Trau, schau, Phoenix!

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen steckt in der Krise. Dabei beweist ein kleiner Sender aus der eigenen Familie, dass man mit Qualitätsjournalismus der alten Schule überraschenden Erfolg haben kann.

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Wer nachts ein krankes Kind auf dem Arm hält, im Jetlag hängt oder schlicht keine Ruhe findet, weiß zu schätzen, wenn der Fernseher auch früh um zwei oder drei etwas anderes liefert als Serien-Müll oder Comedy-Quatsch. „Danke für die schlaflosen Nächte“, brachte ein Blogger seine Liebe zu Phoenix auf den Punkt. Seit nunmehr zehn Jahren existiert der „Ereignis- und Dokumentationskanal“. Wurde er anfangs vielfach belächelt und für überflüssig erklärt, so macht er im Jahr seines Jubiläums seinem Namen alle Ehre: Wie der mythische Vogel streckt er sich aus dem zum Infotainment verquirlten Nachrichtengeschäft empor und liefert in althergebrachter Beständigkeit Fakten. Es ist die Schnörkellosigkeit, die Phoenix Glaubwürdigkeit verleiht und dazu führt, dass er auf dem Medienmarkt mittlerweile die kommerziellen Nachrichtensender überflügelt. Mit einem Marktanteil von 1,1 Prozent hat der kleine Ableger von ARD und ZDF im August dieses Jahres sein bislang bestes Ergebnis erzielt, vier Mal zuvor innerhalb der vergangenen zwölf Monate wurde bereits die Ein-Prozent-Marke erreicht. Zum Vergleich: Die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) berechnet für N24 0,9 und für ntv 0,7 Prozent. Die beiden Konkurrenten des Öffentlich-Rechtlichen melden höhere Zahlen: ntv reklamiert für sich einen Marktanteil von 0,8, N24 sogar von 1,2 Prozent. Dabei ist allerdings lediglich die für die Werbeeinnahmen bedeutende Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen erfasst. Die AGF-Zahlen dagegen schließen alle Altersgruppen ein – vom Drei- bis zum 99-Jährigen. Seit 1997, als es 210 000 Zuschauer waren, wächst die Phoenix-Fangemeinde stetig. 4,5 Millionen Zuschauer schauen mittlerweile täglich rein. Was sind das für Menschen, die sich gern von den Berliner Korrespondenten Ines Arland oder Gerd-Joachim von Fallois (Foto) in den Plenarsaal des Bundestages führen lassen oder mit Alfred Schier und Alexander Kähler zu diversen Parteitagen reisen, um hier wie dort bisweilen zähen Debatten zu folgen, anstatt die 90-Sekunden-Zusammenfassungen in den Abendnachrichten zu konsumieren? Polit-Voyeure? Leute mit zu viel Zeit? Sicher auch. Zunehmend aber ist Phoenix zur Quelle geworden für all diejenigen, die sich landesweit für das eine oder andere Anliegen engagieren und die ungefilterte Information suchen. Aufseiten der Politik ist Phoenix daneben Labsal für all die Mandats- und Amtsträger, für die bei Tagesschau, heute oder „RTL aktuell“ kein Platz ist. Wie wohltuend, wenn sie im heimatlichen Wahlkreis hören: „Ich hab Sie letztens im Fernsehen gesehen.“ Geradezu geadelt ist derjenige, der beim Kameraschwenk durch den Saal im vertrauten Gespräch mit Kanzlerin, Vizekanzler oder einem Minister zu sehen ist, am besten noch allein in der hintersten Stuhlreihe. Noch so viele kluge Wortbeiträge reichen an den Wert solcher Bilder nicht heran. Doch Phoenix wird nicht nur geschätzt für seine Rolle als Augenzeuge – allein aus dem Bundestag sendete der Kanal im vergangenen Jahr 380 Live-Stunden. Das politische Personal fühlt sich wohl, weil es hier ausreden kann, bei den Statements, die sich nicht auf wenige Sekunden beschränken müssen, ebenso wie bei den von Gaby Dietzen und Anke Plättner moderierten Diskussionsrunden. Inhalte stehen vor der Präsentation. „Wenn wir nicht so viel zu bieten hätten, hätten Sie nicht so viel zu senden“, brachte Angela Merkel das ganz eigene Wechselspiel von Politik und Sender auf den Punkt. „Phoenix dient der politischen Meinungs- und Willensbildung der Bürgerinnen und Bürger, es sollen Hintergründe erhellt und Zusammenhänge dargestellt werden. Damit soll der Spartenkanal den demokratischen Parlamentarismus und die europäische Integration fördern“, heißt es in den Programmgrundsätzen. Dass der Sender „sehr wichtig für die politische Meinungsbildung“ sei, meinten auch 85 Prozent der Befragten einer von Emnid durchgeführten Studie zu Phoenix. 77 Prozent glauben, dass der Kanal zum „besseren Verständnis der politischen Entwicklung“ beitrage. Hohe Wertschätzung erfahren auch die Moderatoren und Reporter. Rund 100 Mitarbeiter machen das Programm – sieben Tage die Woche, rund um die Uhr – zum Teil vom Stammsitz in Bonn aus, zum Teil aus dem Berliner Studio. Dafür stehen 34 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Das ist wenig, verglichen mit anderen Sendern, weshalb man sich vom ersten Tag an sehr kreativ habe zeigen müssen, sagt Programmgeschäftsführer Klaus Radke. Der ARD-Mann leitet Phoenix zusammen mit Christoph Minhoff vom ZDF. Auf die doppelte Geschäftsführung hatte in der Gründungsphase vor allem die Union großen Wert gelegt. Dort fürchtete man eine Linkslastigkeit des neuen Kanals, zumal sich der WDR, allen voran Intendant Fritz Pleitgen, dafür starkmachte. Auch wenn man dem Sender nicht gleich „überirdisches Standing“ zubilligen muss, wie Pleitgen es tat, Ausgewogenheit kann man ihm durchaus attestieren. Und nicht zuletzt exzellente Dienstleistung. Zuckerstücke der Berichterstattung, wie etwa am Tag der Wahl von Papst Benedikt, als Phoenix die Entscheidung des Konklave schon vier Minuten vor der Bekanntgabe auf dem Petersplatz meldete, sind eher die Ausnahme. Denn Phoenix liefert Schwarzbrot. Aber das soll ja gesund sein. Martina Fietz ist Parlamentarische Korrespondentin bei Cicero Foto: Picture Alliance

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