Sonnenfinsternis
Sonnenfinsternis über Deutschland / picture-alliance / dpa | Wolfgang Kumm

Deutscher Krisenpegel - Und wenn doch noch mal die Sonne aufgeht?

Eine neue Umfrage des Instituts Allensbach sieht ein Licht am Stimmungshorizont. Demnach ist die wirtschaftliche Lage zwar ernst, aber eine Mehrheit glaubt immer noch an eine bessere Zukunft.

Ralf Hanselle / Antje Berghäuser

Autoreninfo

Ralf Hanselle ist stellvertretender Chefredakteur von Cicero. Im Verlag zu Klampen erschien von ihm zuletzt das Buch „Homo digitalis. Obdachlose im Cyberspace“.

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Der Deutsche ist komisch. Kaum meint man ihn erfasst, ja geradezu wissenschaftlich präzise vermessen zu haben, da entweicht er einem auch schon wieder und wechselt Form, Farbe und Frisur. Ein wenig erinnert die Spezies im Siedlungsraum zwischen Oder und Nordsee daher an den alten Welle-Teilchen-Dualismus: Je nach Betrachtung ist der Deutsche mal so, und dann wieder so. Oder wie es ausgerechnet ein Österreicher, nämlich der Dramatiker Ödön von Horvath, seiner Bühnenfigur Freifrau von Stetten in den Mund gelegt hat: „Ich bin eigentlich ganz anders, ich komme nur so selten dazu.“

Denn wie anders der Deutsche im Vergleich zu sich selbst sein kann, das belegt ein Blick auf zwei aktuelle Studien: Da hatte doch in der Vergangenen Woche erst die sogenannte „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung zutage gefördert, dass sich 79 Prozent der Deutschen als überzeugte Demokraten verstehen – das waren sechs Prozentpunkte mehr als noch zwei Jahre zuvor –, da behauptet nun nicht einmal eine Woche später das Institut für Demoskopie Allensbach das genaue Gegenteil: „Wachsende Zweifel an der Demokratie“ titelte heute die Online-Ausgabe der FAZ und bezog sich mit dieser Schlagzeile auf eine Zahl aus eben jener besagten Allensbach-Umfrage, die am heutigen Freitag erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt worden ist.

Der autoritäre Charakter

Nur noch 50 Prozent der Deutschen sind demnach der Meinung, dass sich die aktuellen Probleme des Landes im Rahmen des demokratischen Systems gut lösen ließen. Je nach Bedrohungslage schwankt demnach das Zutrauen in die laut Churchill ja ohnehin bereits „schlechteste Staatsform – mit Ausnahme aller anderen“: Geht es etwa um die Lösungskompetenz bei Pandemien, so sind mittlerweile 31 Prozent der Deutschen der Meinung, dass autoritäre Staatsformen neu auftauchende virale Krankheitserreger besser in den Griff bekommen könnten als Demokratien (vor zwei Jahren sahen das nur 18 Prozent der Befragten so). In einer Kriegssituation übrigens wäre die Einschätzung ähnlich: Auch hier sind mittlerweile 31 Prozent der Befragten der Meinung, dass autoritäre Staaten bewaffnete Konflikte besser bewältigen könnten als demokratische – eine Minderheit zwar, aber immerhin gibt es auch hier einen Zuwachs von 17 Prozentpunkten im Vergleich zu 2023. Die Zusatzfrage übrigens, was genau die zum Autoritären tendierenden Deutschen dann eigentlich mit der Waffe verteidigen wollten, wurde leider nicht gestellt – Demokratie und Freiheitsrechte dürften es vermutlich eher nicht sein.

Mit Diktatur in die Freiheit

Ähnliche kognitive Dissonanzen treten zutage, zoomt man bei all diesen Themenfeldern näher in die Parteipräferenzen der Befragten hinein: Auffällig nämlich, dass besonders die Anhänger der AfD eher ein Zutrauen zur autoritären Lösung zeigen als die Anhänger anderer Parteien. Das mag manch einen Beobachter vielleicht nicht weiter verwundern. Doch warum in dieser Gruppe etwa auch bei pandemischen Notlagen eine größere Sehnsucht nach harter Hand zu herrschen scheint als bei Wählern von CDU, SPD oder FDP, das bleibt genau betrachtet doch ein Rätsel. Als nämlich die demokratischen Institutionen während der zurückliegenden Corona-Pandemie höchstselbst die Samthandschuhe ausziehen wollten, um wider den Geist unserer Verfassung „den Autoritären zu machen“, da waren gerade aus dem Lager der AfD die größten Widerstände zu vernehmen. 

Doch wie anfangs gesagt: Der Deutsche ist komisch. Mal ist er so, dann wieder so! Und dennoch, auch das belegt die aktuelle Erhebung von Allensbach, muss man sich nicht wirklich Sorgen um den Deutschen machen – zumindest da nicht, wo er ausschließlich als statistische Größe in Erscheinung tritt. Die eigentliche Sensation der Umfrage ist nämlich diese: Die gegenwärtig so miese Stimmung sowie das große Rumgehuber auf Stammtischbänken und Talkshowsesseln fußt zwar auf messbaren Realitäten, dennoch scheint diese pessimistische Mischung eher affekt- denn herzgesteuert zu sein. Zwar glauben 47 Prozent, dass es mit der Wirtschaft hierzulande noch richtig bergab gehen könnte, und 41 Prozent haben wenig Zutrauen in die Zukunft. Doch mehr als die Hälfte scheint nicht nur bereit dazu zu sein, die Ärmel richtig hochzukrempeln; sie glaubt auch, dass das Schicksal wandelbar ist. Immerhin 51 Prozent sind der Meinung, dass wir in Deutschland alle Herausforderungen meistern werden. Und sogar Zwei Drittel blicken neugierig in die Zukunft. Eine Neugier übrigens, die nicht von ungefähr kommt: Noch immer nämlich stufen 63 Prozent die Innovationskraft unseres Landes als gut bis sehr gut ein, und für lediglich 30 Prozent ist auch in diesem Bereich das Glas bereits zur Hälfte ausgeleert. Die Lage also ist, um noch einmal eine österreichische Perspektive auf das deutsche Dilemma zu bemühen, hoffnungslos, aber nicht ernst.

Also doch noch Ende gut, alles gut? Mitnichten! Es gilt hier nämlich auch noch dieses: Je höher der sozioökonomische Status, desto größer das Zutrauen in die Zukunft. Oder anders formuliert: Wenn die Krise erst in die bürgerlichen Wohnviertel dringen sollte, wird auch dort der Hunger nach Kuchen schnell größer werden als der nach Zukunft. Doch bleiben wir getrost: Morgen schon wird eine andere Studie kommen. Und solange es nicht wirklich bewiesen ist, gilt weiterhin: Alles, was man über den Deutschen sagt stimmt. Aber es stimmt auch garantiert das Gegenteil.

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Karl-Heinz Weiß | Fr., 14. November 2025 - 16:42

"Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit " - auch eine bedenkenswerte Anmerkung des besagten österreichischen Dramatikers. Wahrscheinlich hat er schon frühzeitig an die unendlich variantenreichen Fragestellungen der Demoskopen gedacht. Leute damit für dumm zu verkaufen und damit Geld verdienen - ein offenbar zeitloses Geschäftsmodell.

Dorothee Sehrt-Irrek | Fr., 14. November 2025 - 16:43

trifft vielleicht auf alles Leben zu.
Bei der Gelegenheit passt es evtl., auf einen anderen großen Österreicher hinzuweisen, Udo Jürgens.
Seine Lieder waren für viele Deutsche quasi programmatisch
und fast Hymnen?
Ich erinnere an "Und immer, immer wieder geht die Sonne auf" und "Griechischer Wein".
Das hat selbst mich berührt, die ich fast nur "aus der Klassik kam".
Ein Deutscher "Barde" war Reinhard Mey und weiter links Hannes Wader.
Mir gefällt von Mey "Nein, meine Söhne geb ich nicht", von Wader "Zogen einst fünf wilde Schwäne", von Bettina Wegner " Sind so kleine Hände ff.
Deutschland ist noch lange nicht an irgendeinem Ende...

"Deutschland ist noch lange nicht an irgendeinem Ende..."
Aus meiner Perspektive erfüllt sich gerade die Prophezeiung eines anderen Propheten, der von seinen Landsleuten nicht gehört wurde: "Deutschland schafft sich ab!"

Ihr Wort, Frau Sehrt-Irrek, in Gottes Ohr!

Mir scheint, dieses Land hat Fürbitte bitter nötig!

"vorrechnete", wo auch Solidarität gefragt war?
Mich hat dieses Lied von Udo Jürgens "Griechischer Wein" sehr berührt und es fiel mir z.B. unglaublich schwer, in der Finanzkrise die Griechen nicht allesamt in den Arm zu nehmen, aber selbst in der "Heimkehr des verlorenen Sohnes" (NT), kehrt dieser heim und verlangt kein ""Aushalten""?
Herr Sarrazin ist mit der Tochter des ehemaligen DGB-Vorsitzenden Ernst Breit verheiratet.
Seine Mutter war aber laut Wiki Tochter eines preussischen Gutsbesitzers.
Ich vermute wirklich, dass es bei ihm an der Präsentation seiner Überlegungen lag.
Alleine so ein Titel "Deutschland schafft ...."
Dann aber auch möglicherweise an der CDU-Kanzlerin, Frau Merkel.
Haben Sie sich einmal ihre Ordensliste angesehen, sie wirkt vlt. immer noch wie die "Mutter Theresa" der politischen Macht.
Mein Eindruck war, dass sie die SPD "linksemotional" überholte.
Unter ihr wurde nicht nur die AfD gegen-stark, sondern Linke und Grüne stark?
Ich glaube an Alle und Miteinander

Wenn ich manchmal so ihre Zeilen lese, bete ich 5 Vater unser und 7 Ave Maria.
Wie wäre es denn mit "ein bisschen Friede" von der Nicole oder "Tango Korrupti" für unsere ukrainischen Freunde ...
Klassisch käme vielleicht auch die "Götterdämmerung" in Frage. (Wagner)
"Krimhilds Rache" fällt mir beispielsweise beim Gedanken an Angela Merkel ein ...

Markus Michaelis | Fr., 14. November 2025 - 17:32

... immer interessant, sicher auch immer sehr wissenschaftlich. Liest man sich die Fragen durch, hat man aber dennoch manchmal den Eindruck, dass die Studien mehr über die Studienmacher als die Studienteilnehmer aussagen.

Interessant wäre mal eine Studie von "uns Bürgern" über all diese Studienmacher. Sonst betrachten "die" ja immer von ihren Hochsitzen aus "uns Bürger" und versuchen uns uns selber zu erklären bzw. was daran gut, was bedenklich ist.

Könnten wir nicht mal eine bürgerliche Studie machen, die sich auf die Hochsitze begibt, und uns ein wenig erzählt, was sich dort so für Menschen tummeln und wie die denken. Ich fände das interessant. Vielleicht reden die ja auch ganz gerne über ihre Weltsicht.

Jens Böhme | Sa., 15. November 2025 - 08:54

Umfrageergebnisse sind wie tägliche Nachrichten. Mal so, mal so.