Debattenkultur und Demokratie - Was ist eigentlich nicht „umstritten“?

Das Adjektiv „umstritten“ hat Konjunktur. Seine Verwendung ist allerdings häufig irreführend: Denn über eine „umstrittene“ Meinung, so die Botschaft, soll gar nicht gestritten werden. Man soll sie nicht haben. Und einen „umstrittenen“ Politiker nicht wählen.

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Hans-Georg Maaßen gilt für viele als der Prototyp des Umstrittenen / dpa

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Zuletzt erschien von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Alexander Grau

Es gibt eine Sphäre des Wissens und eine Sphäre des Meinens. Das zu akzeptieren fällt vielen Menschen schwer. Man kann das sogar verstehen. Wie angenehmer wäre es doch, wenn die eigenen subjektiven Meinungen objektives Wissen wären. Doch leider: Das ist zumeist nicht der Fall. Der Grund dafür ist einfach: Es gibt große Bereiche unseres Lebens, in denen Wissen per se ausgeschlossen ist. Und wie es der Teufel so will: Es sind genau jene Aspekte unseres Alltags, die uns besonders wichtig sind: Regeln, Werte und Normen. Eine moralische oder ästhetische Aussage artikuliert niemals ein Wissen. Lediglich eine Meinung oder Befindlichkeit.

Das ist der einfache Grund dafür, dass moralische oder eben auch politische Meinungen umstritten sind. Es kann gar keine unumstrittene moralische oder politische Meinung geben. Selbst Dokumente wie die Menschrechtscharta oder das Grundgesetz sind nicht Ausdruck eines normativen Wissens und objektiver Erkenntnis, sondern Ausdruck der westlichen Kultur um die Mitte des 20. Jahrhunderts. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Zu anderen Zeiten und an anderen Orten galten und gelten andere Normen. Objektives Wissen gibt es auch hier nicht. Nur moralische Vorlieben. Und weil man diese nicht abschließend und zwingen begründen kann, sind alle ethischen Präferenzen notwendig umstritten.

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Dr. Hermann Josef STIRKEN | Sa, 10. April 2021 - 09:31

In der Wissenschaft ringt man täglich um den Vorrang der Meinung ,um den eigenen Standpunkt zur herrschenden Meinung zu launchieren. Selbst dann muss sich ein Standpunkt noch dem Streit stellen und ist oft umstritten. Dieses Prinzip hat sich bewährt. In der Politik ist es an Autokraten diese Prozesse der Meinungsbildung zu unterbinden. Andersdenkende werden von Meinungsbildungsprozessen ausgeschlossen . Der dabei entstehende Schaden ist enorm, da sich zwangsläufig nicht die beste Lösung durchsetzt und sich die Demokratie zurückentwickelt, weil sich die der Mindermeinung Vertreter zurückziehen und werden durch Claquere ersetzt. letztendlich ist das der Übergang zur Diktatur, wenn der Autokrat nicht gestoppt wird. Von daher müssen auch umstrittene Politiker in die Parteien,sie sind der Motor der Demokratie.

Tomas Poth | Sa, 10. April 2021 - 15:58

In reply to by Dr. Hermann Jo…

Ihre Aussagen werden bestens durch die Beispiele aus ehemals und noch sozialistischen und kommunistischen Staaten belegt. China als Sonderfall macht da scheinbar eine Ausnahme.

Tonicek Schwamberger | Sa, 10. April 2021 - 09:35

. . . habe wieder etwas gelernt. Von einer solchen Warte habe ich das "umstrittene" noch nicht betrachtet, aber Sie haben Recht.-
Und, ja, daß Herr Dr Maaßen umstritten ist, nun ja, das macht mir nichts aus, meine Sympathien hat er auf jeden Fall, egal, für wen er umstritten ist.
Allen ein schönes Wochenende . . .!

Werner Gottschämmer | Sa, 10. April 2021 - 09:55

.was sagt uns das, wo leben wir? Genau dort!

Danke Herr Grau, klasser Beitrag. Das ist wieder mal son ein Fall, irgendwas missfällt einem, irgendein wording ein immer wieder benutzter Begriff usw. Dann kommt ein intelligenter Mensch dazu, das so perfekt zu beschreiben.

Liebe Dinge die mich/uns weiterbringen!

Ach so worum es ging! Ja wissen wir doch alle, das framing usw. Jedes Wort dazu ist überflüssig, Aktion ist gefragt!

Danke nochmal!

Andre Möller | Sa, 10. April 2021 - 09:57

Genauso ist es. Framing ist die mittlerweile am meisten verbreitete "Medientechnologie" zur Bearbeitung der öffentlichen Meinung in die "richtige" Richtung. Mittlerweile gibt es richtige und falsche Meinungen. Es wird am Ende ein totalitärer Konsens sein (müssen). Warum allerdings 95% aller "Journalisten" das Spiel freiwillig mitspielen, erschließt sich mir nicht so ganz. Wie kann man so leben? Seinen eigenen Geist einfach so unterordnen. Ohne wirkliche Not. Ich werde jeden Tag heftigst an die letzten Jahre der DDR erinnert. Die Demokratie wird gerade abgeschafft - der Westen hat Burnout.

Ich glaube nicht, dass 95% der Journalisten freiwillig mitspielen. Denn das impliziert, dass diese 95% - wie singt Udo so schön - eigentlich ganz anders sind. Nein, es ist viel schlimmer: sie sind tatsächlich so! Und das ist das Ergebnis unserer bolognaierten und vom Humbold’schen Bildungsideal entkernten Bildungspolitik, stromlinienförmig angepasste, vermeintliche Katastrophen herunterbetende ängstliche spiessige Kleinbürger in Journalistenuniform.

wenn auch dieses Thema nicht so traurig & auch gefährlich wäre. Aber Humor nimmt wenigsten den Druck heraus. Aber ihr vom Cicero bleibt nun mal geistig eine kleine Oase in dieser politischen Wüste, wo ein jeder noch größer, noch durchgreifender & noch ......
sein will.
Gott schütze euch alle & weiterhin viel Frohsinn & Humor & dies gerade jetzt erst Recht :-)

Annette Seliger | Sa, 10. April 2021 - 10:00

"Wie demokratisch sie sind".

Ich kenne da noch so ein paar Worte von den Moralisten: "Die allermeisten", "Leugner", "Wir müssen", "solidarisch". Wenn ich diese Worte höre, dann weiß ich, dass eine fakten- oder einfach auf den gesunden Menschenverstand basierende Diskussion schwierig wird. Es sind Begrifflichkeiten bei denen sich der Hypermoralist bei seiner Argumentation auf eine vermeintlich erhöhte Position begibt und von dort aus seine politischen Forderungen an die Gesellschaft stellt. Es sind bewusst Worte, welche Schuldgefühle erzeugen sollen. Gegengedanken, die in einem demokratischen Diskurs zu einer freien Gesellschaft gehören, werden dabei von vornherein ausgeschlossen. Ich habe hier schon oft meine diesbezüglichen Überlegungen zur Diskussion gestellt. Nach meiner Meinung handelt es sich hierbei um einen Teil unserer Gesellschaft, der in nicht wertschöpfenden Berufen tätig ist und von der Umverteilung lebt. Aber wer verdient das Geld dass die Umverteiler so gerne annehmen?

Interessant, was Sie hier sagen, Frau Seliger-Grönhall.

Denn genau dort befinden Sie sich natürlich. In (selbst-)erhöhter Stellung, das aktuelle Geschehen vermeintlich überblickend, kritisieren Sie angebliche Hypermoralisten und alle jene - die im Gegensatz zu Ihnen, versteht sich - Ihre Aussagen faktenfrei und fernab des gesunden Menschenverstandes vorbringen. Sie wissen - oder glauben zu wissen - dass es sich nur um jene handeln kann, die nicht in "wertschöpfenden Berufen" tätig sind, was immer das bedeuten mag.

Und so entlarven Sie sich nicht zum ersten mal: So sehr Physikerin (als die Sie sich kürzlich bezeichneten), wie ich Bundeskanzler..dann plötzlich wieder war die Tochter Physikstudentin...aber Sie wussten genau, was dieser in irgendwelchen Lehrveranstaltungen erzählt wurde.

Sehr "transparent". Danke.

Klar doch, Sie wollen auch was sagen...so wie Andersdenkende, die doch von den Wohltaten leben, die Leute wie Sie erwirtschaften.

Durchgefallen. Tut mir leid.

Zur Erhellung ihrer Ansicht, Herr Lenz, empfehle ich den Artikel von Herrn Fleischhauer:
"Druck der Gruppe: Am Ende meines Podcast-Experiments steht eine furchtbar deprimierende Erkenntnis" (Quelle Focus)
Denkschablonen sind derart in festgefügt, dass jeder in seiner eigenen Welt eingemauert bleibt.

Urban Will | Sa, 10. April 2021 - 10:10

Grenze zur Satire (oder gar als solche gedacht?) ist erneut ein Volltreffer.
Letztendlich kann, wie Sie es so schön schreiben, etwas nur dann „umstritten“ sein, wenn denn noch gestritten wird.
Aber in einer Gesellschaft, die sich – erstaunlicherweise und leider, leider – über Jahre hinweg so entwickelt hat, dass Streit, Diskussion, Widerspruch, etc. nur in dem vom Mainstream geduldeten Rahmen „erlaubt“ und somit eigentlich überflüssig sind, ist „umstritten“ genau das von Ihnen hier beschriebene neue „verboten“, „verpönt“, „nicht geduldet“, oder halt „rechtsradikal“, wenn es ins Politische geht.
Eigentlich eine unfassbare, beschämende Entwicklung, ein Rückschritt in die Zeit vor der Aufklärung.
Mit dem „kleinen“ Unterschied, dass Scheiterhaufen, Kerker, etc. für „streitbare“ Vertreter der Menschenzunft noch nicht etabliert wurden.
Noch haben wir den Rechtsstaat. Noch haben die moralisierenden, chauvinistischen „Neo – Jakobiner“ nicht die Hand an der Guillotine.
Noch.

Ich gebe Herrn Grau und Ihnen, Herr Will völlig Recht!
Wie groß die Schieflage ist, wie weit entfernt wir von einer Balance der politischen Extreme gegenüber der demokratischen Mitte kann jeder erkennen, der sich spaßeshalber einmal fragt, warum es zum "Kampf gegen Rechts" nicht ebenso eine öffentliche Förderung einer Initiative namens "Kampf gegen Links" gibt?
Oder analog zur "Antifa" eine "Antiko"-Gruppierung!
Vermutlich zuckt heutigentags beinahe jeder bei solchen Gedankengängen zusammen und ruft sich vorauseilend selbst zur Ordnung.

des unumstrittenen Alexander Grau. Und wie Sie in Ihrem - auch unumstrittenen Kommentar - schreiben, lieber Herr Will, könnte die Satire durchaus gewollt sein.

Zum Thema strittig oder unumstritten halte ich es wie Goethe. Zu diesem Thema schreibt er:

Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten.
An Worte läßt sich trefflich glauben,
Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.

Johann Wolfgang von Goethe
Aus Faust. Sinnigerweise der Tragödie erster Teil

Peter Sommerhalder | Sa, 10. April 2021 - 10:25

Und der Allerbeste:
Die "Unumstrittenen" haben doch tatsächlich das Gefühl, sie seien tolerant...

Werner Peters | Sa, 10. April 2021 - 10:45

Sehr gut, dass endlich mal jemand dieses dumme Wort kritisch hinterfragt. Mit dem Wort soll jemand schlicht in die Ecke gestellt werden. Wenn der DLF z.B. bei Maaßen u.a. in seinen Nachrichten von dem "umstrittenen" Politiker spricht, soll der damit denunziert werden. Dabei ist der DLF selbst einer der "umstrittensten" Sender in diesem Land. Ob sich die DLF-Redakteure dessen bewusst sind ?

Wolfgang Borchardt | Sa, 10. April 2021 - 11:04

Ihr analytischer Geist gehört unstreitig zu den essentiellen Brennstäben des Cicero, die die dunklen Gründe der Politik erhellen. Ich danke Ihnen sehr

Brigitte Miller | Sa, 10. April 2021 - 11:10

funktioniert. Kaum hat man einem Unliebsamen dieses Etikett verpasst, ist er erledigt.

Karl-Heinz Weiß | Sa, 10. April 2021 - 11:14

2010 war “Alternativlosigkeit „ zum Unwort des Jahres gewählt worden, nach 5 Jahren Kanzlerinnenschaft. Offenbar ist doch noch eine Steigerungsform möglich, um den politischen Diskurs zu verunglimpfen.

Jens Böhme | Sa, 10. April 2021 - 11:46

Der Bundestag wäre umstritten. Die Ehe mit ihren Tiefs wäre umstritten. Die Arbeit wäre umstritten. Die Freizeit wäre umstritten. Die Natur wäre umstritten, wenn z.B. Tiere andere Tiere noch lebend am Bauch Stücke rausbeissen (Löwen warten nicht bis der Puls des Zebra auf Null ist).

Klaus Decker | Sa, 10. April 2021 - 11:53

Sehr geehrter Herr Grau, ich habe Ihre Analyse mit
Genuss gelesen! Gehören Sie eigentlich auch schon zu den "umstrittenen" Persönlichkeiten?

Gerhard Schwedes | Sa, 10. April 2021 - 11:58

Eine scharfe Reflexion, die die Heuchelei unserer Politik auf den Punkt bringt. Größter Respekt und Bewunderung! Satz für Satz ins Schwarze getroffen!

Nachbemerkung: Dass der grasgrüne Habeck, der geäußert hat, dass er das Vaterland stets zum Kotzen fand und dass er mit Deutschland nichts anfangen könne, derzeit der unumstrittene Star des Zeitgeists ist, lässt einem die Haare zu Berge stehen. Aber dem ist tatsächlich so - so verblendet ist der deutsche Durchschnittstrottel. Der deutsche Wähler ist zu einem Masochisten verkommen, sonst würde er den weithin "unumstrittenen" Grünen nicht in Scharen hinterherlaufen. Offensichtlich grassiert in der deutschen Mentalität die Nibelungenlust am Untergang und an der Selbstzerstärung. Wieder einmal dürfte es ein zu spätes Erwachen geben. Wie heißt es doch in der Bibel, Psalm 115: "... Sie haben Augen und sehen nicht, sie haben Ohren und hören nicht ..." Maaßen ist einer der unerschrockenen Mahner, nur leider in der auf den Hund gekommenen CDU.

Der "deutsche Durchschnittstrottel" wählte 1933 die NSDAP, und heute wählt er die Grünen.
So sind sie nun mal - die Menschen, welche die Mehrheit in einer Population bilden:
Geistig beschränkt bzw. zu faul zum Selber-Denken u n d leicht manipulierbar.

Diese Tatsache ist die Achillesferse jeder Demokratie.

Ernst-Günther Konrad | Sa, 10. April 2021 - 12:47

Doch, genau das sollte man tun - streiten-. Sie haben recht. Es geht nicht mehr um die Nutzung von Worten in ihrem ursprünglich Sinn, sondern darum, scheinbar jeden Begriff inzwischen politisch korrekt mit moralischer Verve neu zu definieren. Gerade die Medien versuchen inzwischen täglich in Nachrichten und Werbung dem Bürger neue, keinen Widerspruch duldende Eigeninterpretationen von deutscher Sprache aufzudrücken. Ob Gender, Umweltschutz oder das Virus. Es wird versucht, Begriffen eine Wirkmächtigkeit zu verabreichen, die man selbst zur politischen Steuerung gezielt dazu einsetzt, das Volk zu verwirren und scheinbar unbemerkt zu lenken. Ja, es gibt einige Zeitgenossen, die fallen darauf herein. Es gibt aber auch die Wachen, der deutschen Sprache in ihrer Sinnhaftigkeit mächtigen Bürger, die noch wissen, was "umstritten" bedeutet und wann dieser Begriff sinngebend einzusetzen ist. Es wird den Meinungslenkern nicht gelingen, andere Meinung gänzlich tot zu schweigen oder zu verdrehen.

Frank Töpfer | Sa, 10. April 2021 - 12:50

Sehr geehrter Herr Grau,
wie könnten bloße Befindlichkeiten und bloße subjektive Meinungen denn umstritten sein? "Mir ist schlecht", "Ich finde Menschenrechte gut" - kann man darüber streiten? Schon Platon ... Aber das ist auch nur Ausdruck einer griechischen (männlichen, weißen usw.) Befindlichkeit aus dem 4./5. Jh. v. Chr.
Mit freundlichem Gruß
Frank Töpfer

Rainer Mrochen | Sa, 10. April 2021 - 12:51

ist letztlich völlig egal. Wichtig ist, dass im besten Sinne, für die wahrscheinlich beste Lösung eines Sachverhaltes gestritten wird. Wer glaubt die alleinige Weisheit gepachtet zu haben, ist per se verdächtig und da ist ein Herr Lauterbach sicherlich unumstritten oder eben nicht. Vielfach reicht ein schlichter Perspektivwechsel aus, um die Dinge in einem völlig anderen Licht erscheinen zu lassen.

Armin Latell | Sa, 10. April 2021 - 13:24

heutzutage wird gesunder Menschenverstand, erst recht gepaart mit rhetorischen Fähigkeiten, gerne schnell in die rechte Ecke verbannt. Oft auch deshalb, weil das zu verstehen manchen Verstand einfach überfordert, und dann wegen argumentelosigkeit das ultimative Nichtargument zum Einsatz kommt. Verfolgen wir einfach hier den Diskurs zum Thema. In diesem Sinne: wieder treffend geschrieben. Andere werden Ihren Artikel mindestens als "umstritten" bezeichnen ;-)

Markus Michaelis | Sa, 10. April 2021 - 14:47

Für mich ein zentraler Artikel. Wir lieben heute die Wahrheit, Fakten, Experten und das Hören auf die Wissenschaft. Wir schauen dabei mit Erschrecken auf wilde Randfiguren und stellen uns schaudernd vor, was passierte, würden alle so denken. Das schützt uns davor uns mit den wirklich harten Fragen zu beschäftigen: etwa dass wir in einer sich ändernden und immer offeneren Welt und Gesellschaft leben, in der naturgemäß (weil eben offen) auch grundlegende Normen und Moralbegriffe "unstritten" werden.

Ich sehe für mich dazu bisher ein fundamentales Versagen "der" Mitte, des normalen staatstragenden Bürgertums oder Bildungsbürgertums. Für mich steht Merkel für diese normative Fantasiewelt.

Wir steigern uns die letzten Jahre in eine immer härtere normative Absolutheit hinein, die so absolut ist, dass es auch keine Grenzen geben darf, weil die Normen global sind. Und das vor dem Hintgergrund, dass das "Zusammenwachsen" erstmal ein Zusammenprall verschiedener Normen ist.

Bernd Muhlack | Sa, 10. April 2021 - 15:32

Im Jurastudium, Erstes Staatsexamen, muss man so gut wie jede abweichende Mindermeinung zitieren.
Man listet folglich x Meinungen zu einem Problem auf, führt letztlich die (wohl) herrschende Meinung sowie die Ansicht der überwiegenden Rechtsprechung hinzu.
Dann schließt man sich den beiden letzteren an und widmet sich auf gleiche Art und Weise dem nächsten Problem.
Bis das Umstrittene nicht mehr streitig ist - oder doch?

Der größte Feind des Umstrittenen ist das Alternativlose - es gibt nichts zu streiten, zu diskutieren. Man hat die alternativlose Meinung, Ansicht, hält es gar für Wahrheit!
Wer trotzdem zweifelt, Kritik übt wird ruckzuck zum Paria, muss mit negativen Konsequenzen rechnen.
Die Unumstrittenen feiern sich selbst, in der Tat Herr Dr. Grau!
Sollte wider Erwarten ein Fauxpas passieren, ist das ungeheuerlich und muss unstreitig "rückgängig gemacht werden!"

"Es kann gar keine unumstrittene moralische oder politische Meinung geben."
Absolut richtig Herr Dr.Grau!

Die Wahrheit eines Satzes ist selten so klar wie bei mathematischen Aussagen. Wir können daher nur selten auf ein derartig sicheres(=“unumstrittenes“) Wissen zurückgreifen. Wir müssen idR eine Handlungsentscheidung aus einer Überzeugung heraus treffen, d. h. mit dem Risiko, dass die Überzeugung sich als falsch entpuppt.

Überzeugungen sind unverzichtbar für unser Leben. Sie können niemals unumstritten sein. Wer sich nur auf unumstrittenes Wissen stützen wollte, wäre lebens- und handlungsunfähig. Das gilt auch in der Politik.

Jede Überzeugung muss möglichst realitätsnah sein. Entspricht sie der Mehrheitsmeinung, so vermuten wir eine größere Realitätsnähe. Erfahrungsgemäß kann sich aber eine mehrheitskonforme (=“unumstrittene“) Überzeugung auch als falsch erweisen. Dennoch wird in den Medien und in der Politik das Adjektiv „unumstritten“ als Euphemismus für „mehrheitskonform“ gebraucht, wenn auf die Gleichschaltung der Bürger und die Ausschaltung eigner Meinungen gezielt wird.

Ellen Wolff | Sa, 10. April 2021 - 15:52

Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich‘s ungeniert;)

Peter Lutz | Sa, 10. April 2021 - 18:13

Sehr geehrter Herr Grau,
ein Super Artikel, der trifft den Nagel auf den Kopf! Ich möchte aber gar nicht auf die Einzelheiten eingehen, die anderen Foristen sprechen mir mit Ihrer Beiträgen aus der Seele, dem stimme ich völlig zu!
Ich musste an vielen Passagen sehr schmunzeln! Auch wenn es eigentlich sehr traurig ist. Begonnen mit der "Sphäre des Wissens und eine Sphäre des Meinens" weiter mit den oft genannten "Umstritten und Unumstritten" oder anders herum.
Lachen musste ich aber über Ihren Satz über Karl Lauterbach und Ihrem Zitat „Gesundheitsminister der Herzen“

Puh, da fängt für mich Satire an.
Besten Dank!

Wolfgang Jäger | Sa, 10. April 2021 - 18:30

Dieser linksideologische Modebegriff enthält die unterschwellige Botschaft totalitären Denkens. Man sieht, wie sich allmählich dieses Denken in die Gehirne der Menschen hineinsetzt und sie zu Marionetten des Totalitären macht. Nun wäre es kein Wunder, wenn man "umstritten" zum Wort des Jahres küren würde. Ein Beweis dafür, wie weit fortgeschritten das Totalitäre inzwischen in unserer Gesellschaft ist. Alexander Grau hat mit seinem Text natürlich treffend den Nerv getroffen. Übrigens: Sehr eng im Zusammenhang mit „umstritten“ ist Muttis Lieblingsbegriff „alternativlos“. Dazu noch: „Nicht hilfreich“! Man sieht: Totalitäres Denken ist auf dem Vormarsch. Und das Schlimme ist, dass die Begrifflichkeiten von ganz oben kommen und damit den Heiligenschein (Euphemismen!) des Unanfechtbaren bekommen. Linguisten sollten sich mal an die Arbeit machen und den Sprachwandel in den 16 Jahren der Merkel’schen Kanzlerschaft untersuchen. Es würde eine Menge „totalitäres Vokabular“ zum Vorschein kommen.

Rob Schuberth | Sa, 10. April 2021 - 19:38

Die Deutungshoheit bestimmen doch die Herrschenden.
Das sind m. E. nicht nur die Politiker, denn die Medien "herrschen" da ordentlich mit.

Danke für diesen erklärenden Artikel.
Ist etwas umstritten wird es für mich übrigens erst so richtig interessant.

Und auch die Frage wer hat etwas davon sollte man sich immer stellen wenn eine "klare" Aussage getroffen/verbreitet wird.

Kurt Kuhn | So, 11. April 2021 - 08:47

In dem vom Sowjetreich dominierten Ostblock gab es jahrzehntelang keinen Streit, nicht zwischen den Menschen und auch nicht zwischen den Staaten.

Nichts und niemand war umstritten!

Was dabei herausgekommen ist, müsste inzwischen bekannt sein.

Vielen Dank für den klasse Beitrag!

Wolfram Fischer | So, 11. April 2021 - 10:01

Ein klasse Kommentar! Dieses "umstritten" ärgert mich seit seit langem - soll es doch die "umstrittende" Position, Meinung, Person... möglichst einfach und - nota bene: eben OHNE Streit, denn das würde ja Mühe machen und vor allem Argumente erfordern! - delegitimieren, abqualifizieren, mit Schmuddelimage etikettieren und damit als untragbar beiseite schieben. Immer, ohne Ausnahme, denn das ist Sinn und Zweck dieser Zuschreibung. Auch und vor allem in unseren öffentlich rechlichen Medien. Diese Erziehungmeßnahme finde ich unerträglich, mit serösem Journalismus hat das nichts mehr zu tun, das ist Framing in Reinkultur. Leider erwarte ich vom zwangsmitgliedschaftsfinanzierten ÖRR gar nichts anderes mehr, als den permanenten Versuch, betreutes Denken in's Land zu auszukippen. Gottlob gibt es noch - wenige, ein Trauerspiel! - Medien, die auf dieser Klaviatur nicht mitspielen, wie den Cicero!
Danke für diese letzten Aufrechten in der inzwischen weitverbreiteten ungenießbaren Mediensoße!

Hans Page | So, 11. April 2021 - 10:20

Das Wort “umstritten” tauchte erstmals in SPON and ZON auf, damals um Sarazzin in die Ecke zu stellen, „unberührbar“ zu machen. Das Ziel war damals wie heute, eine völlig respektable Person unrespekabel zu machen, außerhalb der Gesellschaft zu stellen und mundtot zu machen. Jetzt geschieht das Gleiche mit Maassen, er wird praktisch zum Abschuss freigegeben. Was ich mich allerdings oft gefragt habe ist: wer entscheidet eigentlich wer und ab wann jemand „umstritten“ ist, was ist das Kriterium dafür? Darf irgendein Journalist das machen, oder gibt es da eine Gruppe die das entscheidet? Oder reicht es das Merkel sagt, etwas wäre nicht „hilfreich“ damit dann viele andere meinen auf die „umstrittene“ Person einschlagen zu dürfen. Wenn das der Zusammenhang ist, dann wird letztlich mit „umstritten“ diejenige Person markiert, die dann rücksichtslos gemobbt und dann gelyncht werden darf, natürlich auf intellektuell hohem Niveau denn blutig möchte man sich nicht machen.