Annäherung - Willy Brandts Umarmung des Ostens

Stein für Stein wollte Willy Brandt die Mauer zerbrechen. Er gab dem Osten ein Sicherheitsgefühl, umarmte ihn, setzte auf Entfeindung. Gunter Hofmann über  Gespräche mit dem damaligen Kanzler und die Folgen für ein geeintes Deutschland.

Willy Brandts Kniefall im einstigen Warschauer Ghetto.
(picture alliance) Eine Geste der Umarmung: Willy Brandts Kniefall im einstigen Warschauer Ghetto.

Erst jetzt, aus großem zeitlichen Abstand, gehe ihm allmählich auf, wie sehr „wir“ aneinander vorbeigeredet hätten im Westen, und wie viele Illusionen „wir“ uns machten. So erläuterte es mir gegenüber Willy Brandt einmal, als ich ihn 1988 in seinem kleinen südfranzösischen Landhaus in Gagnières besuchte. Er sprach vom Tag des Mauerbaus in Berlin und der Reaktion darauf.

Wen meinte er mit „wir“, meinte er den amerikanischen Präsidenten Kennedy, Paris und London oder meinte er auch sich? Hatte auch er sich „Illusionen“ gemacht und an anderen vorbeigeredet, als er Regierender Bürgermeister war? Hätte man sich anders wappnen können für diesen Fall? Sein Freund Günter Grass, erwiderte Brandt mir damals vergnügt und sybillinisch, habe ihm einmal vorgehalten, er könne nicht „ich“ sagen. „Wahrscheinlich ist es das skandinavische ‚Wir’, das ich benutze“, sinnierte Brandt, und dabei ließ er es bewenden - ohne eine Antwort zu geben.

Irgendetwas anderes aber, darauf deuteten viele seiner Äußerungen hin, scheint er vom Westen erwartet zu haben an diesem Tag. Aber er wollte nicht andere anklagen, daher vor allem das „wir“. Maßlos enttäuscht, schrieb er in seinen „Erinnerungen“, sei er über die Reaktion der drei westalliierten Stadtkommandanten gewesen, die einfach stille hielten und denen gegenüber er „energische Schritte“ der westlichen Regierungen in Moskau verlangte. Und Egon Bahr, nicht minder enttäuscht, zitierte in seinem Erinnerungsbuch seinen Chef, Brandt, mit dem Satz: „Diese Scheißer schicken nun wenigstens Patrouillen an die Sektorengrenze, damit die Berliner nicht denken, sie sind schon allein.“

Interessanter aber scheint mir die Frage: Was hatte der „Regierende“ denn erwartet, was der Westen, insbesondere US-Präsident John F. Kennedy, im Ernstfall machen könnte? Brandt war ein erfahrener Realpolitiker, kein Haudegen wie Franz Josef Strauß, der schon 1957 nach taktischen Atomwaffen für die Bundeswehr rief, damit man den Russen mit nuklearer Revanche drohen könne. Brandt hingegen hatte doch selbst in seiner Rede vor dem Abgeordnetenhaus noch am 13. August 1961, wie er später gestand, keinerlei konkrete Ratschläge geben können. Auch in seinem Brandbrief an Kennedy, der bei anderen böses Blut machte, der aber gut und richtig und wirksam war, stand keinerlei praktikabler Hinweis. Nein, der Vorhang sei weggezogen worden, und „die Bühne war leer“, hatte er mir gesagt, und so hatte ich es mir in mein Notizbuch geschrieben.

Kennedy, das wurde Brandt erst dramatisch bewusst, als der am 13. August trotz dieser Weltnachricht auf seiner Yacht seelenruhig weitersegelte, war mit diesem Arrangement einer Teilung der Stadt per Mauer sogar zufrieden: Es kam Ruhe zwischen die Großmächte – das war von vornherein Kennedys Sicht. All die Bücher, die anlässlich des 50. Jahrestags des Mauerbaus geschrieben worden sind, enthüllen darüber letztlich nichts Neues. Worum es mir geht, ist aber auch gar nicht, diesen Tag einmal mehr zu rekapitulieren. Ich möchte kurz davon sprechen, was von dem Tag ausging.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Brand und Bahr über die Entspannungspolitik des Westens nachdachten.

Willy Brandt, mit seinem Vertrauten Egon Bahr eng an der Seite, entschloss sich nämlich, diese Zeit der „Illusionen“, die „Flucht vor der Wirklichkeit als Surrogat für Politik“ zu beenden – und nicht mit gleichen Mitteln zu antworten.  Dass die amerikanischen Panzer am Checkpoint Charly nicht schießen würden am 13. August, wusste Nikita Chruschtschow in Moskau durchaus – solange er „nur“ die Ostberliner einsperrte, und die West-Sektoren unbehelligt blieben.

Panzer, hieß das für Brandt/Bahr, sind eine leere Drohung. Wie aber sonst, um ein Wort Brandts zu benutzen, die „Mauer durchlässig“ machen? Wie zur „Enteisung“ beitragen? Brandts Deutschland- und Ostpolitik knüpfte an einen Kurs an, den John F. Kennedy vorgegeben hatte: Seine Entspannungspolitik setzte auf Anerkennung des zweiten deutschen Staates, sie sollte dem Osten ein Sicherheitsgefühl geben, sie umarmte, sie charmierte mit dem Wort vom „Wandel durch Annäherung“, sie setzte auf Entfeindung. Und zwar, indem sie pragmatisch und klein „Stein für Stein“ aus der Mauer herausbrach.

Ihre dialektisch gedachte Politik setzten sie von den Passierscheinabkommen für die Berliner (1963) bis zur Ostvertragspolitik (1969 bis 1972) peu à peu um. Das hieß: Die Politik antwortete nicht mit gleichen Mitteln wie die Gegenseite. Nach ähnlichem Muster verfuhr als nächster übrigens Kennedy. Chruschtschow mag die Kuba-Krise 1962 noch provoziert haben im Glauben, der Westen sei doch kurz zuvor in Berlin auch auf dem Teppich geblieben und habe es bei Protest-Rhetorik belassen – also könnte man ja mal auf der Karibik-Insel dicht vor der Tür der USA Atomraketen aufpflanzen. Kennedy blieb standfest, die Raketen wurden zurückbeordert, aber eben auch US-Raketen in der Türkei, und zugleich vermied der amerikanische Präsident, dem Rat seiner Falken unter den Militärs zu folgen und einen Nuklearkrieg ruhig zu riskieren. Danach versuchte er, was Brandt in Berlin wagte – Deeskalation mit dem Osten.

Noch einmal übrigens wiederholte sich dieses verblüffende Muster: 1968, nach dem Prager Frühling und den Panzern des Warschauer Pakts, die im August alle Hoffnungen auf einen „dritten Weg“ niederwalzten. Diesmal waren es wieder die Deutschen, die dialektisch reagierten. Die Ostvertragspolitik setzte Brandts sozialliberale Regierung seit ihrer Wahl im Spätherbst 1969 in die Tat um – nur ein Jahr nach Prag.

Wenn schon Entspannung, dann machen wir das, hieß es zwar eifersüchtig in Washington – aber die beiden Berliner ließen sich das Heft nicht mehr aus der Hand nehmen. Die Bonner konnten Amerika nicht auf ihren Kurs zwingen, aber sie emanzipierten sich ein Stück weit – und bestärkten wiederum jenes Amerika, das weg wollte vom Kalten Krieg. Auf die Panzer erwiderte die Brandt'sche Politik nicht mit Panzern, sondern mit Anerkennung der eigenen Verantwortung für die Geschichte bis 1945 und mit Beruhigung, dem Angebot unverletzlicher Grenzen an den Osten. Darin steckte, wenn man so will, ein subversives Element. Das gilt erst recht für Brandts Kniefall im Dezember 1970 vor dem jüdischen Ghetto-Mahnmal in Warschau, der wortlos war.

Über langfristige Ziele seiner Politik schwieg Brandt, wie ich mich entsinne, eisern, wann immer man ihn danach fragte. Nur der große Nachrüstungsstreit Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, der vom militärischen Kräftegleichgewicht handelte in einer Welt, die atomare Überkapazitäten hatte, um die Menschheit mehrfach zu vernichten – dieser Nachrüstungsstreit mit seiner anderen Philosophie hätte fast seinen ganzen politischen Grundansatz verschüttet, wie er einmal bitter bemerkte. Zum Glück, fand Brandt, kam jedoch jetzt ein Deeskalierer in Moskau zum Zuge, Gorbatschow.

Ich bin mir sicher: Mit dem Mauerfall 1989 ging auch eine Rechnung auf, die in den Tagen nach dem 13. August 1961 ausformuliert worden ist und die sich im Kniefall, der ja auch eine Chiffre war, stumm verbarg.

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