Zum Tod von Thomas Oppermann - Zug zum Tor

Mit Thomas Oppermann verliert Deutschland einen Sozialdemokraten, der über Parteigrenzen hinweg anerkannt war – einen Kämpfer für die Sache, für das Parlament und für den Humor. Konstantin Kuhle (FDP) aus Oppermanns langjährigem Wahlkreis Göttingen mit einer Würdigung des verstorbenen SPD-Politikers.

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Thomas Oppermann (SPD), * 27. April 1954 in † 25. Oktober 2020

Autoreninfo

Konstantin Kuhle (Jahrgang 1989) ist innenpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag und Generalsekretär der FDP Niedersachsen. Er kandidierte – wie Thomas Oppermann – im Wahlkreis Göttingen.

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Konstantin Kuhle

Am vergangenen Sonntag verstarb der Vizepräsident des Deutschen Bundestages und langjährige Göttinger SPD-Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann. Zwei Wochen zuvor traf ich ihn noch bei einer Demonstration belarussischer Oppositioneller in Göttingen. In seinem Grußwort an die Demonstranten hob er die Bedeutung von Demokratie und Menschenrechten hervor und legte Wert auf die Feststellung, dass diese Werte aktiv und immer wieder von neuem erkämpft werden müssen. Thomas Oppermann war ein weltgewandter Sozialdemokrat, der die Gabe hatte, neue Entwicklungen und Themen zum Gegenstand seiner politischen Leidenschaft zu machen.

Im vergangenen Jahr nahmen wir gemeinsam mit unseren Göttinger Wahlkreiskollegen von CDU und Grünen an einer Podiumsdiskussion von Fridays for Future teil. Oppermann redete den jungen Menschen nicht nach dem Mund, sondern widersprach den Klimaaktivisten, wenn er das Gefühl hatte, dass diese die Auswirkungen der Bekämpfung des Klimawandels auf die wirtschaftliche Entwicklung und die Zukunft von Arbeitsplätzen nicht ausreichend berücksichtigten. Eine stets klare Haltung als pragmatischen Sozialdemokrat zeichnete ihn aus.

Ohne den Humor zu vergessen

Oppermann verfügte als Parlamentarier, als Minister in Niedersachsen sowie als Fußballer über Zug zum Tor. Er nahm politische Themen und politische Gegner ernst, ohne dabei den Humor zu vergessen. Vor allem war ihm der Einsatz für seine Heimatregion Südniedersachen ein Anliegen. Als niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur zwischen 1998 und 2003 erreichte er vieles für den Universitäts- und Kulturstandort Göttingen. Später gewann er seinen Heimatwahlkreis bei den Bundestagswahlen seit 2005 stets direkt. Thomas Oppermann hatte als Sozialdemokrat den Anspruch, eine mehrheitsfähige Politik der Mitte zu gestalten.

Er war über Parteigrenzen hinweg in der Region, in Niedersachsen und im Deutschen Bundestag als Brückenbauer und Pragmatiker anerkannt, als einer, dem die Sache mehr am Herzen lag als persönliche Eitelkeiten. Nachdem ich bei der Bundestagswahl 2017 die große Ehre hatte, im Wahlkreis Göttingen für die FDP zu kandidieren, hätte ich auch gerne im nächsten Wahlkampf vom demokratischen Wettstreit mit dieser herausragenden Persönlichkeit profitiert. Dazu sollte es jedoch nicht kommen – Thomas Oppermann hatte sich vorgenommen, bei der nächsten Wahl nicht wieder zu kandidieren. Er hatte schon viele Pläne für die Zeit nach der Politik.

Ein Kämpfer für das Parlament

Das Lebenswerk von Thomas Oppermann mahnt uns, die Rolle als Parlamentarier selbstbewusst auszufüllen. Während er als Fraktionsvorsitzender der SPD im Deutschen Bundestag zwischen 2013 und 2017 auf die Disziplin der Sozialdemokraten im Parlament zu achten hatte, stimmte er kürzlich erstmals nicht mit seiner eigenen Fraktion, als es um die Verkleinerung des Bundestages ging.

Das Ansehen der Institution des Parlaments war ihm ein Anliegen. Ähnlich hielt es der leidenschaftliche Jurist und frühere Verwaltungsrichter, der gerne Bundesinnenminister geworden wäre, bei der Einbindung des Parlaments in die aktuelle Rechtssetzung in Corona-Fragen. Hier drängte er auf eine intensivere Befassung des Parlaments. Sein Ehrgeiz und sein Charme werden seiner Heimatregion, seiner Partei, dem Deutschen Bundestag insgesamt und mir fehlen.

Hubert Sieweke | Mo, 26. Oktober 2020 - 17:49

sind nun alle hinfällig. Er ist tot.
Die Gründe nimmt er mit ins Grab, das ist auch gut so.
Wenn er jedoch ein so glänzender Politiker der SPD war, man sagt ja nun, davon gäbe es sehr wenig, dann ist völlig unverständlich, warum er den bestbezahlten Job im Bundestag anstrebte, nachdem er kein FV werden durfte.
Irgendwie passt das nicht.

Udo Fichtner | Mo, 26. Oktober 2020 - 18:42

In reply to by Hubert Sieweke

In diesem Fall wäre es der WICHTIGSTE und ranghöchste Job im Deutschen Bundestag gewesen. Es ehrt ihn. Unverständlich, wie man daraus am Tag nach seinem Tode eine Neid- oder Ego-Debatte entfachen kann.

Peter Rosenstein | Di, 27. Oktober 2020 - 11:01

In reply to by Hubert Sieweke

erzählen kompletten Unsinn. Wie der Weise sagt: Hätten Sie geschwiegen, wäre Sie ein Philosoph geblieben.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 28. Oktober 2020 - 13:13

im Bundestag.
Herr Schäuble hat es ganz gut beschrieben, dass Göttingen zu Thomas Oppermanns Studienzeiten, aber auch darüber hinaus eine politisch sehr aktive Szene besass.
Jürgen Trittin kannte halt jede/r, Thomas Oppermann mindestens diejenigen, die der SPD nahe standen oder Mitglied wurden.
Von daher würde ich gerne sagen wollen, er hat sich über die Jahre nicht verändert, aber immer weiterentwickelt.
Er hat soviel aufgebaut und ausgefüllt, dass man ihn vom persönlichen Verlust und Schmerz abgesehen, nur dann ängstlich vermissen wird, wenn niemand seine Angelegenheiten weiterführen möchte.
Da ist keine Leere für mich, nur Trauer und Hoffnung.
Schön dies letzte Musikstück.
Let it be