„Wir schaffen das“ - Warum Angela Merkel die richtigen Worte gefunden hat

Angela Merkels Ausspruch „Wir schaffen das“ wurde heftig kritisiert. Aber was hätte sie sonst sagen sollen? Ein Gastbeitrag von Merkels ehemaligem Regierungssprecher Klaus Vater

Gruppenbild mit Dame: Angela Merkel lässt sich zusammen mit einem Flüchtling fotografieren
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Klaus Vater (SPD, *1946) war stellvertretender Regierungssprecher der Großen Koalition im Jahr 2009. Zuvor war er Sprecher von Bundesarbeitsminister Walter Riester und Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt. Heute ist er Krimiautor und Beirat der Kommunikationsagentur Advice Partners.

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Ein Sprücheklopfer ist im landläufigen Sinne jemand, der außer Gerede nichts drauf hat, einer, auf den nicht zu zählen ist, wenn´s um etwas geht. Das Attribut „Sprücheklopferin“ hat Alexander Marguier der Bundeskanzlerin angehängt. Weil sie mit Blick auf die Integration der in Deutschland Asyl begehrenden Menschen gesagt hat: Wir schaffen das! Und weil Marguier meint, auf das Wort von Frau Merkel folge zu wenig, das Wort sei unbedacht gesprochen worden, die Konsequenzen außer Acht gelassen worden, wird die Bezeichnung „Sprücheklopferin“ bemüht.

Stellen Sie sich bitte einmal vor, die Bundeskanzlerin hätte der versammelten Presse kürzlich gesagt: „Also, ob wir das alles schaffen, das weiß ich nicht.“ Und auf Nachfrage des „Cicero“ in der Bundespressekonferenz hätte sie ergänzt: “Kann sein, kann nicht sein.“ Was wäre dann los gewesen?

Prophezeiung in Zeiten der Unsicherheit
 

Nun soll sie und sollen ihre Kabinettsmitglieder sagen können, am besten mit Datum und Ortsangabe, ein wenig zugespitzt geschrieben, was in den ersten Februarwochen im alten Land, im Nördlinger Ries oder in Köln Deutz los sein wird. Ich kann mir vorstellen, dass manche Köpfe nachdrücklich nicken: Genau, das wollen wir jetzt wissen. 

Dem früheren sowjetischen Außenminister Andrej Gromyko wird der Satz zugesprochen: Die Deutschen könnten hängende Partien nicht ertragen. Ob „Grimm-Grom“ nun die Quelle ist oder nicht, spielt keine Rolle; aber da liegt das Problem. Viele haben vergessen oder nicht gelernt, dass während solch „hängender Partien“ stets Unsicherheit herrscht, niemand präzise zu sagen vermag, was wird.

Was ist mit „hängender Partie“ gemeint? Wenn sich irgendwo in der Welt eine Katastrophe ereignet, wenn sich kriegs-, hunger- oder naturbedingt Menschen in Bewegung setzen, in Lagern zurechtfinden müssen, helfen die Deutschen mit Geld, mit Nahrungshilfe. Unsere Katastrophenhilfe ist vor Ort, NGOs kümmern sich, während der Nachrichtensendungen werden Spendenkonten eingeblendet. Die Deutschen gehören stets zu den ersten, die helfen.

Und plötzlich stehen wir in Deutschland vor einer ähnlichen, nicht einmal gleichen Situation. Hunderttausende wollen nach Deutschland. Riskieren alles, was sie haben. Die „hängende Partie“ beginnt. Ich orientiere mich an dem, was ich wissen kann: Ein lieber Freund, ein tüchtiger Arzt organisiert in Berlin als DRK- Vertreter mit anderen Tüchtigen zusammen eine Flüchtlingsunterkunft für Tausend Menschen. Tausend.

Es geht, es funktioniert
 

Er sagt ganz nüchtern: Das funktioniert. Jeden Tag müssen neue Probleme gelöst werden. Aber es geht. Wo er und seine DRK-Mitstreiter in drei Monaten stehen werden, weiß er nicht. Die Aufgabe sehen, Verantwortung übernehmen, arbeiten, sich kümmern. So geht es vielen Menschen in Deutschland, Profis wie meinem Freund, ehrenamtlichen Helfern, Frauen und Männern, Jüngeren, Älteren, Kommunalbeamten, Polizisten, Lehrerinnen. Zigtausenden. Auch die Helfer und Helferinnen haben Zweifel. Sie tun aber das, was sie als Aufgabe, als Pflicht angenommen haben.

Was geht denen durch den Kopf, wenn die lesen: Sprücheklopferin! Sie fragen zurück: Und was tut ihr?

Werfen wir einen weiteren Blick auf die „hängende Partie“: Wird´s bald Lebensmittelkarten geben, wie sie vom Staat während des kalten Kriegs gedruckt und gebündelt bereitgehalten wurden? Nein. Wird es Zuweisungen und Einquartierungen geben wie in den Jahren nach Bombenkrieg und Befreiung von den Nazis? Nein. Werden Autos requiriert werden? Nein. Werden Schul- oder Kindergarten-Systeme zusammenbrechen? Nein. Besteht die Gefahr, dass Grundbedürfnisse nicht mehr erfüllt werden? Nein.

Dieser Tage war zu hören, man müsse aber aufpassen, dass die „kulturelle Statik“ durch die Flüchtlinge in Deutschland nicht gefährdet werde. Ich habe nachgedacht, was das denn nun bedeuten soll. Ich weiß es nicht. Schließlich fiel mir nur noch ein, dass man offenbar eine Zukunft fürchtet, in der der „Bayernkurier“ auf Arabisch gedruckt wird. Die Furcht können wir beiseitelegen. Einer der wirklich miesen Kulturbrüche spielt sich ab, wenn im Zusammenhang mit den Flüchtenden der Satz fällt: „Das Boot ist voll.“ Diese vier Worte sind tatsächlich ein Buchtitel. Der Schweizer Journalist Alfred Häslinger hatte es geschrieben, 1967 veröffentlicht. Es handelt von den Untaten der Nazis sowie deren Unterstützern in der Schweiz. 

Das gesellschaftliche Projekt
 

Was geschieht tatsächlich? In Hunderten Kommunen laufen Vorhaben an: Neue wintertaugliche Unterkünfte werden errichtet, bestehende Gebäude werden vorbereitet auf Flüchtlinge, Deutschkurse werden organisiert, die Kitas und die Schulen erweitert. Gesetze werden daraufhin geprüft, ob sie nicht notwendige bürokratische Regelungen enthalten, die sich aussetzen lassen. Arbeitgeberverbände wie die der privaten Pflegebetriebe bieten an, Flüchtlingen Arbeit zu schaffen. Und, und, und. All das zusammen gesehen ergibt ein gesellschaftliches Projekt. Keins, das sich morgen bereits als Fertighaus besichtigen ließe. Aber es geht los! Nur so nebenbei bemerkt: Was jetzt aufgewendet wird, das sind überwiegend Investitionen in Deutschland, Aufträge für Unternehmen, Dienstleistungen. Es ist ein kleines Konjunkturprogramm.

Natürlich wird es auch Probleme geben. Streit und Unzufriedenheit in Unterkünften. Anpöbeleien. Wir werden in der Tagessschau zu sehen bekommen, dass Polizei in Unterkünfte stürmt. Wir werden zu lesen bekommen, dass manche Flüchtlinge von anderen für deren politische Ziele instrumentalisiert werden, wie Flüchtlinge unlängst in Berlin auf dem Oranienplatz. All das wird es geben. Ängste gibt es längst, Unsicherheiten. Menschen werden fürchten, dass ihre Grundbedürfnisse nicht mehr erfüllt werden, weil plötzlich so viele fremde Menschen mit ihren Grundbedürfnissen zusätzlich berücksichtigt werden müssen.

Ich bin weit davon entfernt, all dies als notwendige Probe auf unsere Moral zu verstehen. Die Menschen aus Kriegs- und Elendsgegenden sind einfach da. Sie gehören wie wir zur „humani generis Unitas“, zum gemeinsamen Menschengeschlecht. Wollen wir, ausgerechnet wir Deutsche, dieses Band lockern, gar zerschneiden? 

Die „hängende  Partie“ wird also weitergehen. Wer sie auf Biegen und Brechen beenden will, muss Herrn Orbán folgen: Hohe und noch höhere Zäune. Wenn die nicht reichen: Schlagstöcke und Blendgranaten. Und wenn das nicht mehr hilft: Waffengebrauch. Das ist die einzige dann verbleibende Alternative. Also lernen wir besser mit Ungewissheiten zu leben. Wir schaffen das.

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