Tempelhof-Entscheid - Berliner Faulheit siegt über Sachverstand

Peinliches Ergebnis: Mit dem Nein zur Bebauung des Tempelhofer Feldes im Volksentscheid hat sich Berlin nicht als Metropole der Macher, sondern als Hauptstadt der Träumer erwiesen

Ein Mann liegt auf dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof in einer Hängematte und genießt die Ruhe des weiten stillgelegten Flugfeldes
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Alexander Marguier ist Chefredakteur von Cicero.

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Berlin, das ist vor allem der urbane Gegenentwurf zum traditionellen Deutschlandbild eines effizienten Staates mit funktionierenden Verwaltungsstrukturen. Ausländer, die zum ersten Mal in diese Stadt kommen, wundern sich anfangs noch über das gemächliche Lebenstempo und die tiefenentspannte Verlottertheit vieler ihrer Bewohner, um alsbald ortstypische Angewohnheiten wie etwa den Genuss eines Feierabendbierchens in öffentlichen Verkehrsmitteln zu übernehmen – gern auch bereits am Vormittag.

Nein, wer preußischen Drill erwartet, der sollte besser nach Stuttgart fahren oder nach Osnabrück oder was weiß ich wohin. Aber ganz bestimmt nicht nach Berlin. Und man kann wirklich nicht behaupten, dass dieses sympathische Schluffi-Image der Stadt geschadet hätte: Der beständige Einwohnerzuwachs macht deutlich, dass Klaus Wowereits inzwischen legendäres Diktum von wegen „arm, aber sexy“ nichts von seiner verführerischen Strahlkraft eingebüßt hat.

Doch genau das ist dem Regierenden Bürgermeister jetzt zum Verhängnis geworden. Der Volksentscheid über die Zukunft des Tempelhofer Felds erfüllte zwar formal die Kriterien der vielgepriesenen Berliner Schönheitsfehler-Sexyness, als am Sonntag in etlichen Wahllokalen die Stimmzettel ausgingen. Aber der eigentliche Schönheitsfehler bestand darin, dass Wowereit und sein Senat bei diesem Entscheid – zumindest gefühlt – auf der falschen Seite standen.

Natürlich sprechen sehr viele vernünftige Argumente dafür, in einer Stadt mit wachsendem Wohnungsbedarf und steigenden Mieten eine riesige Freifläche wie jene in Tempelhof mit Häusern zu bebauen. Aber das kulturelle Milieu der Hauptstadt ist für solche Argumente eben nicht (mehr) empfänglich. Und dazu hat Wowereit mit seiner ostentativen Wurschtigkeit einen erheblichen Teil beigetragen, indem er über Jahre hinweg den Eindruck vermittelte, Berlins splendid devastation sei ein Gütesiegel und ein Standortfaktor. Womit er ja sogar recht hatte.

Subventionsmentalität hat sich in Berlin festgesetzt


Eine auf Dauer angelegte innerstädtische Brachlandschaft von der Größe des ehemaligen Tempelhofer Flughafens, die jetzt an den Wahlurnen Zustimmungswerte von mehr als 65 Prozent erfahren hat, ist für ein Gemeinwesen zunächst mal ein postmoderner Luxus sondergleichen: Das muss sich eine Stadt ja überhaupt leisten können, solch ein riesiges Areal frei von jeglichem Verwertungsdruck zu halten. In Wahrheit kann Berlin sich diesen Luxus natürlich keineswegs leisten – aber indem seine Einwohnerschaft trotzdem darauf besteht, stellt sie eindrücklich unter Beweis, wie wenig sie sich von Sachzwängen leiten lassen mag.

In weniger postmodernen Kategorien gesprochen ist das eine Abwandlung des alten Traums vom anstrengungslosen Wohlstand, der da geträumt wird: Kitesurfen, Urban Gardening und romantische Sonnenuntergänge auf schier unendlichen Weiten inmitten der Stadt, aber trotzdem bequem wohnen für fünf Euro pro Quadratmeter. Die in Berlin über Jahrzehnte hinweg gepflegte Subventionsmentalität verbunden mit einer Nostalgie für charmante Nachwende-Zeiten bleibt eben nicht ohne Folgen für den Charakter seiner Bewohner.

Dem Vernehmen nach haben etliche Berliner nicht zuletzt auch deshalb für die Initiative „100% Tempelhofer Feld“ gestimmt, weil sie damit ihrem abgeliebten Regierenden Bürgermeister eins auswischen wollten (das gibt sogar Klaus Wowereit selbst zu). Damit wäre dann allerdings auch das Instrument des Volksentscheids komplett ad absurdum geführt: Lieber schneidet man sich ins eigene Fleisch, als dem Senatschef einen Punktgewinn zu gönnen. In der Psychologie bezeichnet man die aus solcherlei Verhalten erwachsenden Gefühlszustände, welche gewiss keine gute Grundlage für eine funktionierende Kommune sind, als „kognitive Dissonanz“. Der Neuköllner SPD-Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky drückte es am Montag in einem Beitrag für die Bild-Zeitung etwas weniger wissenschaftlich aus: „Die menschliche Dummheit ist unendlich“, schrieb er angesichts des Votums gegen die Pläne einer Randbebauung des Flugfelds.

Der wackere Herr Buschkowsky verkennt dabei jedoch einen ganz entscheidenden Punkt: Berlin, das ist nicht die Metropole der Macher, sondern die Hauptstadt der Träumer. Es war ja auch ein schöner Traum, den Politiker wie Klaus Wowereit so lange beflügelt haben, bis man ihn für Realität hielt. Das böse Erwachen kommt trotzdem noch.

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