in diesem Irrenhaus, ja, es ist geradezu eine Katastrophe, dass dieses Wahlvolk wählt und am Ende keine linksgrünwoke Politik herauskommt.
Wehe Wehe Wehe!
Die CDU sorgt seit Jahrzehnten für diesen Zustand und jetzt bröckelt es auf einmal!
Mein Gott, da müssen jetzt halt ganz schnell passende, unheilvolle Umfragen her!

Ernst-Günther Konrad | Sa., 8. November 2025 - 09:58

Eine sog. SPD nahe Stiftung macht mal wieder das, was man von ihr erwartet. Sie nimmt sich wieder des Thema *Demokratie* vor und natürlich kann bei dieser Untersuchung nur das herauskommen, was die Partei will. Und was diese teils linksextremistische SPD will ist doch klar. Alles und jeden in die *rechte Ecke* stellen, der nicht ihrer Meinung ist. Das ist doch nichts wirklich neues. Und das man da Zahlenspielchen betreibt gehört zum Handwerk. Also mich überrascht das überhaupt nicht. In der ZEIT haben die einen Politiktest gemacht berichtet Herr Seitz vom Focus. Er selbst rechnet sich in das liberale Lager. Nach dem Test schreibt er, war er noch weiter rechts als die AFD. Noch Fragen Kienzle? Das wird diesen linken Staatszerstörern aber nichts nutzen. Es ist das berühmte Pfeifen im Walde. Die gehen langsam unter und ihr Schwimmreifen mit dem Emblem der *Nazikeule* verliert immer mehr Luft.

Hans-Hasso Stamer | Sa., 8. November 2025 - 10:37

Das habe ich gebraucht heute morgen, Herr Hamselle. Aber ich fürchte, dass diejenigen, die es eigentlich betrifft, nichts davon verstanden haben. Sie sagen sich: Eie kann es sein, dass die Demokratie gefährdet ist, wo doch die Richtigen an der Macht sind? Sehen Sie, und damit machen sie schon den ersten Fehler.

Sie zum Glück nicht.