Schröder vs. Merkel - „Kannst Du das nochmal zurückspulen?“

Die Minuten, die Angela Merkel zur Kanzlerin machten: In der Berliner Runde von 2005 polterte sich Gerhard Schröder ins Aus. Wir haben das Stück Zeitgeschichte noch einmal angeschaut – mit den Moderatoren von damals. Ein munterer Fernsehabend mit Nikolaus Brender und Hartmann von der Tann

Nikolaus Brender und Hartmann von der Tann sitzen auf dem  Sofa und amüsieren sich über die TV-Runde
Julia Zimmermann

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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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Eine schöne Altbauwohnung unweit des Berliner Kurfürstendamms. Nikolaus Brender ist frisch eingezogen, das Sofa und der Fernseher stehen parat. „Was gibt’s nachher zu essen?“, fragt Hartmann von der Tann. „Sag’ ich dir nicht!“, frotzelt Brender: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“ Man merkt: Die beiden sind wie ein altes Ehepaar. Der Gastgeber sorgt sich um die Optik – ein Fernsehmann denkt in Bildern. „Komm, fass’ mal mit an“, sagt er zu von der Tann, und die beiden schleppen einträchtig ein farbenfrohes Metropolenbild der Hamburger Künstlerin Katharina Duwe hinter das Sitzmöbel. Dann nehmen die beiden nebeneinander Platz. Es kann losgehen.

Herr Brender, Herr von der Tann, ist das eine Premiere? Haben Sie sich die Sendung seither je gemeinsam angeschaut?
HARTMANN VON DER TANN: Nein. Alleine auch nicht. Ich habe mir ein paar Mal bei Youtube die Parodie angeschaut. Da bin ich betrunken, und mein Kopf rutscht immer aus der Handstütze. Das ist ganz lustig. Aber das Original sehe ich zum ersten Mal.
NIKOLAUS BRENDER: Inzwischen ist das ja ein Klassiker bei Youtube, millionenfach geklickt. Aber Markus Schächter, unser Intendant, hatte damals richtig Schiss. Er kam zu mir, direkt nach der Sendung und sagte: „Sie dürfen das nicht so groß fahren.“ Da sagte ich: „Herr Schächter, jetzt bin ich erst mal froh, dass die Sendung zu Ende ist“ – und habe dann die Kollegen angewiesen, sofort eine Fassung ins Netz zu stellen.
Von der Tann: Die von SWR3 haben sogar einen Rap daraus gemacht.

Brender fummelt an zwei Fernbedienungen, brummt … auf dem Bildschirm startet die Berliner Runde vom 18. September 2005.

BRENDER: Schaut mal, Fischer! Am Anfang sitzt er ganz nah bei Schröder, und dann rutscht er immer weiter weg …
VON DER TANN:… und am Ende sitzt der Schröder fast bei dir auf dem Schoß, weil der auch immer weiter vom Fischer wegrutscht.

Aus dem Fernsehgerät kommt eine Off-Stimme: „… live aus dem ZDF-Hauptstadtstudio in Berlin. Die Gäste heute Abend – Gerhard Schröder, ­Bundeskanzler und Spitzenkandidat der SPD, Angela Merkel, Vorsitzende  der CDU …“ Die Kamera zeigt die Genannte in Großaufnahme.

VON DER TANN: Dieses Gesicht! Wie eingefroren, wie versteinert, zerlaufend. So, als hätte sie irgendwas Schreckliches erlebt.
BRENDER: Sie kam schon ziemlich derangiert ins Studio. Erst stieg sie auf dieses Podium und wollte sich auf ihren Stuhl setzen. Völlig desorientiert. Dann stolperte sie wieder vom Podium runter und ging auf die anderen zu, auch auf Schröder und Fischer und Bisky, gab denen die Hand und kehrte wie in Trance auf ihren Platz zurück.
VON DER TANN: Man hat ihr angesehen, dass da was schrecklich schiefgegangen ist. Und der Witz an der Geschichte ist: Sie hat die Wahl gewonnen und sich als Verliererin gefühlt. Schröder hat verloren und sich als Sieger gefühlt. Total verkehrte Welt, live im Fernsehen.

[video:Elefantenrunde zur Bundestagswahl 2005]
BRENDER (drückt auf Pause): Man muss noch vorweg sagen: Wir waren vorbereitet auf den Schröder’schen Zustand. Er kam zu früh, um halb acht, und wurde von uns nicht in Empfang genommen. Wir waren vollauf damit beschäftigt, die einrollenden Hochrechnungen zu sortieren. Das war alles noch recht wackelig. Er hat später behauptet, er sei überhaupt nicht begrüßt worden, das ZDF und sein Chefredakteur hätten schon so getan, als wäre er nicht mehr der Kanzler. Dies ist nicht die Wahrheit. Wir hatten unten zwei Redakteure an der Pforte stehen, die alle Diskussionsteilnehmer gleichermaßen begrüßt und empfangen haben.

Er war also schon geladen?
BRENDER: So ist es. Und dann bin ich noch mal runter ins Studio, das war etwa zehn vor acht, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Da kam er auf mich zu und sagte: „Sie Held, Sie!“ „Also, Herr Bundeskanzler, in diesem Epos sind nur Sie der Held“, sagte ich. „Ich spiele da keine Rolle.“ Daraufhin reiche ich ihm die Hand, er auch erst, aber dann zieht er sie doch zurück.                                                                                                                                                                   

Dann wollen wir doch mal sehen, was dieser Kick mit ihm gemacht hat.

Brender drückt auf Play. Im Fernsehen ist wieder die Stimme aus dem Off zu hören: „ … und Lothar Bisky, Parteivorsitzender von Die Linke/PDS. Moderation: Hartmann von der Tann und Nikolaus Brender.“ Brender: „Guten Abend, meine Damen und Herren. Die Urnen zu und alle Fragen offen.“ Er trägt den aktuellen Stand der Hochrechnungen vor und sagt dann: „Ergebnis: Die Sache ist kompliziert.“ Von der Tann eröffnet die Fragerunde: „Frau Merkel, die CDU/CSU ist zwar stärkste Partei, aber Schwarz-Gelb geht nicht, das ist jetzt schon klar. Sie sind weit hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben, sind nur noch ganz kurz vor der SPD, Sie haben also diese Wahl verloren. Woran lag es, lag es an der Diskussion um Kirchhof, oder lag es an der Mehrwertsteuererhöhung, oder woran? Merkel: „Herr von der Tann, also, erst einmal hat Rot-Grün die Wahl verloren. Rot-Grün hat keine Mehrheit mehr, Rot-Grün ist angetreten, um eine Mehrheit zu bekommen …“ Schröder im Bild.

BRENDER: Da, schauen Sie sich Schröder an! Dieses Gesicht sagt: Na warte. Dir zeig ich’s. Also, ich muss meine Meinung revidieren. Ich hatte immer gesagt: Der hatte nichts getrunken. Aber jetzt, wo ich das sehe: Der hatte was intus, nicht viel, aber der hatte was intus …                                                                                                                                                                                          VON DER TANN: Glaub ich nach wie vor nicht.

Brender (im Fernsehen): „Herr Bundeskanzler, eine stabile …“ Schröder: „Ist ja schön, dass Sie mich jetzt schon ansprechen, das finde ich ja nett.“ Brender: „Wieso? Sind Sie schon zurückgetreten?“ Schröder: „… nein, nein, überhaupt nicht, Herr Brender, nein, ich frage ja nur …“ Brender: „… weil Sie das so verwundert. Also, ich sage noch mal, Herr Bundeskanzler, der sind Sie ja noch …“ Schröder: „… ja, das bleibe ich auch, Herr Brender, auch wenn Sie dagegenarbeiten …“

VON DER TANN: Kannst du das nochmal zurückspulen, Nikolaus, das ist ja …

Brender drückt auf die Fernbedienung. Schröder wiederholt im Fersehen: „… ist ja schön, dass Sie mich jetzt schon ansprechen.“

BRENDER: Der ist sauer, dass die Merkel die erste Frage bekam!                                                                                                   VON DER TANN: Jetzt pass auf, jetzt kommt der Medienexkurs.

Schröder:„… auch wenn Sie dagegenarbeiten …“ Brender: „… wir dagegenarbeiten? Sie haben von Medienmacht und Medienkampagne gesprochen. Ich weise darauf hin, dass ARD und ZDF sich nichts vorzuwerfen haben. Nicht alles, was Ihnen nicht passt, ist gleich eine Kampagne.“

VON DER TANN: Diese Sache mit der Kampagne, die zeigt, wie der auf Krawall gebürstet war. Einer wie Schröder, der kennt die ARD gut genug, um zu wissen, dass die ARD gar nicht kampagnenfähig ist mit ihren Strukturen. Wer so unregierbar ist wie die ARD, kann auch keine Kampagnen machen.

Brender: „… Sie haben von Medienmacht und Medienkampagne gesprochen …“ Schröder: „Zu Recht, wie ich finde.“ Brender: „Ich weise darauf hin, dass der ARD und dem ZDF dies nicht vorzuwerfen ist. Nicht alles, was Ihnen nicht passt …“ Schröder: „Der eine sieht es so und der andere so.“ Brender: „Deswegen frage ich Sie, ist es nicht erlaubt zu fragen, ob Sie auch verloren haben?“ Schröder: „Natürlich ist das erlaubt.“ Brender: „Na bitte, wunderbar.“ Schröder: „Verglichen mit dem letzten Wahlergebnis haben wir verloren, ist doch gar keine Frage. Aber verglichen mit dem, was in dieser Republik geschrieben und gesendet worden ist, gibt es einen eindeutigen Verlierer, und das ist nun wirklich Frau Merkel. Und das sollten auch Sie mal zur Kenntnis nehmen. Das ist ja doch so. Und deswegen sage ich …“ Brender: „… vielleicht haben Sie nicht zugehört, mein Kollege hat Frau Merkel eben darauf hingewiesen, dass sie verloren hat.“ Schröder: „Darf ich auch mal reden, oder wollen Sie mich ständig unterbrechen? Wir haben verloren, ist doch gar keine Frage, und das schmerzt mich. Aber verglichen mit dem, von wo wir kamen, Herr Brender, von 24 Prozent nämlich, verglichen mit dem, was wir erleben mussten in den letzten Wochen und Monaten, bin ich wirklich stolz auf meine Partei.“

BRENDER: Er ist doch in Wahrheit nicht stolz auf seine Partei, er ist stolz auf sich! Und dazu hatte er ja auch ein gewisses Recht nach dem Endspurt.

Schröder: „… in Ihren Sendungen ist gesagt worden, Frau Merkel ist bei 49, bei 45, bei 43, jetzt ist sie bei knapp 35 …“

BRENDER: Nicht ganz falsch, die Meinungsumfragen lagen damals teilweise granatenmäßig daneben.

Brender (im Fernsehen): „Ich weiß nicht, welche Zeitungen Sie lesen, zumindest wir können uns da nichts vorwerfen. Ich würde Sie aber, bitte, noch eine Frage stellen.“ Schröder: „‚Ihnen‘ muss das heißen …“

[video:Elefantenrunde zur Bundestagswahl 2005]

Das ist eine meiner Lieblingsstellen. Sie, Herr Brender, sagen: Ich möchte „Sie“ noch eine Frage stellen, und Schröder sagt: „‚Ihnen‘ muss das heißen.“ Herrlich.

Schröder richtet sich auf. Seine Entscheidung zu vorgezogenen Neuwahlen sei richtig und mutig gewesen. In dem Moment ist Joschka Fischer zu sehen.

BRENDER: Da sieht man, was der Fischer von dieser mutigen Neuwahl-Entscheidung gehalten hat. Gar nichts. Die Körpersprache zeigt: Ich war dagegen, ich hatte recht, lass den nur reden.

Merkel ist zu sehen, ihr Blick wirkt starr.

BRENDER: Wieder dieses Gesicht. Völlig verrutscht. Irre! Ein Kanzler außer Rand und Band und eine Kanzleranwärterin von der Rolle. Nicht zurechnungsfähig. Ein Land führungslos.

Von der Tann (im Fernsehen): „Herr Westerwelle, wenn man sich das alles anschaut und hört, dass der Bundeskanzler ja im Vorfeld schon gesagt hat, eine Große Koalition will er nicht, er will trotzdem an der Macht bleiben, dann bietet sich eigentlich nur an, eine Koalition mit den Grünen und mit Ihnen. Wie erklären Sie sich denn, dass der Bundeskanzler auf Sie rechnet, offenbar?“
Westerwelle: „Das kann ich mir nicht erklären, wie ich mir auch Ihren Auftritt bisher nicht erklären kann, Herr Bundeskanzler, bei allem Respekt …“

BRENDER: Hier muss ich kurz stoppen. Bei allen Elefantenrunden gab es immer eine klare Platzverteilung: Rechts neben dem Moderator die Kanzlerin oder der Kanzler, rechts neben der Kanzlerin die CSU als zweitstärkste C-Partei, und am Ende eben die FDP. Die CSU wurde aber jetzt von der FDP überholt. Spannende Frage: Wer sitzt wo? Westerwelle kommt, geht zielstrebig auf den zweiten Platz neben der Kanzlerin und hält den Stuhl hinten fest. Dann kommt Stoiber, sieht ihn, flackert mit den Augen, wackelt mit dem Kopf und geht dann stillschweigend auf seinen dritten Platz. Westerwelles Symbolik war klar: Schleich dich!

Brender lässt weiterlaufen, Westerwelle redet im Hintergrund.

VON DER TANN: Ich würde gerne noch mal auf die Situation der CDU/CSU zurückkommen. Ich bin der festen Überzeugung, dass es in der Zeit zwischen Verkündung des Wahlergebnisses und dieser Elefantenrunde in der CDU eine starke Bestrebung gab, Frau Merkel zu ersetzen. Wir haben später dazu auch entsprechende Informationen aus der CDU bekommen, dass der Andenpakt versuchen wollte, Merkel wegzuputschen. Und ich behaupte: Der Schröder hat mit seiner Flegelei ihre Kanzlerschaft gerettet.
BRENDER: Klar! Die haben mit gewetzten Messern gewartet. Sie wäre dran gewesen. Aber nach dem Auftritt von Schröder war denen klar: Wenn wir uns jetzt auch so brutal ihr gegenüber verhalten, gesellen wir uns zu Schröder.
VON DER TANN: Die hat die ganze Sendung über nur an eins gedacht: Was geschieht in der Partei, und wie halte ich mich an der Macht? Hier sieht man das ja, wenn ihr Gesicht eingeschnitten wird, voller Angst oder voll der Überlegung: Wie sichere ich mein Überleben?

Westerwelle gibt Schröders Ampelangebot einen Korb, und Edmund Stoiber macht klar, dass Merkel an dem schlechten Abschneiden der Union schuld ist, auch am Abschneiden der CSU in Bayern. Dann wird Fischer gefragt, ob er sich Schwarz-Grün vorstellen kann. Seine Aussage macht klar: Er rechnet mit einer Großen Koalition. Während er noch redet, zeigt die Kamera Schröders Gesicht.

BRENDER: Hartmann, dieses Gesicht von Schröder! Das ist doch nicht natürlich!

Gegenschnitt auf Merkel

BRENDER: Sie: völlig in sich zurückgezogen. Er: mit diesem irrealen Grinsen.

Fischer ist fertig, dann kommt Bisky an die Reihe, der lässig und entspannt wirkt und ein bisschen gegen Schröder stichelt. Dann ist wieder Schröder an der Reihe. Von der Tann sagt, er habe ein „intellektuelles Problem“ damit, wie Schröder eine Regierung bilden wolle.


 

BRENDER (feixt): Hartmann, dass du ein intellektuelles Problem hast, das hat der Bundeskanzler auch gemerkt.

Schröder: „Ist doch klar, Herr von der Tann, ich meine, Ihr intellektuelles Problem in allen Ehren, aber hier ist doch deutlich geworden, dass die demokratischen Parteien miteinander reden können und miteinander reden müssen. Das wird auch geschehen, unabhängig von dem, was jetzt hier erklärt worden ist. Und das ist, dass diejenigen, die eine Regierung bilden können, wenn man von den Realitäten – der Außenminister darauf hingewiesen – ausgeht, nicht auf dieser Seite sitzen.“ Er zeigt zu Merkel, Westerwelle und Stoiber. „Da müssen Sie, Frau Merkel, mal sagen, ob Sie sich vorstellen können, mit einer Koalition zu regieren, die besteht aus Herrn Westerwelle und dem Nachfolger von Herrn Fischer. Das kann doch wohl nicht Ihr Ernst sein!“

Brender: „Also, Sie sehen ihn schon als Nachfolger …“
Schröder: „Aber, Entschuldigung mal, nicht mit dem Nachfolger, sondern natürlich mit dem Nachfolger im Amt des Parteivorsitzenden, also nicht im Amt des Bundesaußenministers …“

Da hat er gemerkt, was er gesagt hat, und versucht, sich aus der Affäre zu ziehen: Das Problem ist nur: Fischer war nie Parteivorsitzender.

Schröder: „… meinen Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel bei dieser Sachlage einginge, indem sie sagt, sie möchte Bundeskanzlerin werden. Ich meine, wir müssen die Kirche doch auch mal im Dorf lassen. Die Deutschen haben doch in der Kandidatenfrage eindeutig votiert, das kann man nicht ernsthaft bestreiten. … Ich sage Ihnen, ich führe Gespräche. Und ich sage Ihnen heute voraus, die werden erfolgreich sein.“

VON DER TANN: … Größenwahn, purer Größenwahn …

Schröder: „Wenn Frau Merkel eine Koalition hinkriegt, dann kann ich dagegen nichts sagen, und das werde ich auch nicht tun. Aber, sie wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner sozialdemokratischen Partei hinkriegen, das ist eindeutig, machen Sie sich gar nix vor.“

[video:Elefantenrunde zur Bundestagswahl 2005]

BRENDER: Das ist ein Amoklauf. Ich meine, er ist kein Parteivorsitzender mehr, ist als Bundeskanzler gescheitert – mit wem hat er eigentlich solche Dinge abgesprochen? Da muss Franz Müntefering doch die Kinnlade runtergeklappt sein beim Zuschauen. Schröder wollte offenbar Gespräche unterbinden zwischen SPD und CDU, und das, muss ich sagen, empfinde ich als absolut undemokratisch.

Auf der Mattscheibe schaltet sich Westerwelle ein, versucht erst den „Herrn Bundeskanzler“ und dann den „Kollegen Schröder“ zu bändigen, redet auf ihn ein wie ein Psychotherapeut, sagt abermals klipp und klar, dass die FDP keine Koalition mit der SPD eingehen wird. Schröder attackiert ihn und belehrt ihn über die sozialliberale Koalition, bis Westerwelle sagt: „Ich bin zwar jünger als Sie, aber nicht blöder!“
Brender: „Frau Merkel, gehen Sie auf Herrn Schröder zu oder auf Herrn Müntefering? Wie ist das eigentlich technisch?“
Merkel: „Ich werde meinen Weg finden, mit den Sozialdemokraten zu sprechen, auch wenn sich das heute Abend hier eher wie im Wahlkampf weiter fortsetzt. Ich kann nur deutlich machen: Zum Schluss muss eine
Mehrheit zustande kommen, es sei denn, der Bundeskanzler hat die Absicht …“

BRENDER: … Jetzt hat sie sich wieder gefangen. Da ist Schröder selbst dran schuld. Wir hatten viele Fragen, um sie zu quäl

Schröder redet jetzt wie ein Kanzler bei einer Regierungserklärung: Gesundheitsreform, Rentenreform, Arbeitsmarktreform. Dann sagt er, er sei „nicht bereit, einen Machtanspruch zu akzeptieren, der von der anderen Seite erhoben wird, ohne dass die andere Seite je in der Lage wäre, ihn umzusetzen! Das ist doch das eigentliche Problem!“

VON DER TANN (kichert): Das ist die Höhe!
BRENDER: Also, er muss ja ernsthaft geglaubt haben, die FDP noch ins Boot zu holen.

Schröder im Fernsehen: „Die andere Seite ist nicht in der Lage, eine regierungsfähige Mehrheit zustande zu bringen. Und deswegen wird sie sich einlassen müssen auf Gespräche …“
Von der Tann: „… aber Sie glauben doch nicht an eine Große Koalition unter einem Kanzler Schröder, oder doch?“
Schröder: „Ja, aber, was denn anders? Wenn es zu einer solchen Geschichte geht, wie soll das denn sonst funktionieren?“
Schröder: „Gucken Sie sich doch mal an, was an Aufholprozess im Wahlkampf …“
Merkel kommt ins Bild.

BRENDER: Da!
VON DER TANN: Da lacht sie das erste Mal!
BRENDER: Diese Wahnsinnsaussage von Schröder! Das hat im Adenauerhaus die Revolte zusammenbrechen lassen.
VON DER TANN: Damit hat er ihr endgültig in den Sattel geholfen.

Schröder: „… überhaupt nicht darum gehen, irgendwelche Machtansprüche aus formalen Gründen zu erheben, sosehr sie Ihnen auch nahe sein mögen.“
Brender: „Herr Schröder, ich sage jetzt Herr Schröder, weil ich finde …“
Schröder: „… Sie können sagen, was Sie wollen, Sie können auch Otto zu mir sagen.“

BRENDER (auf dem Sofa): Was sagt er da?

Er sagt: „Sie können sagen, was Sie wollen, Sie können auch Otto zu mir sagen.“
BRENDER (verdutzt): Hat er das gesagt? Ich spul noch mal zurück!

Brender: „Herr Schröder, ich sage jetzt Herr Schröder, weil ich finde …“
Schröder: „… Sie können sagen, was Sie wollen, Sie können auch Otto zu mir sagen.“
Brender: „… weil diese Formen der Unterstellungen geziemen sich nicht in einer öffentlichen Fernsehsendung, um das ganz klar zu sagen. Sie haben …“
Schröder: „… was sich geziemt, entscheide ich selber und nicht Sie.“
Brender: „Sie haben uns nichts zu unterstellen, wie wir Ihnen nichts unterstellen.“

Spätestens da ist klar, dass aus ihnen beiden kein Liebespaar mehr wird, Herr Brender.

[video:Elefantenrunde zur Bundestagswahl 2005]

Merkel redet lange, gefasst, staatstragend. Schröder wird eingeblendet.

BRENDER: Dieses Gesicht sagt: Er hat erkannt, dass er Fehler gemacht hat. Er spürt das an ihrer Reaktion. Weil sie sich wieder gefangen hat.

Merkel: „Wenn wir stärkste Kraft im Deutschen Bundestag sind, dann sind wir stärkste Kraft, das ist dann der Wille der Wählerinnen und Wähler gewesen. Und das muss jeder akzeptieren. Ich glaube, nach ein paar Tagen Nachdenken wird das auch in der Sozialdemokratie als die Realität ankommen.“

BRENDER: Na, das hat sie ganz gut vorausgesehen.
VON DER TANN: Jetzt ist sie wieder obenauf.

Von der Tann geht auf der Mattscheibe zur Abmoderation über: „Sie haben alle Parteien gehört. Sie haben alle Möglichkeiten einer Regierungsbildung vorgeführt bekommen. Ich denke, die Diskussion wird bei Ihnen zu Hause auch noch ein bisschen weitergehen. Das war die Berliner Runde in ARD und ZDF …“
Brender: „… darf ich dich bitten zu sagen: Das war die Elefantenrunde …“
Von der Tann: „…die Elefanten-Berliner-Runde …“
Brender: „… die meisten ziehen sich jetzt in ihr rettendes Gebüsch zurück: Der eine wälzt sich noch ein bisschen, und morgen geht es dann weiter.“
Auf dem Sofa. Brender und von der Tann lachen laut auf.
Westerwelle: „Bei Damen von einem Elefanten zu sprechen, das ist aber sehr ungalant.“
Von der Tann: „In beiden Programmen geht es jetzt mit der Wahlberichterstattung weiter beziehungsweise mit den Nachrichten. Wir bedanken uns fürs Zuschauen.“
Schröder: „Solange Sie in den Nachrichten die Wahrheit sagen …“

BRENDER: Was hat er gesagt? Unfassbar. Gut, dass ich das damals überhört habe.

Die Runde im Fernsehen löst sich auf, Schröder reißt sich das Mikro vom Revers, nestelt sich das Kabel vom Rücken, gibt Fischer kurz die Hand und stürmt von dannen.

BRENDER: Weg ist er.

Im Fernsehen läuft der Abspann.

Werden Sie noch oft angesprochen auf diese Sendung?
BRENDER: Ja. Auch acht Jahre danach sprechen mich erstaunlich viele Leute darauf an und sagen: Das werden wir nie vergessen. Viele fragen: Haben Sie das kommen sehen? Das hätte auch schiefgehen können. Wenn man nicht gut drauf gewesen wäre, wäre Schröder mit der Nummer vielleicht durchgekommen.
VON DER TANN: Im Grunde ist das kein Verdienst von uns gewesen. Wir haben unseren Job gemacht. Unseren Job hat uns bloß einer ganz besonders leicht gemacht, und das war Schröder. Ich habe viel Spaß gehabt dabei.

Haben Sie mit dieser Sendung eine Kanzlerschaft begründet?
VON DER TANN: Nein. Das ist ein politisches Ereignis, das passiert ist, obwohl wir dabeigesessen sind.
BRENDER: Na ja. Merkels Kanzlerschaft wäre ohne diese Sendung jedenfalls unsicher gewesen. Insofern hat sie schon Geschichte geschrieben, und wir haben per Zufall dazu beigetragen, weil wir Schröder Paroli geboten haben und ihn gezwungen haben, sich so zu äußern, wie er in Wahrheit gedacht hat.

Haben Sie Schröder seither noch mal getroffen?
VON DER TANN: Es war in Straßburg, er redete und machte so eine zynische Bemerkung, dass es eine große Freude sei, auch in Anwesenheit der Elite der deutschen Presse zu sprechen, dabei guckte er mich so höhnisch an.
BRENDER: Ein einziges Mal, in Peking während der Olympischen Spiele, da wohnte er im selben Hotel wie ich. Wir begegneten uns frühmorgens in der weiten, menschenleeren Hotelhalle. Da waren nur ein paar Angestellte. Und wir zwei. In einem Abstand von vielleicht zwei Metern haben sich unsere Wege gekreuzt. Ich sagte: Guten Morgen, Herr Bundeskanzler. Er ist an mir vorbeigestürmt. Wofür ich auch heute noch großes Verständnis habe.

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Fotos: Julia Zimmermann

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