- Der tote Kaiser wird besser behandelt als der lebende Bürger
Der erste deutsche Kaiser Otto bekommt einen Titan-Sarg. Solche pragmatische Großzügigkeit kennen lebende Bürger dieses Landes vom staatlichen Denkmalschutz nicht. Der deutsche Staat macht Besitzern alter Immobilien das Leben schwer.
In dieser Woche machte eine Schlagzeile die Runde, die eigentlich von historischem Glanz erzählen sollte – mich aber direkt in die Niederungen des bundesdeutschen Bürokratismus katapultierte. Die Meldung lautete: „Kaiser Otto bekommt einen neuen Sarg.“ Was da der Öffentlichkeit präsentiert wurde, ist ästhetisch fraglos gelungen. Aber seit wann ist Ästhetik im deutschen Denkmalschutz ein relevanter Maßstab? Wer reflexhaft „Ja, was denn sonst?!“ ruft, hatte ganz offensichtlich noch nie beruflich, privat oder auch nur theoretisch mit diesem Verwaltungsmonster zu tun.
Kaiser Otto, Beiname „der Große“, starb vor 1052 Jahren in Memleben und liegt seither in Magdeburg zur letzten Ruhe. Wobei „Ruhe“ hier eine relative Bezugsgröße ist für einen geschichtlich so bedeutenden Mann, der als erster Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gilt – jenes verfassungsrechtlich schwer zu fassenden Gebildes, das nach Ottos Krönung noch über 800 Jahre Bestand haben sollte und aus dem sich das Bewusstsein einer deutschen Nation herausbildete. Das ist wichtig zu erwähnen, denn Kaiser zu sein ist schon etwas Besonderes, aber dieser Kaiser ist noch einmal etwas ganz Besonderes. Wir müssen uns an dieser Stelle nicht weiter mit seinem Schaffen und politischen Wirken beschäftigen, sollten dies aber im Hinterkopf behalten.
Ein „angemessenes Bestattungsbehältnis“
Das Land Sachsen-Anhalt stand vor einer schwierigen Aufgabe, als man bei der „konservatorisch notwendigen“ Öffnung des Sarges feststellte, dass der in einem Steinsarg liegende hölzerne Innensarg seine besten Zeiten hinter sich hatte. Ein neuer Sarg musste her – oder wie es der Kulturminister des Landes, Rainer Robra, in fast brutaler deutscher Schnörkellosigkeit in der Pressemitteilung ausdrückte: ein „angemessenes Bestattungsbehältnis“.
Da wir heute – erfreulicherweise – eine Republik sind, liegt jede Form von Würdigung eines Monarchen grundsätzlich im Verdachtsbereich des guten Geschmacks und im Fadenkreuz kulturpolitischer Bedenken. Als 1991 die Hohenzollern Friedrich II. und Friedrich Wilhelm I. nach Potsdam überführt wurden, gab es viel militärischen Pomp, die Bundeswehr hielt Ehrenwache an den Särgen, und Kanzler Kohl pilgerte öffentlichkeitswirksam zu den Preußenkönigen – zwar als „Privatmann“, wie er betonte, aber doch unter dem deutlich vernehmbaren Entsetzen mehrerer Historiker.
In Sachsen-Anhalt entschied man sich bei der heiklen Mission für einen Wettbewerb, den die Künstlerin Silke Trekel mit dem Entwurf „Torsion und Konsolidierung“ für sich entschied. Das „Bestattungsbehältnis“ besticht durch eine sehr moderne bis futuristische, aber schlichte Formgebung und besteht aus Titan, Feingold und Blattgold. Ein bemerkenswertes Upgrade für den alten Otto, der die letzten Jahrhunderte in schnöder hochmittelalterlicher Kiefer verbrachte – mutmaßlich seit es im Magdeburger Dom im Jahr 1207 brannte und der Kaiser schon einmal umgebettet werden musste.
Und genau hier kommt die eigentliche Groteske zum Vorschein. Der Sprung vom mittelalterlich „zusammengezimmerten“ Kistenmöbel zum futuristischen Gold-Titan-Sarkophag lenkt den Blick brutal auf eine Frage, die jeden Bürger beschäftigt, der einmal in den Fängen des Denkmalschutzes war: Warum bekommt ausgerechnet ein tausendjähriger Kaiser modernere und pragmatischere Denkmalschutzentscheidungen als lebende Menschen?
Widrigkeiten des Denkmalschutzes
Die Liste der vom Denkmalschutz geschaffenen Widrigkeiten, die mehr Blockade als Mehrwert erzeugen, ist lang. Beispielsweise die 3600 Wohnungen einer 90 Jahre alten Siedlung in Salzgitter, von denen inzwischen 1200 leer stehen, weil kein Investor die vom Denkmalschutz geschaffenen Auflagen erfüllen kann. Oder die Geschichte einer Gebäudesiedlung aus Poppenbüttel aus den 1970ern, die über Nacht unter Denkmalschutz gestellt wurde – eine Siedlung aus Häusern, die „von außen verblendet“ und von innen „mit Rigips“ gebaut wurden, wie eine aufgebrachte Anwohnerin dem NDR-Satire-Magazin „Extra 3“ erklärte. „Extra 3“ ist überhaupt der größte Profiteur des deutschen Denkmalschutzes: Vom Verbot einer dezenten Fahrradreparaturstation vor der Mensa der Uni Kiel – einem Waschbeton-Klotz aus den 1960ern – bis hin zum Baumpflanzungsverbot in einer Berliner Siedlung war schon allerhand dabei.
Dabei wirkt schon ein Blick in die Rechtsprechung zum Denkmalschutz auf manch unbefangenen Betrachter wie Satire – insbesondere wenn es um die Verwendung von Baumaterialien geht. Die Liste von Bauherren, die erfolglos vor Gerichten versuchten, optisch historisierende, aber nicht mehr aus Holz bestehende Fenster einzubauen, ist lang. Dabei kommen dann Entscheidungen heraus, in denen es beispielsweise heißt: „Kunststofffenster setzen keine Patina an und laufen dem Erscheinungsbild eines denkmalgeschützten Gebäudes zuwider, da sie nicht beständig mit dem restlichen Gebäude verwittern“ (So beispielsweise: VG Ansbach, Urteil v. 08.08.2018 – AN 3 K 18.00510).
Verfall als denkmalschutzrechtliches Ziel – darauf muss man erst einmal kommen. Wie war das jetzt mit der Gold-Titan-Kapsel, die beständiger gegen Verfall sein soll und damit länger halten muss als die Kiefern von 1207? Titan für den Kaiser, Patina für den Bürger. Das ist eine schlechte Moral aus der Geschichte.
Das Argument, dass es sich bei dem neuen Sarg ja nur um den Innensarg und nicht den von außen sichtbaren Steinsarkophag handelt, kann jedenfalls nicht gelten. Denn natürlich ist der neue Sarkophag für die Betrachtung der Nachwelt geschaffen. Sonst hätte man wohl keine Künstlerin verpflichtet, und auch eine Inschrift inklusive neu designter Kaiserkrone wäre hier völlig fehl am Platz. Nein, das Land Sachsen-Anhalt zeigte sich hier lediglich pragmatisch und hat gewissenhaft geprüft, was eigentlich erhaltungswürdig am Kaisergrab ist. Und deswegen liegt der Kaiser bald auf Titan und Edelmetall statt auf Kiefernholz – ein Pragmatismus, den der Staat seinen Bürgern gemeinhin verwehrt.
Das hat mitunter tiefgreifende Folgen, denn so lustig sich die Amtsschimmel-Episoden bei „Extra 3“ auch anschauen: Sie sind nicht selten der Beginn eines zermürbenden Kampfes für die betroffenen Menschen. Manchmal sogar existenzbedrohend, aber fast immer unter Vernichtung von Energie, die für weitaus Zielführenderes gebraucht werden könnte.
Landesdenkmalschutzämter gehören mindestens entmachtet
Deswegen schlage ich vor, Otto dem Großen eine Art lebendiges Denkmal zu setzen – und zwar durch eine Novelle aller Denkmalschutzgesetze in den deutschen Ländern. Eine Lex Kaiser Otto quasi. Mehr Pragmatismus und weniger hoheitliche Dogmen wären jedenfalls ein schönes aufgeklärtes Erbe für eine Republik.
Der Denkmalschutz ist zu einem Bremsklotz der Entwicklung in vielen Bereichen geworden. Er verhindert Wohnungsbau, wo er dringend benötigt wird. Er belastet Bürger und bremst Investitionen. Die Landesdenkmalschutzämter gehören mindestens entmachtet, wie es in diesem Jahr die kommunalen Spitzenverbände in Niedersachsen forderten. Ich finde, sie gehören abgeschafft. Die Landesregierungen sollten sich auf die Rechtsaufsicht über den vor Ort bürgernah und unbürokratisch zu bewältigenden Denkmalschutz beschränken.
Entbürokratisierung wird in diesem Land immer eine hohle Phrase bleiben, wenn dort, wo der Bürokratismus am unerbittlichsten und irrsinnigsten zuschlägt, nicht ein radikaler Schritt gelingt.
Den Denkmalschützern in Magdeburg bleibt indes zu wünschen, dass die Maßnahmen gut gelingen und vielleicht noch der Beweis angetreten werden kann, dass es sich bei den Gebeinen in dem Grab tatsächlich um die sterblichen Überreste Ottos handelt. Der steht nämlich bislang noch aus.
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In den seltensten Fällen zahlt der Denkmalschutz für seine "Flausen"! Da gibt es ganz, ganz schlimme Ideen, unpraktisch und sehr teuer! Wer zahlt? Richtig, der Eigentümer! Wenn man dann wenigstens in dem Gebäude gut wohnen könnte, aber nö! Da müssen Uralt Fenster eingebaut werden, Badewanne gibt es nicht, wie jetzt "ausgebauter Dachboden", sind sie irre! Denkmalschutz! Alle verdienen sich dann dumm und dusslig, der Eigner gerät in die Schuldenfalle! Finger weg von solchen Immobilien!
Als Erbe eines denkmalgeschützten Geschäftshauses in einer hessischen Kleinstadt habe ich die volle Breite der Schikanen abbekommen. Nicht nur die Farbe für das Fachwerk, auch alle zu verwendenden Materialien wurden minutiös vorgeschrieben. Der Gipfel aber war, dass, als die Sachbearbeiterin in Mutterschutz ging, ihr direkter Vorgesetzter das genaue Gegenteil von dem forderte, was sie als schutzwürdig angesehen hatte (Fachwerk freilegen). Die Kosten überstiegen bei weitem die Einnahmen, was letztlich zum Verkauf des Anwesens führte.
also in diesem Fall Kupferpatina, verhält sich wie beim Aluminium wenn ich mich richtig erinnere, eine schützende Oxidschicht unter der das reine Element liegt.
Pfff, keine Ahnung, aber ja, es kann nicht Sinn und Zweck der Sache sein Gebäude komplett verfallen zu lassen um den Denkmalschutz umgehen zu können. Was ist denn schützenswert? Ist es die Substanz oder die Architektur? Am Neumarkt Dresdens hat man sich für die Architektur entschieden, neue Baumethoden im Stil der Originalbauten, war ja aber auch nichts mehr da...
Hätte man bei der Frauenkirche auf die "Originalteile" verzichten können um es günstiger zu machen?
Ich find das schon schwierig, denn was ist Schützenswert und was ist es nicht? Wo kann auch einfach mal abgerissen werden weil alles andere sowieso modern ist. Stadtbild!
Was mich stört ist kein PV auf Dächern wegen des Denkmalschutzes. Gegen die Reflexion finden sich mit Sicherheit Mittel und Wege.
Macht mal.
So sehr wir in unserer Familie für Denkmalschutz sind (mein Mann hat z. B. zu seinem 80. Geburtstag statt Geschenken um Spenden für die DSD gebeten), so sehr wünschen auch wir uns einen pragmatischeren Umgang mit den gesetzlichen Bestimmungen in diesem Bereich.
Denkmalschutz u. die Interessen der heutigen Bürger müssen in Einklang gebracht werden, u. die Schutzmaßnahmen müssen bezahlbar bleiben. Sonst ist am Ende niemandem geholfen:
weder Denkmälern noch den Menschen, die heute mit ihnen leben u. sie achten sollen.
Ob dafür die Abschaffung der Landesdenkmalschutzämter notwendig ist, kann ich nicht beurteilen, aber auf jeden Fall muß hier - wie überall - unnötige Bürokratie abgebaut u. das Prinzip der Subsidiarität beachtet werden. Das heißt: Mehr Mit-Entscheidungsrechte für die Kommunen; denn dort leben die Betroffenen.
In diesem Punkt kann man viel von den Polen lernen. Sie haben z. B. die historischen Gebäude in Danzig außen original und innen
modern wiederhergestellt.
man in nicht all zu ferner Zeit die Innenstädte etwa gleich großer Stödte im Baukastensystem untereinander tauschen.
Das einzige was deutsche Städte noch unterscheidet, ist die Innerstätische Architektur sieht man von den Bausynden der 60ziger im z.B Ruhrgebiet u.a. Dortmund & Essen oder denen der 70zigern in der DDR z.B Chemnitz wo Innenstädte platt gemacht wurden und aus Geldmangel WBS (Wohnungsbausystem) 70 Wohnsilos errichtet wurden
Allerdings sollte der Denkmalschutz mit den Eigentümern und auch finanziell machbar sein und nach transparent Kriterien unterstützt werden.
Wenn schon in jeder Stadt die gleichen Kauf & Fressketten und überall schon die bunte Bevölkerung bis in die Provinz hinein gleich sichtbar ist , sollte wenigstens noch die stadtkernprägende Architektur erhalten werden.
„Die Koste es was es wolle Politik“ hat gerade absolute Hochsaison ……
Mit freundlichenGrüßen a d Erfurter Republik
Unser Haus ist 1891 gebaut worden und unterliegt nicht dem Denkmalschutz. Obwohl wir im alten Ortskern wohnen und rund 30 Häuser um uns herum denkmalgeschützt sind als alte Hofreiten, Mühlen und historischen Gaststätten. Puh, nochmal Glück gehabt, Unsere Haussanierung war so schon teuer genug. Mit Denkmalschutzauflagen hätte man das knicken können. Ein Nachbar -Nebenerwerbslandwirt-neben an hat so ein Haus neben uns geerbt und durfte nichts machen. Er riss die Innenwände heraus bis das bloße marode Holzfachwerk noch windschief stand. Und was soll ich sagen, über Nacht bei Wind und Wetter, fiel das Gerippe zusammen. Ja, man munkelte es sei der Auspuff seines Traktors gewesen. Aber niemand hat was gesehen. Und heute wohnt er in einem neuen Haus an gleicher Stelle, 15 Meter neben mir. Die deutsche Bürokratie und ihr Wahnsinn erzeugt auch immer wieder Kuriositäten.
