Was macht eigentlich Johannes Gerster?

Petra Gerster liest im ZDF die Nachrichten, ihr Bruder Florian ging als glückloser Arbeitsvermittler in die Geschichte ein. Was macht eigentlich Onkel Johannes, einst Ministerpräsidenten-Kandidat in Rheinland-Pfalz? Eine Spurensuche.

Johannes Gerster war als Politiker ein Hardliner. Zwei Jahrzehnte lang war er CDU-Bundestagsabgeordneter, wirkte als innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Dann kam 1992 die Krankheit: Lymphdrüsenkrebs. Er wurde operiert, musste sich einer Chemo- und Strahlentherapie unterziehen. Geweint hat er. Von seiner 16-jährigen Tochter Anna bekam er zu hören: „Du sollst dich nicht hängen lassen. Du sollst kämpfen.“ Also kämpfte der Mainzer. Helmut Kohl rief den damals 52-Jährigen Woche für Woche an und sprach ihm Mut zu. Irgendwann war die Todesgefahr gebannt: „Ich war so dankbar, dass ich wieder gesund war.“ Petra Gerster, Nachrichtensprecherin des ZDF, erinnert sich an ihren Onkel: „Als Johannes seine Krankheit schon längst überwunden hatte und ich gerade vor meiner zweiten Operation stand, schrieb er mir zwei Dinge in einem Brief: 1. Die Gersters sind aus hartem Holz. 2. Fünfzig Prozent Heilung sind Willen.“ Für Petra Gerster ist ihr Onkel, der bis heute der Mainzer Fastnacht als Kommandant der Ranzengarde sein Gesicht gibt, auch sonst ein „Määnzer Schlappmaul, das einerseits Streit entschärft und andererseits wieder vorantreibt“. Helmut Kohl schätzte die volkstümliche Art Johannes Gersters und verpflichtete ihn, das 1991 an die SPD verlorenen gegangene Rheinland-Pfalz für die CDU zurückzuerobern. Der schaffte die strategische Mehrheit, doch der einstige Koalitionspartner FDP blieb bei der SPD. In der Leere dieser Niederlage erkannte er den Sinn seiner Krankheit als Zäsur und löste sich von allem, was sein Leben als Politfunktionär bestimmt hatte. Johannes Gerster erinnerte sich an seine Eltern, die in Mainz zum kirchlichen Widerstand gegen die Nazis gehörten, die Juden bei sich zu Hause versteckt und in die Freiheit nach Frankreich geschleust hatten. Seit 1982 Vizepräsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, war er ein häufiger Besucher Israels. Er hatte im Bundestag angesichts der drohenden Verjährung der NS-Morde so viele Stimmen in seiner zögerlichen Fraktion durch Überzeugungsarbeit gesammelt, dass die Grundgesetzänderung möglich wurde, die die Verjährung verhinderte. Gersters Entschluss stand fest: Er wollte nach Israel. Er wollte nicht deutscher Botschafter in Tel Aviv werden, wie von Helmut Kohl angeboten. Er wollte unabhängig sein. So wurde er 1997 Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem, den konservativen Überzeugungen des ersten Nachkriegskanzlers verpflichtet, also so frei wie der „Alte“. Nach achteinhalb Jahren, im Alter von 65 Jahren, kehrt Gerster heim nach Mainz. Ein keineswegs leiser Typ – wie fast alle Mainzer – hat leise seine Politik des Herzens für Israelis und Palästinenser gemacht. Er fährt mit mir ins „Pasha“, in ein arabisches Gartenrestaurant in Ost-Jerusalem, und erzählt von der zufälligen Begegnung mit einem palästinensischen Minister, den er als Partner seiner Stiftung kennt und schätzt. Gerster und seine Frau werden an den Tisch gebeten, haben keine Chance, allein zu essen. Die Großfamilie des Ministers feiert den Geburtstag einer ihrer Töchter. Die Gersters bekommen Wein, den Moslems zumindest in der Öffentlichkeit nicht trinken. Nach kurzer Zeit wird über Politik gesprochen. „Der Minister flüsterte mir ins Ohr, die Israelis hätten gerade die Erlaubnis für die Palästinenser zur Einreise nach Israel verweigert“, erinnert sich Gerster. „Unsere vor der Tür stehende Konferenz mit israelischen und palästinensischen Politikern müsse daher ausfallen.“ Gerster nimmt sein Handy und ruft einen guten Freund an, einen israelischen Minister, schildert die Dinge und schließt mit dem Satz, es gehe um Menschenleben. Es ist Schabbat. Um Menschenleben zu retten, ist der Minister auch am Schabbat zu erreichen. Der israelische Minister kommt ins Restaurant, trifft zum ersten Mal seinen palästinensischen Kollegen, isst und trinkt mit: „Zwei Tage später waren die Genehmigungen erteilt.“ Für dieses Vertrauen hat Johannes Gerster lang und geduldig gearbeitet, hat alle Rückschläge während der Intifada geschluckt und nicht aufgegeben. In einem politischen Minenfeld setzte er auf Einzelschritte von unten nach oben. Er führte Israelis und Palästinenser in Seminaren zusammen. Irgendwann waren auch Offizielle beider Seiten bei den inoffiziellen Kontakten dabei. Inzwischen ist die Konrad-Adenauer-Stiftung zu einer Art Hilfsorgan in politischen Blockadesituationen geworden. Gerster erzählt keine Einzelheiten, sagt aber: „Bei heiklen Dingen werden wir eingeschaltet.“ Gerster wohnt im neunten Stock eines Hochhauses und überschaut aus der totalen Verglasung die Stadt des Friedens, wie Jerusalem heißt und in der erbittert um jeden Quadratzentimeter unter Juden, Moslems und Christen gekämpft wird. Auf Juden und Moslems schaut jeder. Wenn sich wieder einmal Vertreter von zwei der 38 christlichen Religionsgemeinschaften mit Kreuzen in der Grabeskirche traktieren, ist das keine Nachricht wert. In seiner Wohnung hat Gerster sie abends versammelt: die Streithähne und die Friedlichen. Im Privaten hat er sie gewonnen. In seinem Englisch, das wie eine Abart des „Määnzer“ Dialekts klingt. Seine Frau hat das Hebräische gelernt und ist eine sanfte Bremserin, wenn der ungestüme Ehemann verbal durchgeht. Gersters größte Grundeigenschaft ist wohl seine Unbefangenheit. Ihm – seine Familiengeschichte im Rücken – ist sie gestattet. Wenn Gerster an seinen Vater denkt, den die Gedenkstätte Jad Vaschem mit einem Bäumchen ehren wollte, liegt ein Bedauern in seiner Stimme, dass der Vater mit den Worten ablehnte: „Was ich tat, war eine Selbstverständlichkeit.“ Gerster sagt: „Ich hätt’ ihn gern am Bäumchen in Jad Vaschem besucht.“ Ein Intellektueller will er nicht sein. Niemand hält ihn dafür, der jedes noch so schwierige Gespräch mit Anekdoten aus einem schier unendlich erscheinenden Schatz lockermacht. Doch als Jurist ist Gerster ein exzellenter Analytiker. Er hat erst einmal zu wissen gelernt: Israelis wollen Palästinenser nicht durch eigene Initiativen aufwerten. Maximalforderungen stellen beide Seiten. Kompromiss wird als Schwäche angesehen. Dem politischen Gegner gilt eine Sprache der Aggression. Das gilt auch für Juden untereinander. Gerster sagt und hat es auch in einem gerade erschienenen Buch („Meine Briefe aus Jerusalem“, Leinpfad Verlag) beschrieben: „Nach hundert Jahren Kampf, Not und Elend in Nahost sind Israelis und Palästinenser ständig unterwegs, Gäste und Freunde für die eigene Sache zu überzeugen, ja zu instrumentalisieren. Wer auf dieses Spiel ‚Du bist nur dann mein Freund, wenn du zu 100 Prozent meine Position vertrittst‘ reinfällt, fällt als glaubhafter Mittler aus. Deshalb bleiben wir unabhängig. Wir sprechen auf beiden Seiten die gleiche Sprache.“ Gerster hat all seinen Projekten Kontinuität gegeben, auch wenn er gleich Sisyphos nach Unterbrechungen wieder von vorn anfing. Seine Computerkurse für Lehrer beider Seiten gerieten in die Intifada und wurden unmöglich. Gerster gelang es, die Kursteilnehmer nach Hamburg zu holen. Und er gewann Siemens dazu, für Gaza und Aschkelon zwei Computerlaboratorien zu spenden. Teddy Kollek, Jerusalems bereits legendärer Oberbürgermeister, fand in Gerster einen spontanen Befürworter eines Kongresszentrums mitten in der Stadt, das den Namen Konrad Adenauer bekam. Die beiden sammelten für die Jerusalem Foundation von den deutschen Konzernen und der Bundesregierung 15 Millionen Mark. Seit 2001 ist das Konrad-Adenauer-Konferenzzentrum der Ort, an dem Juden, Christen und Moslems den geistigen Brückenbau proben. Immer wieder führt Gerster – mit Partnerorganisationen aus Israel – Lehrer, Studenten, Journalisten beider Seiten zusammen, bewusst ohne Medien, ohne Öffentlichkeit. Palästinensische und israelische Lehrer erarbeiteten Unterrichtsmaterialien, die inzwischen angewandt werden und in den Schulen auf beiden Seiten mehr Toleranz und Verständigungsbereitschaft vermitteln. Als einer der beteiligten Lehrer in Bethlehem bei einer Schießerei ums Leben kam, sammelten die israelischen Lehrer 50000 Euro für die Familie des Toten. Dissonanz ist die Wahrheit über die Harmonie. Mit diesem Wissen hat Gerster seine Arbeit in Israel geleistet. „Meine acht Mitarbeiter und ich haben uns als ein Stück Reparaturbetrieb verstanden, der geholfen hat, Probleme zu lösen, die das Menschenleben nicht noch mehr erschweren“, sagt er. Für arabische Frauen im Norden Israels setzte die Stiftung Existenzgründungs-Programme um. Zur Integration der Beduinen in die israelische Gesellschaft wurden 800 Schüler aus sozial schwachen Familien zur Aufnahme in die Universität ausgebildet. Zur Förderung der Gleichbehandlung von Arabern in Israel wurde das „Konrad-Adenauer-Programm für jüdisch-arabische Zusammenarbeit“ mit Unterstützung von Staatspräsident Mosche Katsav gegründet. Gerster schickte mit Unterstützung eines orthodoxen Christen 250 Juden und 250 Araber Israels nach Auschwitz, um den Arabern in der Gemeinsamkeit mit den Juden ein Bewusstsein zu vermitteln, mit welchen Traumata die Geschichte Israels belastet ist. Gerster ist sehr weit fortgegangen von Deutschland und gerade deshalb bei sich angekommen. Sein Lebensgefühl hat er bei aller Verbundenheit für seine Heimatstadt Mainz erst in Israel gefunden. Politik arbeitet mit der Lüge. Man könnte auch sagen: Die Lüge ist die Dosierung der Wahrheit. Gerster hat seinen drei Kindern etwas jenseits der Politik vorgelebt: Veritas facit pacem, Wahrheit schafft Frieden. Der Mainzer Junge von einst, der nach 1945 die schönsten Briefmarken aus Amerika, Neuseeland, Australien in seinem Album sammelte – sie stammten von den Briefen überlebender Juden an seinen Vater –, hat ein Bewusstsein entwickelt, in dem heute, morgen, gestern ist. Ein Deutscher als Schattenauflöser in Israel. Jürgen Serke ist Journalist und Schriftsteller. Sein Buch „Die verbrannten Dichter“ wurde zum Gattungsbegriff für eine ganze Literatur

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