Veganismus-Debatte - Nutztiere brauchen Rechte!

Tiere brauchen Rechte, fordert die Autorin Hilal Sezgin. Den Umgang mit Masttieren stuft sie als prekär ein. Der Mensch müsse seine Mitlebewesen verschonen und sich selbst mäßigen

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Sezgin, Hilal

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Am vergangenen Sonntag hat die Autorin Marie Amrhein in ihrer Kolumne „Stadt, Land, Flucht“ ihr Unbehagen an der momentanen Tierschutz – und Tierrechtsdebatte ausgedrückt. Sie fürchtet, Tierrechte würden bedeuten, dass wir Menschen uns immer weiter von der Natur entfernen, dass wir Tiere vermenschlichen und dass wir Tiere über Menschen stellen.

Doch dies sind reine Missverständnisse. Zum Beispiel trifft es keineswegs zu, dass sich Veganer und Tierrechtler bedauerlich weit von „der Natur“ entfernt haben und den Komplex des Fressens und Gefressenwerdens nicht mehr realistisch einschätzen können. Im Gegenteil habe ich die Erfahrung gemacht, dass Veganer meist deutlich mehr über die 800 Millionen Tiere wissen, die in Deutschland jedes Jahr geschlachtet werden, als diejenigen, die diese Tiere tatsächlich verzehren.

Veganer wissen, dass sich Sauen zwischen ihren engen Gittern nicht um die eigene Achse drehen und ihre Ferkel nie wie in der Natur berüsseln können; dass Kälber keine natürliche Kuhmilch zu trinken bekommen, sondern ihren Müttern nach der Geburt weggenommen, in einer Plastikbox untergebracht werden und angerührte Ersatzmilch aus einem Eimer zu trinken bekommen.

Sie wissen, dass man den Kälbern mit Dornen und Noppen versehene Anti-Saug-Ringe durch die Nase zieht, um genau das zu verhindern, was von Natur aus in jedem jungen Säugetier angelegt ist! Veganer kennen auch Zahlen wie die, dass 500.000 Schweine alljährlich nicht richtig abgestochen werden und im 63 Grad heißen Brühbad kläglich und schmerzhaft ersaufen; und dass 12 Prozent der Masthühner, wenn sie zur Schlachtung eingefangen werden, Frakturen an den Flügeln beigebracht bekommen.

Aber was heißt in diesem Zusammenhang eigentlich Natur? Ist es denn natürlich, dass heutige Hybrid-Sauen mehr Ferkel werfen, als sie Zitzen haben? Dass Puten zu so starkem Wachstum gezüchtet wurden, dass sie sich oft nicht aufrecht halten können und vornüber kippen? Dass Hochleistungs-Kühe etliche Male mehr Milch geben, als ihr Kalb trinken würde, und viele von ihnen unter chronischer Euterentzündung oder unter dem Milchfieber leiden, eben weil es für ihre Körper total unnatürlich ist, so unglaublich viel Eiweiß, Calcium und Phosphor für die stets steigenden Milchmengen aufzuwenden?

Asiatische Tiger gehören in keinen Zoo
 

Mit „Natur“ hat die heutige Tierzucht und -haltung wenig zu tun, sondern stark rationalisierte und industrialisierte Prozesse bringen die moderne tierische Nahrung hervor. Am Anfang des Nutztierlebens steht heute immer die künstliche Besamung, in der Mitte liegt ein entfremdetes Leben im Stall, ohne Bewegung und Möglichkeit zu natürlichem Sozialverhalten, und am Ende kommt die Schlachtung am Fließband. Da gibt es nichts zu romantisieren, im Gegenteil: Wer heutiges Tiere-Essen als Natur verklärt, zeigt sich selbst entsetzlich von der Natur entfremdet. Ebenfalls nicht natürlich ist es, asiatische Tiger in einem mitteleuropäischen Großstadtzoo eingesperrt zu halten, oder Delfine in gekachelten Becken einem so tristen Leben auszusetzen, dass sie regelmäßig Sedativa verabreicht bekommen müssen.

Ich schrieb „eingesperrt“, ich schrieb „trist“: Droht bei solchen Worten etwa Vermenschlichung? Keineswegs. Man braucht Tiere nicht zu „vermenschlichen“, um festzustellen, dass auch sie eigene Empfindungen haben – dass sie also Schmerz und Wohlsein kennen, Hunger und Sättigung, Anhänglichkeit und Fürsorge gegenüber ihrem Nachwuchs, Bewegungslust und Langeweile, Stress, Angst und Todesfurcht.

Solche Aussagen stehen fest auf dem Boden der Biologie mit all ihren Erkenntnissen zu Verhalten und Sinnesphysiologie von Wirbeltieren. Tierrechtler verlangen daher nicht, dass wir Tieren extra etwas „andichten“ – wir müssen nur das ernstnehmen, von dem wir wissen, dass es da ist. Wir brauchen Tiere übrigens auch nicht zu lieben, denn niemand kann alle Tiere lieben, so wie auch niemand alle Menschen lieben oder überhaupt nur kennen kann. Trotzdem, oder genau deshalb!, ist Gerechtigkeit ein universelles moralisches Ideal.

Wie Amrhein selbst schreibt, gibt es dabei einen wichtigen Unterschied zwischen (erwachsenen, geistig gesunden) Menschen und den meisten anderen Spezies: „dass Tiere anders sind als Menschen, dass sie begreifen, dass sie für ihr Handeln nicht verantwortlich sind, wenn sie ihrer Natur folgen. Anders als der Mensch.“

Eben: Tiere sind keine moralischen Akteure. Darum hätte es auch keinen Sinn, das Konzept Tierrechte auf die freie Wildbahn anzuwenden. Das Reh etwa hat kein Recht, vom Wolf verschont zu werden, denn der Wolf kann nicht anders. Wir aber schon! Darum hat das Reh uns gegenüber sehr wohl Rechte, zum Beispiel, nicht willkürlich aus Freizeit- oder Gourmetgründen erschossen zu werden.

Moralische Rechenschaft ist notwendig
 

Dieses Phänomen ist übrigens kein Spezifikum von Tierrechten: Menschen haben ein Recht auf Unversehrtheit, doch gegenüber einem Virus zum Beispiel ergibt es schlicht keinen Sinn, so etwas zu behaupten. Das spricht natürlich nicht gegen das Konzept unveräußerlicher Rechte! Sondern Rechte gelten nun einmal dort, wo es moralisch und politisch Handelnde gibt, die die Rechte anderer achten können und daher müssen. Wir Menschen können das; wir müssen vor uns und anderen moralisch Rechenschaft ablegen, warum wir so und nicht anders handeln.

Und das zentrale moralische Gebot lautet: Wir dürfen andere nicht ohne Not oder sonstige gute Gründe schädigen. Tiere sind, ich wiederhole diese an sich simple biologische Aussage, Lebewesen, die eigene Empfindungen haben und für die etwas gut oder schlecht sein kann. Auch sie dürfen wir daher nicht leichtfertig verletzen oder töten, sondern müssen zwischen ihren und unseren Interessen fair abwägen. Wo unsererseits ein eher trivialer Wunsch auf dem Spiel steht (Vorliebe für Wurst auf dem Brot oder die Lust, einen Elefanten sonntags im Zoo zu betrachten) und bei ihnen vitale Interessen (das Leben selbst, kein gewaltsamer Tod und kein Leben in Gefangenschaft) müssen wir uns mäßigen und sie verschonen.

Wir brauchen Tiere nicht zu bevorzugen, sondern müssen sie nur fair behandeln. Mehr verlangen wir Tierrechtler gar nicht.

Hier lesen Sie die Kolumne von Marie Amrhein.

Hilal Sezgin ist Autorin von "Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen" (C.H.Beck 2014) und "Hilal Sezgins Tierleben. Von Schweinen und anderen Zeitgenossen" (C.H. Beck, im Erscheinen).

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