Was macht eigentlich Pfarrer Käbisch?

Auf ihn waren zeitweise 62 Stasi-Spitzel angesetzt, sie sollten den Pfarrer einschüchtern, aushorchen, die Familie zerstören. Der Albtraum fand mit der Wende kein Ende: Nun kämpft Pfarrer Edmund Käbisch gegen die juristischen Finten der Täter von einst.

Edmund Käbisch
(Picture Alliance) Edmund Käbisch

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Es ist fast tragisch. Mehr oder weniger unfreiwillig erlangte ein Zwickauer Pfarrer bundesweite Bekanntheit. Nicht weil er sich schon als Pfarrer in der DDR für Frieden und Umwelt engagierte, massiv aneckte und dafür flächendeckend bespitzelt wurde. Nein, er wird bekannt, weil sich unsere Demokratie hier einmal mehr demokratisch selbst überholt und Edmund Käbisch deshalb einen schwarzen Balken über die Wahrheit setzen muss – zumindest einstweilig. Ausgangspunkt ist die Ausstellung „Christliches Handeln in der DDR“, die der Pfarrer zusammen mit Schülern einer achten Klasse aus Zwickau fertigte und dabei Namen und Handlungen von Inoffiziellen Mitarbeitern der Staatssicherheit der DDR offenlegte. Per einstweiliger Verfügung wurde ihm das untersagt, und in einem Hauptsacheverfahren soll nun erörtert werden, ob die Persönlichkeitsrechte des ehemals sehr eifrigen Denunzianten Holm Singer alias „IM Schubert“ über der Menschenwürde und Meinungsfreiheit des Bespitzelten stehen. Das Ergebnis wird Präzedenzwirkung entfalten.

Es passt zu ihm. An Edmund Käbisch werden sich wieder die Geister scheiden. Er war und ist selbst ein sogenannter streitbarer Geist. Von denen hört und liest man gern, wenn sie sich wieder mal in eine Sache verbissen haben, dafür kämpfen, ihren Kopf hinhalten. Im direkten Kontakt findet man sie meist unbequem. Als Dompfarrer von St. Marien in Zwickau wurde er mit 55 Jahren durch seine Kirche in den Ruhestand versetzt. Das war erst 1999, und das eine – so ahnt man – hat viel mit dem anderen zu tun.

Der vermeintliche Revoluzzer empfängt in seiner Zwickauer Wohnung in der Hölderlinstraße. Er wirkt ruhig und frisch. Bei dem, was er sagt, spürt man, dass er es bereits mehrfach durchdacht und abgewogen hat. Er wählt seine Worte druckreif, wohl auch deshalb, weil er seit Wochen die gleichen Fragen beantwortet. Er spricht sich in Rage, wenn es um die Sache selbst, die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit geht. Er schließt sich wie eine Auster, wenn es privat wird, wenn er mehr preisgeben müsste als ohnehin bekannt ist. Dann stockt er, denkt nach, scheint unsicher und laviert. Vielleicht nur in diesem Moment sind die physischen und psychischen Auswirkungen von Jahrzehnten „seiner reaktionären Rolle“ in seinen „oppositionellen Aktivitäten gegen den Staat“, die damalige DDR, sichtbar. So beschrieb ihn die Stasi im Einleitungsbericht zur OPK (Operative Personenkontrolle) „Verführer“ vom November 1982, ein Jahr nachdem der gebürtige Schlesier sein Amt in Zwickau angetreten hatte. Seine Ehefrau sollte durch einen Verführer zum Ehebruch animiert werden, mit dem Ziel, „offiziell auswertbares, kompromittierendes Material zu erarbeiten, um… kirchenleitende Kräfte zu zwingen,… seine (Käbischs, d.R.) Versetzung zu erwirken“. Der Gigolo hatte sich in gleicher Absicht an anderer Stelle bereits erfolgreich hervorgetan, scheiterte aber in diesem Fall.

All das las der Vater von drei Söhnen und in Bälde dreifacher Großvater nach der friedlichen Revolution – wie er die Wende konsequent nennt – in seiner unglaublich umfangreichen Stasi-Akte. Nie hat er Tagebuch geführt, nun aber breitet sich sein Leben in Daten, Fakten, Bildern minutiös vor ihm aus. 62 Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi haben – direkt oder indirekt auf ihn angesetzt – Berichte über ihn, den OV „Kontrahent“ verfasst; seine Arbeit und seine Familie spinnennetzartig ausspioniert. 62!

Es ist unfassbar, so wie auch Käbisch schwer zu fassen ist. In seinem Arbeitszimmer eine grüne Chaiselongue mit Schafsfell und Bücher, Bücher, Bücher, aufgereiht in der Sprelakart-Anbauwand aus ostdeutscher Vergangenheit. Lenin steht auf dem, der Koran im Regal. Neben dem Schreibtisch ein Bild aus dem Heiligen Land über einem schlichten Kreuz, darunter der kombinierte Fax-Kopierer.

Je länger die Wiedervereinigung zurückliegt und je mehr sich die subversive Arbeit der Stasi im allgemein geradezu dankbar empfundenen Nebel der Vergangenheit auflöst, desto härter treffen solche Berichte. 1982 will sich Edmund Käbisch als Elternrat in der Schule seines großen Sohnes engagieren. Die Stasi wittert auch hier sofort die reaktionäre Unterwanderung durch Käbisch und weist an, dass „…die Klassenleiterin bei operativer Eignung zu kontaktieren und diesbezüglich abzuschöpfen“ ist. Man brauche weiter eine Liste aller Klassenmitglieder, „um einen geeigneten Jugendlichen als Kontakt auszuwählen“. Rein vorsorglich wolle man dies auch gleich in der Klasse des zweiten Sohnes umsetzen.

Er arbeitet gegen das Vergessen und die Vergesslichkeit. Schon immer. Neben seinen pfarramtlichen Aufgaben prangert er die Aufrüstung der DDR an, bietet Kirchenasyl, betreut viele amnestierte Strafgefangene und mahnt auch Umweltgewissen an. Seine Eingabe zum Wildentensterben bei Zwickau Mitte der achtziger Jahre wurde ausweislich seiner Stasi-Akte bis nach Moskau berichtet. Er schmunzelt, als lache er über einen Jungenstreich und gleichzeitig so, als könne er es selbst nicht glauben.

Im Verlauf des Gespräches wird die Erschöpfung sichtbarer. Die vergangenen Wochen haben ihn aufgerieben. „Man müsste fast dankbar für die Publicity im Fall des IM Schubert sein. Bin ich aber nicht. Ich liebe vielmehr die Auseinandersetzung mit offenem Visier.“ So hat er Mitte der neunziger Jahre mehr als ein Drittel „seiner“ IMs im Gespräch getroffen. Nicht einer hat ein Wort des Bedauerns oder der Entschuldigung gefunden. Im Gegenteil, die meisten glauben, sagt Käbisch, sie hätten durch ihre konspirative Arbeit den Weltfrieden bewahrt und den dritten Weltkrieg abgewendet.

Aber er muss vorsichtig sein, mit dem was er sagt, zeigt und tut. Der sächsische Datenschutzbeauftragte hat ihn informiert, dass eine anonyme Anzeige gegen ihn vorliege. Er hätte zu viele Informationen und illegales Datenmaterial in seiner Wohnung gesammelt. Bestimmte Verhaltensweisen, resümiert Käbisch resigniert, sind deckungsgleich zur damaligen Zeit.

Cathrin Wilhelm geboren in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), befasst sich mit deutsch-deutschen Gemengelagen. Sie lebt als Publizistin in Potsdam

 

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