Symboljournalismus im Wahljahr - Die Klischee-Maschine

Der Symboljournalismus in den Wahlkampfberichten ist Ausdruck von Alllianzen zwischen Politik und Medien. Der Politikjournalismus sollte wieder mehr erklären statt geschliffene Geschichten zu erzählen

Peer Steinbrück auf einem Kameradisplay
picture alliance

Autoreninfo

Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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Alexander Kissler

Dieser Beitrag ist die schriftliche Fassung eines Vortrages im Rahmen der Fachkonferenz „Wahlkampf-Strategien 2013 – Das Hochamt der Demokratie” . Mehr Informationen unter www.talk-republik.de und www.otto-brenner-stiftung.de

Wir hatten und wir haben Symbolpolitik. Nun haben wir auch Symboljournalismus. Der Bundestagswahlkampf 2013 liefert Belege und Anschauungsmaterial für diese These zuhauf. Er könnte die hohe Zeit sein eines allgemeinen politischen Bewusstseins und einer dezidiert kritischen politischen Berichterstattung. Stattdessen ist er nicht an allen, aber an vielen Stellen ein Höhepunkt der Allianzen im medial-politischen Komplex.

Symbole sind Leerstellen und Platzhalter. Sie verweisen auf Abwesendes. Wo Symbole sind, fehlt etwas, auf das verwiesen wird. Diese Verwiesenheit kann sich in zwei Richtungen erstrecken. Einerseits ist in der Symbolpolitik das fehlende Element geradeso die Politik, verstanden als öffentlicher Streit um die politische Agenda, wie im Symboljournalismus das journalistische Interesse an einer Durchdringung eben dieser konkurrierenden Agenden fehlt. Andererseits sind Symbole Erkennungszeichen. In der Antike erkannten sich zwei Personen, die ein verbindendes Interesse haben oder ein tertium comparationis, daran, dass ihr Symbolon, dass ihre Hälfte eines geborstenen Tonringes die passgenaue Ergänzung war zum Symbolon des Gegenübers. Wenn die Teilstücke sich ergänzten, der Ring sich schloss, war die Interessenidentität augenfällig hergestellt und bekräftigt.

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Auch der medial-politische Komplex ist häufig darauf angelegt, dass sich etwas schließt und rundet. Statt „it's the economy, stupid“ heißt die Devise oft „it's the story, stupid“. Die Versuchung zum story-telling, zum Schreiben nach Drehbuch, ist die größte Versuchung im politischen Journalismus. Andere journalistische Formate mit oder ohne literarischen Anspruch folgen zu Recht dem Zwang zur Dramaturgie, zur Rundung. Er kommt im Reisebericht, im Essay, im großen Feld des Boulevardjournalismus genregemäß zur Geltung. So war es auch der stellvertretende Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, Nikolaus Blome, der unlängst bekräftigte: „Die Zusammenhänge verlangen, nicht nur erklärt, sondern auch erzählt zu werden.“

Im politischen Journalismus dieser Tage wird aber zu viel erzählt und zu wenig erklärt. So siegt, mit Friedrich Schiller gesprochen, der Formtrieb über den Stofftrieb, die Dramaturgie über den Inhalt. Geschichten sollen sich runden, während doch das ganze Leben und vor allem die Politik viel eher aus loose ends und Fragmenten besteht denn aus abgeschlossenen Geschichten. Politischer Journalismus, der den Namen verdiente, müsste den Mut aufbringen, mehr zu erklären und weniger zu erzählen. Er müsste der Versuchung widerstehen, die eigenen Geschichten zu runden, und stattdessen dem Fragmentarischen, Offenen, Unabgeschlossenen Raum geben.

Ein anderer Meister des story-telling ist Dieter Bohlen, der in der diesjährigen Ausgabe von „Deutschland sucht den Superstar“ mit einem einzigen Satz eine gesamte Geschichtenproduktionsmaschinerie in Gang setzte, die reibungslos funktionierte. Mit dem Satz „Die Schlampe muss man mitnehmen“, bezogen auf eine lasziv tänzelnde Kandidatin, eröffnete er einen standardisierten und insofern entindividualisierenden Erzählraum. Fortan explodierte die mediale Präsenz die Kandidatin, deren textillose Bilder bald in einem Herrenmagazin erschienen: eine win-win-Situation unter boulevardesken Vorzeichen - und um den Preis der Entindividualisierung. Aus der Kandidatin mit einem unverwechselbaren Namen war „die Schlampe“ geworden. Solchermaßen gebrandet, erreichte sie einen geldwerten Ruhm der kurzen Tage unter den Bedingungen der Aufmerksamkeitsökonomie.

Kaum anders funktioniert das story-telling im politischen Journalismus, der mit diesem Vorzeichen Teil haben kann an der Entpolitisierung des Diskurses über Politik. Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat diesen Zusammenhang teils verständnisvoll, teils kritisch benannt. Für ihn ist der Mensch generell ein „symbol-making animal“. Menschen können nicht anders denn symbolisch kommunizieren, vermittelt also, über Bande und in Bildern und mittels Platzhaltern. Diese anthropologische Gegebenheit erleichtert es der Politik und den Medien laut Kretschmann „zusammen eine Klischee-Maschine der Sortierung“ zu bilden.

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Das Klischee, die unbewegliche Form der Druckerpresse, ist ein Symbol par excellence. Es muss nur aufgerufen, ja angetippt werden, und Kaskaden der Bedeutung setzen sich in Gang - ohne weiteres Zutun dessen, der das Klischee ins Sprachspiel einbrachte. Klischees sind hochverdichtete Symbole. Sie erzählen Geschichten, die letztlich gar nicht mehr erzählt werden müssen, weil sie allseits vertraute Großerzählungen bekräftigen. Wer einmal als "die Schlampe" erzählt worden ist, ist im selben Moment auserzählt. Dann bleiben wirklich nur noch Bilder.

Der Symboljournalismus steht in der Gefahr, zur Klischeeausgabestelle zu werden. Klischees sind verführerisch, weil sie leicht und schnell verfügbar sind. Sie brauchen keine Recherche, keine Haltung, keine Erklärung. Sie passen ideal zur gegenwärtig prekären Lage des Journalismus. Der wachsende ökonomische Dauerdruck, die chronische Zeitnot, die Neigung zum Populismus, die schwindende Binnenpluralität und nicht zuletzt die gerade im Berliner Journalistensoziotop mangelnde Selbstkritik machen klischeegeneigt.

Das Erich-Brost-Institut für Internationalen Journalismus an der TU Dortmund hat in den Jahren 2011/2012 über 1700 Journalisten in zwölf europäischen und zwei arabischen Ländern online nach ihrer Bereitschaft zur Selbstkritik befragt. Deutsche Journalisten üben demnach am wenigsten Kritik an ihren Kollegen - unter zehn Prozent gaben an, „häufig“ wechselweise auf Kritikpunkte hinzuweisen. In der Schweiz, dem Spitzenreiter, sind es über 70 Prozent der Befragten. Trotz aller Unschärfen, die jede Befragung hat, ist die Tendenz aufschlussreich. Hierzulande gilt Medienkritik schnell als Medienschelte oder Verstoß gegen die Branchenkollegialität. Die Scheu am kritischen Umgang miteinander ist das Pendant, das Symbolon, zur Kritikscheu im Angesicht der Politik. Lutz Hachmeister ist zuzustimmen, wenn er behauptet, die politische „TV-Regelberichterstattung“ sei „im Grunde fast erkenntnisfrei“. Von der „berühmten Kolonisierung der Politik durch die Medien“ bleibe nicht viel übrig, „wenn man genauer hinsieht.“

Neben den genannten strukturellen Zwängen ist der Grund hierfür die wachsende Bereitschaft zur symbolischen Rede. Die dominierenden politischen Erzählungen werden häufig mit genau jenen Versatzstücken ausbuchstabiert, die die politischen Akteure bereitstellen, sei es bewusst, sei es unwillentlich. Gegenteilige, sperrige, unabgeschlossene Lektüren haben es schwer.

Peer Steinbrück etwa ist mit den symbolischen Sinnangeboten, die er selbst lieferte, bereits auserzählt - als Raffke, Haudrauf und Lebemann. Natürlich: Sollte er die Wahl verlieren, wäre er in erster Linie Opfer seiner Wahlkampfführung, seiner Agenda und seiner Symbolproduktion geworden und nicht Opfer des medial-politischen Komplexes. Er wurde nicht aus Böswilligkeit oder konträren Interessen „niedergeschrieben“. Wohl aber fehlte es an Neigung und Bereitschaft zur gegenläufigen Lektüre. Wenn der „Spiegel“ im Januar dieses Jahres schreibt, auf Steinbrücks Pinot-Grigio-Spruch bei einer Matinee des Cicero bezogen, „der Connaisseur mit dem exquisiten Geschmack ist auch nicht gerade eine Standardrolle der Sozialdemokratie“, spricht das Magazin aus, was es verschweigen will: dass Wahlkämpfe hohe Zeiten der Rollenproduktion sind, dass diese Produktion auf Standards erpicht ist und standardisiert verläuft und dass die Medien solche entindividualisierenden Standards weitertragen.

Angela Merkel wiederum scheint Herrin ihrer Symbolproduktion zu sein - wie schon im Wahlkampf 2005. Damals plauderte sie mit der Frauenzeitschrift „Brigitte“ über die Knappheit an „Apfel- und Kirschmost“ in Kindheitstagen. Das vermeintlich Persönliche öffnete sofort einen gewaltigen symbolischen Echoraum: Merkel, Bürgerin der Mangelwirtschaft in der DDR. Nun, anno 2013, erzählte sie wiederum der „Brigitte“, sie rühre im Kochtopf, ohne sich dabei als Kanzlerin zu fühlen. In der DDR habe sie „Kirschwodka“ genossen und bei Discoparties darauf geachtet, das staatlicherseits vorgeschriebene Mischungsverhältnis von "sechzig zu vierzig" zwischen Ost- und Westmusik einzuhalten. Merkel ist demnach auch Hausfrau und war demnach auch Staatsbürgerin, die sich in der Diktatur durchschlug und durchkam, wie so viele andere auch. Gerade mit diesen Versatzstücken einer persönlichen Biographie wird das Individuelle zum Paradigma einer allgemeinen Biographie. Indem sie sich scheinbar öffnet, schließt sie sich ab vor allzu persönlichen Zudringlichkeiten und öffnet den Medien das weite Feld der symbolischen Rede. Diese griffen beherzt zu.

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Divergierende Lesarten wurden in erstaunlicher Geschlossenheit als nichterzählbar ausgesondert. Natürlich lässt sich die öffentliche Persönlichkeit Merkel auch mit den von ihr bereitwillig gelieferten biographischen Versatzstücken symbolisch verdichten. Bemerkenswert ist es aber schon, dass andere Anfragen rasch und roh vom Tisch gefegt wurden. Die Geschichte von Merkel, der Karrieristin, ließe sich zumindest versuchsweise erzählen, ebenso die Geschichte von der zweimaligen Systemgewinnerin. Diese Geschichten müssen den dominierenden Lesarten nicht überlegen sein; aber sie hätten eine größere Aufmerksamkeit verdient, allein schon aus demokratiehygienischen Gründen.

Fast unisono haben die meisten Medien aber Gertrud Höhlers („Die Patin“) durchaus ruppigen Versuch, Merkel einen „zentralistisch-autokratischen Politikstil“ nachzuweisen, als persönliche Retourkutsche aus gekränkter Eitelkeit abqualifiziert. Kaum besser erging es Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann („Das erste Leben der Angela M.“) und ihren Zweifeln an Merkels Selbstdarstellung eines augenblicklichen Wandels von der unpolitischen Pfarrerstochter zur überzeugten Demokratin beim Glockschlag der Wende. So versickerte die erkenntnisstiftende Kraft der Differenz.

Die Politik befeuert, gerade in Wahlkampfzeiten und mal wissentlich, mal unwillentlich, die Verwandlung politischer Inhalte über den Umweg des Privaten in symbolische Gehalte. Die „Klischee-Maschine der Sortierung“ läuft auf hohen Touren. Weil eine Republik vom öffentlichen Geist lebt und damit von der Vitalität der Diskursgemeinschaft, lautet die Herausforderung dieser Tage an den medial-politischen Komplex: Misstraut allen Geschichten, die sich runden.

 

 

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