Nie-Wieder-Krieg ist die Parole
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Deutsche Doppelmoral - Wir gedenken, statt zu handeln

Am Freitag wird im Bundestag der Opfer des Genozids in Ruanda vor 20 Jahren gedacht – und zu Syrien geschwiegen. Mal wieder verstecken sich die Deutschen hinter einem Nie-Wieder-Krieg-Pathos und machen sich mitschuldig

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Malte Lehming ist Autor und Leitender Redakteur des Berliner "Tagesspiegels".

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Im Gedenken und Mahnen nimmt es niemand mit den Deutschen auf. In diesen beiden Disziplinen zählen sie zur Weltspitze. Man könnte fast sagen, der Tod war zwar früher ein Meister aus Deutschland, doch heute sind es das zerknirschte Sich-Erinnern, Bereuen und Besserung-Geloben – und auf der anderen Seite der erhobene Zeigefinger, die apokalyptische Prognostik und die Nie-wieder-Schwüre. Was dabei manchmal ein bisschen zu kurz kommt, ist eine auf die Gegenwart gerichtete Humanität.

Und so wird es wohl in zwanzig Jahren auf Antrag aller im Bundestag vertretenen Parteien eine Gedenkveranstaltung zu Syrien geben. Dann werden die „grausamen Taten“ beklagt und das „Versagen der internationalen Gemeinschaft“. Wir werden an Tausende abgeschlachtete Kinder und Frauen erinnern, auch an den Einsatz von Giftgas, wir werden die „Kultur des Wegschauens“ bedauern und die „Tatenlosigkeit des Westens“. Ein syrischer Flüchtling wird herzergreifend von seinem Schicksal reden, und am Ende wird eine Minute lang geschwiegen und zum Schluss das Nie-Wieder-Gelübde abgelegt. Pech für die Syrer, das sie auf dieses parlamentarische Mitgefühl noch etwas warten müssen.

Von Ruanda bis Syrien: eine Geschichte des Wegschauens
 

Die Deutschen – im Gedenken ungeschlagen, in der Schwarzmalerei unübertroffen: Diese Woche bietet dafür zwei gute Beispiele. Zuerst kam der neue Weltklimabericht heraus, der wegen der weltweit steigenden Temperaturen vor Naturkatastrophen und Bürgerkriegen warnt, vor Flüchtlingsströmen und Verteilungskämpfen. Tenor in unseren Medien: Zukunft viel schlimm. An diesem Freitag wiederum debattiert der Bundestag über den Völkermord an den Tutsi in Ruanda vor genau zwanzig Jahren. Rund 800.000 Menschen waren damals innerhalb von hundert Tagen hingerichtet worden, die UN-Truppe, die sich damals im Land aufhielt, griff nicht ein. Vergangenheit noch viel schlimmer.

Wer die Kommentare von damals liest, hat Déjà-vu-Erlebnisse am laufenden Band. Es gebe in Ruanda „keine Bürgerkriegspartei, die zu stützen in unserem Interesse“ sei, hieß es, eine Intervention zöge den Verdacht „spätimperialistischer Selbstherrlichkeit“ auf sich. Und wieder einmal standen die USA am Pranger. Präsident Bill Clinton verweigere „drastisch jedwedes Eingreifen“. Ruanda und der Genozid: Das sei eine Geschichte des Wegschauens und des schlechten Gewissens.

Seltener wird auf die bittere Erfahrung Amerikas mit einer humanitären Intervention unmittelbar zuvor hingewiesen. Es waren CNN-Bilder von hungernden Menschen in Somalia, die den Republikaner George H. W. Bush Ende 1992 zu einem Militäreinsatz in Somalia animierten, mit UN-Mandat. Doch Teile des geretteten Volkes bissen in die fütternden Hände. Die Mission endete in einem Debakel: Amerikanische Soldaten wurden halbnackt und tot durch die Straßen von Mogadischu geschleift, der Leichnam eines Getöteten wurde von lachenden Somaliern umtanzt. Ende März 1994 zog Bushs Nachfolger Bill Clinton fast alle US-Soldaten aus Somalia ab. Hätte er sie nun, eine Woche später, Richtung Ruanda entsenden sollen?

Amerika liegt immer falsch
 

Nein, Amerika kann machen, was es will, in Deutschland pendeln die Reaktionen stets zwischen falsch und verkehrt. Machen amerikanische Soldaten die irakische Okkupation Kuwaits rückgängig, tönt es: Kein Blut für Öl! Stürzen sie Saddam Hussein, der Tausende Kurden in Halabdscha mit Giftgas ermordet hatte, heißt es: Kein Mandat des UN-Sicherheitsrates! Intervenieren sie aus humanitären Gründen in Somalia, beweist der Verlauf der Operation, wie wenig Kenntnis sie von der Region haben. Beschränken sie sich auf Luftangriffe, wie während der Jugoslawienkriege, sind sie feige. Tun sie nichts, wie in Ruanda, zeiht man sie der Herzlosigkeit.

Zwischen vorgestern (Auschwitz, Ruanda) und übermorgen (Klimakatastrophe): Da fühlt sich der Deutsche zu Hause. Die Gegenwart stört da nur. Syrien? Da kann man gar nichts machen, schließlich wird die Führung in Damaskus von einem anderen Land gedeckt, das Atomwaffen hat und sich gerade selbst mit der Krim ein Stück Land geklaut hat, wogegen man ja auch nichts machen kann. Kollektives Achselzucken halt. Was also soll ein Volk tun, das leidenschaftlich gern moralisch empfindet? Es praktiziert den Spagat zwischen Fern- und Retro-Ethik.

Das wird an diesem Freitag im Bundestag erneut zu besichtigen sein. Denn dies wird ein frommer Wunsch bleiben: Wer zu Ruanda reden, aber über Syrien nicht sprechen will, der trete vor und schweige! Und wer an diesem Tag nicht wenigstens das Flüchtlingskontingent, das aus Syrien nach Deutschland kommen darf, verdoppelt, verwandelt den Anlass in einen zweiten deutschen Schwur: Nie wieder nie wieder!

 

 

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