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Intellektuelle und der Mauerfall - Wie haben wir geirrt!

Aus dem Archiv: Peter Schneider erzählt offen und schonungslos, warum Deutschlands linke Intellektuelle Probleme mit der Wiedervereinigung hatten. Ein nicht ganz so feierlicher Rückblick

Autoreninfo

Peter Schneider ist Schriftsteller und lebt in Berlin. 1991 gründete er mit Freunden die Initiative „Courage gegen Fremdenhass“

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Es gehört zum Handwerkszeug von Politikern, dass sie selber an die Lügen glauben, die sie für nötig halten, um ihr Wahlvolk von einer großen Sache zu überzeugen. Und es spricht einiges dafür, dass Helmut Kohl das westdeutsche Wahlvolk nie für die Wiedervereinigung hätte gewinnen können, wenn er ihm – wie sein damaliger Gegenspieler Oskar Lafontaine – die Kosten dieses Unternehmens vorgerechnet hätte. Noch im Frühjahr 1990 erklärten sich zwei Drittel der Westdeutschen für absolut überfordert mit der Aufgabe, eine kleine „Ergänzungsabgabe“ für den „Aufbau Ost“ zu leisten.

Tatsächlich haben die Westdeutschen nicht eine einzige Demonstration für die Wiedervereinigung zustande gebracht. Darf ein Politiker die Wähler – wissentlich oder nicht – belügen, um ihnen eine einmalige historische Chance – die Chance zur Wiedervereinigung – schmackhaft zu machen? So viel steht fest: Es gab weit und breit keinen Politiker, der den Deutschen im Jahre 1990 den folgenden einfachen Satz zugemutet hätte: Die Wiedervereinigung wird unendlich viel kosten, aber sie ist wert, was sie kostet. Eine nicht zu vernachlässigende Rolle im damaligen Für und Wider spielten Deutschlands Intellektuelle – eine Gruppierung, die in der angelsächsischen Welt lieber gar nicht erst um Rat gefragt wird. Von wenigen Ausnahmen abgesehen – ich nenne, stellvertretend für sehr wenige, Martin Walser und Monika Maron – schienen die linken Intellektuellen von dem Ehrgeiz beseelt zu sein, Margret Thatchers Warnungen vor einer Wiedervereinigung und den Deutschen noch zu überbieten. Günter Grass schlug in einem aufsehenerregenden Aufsatz vor, die Deutschen sollten ganz einfach auf ihr Selbstbestimmungsrecht verzichten, um der Versuchung einer Wiedervereinigung zu entgehen.

Das aus den Bürgerbewegungen in der DDR hervorgegangene Neue Forum trat pragmatischer auf. Es sprach sich für einen offenen Dialog mit den Westdeutschen aus, aber ging ganz selbstverständlich von der Zweistaatlichkeit Deutschlands aus – die Wiedervereinigung war kein Thema. Führende Intellektuelle der DDR, darunter Christa Wolf, Volker Braun und Stefan Heym, verfassten einen Aufruf: „Für unser Land“. Darin warnten sie vor einem „Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte“ und riefen die DDR-Bürger auf, „eine „sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln“. Tatsächlich äußerten im November 1989 nur 48 Prozent der DDR-Bürger ihre Zustimmung zur Einheit, ähnlich verhalten war das Stimmungsbild im deutschen Westen. Aber die Stimmung änderte sich von Tag zu Tag. Bis zum Februar 1990 stieg die Zustimmung in beiden Teilen Deutschlands auf 80 Prozent, in der DDR kletterte sie sogar deutlich über diesen Wert.

Die SED veranstaltete im Dezember 1989 – zwei Monate nach dem Fall der Mauer – einen Sonderparteitag, auf dem die Auflösung der Partei erwogen wurde. Geistesgegenwärtig schlug der Anwalt Gregor Gysi statt der Auflösung die Umbenennung der Partei in PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) vor, ein Kürzel, das von Dissidenten sofort mit „Praktisch Dasselbe“ übersetzt wurde. Berühmt wurde die Wortmeldung eines alten Arbeiters auf dem Umbenennungsparteitag: „Zuerst habe ich den Nationalsozialismus kennengelernt“, sagte er, „danach den real existierenden Sozialismus. Einen dritten Sozialismus überleb ich nicht!“ Es war dann das Volk der DDR, das die Wiedervereinigung erzwang. Die Intellektuellen auf beiden Seiten der Mauer liebten dieses Volk, solange es auf den „Montagsdemonstrationen“ in Leipzig rief: „Wir sind d a s Volk!“ Sie wandten sich schaudernd ab, als dasselbe Volk im Frühjahr 1990 dem Besucher Helmut Kohl zujubelte und variierte: „Wir sind e i n Volk!“ und sogar drohte: „Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, kommen wir zur D-Mark.“

Günter Grass erließ sofort einen Bannspruch gegen das „Wiedervereinigungsgeschrei“ und tadelte die DDR-Regierung Krenz : „Die Reihenfolge der Änderungen war falsch. Es hätte die innere Demokratisierung weiter vorangetrieben, die Öffnung der Grenzen angekündigt werden müssen, die Kommunalwahl hätte wiederholt werden müssen…“ Ebenso gut hätte Grass einem Erdbeben befehlen können, in bekömmlichen Schüben aufzutreten. Der Spötter Heiner Müller hing seine Abneigung gegen die Vereinigung etwas tiefer. Er machte sich einen Spruch zueigen, den er an einer Wand in der S-Bahn-Unterführung Friedrichstraße gefunden hatte: „Wir sind ein Volk!“ stand dort. Und eine Zeile weiter unten: „Und ich bin Volker!“ Nach der Wiedervereinigung allerdings verstand er keinen Spaß mehr und schlug apokalyptische Töne an: „Für Jahrzehnte wird nach dem vorläufigen Sieg des Kapitalismus, der ein System der Selektion ist (das System Auschwitz), die Kunst der einzige Ort der Utopie sein, das Museum, in dem die Utopie aufgehoben wird für bessere Zeiten.“

Der erstaunliche Konsens der meisten west- und ostdeutschen Intellektuellen gegen die Wiedervereinigung verdient einen kleinen Exkurs – nicht zuletzt deswegen, weil ich selber bis genau drei Wochen vor dem Fall der Mauer diesem Konsens anhing. Tatsächlich endete meine Voraussage des Mauerfalls und seiner Folgen in der New York Times mit einer fantastischen Fehleinschätzung: „The wall will truly come down only when Germans face a basic reality: there is no human right of German unification and there will continue to be two German states.“ Wie konnte ich einen sonst einigermaßen hellsichtigen Artikel mit einem naseweisen Schlusssatz derart ruinieren? Wie Günter Grass und andere Kollegen sah ich in der deutschen Teilung eine unmittelbare Folge des Hitlerkrieges, eine historische „Strafe“, mit der die Deutschen sich nun einmal abzufinden hatten. Wer die Teilung infrage stellte, entlarvte sich nach dieser Lesart als „Revanchist“ und „unverbesserlicher kalter Krieger“, der die Lehren der Geschichte ignorierte. Dabei hätte uns doch auffallen können, dass das Denkverbot in Sachen „Deutsche Einheit“ auf einer höchst einseitigen und narzisstischen Geschichtsinterpretation beruhte. Denn warum war eigentlich die Bereitschaft, für die deutsche Schuld in Gestalt der Teilung zu büßen, vornehmlich bei den Westdeutschen anzutreffen, die ja gar nicht büßten und mit der Teilung vergleichsweise prächtig lebten?

Und warum weigerte sich das Volk der Ostdeutschen – mit Ausnahme ihrer privilegierten Intellektuellen – so beharrlich, diese angebliche „Strafe“ der Geschichte anzunehmen? In Wahrheit war die Teilung Deutschlands keineswegs eine direkte Folge des Hitlerkrieges gewesen. Sie war eine Folge des Kalten Krieges und der aufbrechenden Widersprüche zwischen den Alliierten, und sie betraf keineswegs nur Deutschland, sondern ganz Europa. Und warum sollten zum Beispiel die Polen, die schließlich auf der Seite der Sieger gekämpft hatten, gemeinsam mit den (Ost)-Deutschen hinter der Mauer für Hitlers Krieg büßen? Die Ablehnung der deutschen Einheit durch die DDR-Intellektuellen speiste sich aus einem ähnlichen Schuldgefühl, aber es kam noch etwas anderes hinzu: Stolz. Die DDR-Intellektuellen hielten bis zuletzt an der Überzeugung fest, dass sie im Prinzip im „besseren Deutschland“ lebten.

Wie repressiv der Alltag im „ersten antifaschistischen Staat auf deutschem Boden“ auch sein mochte, am Staatsziel Sozialismus und an der Abgrenzung gegen das „korrupte“ westliche System durfte nicht gerüttelt werden. Im Übrigen hatten sie die Sorge, dass mit der Einheit ihr Staat von der politischen Landkarte verschwinden würde – was dann auch geschah. Ich wurde im Laufe einer dreistündigen Bahnfahrt in Kanada von meinen Einwänden gegen die Einheit kuriert. Ende Oktober 1989 ergab es sich, dass ich mit fünfhundert anderen Schriftstellern in einem Zug saß, der von Montreal nach Toronto fuhr. Vor den Fenstern war jenes achte Weltwunder zu besichtigen, das man „the peak of the foliage“ nennt. Von diesem Schauspiel bekam ich so gut wie nichts mit, da ich mein Abteil mit der aus der DDR stammenden Schriftstellerin Monika Maron teilte. In wenigen Minuten hatten wir uns an der deutschen Frage festgebissen.

Wir hätten die Strecke ebenso gut in einer U-Bahn zurücklegen können. Monika Maron hörte sich meine Einwände gegen eine Wiedervereinigung geduldig an und nahm sie Stück für Stück auseinander. Der Erfolg ihrer Destruktionsarbeit beruhte wohl vor allem auf dem Nachweis, dass meine Argumente Glaubensartikel waren, die sich auf einen nie überprüften linken Konsens stützten. Und dann legte sie los: „Ihr wollt doch nur eure Penthousewohnungen, eure Autobahnen, eure Mercedes’ für euch behalten. Während ihr Ferien in der Toskana macht, sollen wir hinter der Mauer für den Faschismus büßen und über den Weltfrieden wachen? Was fällt dir, was fällt euch eigentlich ein?“ Ich kann nicht behaupten, dass ich mir die Einheit wünschte, als ich in Toronto ankam. Aber ich hatte plötzlich nichts mehr dagegen. Festzuhalten bleibt: Hätten die Deutschen auf ihre Intellektuellen gehört, die Wiedervereinigung wäre wohl nie zustande gekommen.

Die ostdeutschen Wähler nahmen die Chance der Wiedervereinigung mit dem Instinkt von Leuten wahr, die Erfahrungen mit einer Mangelwirtschaft haben: Greif zu, sobald ein Angebot im Fenster liegt! Schon morgen sind die Bananen ausverkauft! – Sie haben mit ihrer Ungeduld und ihrem Drängen recht behalten. Schon ein gutes halbes Jahr nach der Wiedervereinigung, nämlich nach dem Sturz Michail Gorbatschows im August 1991, hätten George H.W.Bush, Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher gar keinen Adressaten mehr für ihre Verhandlungen gehabt. Wozu es gut ist, sich die damaligen Irrungen und Wirrungen noch einmal ins Gedächtnis zu rufen? Vielleicht dient mein Rückblick zu einer gewissen Demut und zur Neugier. Die vermeintlich ehernen Gesetze der Geschichte, die Karl Marx verkündete – es gibt sie nicht. Was 20 Jahre nach dem Mauerfall als unverrückbares Datum in den Geschichtsbüchern steht und zu Recht gefeiert wird, stand damals auf Messers Schneide. Es hätte auch ganz anders kommen können. Schade, dass sich kein Historiker der durchaus realistischen Spekulation annimmt: Wie sähe Deutschland, wie sähe Europa heute aus, wenn es nicht zur Wiedervereinigung gekommen wäre?

Das alles sind nun Aufregungen und Feuerwerke von gestern. Wie glücklich sind die Deutschen heute – zwanzig Jahre nach einer Hochzeit, die die Braut aus dem Osten mit Überschwang, der Bräutigam aus dem Westen mit einem gebremstem Ja eingegangen war? Eine stabile Minderheit der Deutschen hält diese Ehe längst für einen Reinfall, wenn nicht gar für eine Zwangsehe – zehn Prozent der Bürger im Westen und sieben Prozent im Osten wünschen sich die Mauer wieder zurück. Aber solche Zwischenmeldungen eignen sich eher für launige Schlagzeilen als für eine Diagnose. Das Glück in einer langen Ehe, wissen wir von den Familientherapeuten, ist das Ergebnis von geduldiger Arbeit – also nicht von Glück. Wenn man dieser Betrachtungsweise folgt, so ist den Deutschen in zwanzig Jahren viel misslungen, aber noch mehr und Erstaunliches ist gelungen – und viel Arbeit steht ihnen noch bevor.

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