Sarrazins Thesen - Der IQ sagt wenig über Intelligenz aus

Die Kritik an Thilo Sarrazin richtet sich vor allem gegen seine Person. Dabei wäre es wichtiger, sich objektiv mit seinen Inhalten zu befassen. So behauptet er, Fleiß und Disziplin führten zu besserem Denkvermögen. Das ist wissenschaftlicher Unsinn

Wo Thilo Sarrazin Unrecht hat: Für Schulbildung ist weniger der IQ als vielmehr die Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub wichtig
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Christine Quindeau ist Juristin und Psychologin mit rechtspsychologischer und entwicklungspsychologischer Ausrichtung.

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Es fällt nicht schwer, sich über Sarrazin lustig zu machen, schwer ist aber offenbar, sich nicht mit Argumenten ad hominem zu begnügen. Mariam Lau begann im Phoenix-Interview damit, das Sarrazin-Buch als narzisstische Kränkung zu interpretieren. Was das ist, weiß nur sie allein, vermutlich meint sie eine Kränkung des Selbstwertgefühls. Man wüsste allerdings nicht, welche Kränkung es geben sollte, die keine Kränkung des Selbstwertgefühls beinhaltet. Sollte sie meinen, Sarrazin hätte eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, so kann man ihr nur gratulieren, ohne Psychologin zu sein und ohne ein diagnostisches Verfahren anzuwenden, die Erkrankung im Kaffeesatz gesehen zu haben. Und selbst dann bleibt fraglich, was die narzisstische Kränkung sein soll. Eine Kränkung der Persönlichkeitsstörung? Obskur.

Georg Seeßlen löst sich ganz von den Ketten wissenschaftlicher Konzepte und erfindet unter dem Euphemismus „Oldschool-Psychologie“ Zusammenhänge zwischen Rechthaberei und mangelnder Liebe. Nach diesem Befreiungsschlag von den Fesseln der Wissenschaft verteilt er großzügig Pathologien wie mit dem Pfefferstreuer über Sarrazin: „Zwangsneurose“, „Verfolgungswahn“, „Narzissmus“. Sarrazins Tugendterror lese sich wie eine Krankenakte. Die Unterscheidung zwischen Diffamierung und Diagnose scheint schwierig, ebenso wie die Einsicht, dass man argumentativ mehr auffahren muss, als Menschen und Meinungen unoriginellerweise als krank zu titulieren.

Fleißige Intelligente und faule Dumme
 

Die persönlichen Diffamierungen und die mangelnde Neigung, sich mit dem Inhalt zu befassen, geben immerhin Sarrazin recht. Nur: Was genau ist eigentlich der Inhalt, abgesehen davon, er dürfe nicht sagen, was er sagen wolle, was ja allein durch das Erscheinen des Buchs widerlegt wird. Er darf sehr wohl sagen, was er sagen will, nur stimmen ihm nicht die zu, von denen er möchte, dass sie ihm zustimmen. Die anderen scheinen ihm nicht viel zu bedeuten, die sind nämlich unter seinem Niveau. Das müsste ihm schon sehr zu denken geben. Vorwiegend Menschen, die sich nicht zur Bildungselite zählen, sind seiner Auffassung. Naheliegende Antwort: Er performt weit unter seinem eigenen Anspruch.

Die Ethnien hat Sarrazin wie gehabt in erster Linie auf dem Korn. Es gibt fleißige Intelligente und faule Dumme. Daran sollten wir uns orientieren und nur die fleißigen Intelligenten willkommen heißen. Dass man das nicht anders als eine Ideologie der Tauglichen bezeichnen kann, macht jede sympathische Regung schwierig. Natürlich sind die Asiaten bei den fleißigen Intelligenten – damit ist er völlig einer Meinung mit Tiger Mom Amy Chua – und Afroamerikaner ebenso wie die von ihm ungeliebten Muslime bei den anderen. Wo sonst. Man könnte, auch wenn man sich auf seine Zahlen einlässt und alle gutmenschelnden Werte oder einen angemessenen wissenschaftlichen Umgang mit den Zahlen beiseite lässt, ihm nachhaltig widersprechen: Fleiß und Disziplin führen nicht zu besserem Denkvermögen.

Die Asiaten, die uns überlegen sind, was den IQ und die deutschen Tugenden betrifft, sind es nicht, was Innovationen angeht. Allein schon, dass ein ganz und gar undeutsches Volk Deutschland in seinen ureigensten Tugenden übertrifft, sollte einen mal kritisch über das nationale Mentalitätskonzept sinnieren lassen. Aber wie auch immer, das Problem unterschiedlicher Nationen und Mentalitäten, egal ob gut oder böse, egal ob vererbt oder anerzogen, wird sich mit der zunehmenden Globalisierung erübrigen.

Es gibt kein „Draußen“ in einer globalisierten Welt
 

Die ganzen bösen undeutschen Einflüsse, die es zweifellos gibt, kann Sarrazin bedauern, wie er möchte. Sie sind die von ihm viel beschworene Wirklichkeit und sofern er keine Brandmauer um Deutschland errichtet, wird er ihnen nicht ausweichen können. Ebenso wie sich der Tüchtigere durchsetzt, strebt das Leben nach Homöostase, nach Ausgleich. Die Frage, um die es geht, ist: Wie geht man damit um? Sarrazin will selektieren, die Guten ins Töpfchen, die Schlechten sollen draußen bleiben. Aber ein „Draußen“ gibt es nicht in einer globalisierten Welt.

Wenn es anderen Menschen und Nationen, auch wenn wir sie am anderen Ende der Welt festnageln würden, schlecht geht, können sie unsere schönen Autos nicht kaufen. Egal, wie man die Probleme der Ungleichheit löst: Es sind unsere Probleme. Die Menschen und Mentalitäten sind da – ob näher oder ferner, spielt nur eine Rolle bei Betrachtung der Mittelbarkeit, mit der sie uns erreichen. Anstatt zu selektieren, könnte man andere Mentalitäten vereinnahmen. Sarrazin beklagt, dass die Bildungseliten zu wenige Kinder kriegen, die Ungebildeten (die, die wir nicht wollen) aber schon. Nach Sarrazin wollen wir die nicht, weil sie nicht tüchtig genug sind.

Aber ihre Tüchtigkeit stellen sie ja – für Sarrazin höchst ärgerlich – unter Beweis, indem sie sich fortpflanzen, wohingegen die Gebildeten untüchtigerweise ihre Gene nicht weitergeben, aus Angst, sie könnten ins soziale Abseits geraten. Da haben die Ungebildeten Sarrazin ja mal gründlich widerlegt, sie sind den gebildeten Fleißigen im Survival überlegen. Wir könnten diesen Mentalitätsanteil übernehmen, um Deutschland voranzubringen: Anstatt ein gewisses Maß an Entspanntheit und Vertrauen zu verurteilen, sollten wir es uns zum Vorbild nehmen. „Deutschland hab Vertrauen!“ wäre förderlicher als das angstintendierte „Deutschland schafft sich ab“, das sich durch Selektion zu retten versucht, anstatt durch kluge Akzeptanz.

Intelligenz korreliert nur mäßig mit Schulerfolg
 

Richtig ist: Intelligenz, wie sie im IQ-Test gemessen wird, ist zu 50 bis 80 Prozent genetisch bedingt. Auch ist richtig, wie Sarrazin selbstzufrieden in seinem neuen Buch anmerkt, dass der IQ ein über die Zeit relativ stabiles Konstrukt ist. Deswegen lieben es die Psychologen: Sie haben ja sonst nicht viele messbare, einigermaßen stabile Konstrukte. Daher erklärt sich, dass der IQ in seiner Bedeutung meist überschätzt wird. Sarrazin vergisst zu erwähnen (er weiß es vermutlich nicht), wie wenig der IQ aussagt. Intelligenz, wie sie in der Laiensprache verstanden wird, ist natürlich für das ganze Leben mitentscheidend.

Intelligenz, wie sie im IQ-Test erfasst wird, korreliert mäßig mit Schul- und Studiumserfolg. Und mit sonst nichts. Der IQ trifft über nichts anderes eine Aussage, als dass man mit einem hohen eine mäßige Wahrscheinlichkeit hat, einen besseren Schul- und Studiumsabschluss zu erwerben. Der IQ ist nur ein winziger Splitter von dem, was man normalerweise unter Intelligenz versteht. Er testet lediglich, wie schnell man einfache Denkvorgänge bewältigt. Ob man Texte oder Situationen erfasst, gute Ideen hat, ob man clever ist, Transferleistungen erbringen und daraufhin Entscheidungen treffen kann, darüber sagt der IQ nichts aus. An ihm die Bewertung ganzer Ethnien bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit vorzunehmen, ist daher absurd.

Eine mangelnde Priorisierung, die willkürliche Einbettung von Zahlen anderer Studien – all das passiert ihm ständig. Zum Beispiel macht er sich in 14 Axiomen über die angeblich entschuldbare mangelnde Entschlusskraft von alleinerziehenden, erwerbslosen Müttern lustig, selbst zu kochen. Er stellt die Entschuldbarkeit als einen gesellschaftlichen Mythos dar. Fakt ist aber, dass Alleinerziehende gar keine mangelnde Entschlusskraft haben, ob entschuldbar oder nicht.

Kinder, die von nur einem Elternteil erzogen werden, haben im Durchschnitt keine Entwicklungsnachteile gegenüber anderen Kindern, keine schlechteren Schulnoten und eine ebenso stabile Gesundheit. Man kann gegen Alleinerziehende sagen, dass sie häufiger von Sozialleistungen abhängig sind. Diesen Nachteil gleichen die Kinder aber aus eigener Anstrengung voll aus. Das Gegenteil davon ist der Mythos, den Sarrazin bedient.

Er beklagt die sukzessive Herabsetzung der Leistungsanforderungen in der Schule und belegt sie im universitären Rahmen damit, dass im Fach Biologie die Eins die obligatorische Abschlussnote sei. Uns fehle der Biss, sozusagen.

Erziehung als Wirtschaftsfaktor
 

Nun hat man allerdings gerade an den Universitäten durch Bologna die deutschen Tugenden zur conditio sine qua non erhoben. Musste man in Diplomstudiengängen früher zwei bis drei Mal im Verlauf des Studiums die Zähne zusammenbeißen, muss man es jetzt die ganze Zeit tun. Das Studium besteht sozusagen nur noch aus Biss. Die jetzigen Absolventen liegen aber trotz der größeren Anstrengung unter dem Kompetenzniveau der früheren, wie Arbeitgeber beklagen.

Den Kindern einfach mehr Disziplin abzuverlangen, scheint nicht das Patentrezept in der Bildung zu sein. Welche Komponenten für einen optimalen Bildungserfolg notwendig sind, darüber streiten die Experten. Und Sarrazin ist deutlich keiner. Sicher, grade bei der Bildung hat man die Tendenz, dass jeder geneigt ist, sich als Experte zu fühlen, schließlich war jeder mal Kind. Das reicht nicht ganz.

Es gibt schon ein vererbliches Merkmal, das viel besser als der IQ eine Aussage über den späteren Lebenserfolg von Kindern trifft: die Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub nach Walter Mischel. Getestet im Kindergartenalter haben die Kinder, die die Aufgabe bewältigen, später bessere Selbstregulierung, bessere schulische Leistungen, weniger Drogenerfahrung und und und.

Flächendeckende Präventionsprogramme zur Steigerung der Erziehungskompetenz
 

Der Versuchsleiter des Tests stellt eine Süßigkeit vor ein Kind und sagt, dass er jetzt den Raum verlassen werde. Wenn das Kind die Süßigkeit essen möchte, darf es das tun, wenn es vorher eine Klingel betätigt. Wenn das Kind es schafft, die Süßigkeit nicht zu essen, dann bekommt es, wenn der Versuchsleiter wieder den Raum betritt (nach 15 bis 20 Minuten) zwei Süßigkeiten. Die Kinder, die das fertigbringen oder lange durchhalten, bis sie die Klingel betätigen, erwartet zweifellos ein besseres Leben als die anderen. Ginge es nach Sarrazin, würde man alle Kinder testen und die, die den Test nicht bewältigen, müssen auf eine Insel, mitsamt ihren genetisch verdorbenen Eltern. Die anderen schaffen dann Deutschland. Er will ja Selektion. Mal schauen, wie die deutschen Kinder mit intelligenten Eltern dabei abschneiden. Die Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub korreliert nicht mit dem IQ.

Die Entwicklungspsychologen wünschen sich dagegen flächendeckende Präventionsprogramme für alle zur Steigerung der Erziehungskompetenz, die ebenso fantastische Ergebnisse für die Gesellschaft zeigen: weniger Unfälle, weniger Krankheiten, besseres Sozialverhalten, höhere Bildung, höheres Einkommen, weniger Inanspruchnahme von Sozialleistungen, weniger Kriminalität, weniger Misshandlungen, weniger Substanzmissbrauch. In den USA hat man die Wirkungen so eines Präventionsprogramms zur Steigerung der Erziehungskompetenz über einen langen Zeitraum evaluiert. Das Ergebnis: Der Staat hat im Durchschnitt eine Rendite pro Intervention, die um ein Vielfaches über den Kosten liegt.

In Deutschland, wo die Sozialleistungen höher sind, dürfte der Gewinn noch größer ausfallen. Sie sind also neben der massiven Verbesserung der Lebenssituation und Selbstbestimmung der Bevölkerung auch schlicht von volkswirtschaftlich messbarem Nutzen. Läge ja eigentlich ganz auf Sarrazins Linie, wenn es ihm darum ginge, Deutschland voranzubringen. Aber solche nützlichen und unspektakulären Vorschläge selektieren nicht und machen keine Auflage.

 

 

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