TV-Duell - Wähler erwarten Sieg von Merkel

Fast jeder zweite Wähler glaubt, dass sich die Kanzlerin im TV-Duell gut präsentieren wird. Die Erwartungen an den Herausforderer Steinbrück sind deutlich niedriger. Das muss kein Nachteil sein. Die Spannung im Wahlkampf steigt, das zeigt die 5. Welle des Cicero-Wahlkampfindex.

Wähler feiern Angela Merkel
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Thorsten Faas ist Professor für Politikwissenschaft im Bereich „Methoden der empirischen Politikforschung“ an der Universität Mainz. Zu seinen Forschungsgebieten zählen Wahlen, Wahlumfragen und Wahlkämpfe. 

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Morgen ist es soweit: Angela Merkel und Peer Steinbrück steigen in den Ring, in einem Fernsehstudio in Berlin-Adlershof werden sie sich 90 Minuten lang duellieren.

http://www.cicero.dehttp://archiv.cicero.de/sites/default/files/field/image/cicero-wahlkampfindex.jpgDas Duell am Sonntag ist ohne Zweifel das wichtigste Einzelereignis in diesem Wahlkampf 2013. Voraussichtlich mehr als 20 Millionen von Zuschauern werden live dabei sein, auf vier Fernsehkanälen wird der Schlagabtausch zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer parallel übertragen – und die Ausgangslage ist günstig. Das zeigt der Cicero-Wahlkampfindex. In der 5. Welle ist dieser erstmals gegenüber den vorherigen vier Messungen angestiegen. In der jüngsten Erhebung, in deren Rahmen das Meinungsforschungsinstitut YouGov im Auftrag von Cicero in einer Panelbefragung vom 28. bis zum 30. August insgesamt 2171 wahlberechtigte Bundesbürger befragt hat, liegt er bei 36,6 von 100 möglichen Punkten – ein Anstieg von 0.2 Punkten.

Dabei ist weniger die Größenordnung des Anstiegs bemerkenswert. Alleine die Tatsache, dass der Index ansteigt und damit den bisher durchweg rückläufigen Trend des Wahlkampfs bricht, zeigt: Der Wahlkampf tritt in eine neue Phase ein: Der Wahlkampf kommt in Schwung. Er kommt vor allem mehr denn je bei den Menschen an. Der Wahlkampfdynamikindex auf 44,0 Prozent gestiegen, gegenüber 43,4 Prozent in der Vorwoche. Zugleich sind viele Menschen weiterhin nicht endgültig entschieden. Der Volatilitätsindex liegt in der 5. Welle bei 29,2 Prozent, nach 29,5 Prozent in der Vorwoche. Im Detail heißt dies: 24 Prozent der von YouGov befragten ist sich noch nicht sicher, welcher Partei er am 22. September wählen wird. 23 Prozent schwanken noch zwischen zwei oder mehr Parteien, genauso viele können sich vorstellen, ihre Wahlentscheidung aus taktischen Gründen kurz vor der Wahl noch einmal zu ändern, um einer bestimmten Koalition zum Sieg zu verhelfen. 

Gute Voraussetzungen für ein spannendes TV-Duell und gute Voraussetzungen für einen spannenden Wahlkampfendspurt – und genau das belegt der steigende Wert unseres Gesamtindex.

Im Zeitverlauf wird insbesondere deutlich, dass die Wahlkämpfer inzwischen mit ihren Bemühungen auch in politikfernere Schichten vordringen. Und genau diese Tendenz wird insbesondere das große TV-Duell am kommenden Sonntag nochmals verstärken. 44 Prozent der Deutschen will sich das TV-Duell am Sonntagabend im Fernsehen ansehen, weitere 24 Prozent „wahrscheinlich“. Die geht aus der YouGov-Befragung für Cicero hervor. Aber auch 28 Prozent der Deutschen, die sich wenig für Politik interessieren, wollen das Duell „wahrscheinlich“ oder „bestimmt“ anschauen, weitere 29 Prozent zumindest „vielleicht“. Hinzu werden viele kommen, die aufgrund der Omnipräsenz des Duells am Sonntag (und vielleicht aufgrund der Anwesenheit von Stefan Raab) hängenbleiben und dabei bleiben. Auch in den Tagen danach wird das TV-Duell in aller Munde sein, von den Politikern und den Medien ausführlich nachbereitet werden. Die Dynamik des Wahlkampfs wird dies weiter befeuern.

Das sehen auch viele Wähler so, 30 Prozent der im Auftrag von Cicero befragten Wähler, erwarten ein spannendes TV-Duell, 31 Prozent glauben, es wird eher langweilig. Für 35 Prozent der Wähler ist das TV-Duell eine gute Gelegenheit, sich ein Bild von den beiden Kandidaten zu machen und immerhin 34 Prozent der Wähler glaubt, das TV-Duell werde ihnen helfen, eine Wahlentscheidung zu treffen. 11 Prozent von ihnen stimmen dieser Aussage zu, 23 Prozent zumindest teilweise.

Wem wird diese neue Dynamik im Wahlkampf nützen? Wer wird im TV-Duell davon profitieren? 45 Prozent der Befragten rechnen mit einem guten oder gar sehr guten Abschneiden der Kanzlerin, nur 15 Prozent mit einem schlechten oder gar sehr schlechten. Steinbrück liegt deutlich zurück. 22 Prozent rechnen mit einer guten oder sehr guten Leistung von ihm, 26 Prozent mit einer schlechten oder sehr schlechten. Das heißt, die große Mehrheit der Wähler glaubt, dass Merkel das TV-Duell für sich entscheiden wird.

Aber Vorsicht: Das muss für Peer Steinbrück kein Nachteil sein, im Gegenteil: Vieles, was die Wähler im Vorfeld des TV-Duells äußern, hat mit ihren Erwartungshaltungen zu tun. Geringe Erwartungen können ein Vorteil sein, sie lassen sich viel leichter erfüllen oder gar übererfüllen.

Ist das am Sonntag eine Chance für Peer Steinbrück? Durchaus. Zugleich ist klar: Für den Kanzlerkandidaten gilt: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ – der Druck lastet trotz niedriger Erwartungshaltung auf ihm.

Klar ist bei alle dem auch: Am Sonntag ist nicht „show time“. Die Erwartungshaltungen sind hoch und sie sind bei den Zuschauern vor allem inhaltlicher, politischer Natur. Auch viele Wähler, die sich wenig oder gar nicht für Politik interessieren, werden in großer Zahl vor den Bildschirmen sitzen. Sie erhoffen sich Einiges von diesem Duell: Sie wollen die Kandidaten kennenlernen, ihre Positionen verstehen und so eine Hilfestellung bei ihrer Wahlentscheidung bekommen. Am Sonntag ist „crunch time“ – so nennen die amerikanischen Sportreporter die spielentscheidenden, spannendsten Minuten eines Spiels kurz vor Ende. Ihre deutschen Kollegen sagen wohl eher: „Entscheidend ist auf dem Platz“. Aber wie dem auch sei: Am Sonntag gilt’s.

http://www.cicero.dehttp://archiv.cicero.de/sites/default/files/field/image/cicero-wahlkampfindex.jpgCicero-Wahlkampfindex - Am 22. September wählen annähernd 62 Millionen Deutsche einen neuen Bundestag. Cicero Online wird den Wahlkampf mit einem neuen und innovativen Umfrage-Tool begleiten. Der Cicero-Wahlkampfindex hat zwei Dimensionen. Auf der Angebotsseite wird der Dynamik-Index abbilden, wie sich der Wahlkampf entwickelt. Auf der Nachfrageseite wird der Volatilitäts-Index aufzeigen, wie (un-)entschlossen die Wähler noch sind.

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