Tebartz-van Elst
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Tebartz-van Elst - Ein Rädchen im System Kirche

Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst muss sich einiges anhören dieser Tage. Von Lüge, Prunksucht und Geisteskrankheit ist die Rede. Dabei ist der Bischof nur ein Symptom im Dekadenz-System Kirche

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Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Und wie sie werfen! Halleluja! Von Lüge, Prunksucht und Geisteskrankheit ist die Rede. Ein Diskurs, der sofort in medias res geht, also: zur Sache kommt. Ein Zwischen den Zeilen gibt es nicht. Der frühere Chef der Hessischen Staatskanzlei, Jochen Riebel (CDU), erklärte das Verhalten des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst jüngst in der FAZ mit den Worten, entweder er sei ein raffinierter Betrüger oder krank. Bumms.

Erste Politiker melden sich zu Wort. Der sozialdemokratische und monobärtige Oberkatholik Wolfgang Thierse fordert den Rücktritt. Von allen Seiten werden an den Papst gerichtete Empfehlungen formuliert, wie er mit dem Mann verfahren müsse. Rausschmeißen, rufen sie. Wütende Passanten werden befragt, die hochrot und wutschnaubend den Herrn Bischof am liebsten über den Limburger Marktplatz jagen würden.

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Die Affäre um den 53-jährigen Bischof, in der es um explodierende Baukosten, einen mindestens eigenwilligen, mitunter selbstherrlichen Führungsstil und Falschaussage geht, reicht längst über den Tellerrand des Mikrokosmos Kirche hinaus. Die Katholische Kirche in Deutschland im Auge eines handfesten irdischen Orkans: BER-Skandal x Elbphilharmonie + Nürburgring sozusagen.

Denn hier geht es nicht allein um Geld. Es geht um Schuld, Moral und Gerechtigkeit. Und dazu wollen natürlich alle einen Meinungsbeitrag leisten. Spätestens seit Marcus Tullius Cicero wissen wir: Die größte Gerechtigkeit bedeutet zuweilen das größte Unrecht. Das größte Unrecht ist jenes, das im Namen der Gerechtigkeit und Moral gesprochen wird. Insofern ist die Kirche als Moralinstitution Nummer 1 hier besonders anfällig.

So bricht sich die Wut der Gläubigen an einem einzigen Mann. Die Empörung schlägt derartige Wellen, dass nun sogar Geistliche nach der weltlichen Unschuldsvermutung rufen. Bis vor ein paar Tagen kannten nur Insider den Limburger Bischof. Heute fühlt sich scheinbar eine ganze Republik fähig und willens draufzuhauen. Wie wohlfeil.

Nur ganz vorsichtig gefragt: Ist es nicht ein bisschen einfach, alles an einem Mann festzumachen und abzuladen? Liegt die eigentliche Peinlichkeit nicht im System Katholizismus selbst begründet? Einem System, in dem derartige Veruntreuungen möglich sind, die dann – einmal in Gestalt teurer Wannen und hängender Leuchter das Licht der Welt erblickend - auf Verfehlungen eines Einzelnen heruntergebrochen werden können? Ist der Fall Tebartz-van Elst nicht allenfalls eine Fußnote im Biotop Katholizismus, das nahezu feudal und selbstherrlich als System im System fungiert? In dem Schattenbanken, offizielle und inoffizielle Konten und eine skandalgebeutelte Vatikanbank zu Hause sind?

Der Römer Cicero kritisierte Systeme, die es von vornherein dem Einzelnen erschweren, richtig zu handeln. Ein von Männern dominiertes, nahezu hermetisches System, das strengen Hierarchien folgt und Transparenz vermissen lässt, hat es dann naturgemäß besonders schwer. Ist es doch ein System, das nicht nur bestimmt, was das Rechte ist, sondern auch, was das Gute ist, was wiederum zwangsläufig eine latente Anfälligkeit für Ungutes mit sich führt.

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Dann das: ein Brennpunkt zur Causa Tebartz-van Elst im Ersten. Die nachfolgenden Sendungen verschieben sich um 15 Minuten. Hallo?! Liebes Kirchenfernsehen des Öffentlich-Rechtlichen! Da zitieren politische Journalisten plötzlich biblische Gebote. Das achte, um genau zu sein, wonach der Mensch kein falsches Zeugnis reden soll. (Eine Sondersendung, die die ARD im Übrigen in den Quotenhimmel hob.)

Bitte? Statt aus der Reihe tanzenden Kirchenbrüdern mit Moral zu kommen, böte es sich an, einmal andere Fragen aufs journalistische Parkett zu werfen: Wenn schon über Dekadenz aufregen, dann bitte richtig und vor allem mit Blick auf strukturelle Dekadenz in Gestalt Jahunderte alter Privilegien: Wieso dürfen die Kirchen noch immer Steuern erheben und sie dem Staat überantworten – obwohl davon in der Verfassung kein Wort steht? Warum bekommen die Kirchen Leistungen mit Ewigkeitscharakter auf der Grundlage von Ereignissen, die 200 Jahre her sind?

Überhaupt, liebe Moralapostel und Würdenträger: Was erwartet ihr eigentlich von jemandem, der von allerhöchster Stufe berufen wird? Dass er in der Holzklasse nach Indien reist? Zwischen Bischof und Gott ist schließlich nur noch Platz für einen: den Papst. Und der hat mit seinem groß angelegten Projekt „Imagewechsel“ nun wirklich andere Sorgen. Und überhaupt: Nur weil Papst Franziskus mal eben seinen Franziskanerkurs fährt (nomen est omen), sollen nun alle mit weltlichen Maßstäben gemessen werden? Also bitte. Liebe Würdenträger, die Kirche war, ist und bleibt vor allem eines: Dekadent. Ja, was denn auch sonst?!

Immerhin: Diese Dekadenz hat Europa einige der schönsten Bauwerke beschert.

 

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