Ein Blick über Paris
Ein Blick über Paris / picture alliance / abaca | Accorsini Jeanne/Pool/ABACA

Das Ende des alten Denkens - Tech-Traditionalismus: Ein neues Paradigma für Europa

Europa steckt in einer doppelten Krise: kulturell entwurzelt, technologisch überholt. Der Essay skizziert mit dem Tech-Traditionalismus ein mögliches neues Paradigma, das Identität, Fortschritt und geopolitische Selbstbehauptung miteinander verbindet.

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Noam Petri ist in Tel Aviv geboren und studiert Medizin an der Charité in Berlin.

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Dan Petri studiert Medizin an der Universität zu Köln.

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Ron Petri studiert Medizin an der LMU München.

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Thomas Kuhn beschrieb in „The Structure of Scientific Revolutions“ den Mechanismus von Revolutionen in der Wissenschaft. Nach seiner Theorie würden Wissenschaftler zunächst über lange Zeit innerhalb eines etablierten Paradigmas arbeiten, das die Grenzen des Denkbaren definiere und die Fragen vorgebe, die überhaupt gestellt werden dürften. Dieses Stadium vertiefe das bestehende Denksystem, ohne es grundsätzlich infrage zu stellen. Erst wenn sich im Laufe der Zeit Anomalien häuften – Probleme, die sich innerhalb des Paradigmas nicht mehr stimmig lösen lassen –, entstehe der Raum für eine wissenschaftliche Revolution, wodurch das alte Paradigma durch ein neues abgelöst werden könne.

Was Kuhn für die Wissenschaft beschreibt, gilt ebenso für politische Ordnungen. Auch sie beruhen auf grundlegenden Annahmen, Wertungen und Leitideen, die zusammen ein Paradigma bilden. In unserem ersten Essay haben wir argumentiert, dass das dominierende Paradigma des 20. Jahrhunderts der egalitäre Liberalismus war und logischerweise im gegenwärtigen Phänomen der Wokeness kulminiert. Darauf aufbauend haben wir im zweiten Essay erläutert, dass das sogenannte liberal-konservative Lager keinen wirklichen politischen Wandel herbeiführen kann, weil es innerhalb desselben Paradigmas denkt, gegen dessen Folgen es eigentlich ankämpfen will.

Der logische nächste Schritt wäre, sich mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus zu beschäftigen. Doch jenseits aller medialen Hysterie betrachten wir auch diesen Aufstieg als Folge desselben Paradigmas. Ein Großteil des Rechtspopulismus ist im Kern der Versuch, „die guten alten Zeiten“ zu restaurieren. Charakteristisch für diese Bewegung ist der reflexhafte Wunsch, sich als „die Mitte“, als „die alte CDU“ oder als verlorene „Normalität“ zu stilisieren. Doch genau dieser Wunsch offenbart das Missverständnis. Die „alte CDU“ und die gesamte politische Mitte des 20. Jahrhunderts war nicht das Gegenmodell zur heutigen Situation, sondern ihre Vorstufe, wie wir in unserem vorherigen Essay erläutert haben. Selbst wenn es gelänge, die politische Uhr zurückzudrehen und die Republik wieder in den Zustand der „alten Mitte“ zu versetzen, stünden wir nur wenige Jahrzehnte später erneut an genau jenem Punkt, an dem wir heute stehen. Das Paradigma würde sich wieder entfalten und wieder dieselben Dynamiken erzeugen.

Aus diesem Grund möchten wir den Vorstoß wagen und ein neues Paradigma skizzieren. Im Folgenden handelt es sich nicht um ein abgeschlossenes theoretisches Werk, sondern um einen Versuch, eine Debatte über die Leitidee des 21. Jahrhunderts anzustoßen. Wir freuen uns daher ausdrücklich auf ernsthafte Gegenargumente und konstruktive Weiterentwicklungen unserer Thesen.

Zeit für ein neues Paradigma

In einer Zeit, in der Europa weder in seiner eigenen Geschichte verankert ist noch eine glaubwürdige Zukunftsvision hat, liegt die Lösung im Tech-Traditionalismus. Der Tech-Traditionalismus ist der Versuch, die doppelte Krise der Gegenwart durch eine Symbiose von Vergangenheit und Zukunft zu überwinden. Mit Goethe ließe sich sagen: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen.“

Der Tech-Traditionalismus fragt nicht „zurück oder vorwärts?“, sondern sagt: Vorwärts mit unserer Vergangenheit und Sinn für Transzendenz. Doch wer mutig in die Zukunft gehen möchte, muss zunächst mit sich selbst im Reinen sein. Eine Zivilisation, die nicht weiß, was sie ist, kann nicht wissen, wohin sie will. Daher müssen einige fundamentale Fragen beantwortet werden, bevor ein neues Paradigma tragfähig werden kann.

Wie hast du’s mit dem Menschen?

Die Gretchenfrage jeder politischen Philosophie lautet: „Wie hast du’s mit dem Menschen?“ Ist der Mensch ein autonomes Individuum, das es von nationalen, kulturellen oder religiösen Bindungen zu befreien gilt? Oder ist das Individuum bedeutungslos und das Volk, die Klasse oder die Rasse das alles bestimmende Kollektiv?

Der Tech-Traditionalismus weist beide Extreme zurück. Er ist weder für einen entfesselten Individualismus noch für die Rehabilitierung eines plumpen Kollektivismus. Stattdessen sieht er den Menschen als ein ambivalentes Wesen, das zugleich die Freiheit vom Kollektiv sucht und die Zugehörigkeit zu einem Kollektiv braucht. Genau diese Spannung ist nicht nur die Struktur menschlicher Natur, sondern auch das Fundament europäischen Denkens. Denn aus ebendieser Spannung sind in Europa der Liberalismus, der Kommunismus und der Faschismus hervorgegangen. Drei große Weltanschauungen, die jeweils einseitige Antworten auf den Konflikt zwischen Individuum und Kollektiv gaben.

Der Tech-Traditionalismus leugnet nicht, dass es einzelne Menschen gibt, die von Natur aus reine Individualisten oder reine Kollektivisten sind. Doch er glaubt, dass der beste Weg ein Individualismus mit Verantwortung gegenüber der Familie, dem Volk, der Nation und der Zivilisation ist.

Sind alle Menschen gleich?

Darauf aufbauend stellt sich die zweite Frage: Sind alle Menschen gleich? Kurz gesagt: Nein. Schon Thomas Jefferson sprach von einer „natürlichen Aristokratie“. Menschen unterscheiden sich in körperlicher wie kognitiver Hinsicht – in Größe und Stärke ebenso wie in Charakter und Intelligenz. Diese Ungleichheit ist nicht böse, sondern natürlich und sollte nicht verteufelt werden.

Zu den gefährlichsten ideologischen Ideen der Moderne gehören jene, die Steven Pinker in „The Blank Slate“ analysiert hat. Erstens die Vorstellung des Menschen als Blank Slate – also die Annahme, dass der menschliche Geist vollständig formbar sei und sich dementsprechend durch Umwelt und Gesellschaft beliebig formen lasse. Zweitens die Figur des Rousseauschen „edlen Wilden“ – die Idee, der Mensch sei ursprünglich gut und erst die Zivilisation habe Habgier, Konkurrenz und Gewalt hervorgebracht.

Nimmt man diese beiden Ideen ernst und verbindet sie mit der Annahme, dass alle Menschen von Natur aus gleich seien, ergeben sich zwei weitreichende Konsequenzen. Denn wenn der Mensch vollständig formbar ist, dann kann jede Ungleichheit nur systemischer Natur sein. Unterschiede in Bildung, Verhalten, Erfolg oder Vermögen dürfen dann nicht aus Talent, Disziplin, Charakter oder Intelligenz resultieren, sondern müssen als Ergebnis gesellschaftlicher Unterdrückung interpretiert werden. Aus dieser Logik folgt zwangsläufig ein politisches System, das von Anfang an und in jedem Bereich eingreifen muss. Ein System, das den „neuen“, also „guten“ Menschen erschaffen will. Ein totalitäres System.

Der Tech-Traditionalismus sieht die Ungleichheit der Menschen nicht als böse, sondern als natürlich. Er sieht den Menschen nicht nur als das Produkt seines Umfelds, sondern ebenso als das Produkt seiner Genetik und seines freien Willens. Keiner dieser drei Pole – Umwelt, Veranlagung, individueller Antrieb – darf aus ideologischen Gründen ignoriert oder überhöht werden.

Sind alle Gruppen gleich?

Nun stellt sich die nächste Frage: Sind alle Gruppen gleich? Auch hier lautet die Antwort: Nein. Wie wir bereits in unserem ersten Essay herausgearbeitet haben, ist das egalitäre Axiom, dass alle Gruppen absolut gleich seien, eines der ideologischen Fundamente der Wokeness. Denn wenn alle Gruppen, Kulturen und Zivilisationen nicht nur gleichberechtigt, sondern absolut gleich in ihren Interessen, Zielen und Fähigkeiten sind, dann folgt daraus zwangsläufig die Forderung nach Ergebnisgleichheit. Doch da Ergebnisgleichheit in freien und kapitalistischen Gesellschaften nicht vorkommt – weil Menschen, Gruppen, Kulturen und Zivilisationen unterschiedlich sind –, muss innerhalb dieses Weltbildes eine andere Erklärung gefunden werden.

Diese Erklärung lautet: Das System und seine privilegierten Gruppen sind schuld an der Ungleichheit. Aus diesem Grund werden Männer, Weiße, der Westen zu Systemträgern erklärt, die ihren Erfolg pauschal durch Unterdrückung anderer erzielt haben. Besonders sichtbar wird dieses Denkmuster, wenn Minderheiten, die nach dem eigentlichen Weltbild unterdrückt sein müssten, erfolgreich sind. In den USA werden daher nicht nur Weiße oder Männer als Träger struktureller Privilegien bezeichnet, sondern zunehmend auch Juden von links angegriffen, weil sie überproportional in Universitäten, Medien, Kultur und Wirtschaft vertreten sind und von links somit als Weiße verstanden werden.

Der Tech-Traditionalismus erkennt an, dass Gruppen, Kulturen und Zivilisationen verschieden sind. Er sieht dies als die Realität einer pluralen Welt. Daraus folgt konsequent: Der Tech-Traditionalismus lehnt jede Form von Quoten, gruppenbezogener Bevorzugung oder Benachteiligung ab. Ungleichheit ist nicht per se ungerecht. Sie ist die natürliche Folge menschlicher Freiheit und menschlicher Verschiedenheit.

Volk, Staatsvolk und Nation

Da der Tech-Traditionalismus nicht nur auf das Individuum schaut, sondern auch das Kollektiv betont, stellt sich als nächstes die Frage, was ein Volk, ein Staatsvolk und eine Nation überhaupt sind. Ohne diese begriffliche Klärung lässt sich die gegenwärtige Identitätskrise in Deutschland nicht verstehen.

Ein Volk ist eine vorstaatliche Abstammungs- und Kulturgemeinschaft. Es existiert unabhängig vom Staat und ist eine historisch gewachsene Gemeinschaft mit Sprache, Traditionen, Symbolen, kollektivem Gedächtnis.

Das Staatsvolk hingegen umfasst alle Bürger eines Staates unabhängig von ihrer Volkszugehörigkeit. So umfasste etwa das K.-u.-k.-Reich zahlreiche Volksgruppen, die dennoch gemeinsam das Staatsvolk bildeten; ähnlich in der Sowjetunion, wo im Pass sogar ausdrücklich zwischen verschiedenen Ethnien unterschieden wurde.

In Deutschland gab es lange kaum einen Unterschied zwischen Staatsvolk und Volk – nicht zuletzt, weil sich Minderheiten historisch weitgehend assimilierten. Doch heute zeigt sich an vielen Schulen ein verändertes Bild: Kinder mit deutschem Pass bezeichnen sich selbst als Türken, Araber oder Italiener und unterscheiden klar zwischen sich und „den Deutschen“ beziehungsweise „den Almans“. Es existiert also ein zunehmendes Bewusstsein dafür, dass „deutscher Staatsbürger“ nicht automatisch „Deutscher“ bedeutet – auch wenn viele politisch korrekte Debatten diesen Umstand lieber ausblenden möchten. Ein letztes Gedankenexperiment verdeutlicht dies: Wenn morgen die Staatsbürgerschaft verschwände, bliebe der Araber Araber, der Türke Türke, der Italiener Italiener. Aber was wäre dann der Deutsche? Wäre er plötzlich „nichts“?

Die Frage zeigt: Staatsangehörigkeit ist nicht identisch mit Volkszugehörigkeit. Es gibt ein deutsches Volk und ein deutsches Staatsvolk.

Nun, was ist aber eine Nation? Eine Nation ist eine politische Gemeinschaft, die nicht notwendig ethnisch homogen ist. Die Schweiz zeigt dies exemplarisch: vier Sprachgruppen, aber eine Nation. Allgemein könnte man sagen: Aus dem Staatsvolk entsteht eine Nation, wenn die Bürger sich politisch verbunden fühlen und gemeinsam Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen. Ein IS-Anhänger oder Scharia-Befürworter mit deutschem Pass gehört daher nur schwerlich zur deutschen Nation.

Nun stellt sich die Frage, wer nach diesen Definitionen eigentlich „deutsch“ ist?

Deutsch ist, wer zur Abstammungs- und Kulturgemeinschaft gehört.
Das umfasst:

1.    Menschen deutscher Abstammung
2.    Menschen anderer Herkunft, die sich vollständig assimiliert haben

Ein gut integrierter Migrant kann Teil der deutschen Nation, aber nicht des deutschen Volkes werden.

Die Tatsache, dass heute immer mehr Kinder entstehen, deren Eltern unterschiedlichen Volkszugehörigkeiten angehören, lassen diese Kategorien nicht einfach verschwinden. Sie macht die Zuordnung komplexer, aber der menschliche Drang nach Zugehörigkeit und Selbstdefinition bleibt bestehen. Gerade für solche Kinder entsteht häufig ein Identitätskonflikt, der meistens individuell gelöst wird – mal zugunsten der einen, mal der anderen Herkunft, mal durch eine hybride Identität.

Da wir nun definiert haben, wer deutsch ist, stellt sich die nächste Frage: Was ist Deutschland?

Deutschland ist nicht einfach ein Siedlungsraum, in dem beliebige Individuen zusammenleben, um Geld zu verdienen. Es ist ein Kulturraum, geprägt vom deutschen Volk und den mit ihm verwobenen Nachbarvölkern. Historisch haben sich Minderheiten – wie Hugenotten oder die polnischen Einwanderer des 19. Jahrhunderts – erfolgreich assimiliert und das Land bereichert. Andere Gruppen haben sich integriert, zum Wohlstand und Kultur des Landes beigetragen und sind daher Teil der Nation geworden, obwohl sie weiterhin ihre eigene Volkszugehörigkeit pflegen.

Nun stellt sich die Frage, was der Tech-Traditionalismus will. Zunächst fordert er, dass über diese grundlegenden Definitionen – Volk, Staatsvolk, Nation – offen und ehrlich in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Im privaten Bereich geschieht dies längst, doch im öffentlichen Diskurs gelten solche Fragen als Tabu und werden häufig reflexhaft als rechtsextrem diffamiert.

Darüber hinaus stellt der Tech-Traditionalismus fest: Deutschland ist Deutschland, weil es von der Kultur des deutschen Volkes und seiner europäischen Nachbarn geprägt wurde. Würde man hypothetisch morgen die deutsche Bevölkerung vollständig durch Somalier ersetzen, wäre das Ergebnis kein deutsches Deutschland mehr. Und umgekehrt würde Somalia nicht somalisch bleiben, wenn seine Bevölkerung vollständig durch Deutsche ersetzt würde. Die kulturelle Identität eines Landes ist untrennbar mit den Menschen verbunden, die sie hervorbringen.

In diesem Zusammenhang wird das Thema der Leitkultur relevant. Die oft verzweifelte Suche nach einer solchen Leitkultur ist selbst ein Symptom des kulturellen Verlustes. Wenn das Bewusstsein für die eigene Volkszugehörigkeit, für Geschichte, Traditionen und kulturelle Leistungen schwindet, entsteht ein Vakuum. Dieses Vakuum versucht man dann mit abstrakten Konzepten zu füllen.

Das prominenteste Beispiel hierfür ist der Verfassungspatriotismus. Doch dieser löst kaum positive Gefühle aus, oft eher Ablehnung. Denn der Verfassungspatriotismus definiert kein echtes „Wir“. Er ist im Kern austauschbar: Jede Nation könnte dieselben Werte verkünden. Wenn morgen die Mongolei ein Grundgesetz verabschiedete, das dem deutschen weitgehend entspricht, wären wir dann halb mongolische Patrioten? Die Absurdität dieses Gedankens zeigt, dass eine Nation nicht auf einem Text basiert, sondern auf historischer Identität, kultureller Kontinuität und lebendiger Gemeinschaft.

Der Tech-Traditionalismus strebt daher eine Renaissance des Bewusstseins des deutschen Volkes und der deutschen Nation an. Kinder sollen wieder selbstverständlich mit den großen Namen der eigenen Kultur aufwachsen: mit Kant und Hegel, Goethe und Heine, Nietzsche und Schopenhauer, Bach und Beethoven, Gauß und Einstein. Sie sollen staunen über die wissenschaftlichen Entdeckungen, die literarischen Meisterwerke, die musikalischen Schöpfungen und die technischen Leistungen dieses Volkes und dieser Nation.

Der Tech-Traditionalismus scheut sich nicht vor ambitionierten Zielen: Es braucht keinen Platz an der Sonne, aber Deutschland soll wieder das Land der Kultur, der Wissenschaft, der Innovation und der Nobelpreisträger werden.

Was ist Europa?

Europa lässt sich politisch-kulturell grob in zwei Strömungen einteilen:

1.    den westeuropäisch-angelsächsischen Universalismus
2.    einen eher ethno-kulturellen Nationalismus, wie er besonders in Ostmitteleuropa ausgeprägt ist

Beide Strömungen gehören zwar derselben Zivilisation an, und in jedem Land gibt es Menschen, die sich – nach dieser Typologie – eher dem jeweils anderen Lager zugehörig fühlen. Doch als Orientierung ist diese Unterscheidung hilfreich, um Europas innere Spannungen zu verstehen.

Das heutige Europa wird fast vollständig von einer Europäischen Union dominiert, die sich selbst als Europa versteht, obwohl sie den Kontinent weder politisch noch kulturell vollständig umfasst. Sie scheitert an den fundamentalen Fragen von Migration und Militär, während sie zugleich in bürokratischer Überregulierung überperformt. In ihrem Selbstverständnis konstruiert sie ein künstliches Entweder-Oder: entweder ein Binnenmarkt mit Bürokratie-Tyrannei oder Paris fällt in fünf Wochen.

Dieses Missverständnis ist das Ergebnis eines tief verwurzelten Gründungsmythos. Denn die EU versteht sich als Antithese zum Zweiten Weltkrieg. Der gesamte normative Überbau der EU ruht auf einem völlig entwurzelten westeuropäisch-angelsächsischen Geist, der eine patriotische Identität misstrauisch betrachtet und durch abstrakte Begriffe ersetzen will. Was bleibt, sind Floskeln wie Freiheit, Vielfalt, Menschenrechte oder Demokratie, also ein europäischer Wertepatriotismus, der keine Substanz besitzt und keine emotionale Bindung erzeugt. Diese Begriffe sind austauschbar, unpräzise und können jederzeit erweitert oder durch neue Modeworte ersetzt werden.

Wenn Europa ausschließlich aus solchen abstrakten Werten bestehen soll, könnte im Prinzip jedes Land Teil Europas werden, sobald es behauptet, diese Werte zu teilen. Nigeria wäre dann ebenso Europa wie Norwegen. Der Gedanke ist absurd, doch er zeigt deutlich: Werte ohne einen kulturellen, historischen und zivilisatorischen Kontext begründen keine Identität. Sie sind nicht das, was Europa trägt, sondern das, was übrigbleibt, wenn drei Generationen kultureller Entwurzelung vergangen sind.

Der Tech-Traditionalismus sieht in Rom, Athen und Jerusalem sowie in den kulturellen Besonderheiten der europäischen Völker das Fundament europäischer Zivilisation. Er will ein patriotisches Europa, das nicht versucht, regionale oder nationale Unterschiede zu nivellieren. In einer Welt großer Machtblöcke soll Europa selbst wieder ein Machtblock sein.

Oswald Spengler bezeichnete die europäische Kultur als faustisch. Der Tech-Traditionalismus teilt diese Diagnose und begreift sie als Teil seines Selbstverständnisses. Der Machtblock Europa soll durch wirtschaftliche und militärische Stärke seine Interessen durchsetzen und gleichzeitig wieder zum Zentrum der Welt werden. Saubere, moderne Städte mit europäischer Architektur, Hochkultur, Reichtum und ein Shinkansen von Lissabon bis nach Kiew – das ist das Europa des Tech-Traditionalismus.

Partikularismus oder Universalismus?

Der europäische Kolonialismus beruhte – neben klassischer imperialer Expansion, wie sie in vielen Epochen und Regionen der Welt üblich war und bis heute vorkommt – auch auf einem zivilisatorischen Universalismus, der auf der Vorstellung basierte, die eigene Zivilisation den „primitiven Völkern“ bringen zu müssen. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Beginn der Dekolonisation folgte kein Ende des Universalismus, sondern begann der Wettstreit zweier Universalismen: Liberalismus und Kommunismus.

Wie wir im ersten Essay argumentiert haben, handelt es sich um einen egalitären Liberalismus, der nach dem Ende des Kalten Krieges seine vollständige innere Logik entfaltet hat, woraus sich die heutige Form des Universalismus entwickelt hat: der selbsthassende Universalismus. Man erklärt seine Ordnung, die nur innerhalb einer bestimmten Zivilisation entstanden ist,  für universell und delegitimiert zugleich genau diese Zivilisation.

Es wäre jedoch ein schwerer Fehler, aus diesem selbsthassenden Universalismus eine grundsätzliche Abkehr von der Weltpolitik abzuleiten. Der Tech-Traditionalismus erklärt das Jahrhundert des selbsthassenden Universalismus für beendet. Europa ist nicht die Welt und die Welt ist nicht Europa. Europa soll nicht in der Welt aufgehen, was Verschwinden impliziert. Ebenso wenig kann oder soll die Welt Europa werden.

Josef Joffe schrieb: „Ein interessenloser Staat ist ein Oxymoron.“ Das gilt ebenso für einen Staatenbund. Der Tech-Traditionalismus plädiert für einen gesunden Partikularismus und keinen Isolationismus, der Europa geopolitisch schwächen würde.

Aus Frustration über die gegenwärtige Lage Europas Russland zu idealisieren, wäre ein schwerer Fehler. Russland zur Schutzmacht des christlichen Abendlandes zu stilisieren, ist völlig realitätsfern. Russland verfolgt seine eigenen Interessen und profitiert davon, wenn Europa zwischen feministischer Außenpolitik und Russland-Romantik zerrissen ist.

Amerika ist uns kulturell nah, weil es ein Produkt Europas ist, aber es ist nicht Europa. Den teilweisen amerikanischen Rückzug aus globalen Verpflichtungen sollte Europa als Chance begreifen, selbstbewusst und eigenständig als Block aufzutreten, aber nicht so, wie es die aktuelle europäische Führung macht. Das von Amerika hinterlassene Vakuum soll nicht durch Moralpredigten gefüllt werden, sondern durch eine europäische, interessengeleitete Außenpolitik, basierend auf einer starken Wirtschaft und einem starken Militär.

China ist kein Systemrivale im ideologischen Sinn, denn es versucht nicht, seine Lebensweise universalistisch zu exportieren. Es ist ein geopolitischer Rivale, von dem wir uns wirtschaftlich abhängig gemacht haben. Wenn China die Welt durch geschickte Wirtschaftspolitik von sich abhängig macht, dann reicht keine europäische Jammerei. Europa sollte seine Entwicklungspolitik, die als moralische Selbstbefriedigung fungiert, nach argentinischem Vorbild beenden und auf eine interessengeleitete Politik in diesen Regionen setzen.

Im Nahen Osten wiederum dominieren Strukturen von Clanloyalität, Ethnie und Religion. Europa hat diese Mentalität bis heute nicht verstanden, versteht daher auch die Entwicklungen in ihren eigenen Städten nicht und wird deshalb in der Region gar nicht ernst genommen.

Gleichzeitig wandelt sich der Nahe Osten. Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate sind verlässliche Partner, mit denen wirtschaftliche Kooperation möglich ist. Der Iran hingegen ist ein islamistisches Regime, das eng mit Russland, China und Nordkorea kooperiert und das Ziel verfolgt, die islamistische Revolution nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Europa zu verbreiten. Katar wiederum ist in mancher Hinsicht noch gefährlicher: Es tritt nicht offen militärisch auf, schwächt aber durch geschickte Geopolitik, strategische Investitionen und mediale Einflussnahme Teile des Westens von innen. Es präsentiert sich nicht offen als Schutzmacht der Muslimbruderschaft, stärkt sie aber über Finanzströme und Medien wie Al Jazeera.

Und schließlich Israel: ein Land, das uns zivilisatorisch nahesteht, ein unverzichtbarer Partner im Kampf gegen den Islamismus, ein militärischer Verbündeter und ein zunehmend wichtiger Akteur in einer Epoche, in der Hightech-Kompetenzen über die Weltordnung entscheiden.

Wer sich über jene politisch-mediale Blase empört, die den Holzweg, auf dem wir uns befinden, ideologisch gebaut hat und die Katastrophen, zu denen er führt, ignoriert, leugnet oder schönredet, sollte verstehen, warum Israel von genau dieser Blase zunehmend angegriffen wird: Ein stolzer Nationalstaat, der seine Identität schützt, sich gegen islamistische Feinde verteidigt und die moralischen Appelle sowie utopischen Erwartungen dieses Milieus ignoriert, passt selbstverständlich nicht in dessen Weltbild.

Warum sich die europäisch-israelischen Beziehungen verschlechtern, haben wir in unserem ersten Essay ausführlich dargelegt. Kurz gefasst: Es sind gegensätzliche Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg. Die einen wollen als Nationen mit Selbstbewusstsein weiterleben. Die anderen suchen ihr Heil in einer Utopie, die sich zunehmend als Selbsthass entlarvt.

Wie sieht’s mit der UN aus?

Keine Person repräsentiert die UN so gut wie Annalena Baerbock, und genau deswegen gehört die UN ignoriert. Sie ist ein globales Theater, in dem alle Beteiligten wissen, dass sie Rollen spielen – mit einer bemerkenswerten Ausnahme: den Europäern, die das Schauspiel immer noch für die Realität halten.

Die UN verfügt zum Glück weder über echte Machtmittel noch über die Fähigkeit, ihre eigenen Prinzipien durchzusetzen. Denn hätte sie diese Macht, könnten Mehrheiten aus Staaten der Dritten Welt Europa „demokratisch“ überstimmen und dessen politische Ordnung nach ihren Vorstellungen umgestalten. Eine Organisation, in der ein Taliban-geführtes Afghanistan in der Frauenrechtskommission sitzt, hat jeden Anspruch auf Autorität verwirkt.

Die UN kann als diplomatisches Forum nützlich sein, aber ihren quasi-heiligen Status, den westliche Politiker ihr oft zuschreiben, lehnt der Tech-Traditionalismus völlig ab.

Die Geburtenrate: Die Frage der Zukunft

Ein System, das sich biologisch selbst abschafft, ist kein gutes System. In Europa sehen wir seit Jahrzehnten, dass liberale Gesellschaften auf einem niedrigen Fertilitätsniveau verharren.

Der aktuelle politische Reflex besteht darin, dieses strukturelle Problem durch große Einwanderungsbewegungen zu kompensieren. Die Frage der Migration wurde daher entweder aus einer moralischen oder aus einer ökonomischen Perspektive diskutiert. Auf eine Massenmigration aus kulturfremden Gebieten folgen fast zwangsläufig ethnisch-kulturelle-ideologische Spannungen, die nicht einfach durch Appelle an einen abstrakten Wertepatriotismus gelöst werden.

Zugleich löst Massenmigration die ökonomischen Probleme nicht automatisch. Denn wenn Menschen aus Staaten mit völlig anderen Bildungsniveaus und Qualifikationssystemen kommen, wird die fehlende Lücke nicht nur nicht kompensiert, sondern vergrößert.

Die Frage der Zukunft Europas hängt daher nicht nur von Zuwanderung ab, sondern davon, ob europäische Gesellschaften selbst wieder demographische Stabilität erreichen können. Geld allein – mehr Kitas, mehr Betreuung, mehr Transferleistungen – hat sich als wirkungslos erwiesen. Fertilität ist kaum eine ökonomische Frage, sondern eine kulturelle und existenzielle.

Vergleicht man verschiedene Gesellschaften, fällt auf, dass religiöse Gemeinschaften hohe Geburtenraten haben, während stark individualisierte Gesellschaften sich nicht reproduzieren können. Nationalistische Gesellschaften schwanken um die nötige Geburtenrate von 2,1, um sich zu erhalten.

Daraus folgt: Wenn Europa leben will, braucht es eine Form von transzendenter Bindung. Der Tech-Traditionalismus spricht sich daher für eine säkulare, kulturelle und geistige Tradition und eine Re-Christianisierung Europas aus, um Einheit und Geburtenraten zu stärken.

Das 20. Jahrhundert ist tot. Es lebe das 21. Jahrhundert!

Der Begriff „historisch“ wird heute so inflationär verwendet, dass kaum noch ein Wort existiert, das die gewaltigen Aufgaben zu fassen vermag, vor denen Europa steht. Und doch sind diese Herausforderungen real: Identitätskrisen, Massenmigration, fallende Geburtenraten, Terrorismus, ethnisch-politische und ideologische Spannungen, geopolitische Verschiebungen, technologischer Rückstand, Bildungskrise, Wirtschaftskrise, Energiekrise, Kriege.

Wenn eine Zivilisation die Kraft zur Erneuerung besitzt, dann jene, die – wie der Historiker Niall Ferguson in seinem Werk „Der Westen und der Rest der Welt“ darlegt – über mehr als fünf Jahrhunderte durch ihre wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leistungen den Verlauf der Welt geprägt hat.

Theodor Herzl schrieb einst: „Wenn ihr es wollt, ist es kein Märchen.“ Dieser Satz beendete das zweitausend Jahre alte jüdische Exil. Wir möchten denselben Gedanken Europa zurufen: Wenn ihr es wollt, ist es kein Märchen.

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Markus Michaelis | Di., 2. Dezember 2025 - 16:55

In der Selbstsicht des weltoffenen Europa ist es nicht kulturell entwurzelt. Europa steht da an der Spitze und transformiert sich gerade, aus seinen Wurzeln heraus, in etwas, dem sich dann schrittweise die Welt anschließen wird. Soweit die Theorie. Ob der Rest der Welt, bei seinen immer größeren Schritten, die Feinheiten dieser Theorie wahrnehmen wird, oder einfach darüber hinweg läuft, bleibt abzuwarten.

Der Mensch wird, in vielen Aspekten, dabei weniger als "Blank Slate" gesehen, sondern als in den wesentlichen Dingen absolut vorgegeben - in der Sprache des weltoffenen Europas eben "menschlich". Alle anderen sind "unmenschlich".

Offener zu denken, wie in diesem Artikel, finde ich richtig und gut. Auf was man sich mal einigen wird, ist offen. Aus meiner Sicht sollten wir wieder mehr "Wir und Die" lernen, weil die Menschheit offen und widersprüchlich ist, weil es stabiler ist. Dass "Wir und Die" andere abwertet, denkt nur der, der sich selber als Spitze sieht.

Christa Wallau | Di., 2. Dezember 2025 - 18:42

zur Rolle von Traditionen in der sich wandelnden Welt machen, kann ich diese Herren (Brüder?) nur dazu ermuntern, ihre Denkansätze weiter zu verfolgen und zu verbreiten.

wir brauchen nichts dringender als junge Menschen, die Lehren aus der Vergangenheit mit
vernünftigen Zukunftsvorstellungen verbinden.
Wir Europäer haben es nur selber in der Hand, unsere Errungenschaften und Werte zu bewahren oder sie in einer pluralistischen Welt aufzugeben.
Niemand nimmt uns diese Arbeit ab, aber niemand kann uns auch verbieten, diese schwierige Aufgabe beherzt in Angriff zu nehmen und zu bewältigen.

Also, packt's an, ihr jungen Leute!
Euer Menschenbild und euer Verständnis von
Volksgemeinschaft im Unterschied zu Staatsvolk halte ich für sehr realitätsnah und vernünftig.
Darauf läßt sich eine Zukunft aufbauen.
Ich alte Frau (82) wünsche Euch dabei viel Glück und Erfolg!

Walter Buehler | Di., 2. Dezember 2025 - 18:50

Die drei jungen Brüder aus der Medizin haben weiter diskutiert und das Konzept des "Tech-Traditionalismus" vorgelegt.

Ich finde es richtig, dass in der deutschen Bildungslandschaft die Tradition der Aufklärung und der Wissenschaftsorientierung wieder den Platz einnimmt, der heute von Ideologien usurpiert wird, die aus den Sozial- und Politikwissenschaften stammen.

Die "echten" Wissenschaften müssen wieder in den Fokus gerückt werden. All die ideologisch geprägten und weithin unfruchtbaren Lehrsysteme, die sich heute so gerne mit einen Doktorhut schmücken, sollten wieder auf die hinteren Plätze verwiesen werden.

Eine langwierige Begründung brauche ich dafür nicht. Ich will, dass diese Tradition auch bei uns weiterlebt, obwohl sie nicht dem üblichen Alltagsmaterialismus und den sozialistischen Schlaraffen-Träumen entspricht und insofern eine bestimmte Form von Transzendenz achtet.

Aber ein "aufgeklärter" Nationalismus auf religiöser Grundlage (~ Zionismus) geht mir zu weit.

Walter Buehler | Di., 2. Dezember 2025 - 19:05

Einen Nationalismus, der jegliche internationale Kooperation - insbesondere mit seinen Nachbarn - ablehnt und sich ausschließlich auf militärische Stärke stützt, halte ich persönlich für absurd, jedenfalls in Europa.

Selbst der Staat Israel ist erst mit der UNO gegen die europäischen Kolonialmächte und gegen die arabischen Palästinenser durchgesetzt worden. Ich teile aber Ihre Kritik an der heutigen "Baerbock-UNO", aber man kann das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Diplomatie bleibt unverzichtbar.
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Mit einem aufgeklärten und wissenschaftsorientierten Patriotismus oder Traditionalismus bin ich aber einverstanden, und teile die Überzeugung, dass dies in der Bildungspolitik etabliert werden muss.

Markus Michaelis | Di., 2. Dezember 2025 - 23:45

Ich finde es gut, dass der Artikel auch den Verfassungspatriotismus kritisch betrachtet. Ich halte diesen auch für falsch, genauso wie die Menschenrechte als Grundlage unserer Gesellschaft.

Menschenrechte sollen gerade etwas universelles sein. Auch dafür muss man werben, das ist eine Entscheidung, kein Naturgesetz. Wenn ich Menschenrechte als Definition der Gesellschaft und für normale politische Fragen nehme, gebe ich den universellen Charakter auf, der möglichst viele mitnimmt. Politische Gegner werden dann zu Menschenrechtsfeinden. Das sind Sackgassen.

Ähnlich, eher noch kritischer ist es mit einem übertriebenen Verfassungspatriotismus gelagert. Der wichtigste Teil, ein Bekenntnis zu den Institutionen als Checks&Balances geht dann unter. Anstatt aus Vernunft und Entscheidung Regeln zu befolgen wird versucht ein Heiligtum aufzubauen, wieder mit der Verteufelung politischer Gegner als Verfassungsfeinde. Das ist irgendwann nicht konstruktiver als der Volksfeind und zu realitätsfremd.